Utopia im Jura

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Utopia im Jura

Von Heiner Hug, Arc-et-Senans - 04.07.2019

Kann Architektur aus Menschen bessere Menschen machen?

Was ist eine „ideale Stadt“, eine „ville modèle“? Sie ist mehr als Architektur: Sie soll nicht nur schön sein, anmutig und zweckmässig.

Modellstädte basieren auf der utopischen Vorstellung, dass eine bessere Welt geplant werden kann. Menschen aller Art sollen hier sorglos zusammenleben, zusammenarbeiten, zusammen glücklich sein. Gesellschaft, Wirtschaft und Politik werden in harmonischen Einklang gebracht.

Dieser Ansicht war auch Claude-Nicolas Ledoux, der berühmteste französische Architekt des 18. Jahrhunderts. 80 Kilometer von der Schweizergrenze entfernt, wollte er seinen Traum verwirklichen.

Schon Platon und Aristoteles träumten von der idealen Stadt. Auch Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer entwarfen Pläne dazu. Die Idee harmonisch angelegter Planstädte faszinierte über Jahrhunderte hinweg viele Architekten und Planer, so auch Le Corbusier. Oft basierten die Vorstellungen auf sozialutopischen Ideen.

Einzelne Phantasten erdachten sich gar Städte, in denen das Privateigentum und das Geld abgeschafft würden. Familien sollen sich zusammenschliessen und in Eintracht zusammenleben. Armut gibt es keine, alle besitzen gleich viel. Für Kranke ist gesorgt, alle helfen allen: eine Super-WG also.

Soweit geht Claude-Nicolas Ledoux nicht. Doch auch er glaubt, dass via Architektur eine bessere Gesellschaft entstehen kann.

Ledoux ist ein Kind des Ancien Régime. Er baut Villen, Paläste und Landschlösser für die Reichen und Adligen. Madame Du Barry, die intrigante und später hingerichtete Geliebte König Ludwigs XV. verehrt ihn. Für sie schafft er 1773 einen Pavillon direkt neben dem Schloss Versailles.

Im Jahr 1774 erhält Ledoux vom König den Auftrag für den Bau einer Salzproduktionsstätte im französischen Jura, im Departement Doubs. Salinen spielen zu jener Zeit eine wichtige wirtschaftliche Rolle. Der Staat erhebt hohe Steuern auf die Salzproduktion und den Handel mit Salz. Die meisten Salinen befinden sich im Besitz des Königs. Salz ist ein kostbares Gut und vor allem für die Haltbarmachung von Fleisch und Fisch unerlässlich.

Eine der damals wichtigsten europäischen Salinen befindet sich in Salins-les-Bains, einige Kilometer südlich der beiden Dörfer Arc und Senans, zwischen Dole und Besançon. Seit über tausend Jahren wird hier Salz gefördert. Das „Weisse Gold“ lagert in Salzstöcken 240 Meter unter der Erdoberfläche und wird mit Wasser herausgespült. Doch das Salzbergwerk von Salins-les-Bains zerfällt immer mehr. Um Salz zu gewinnen, muss das salzhaltige Wasser aufgekocht werden – und dazu braucht es Brennholz. Doch daran fehlt es immer mehr, weil die Wälder rund um die Saline abgeholzt wurden.

So plant Ledoux, die Produktionswerkstätte dorthin zu verlegen, wo genügend Brennholz zur Verfügung steht: in unmittelbarer Nähe des grossen „Chaux“-Waldes zwischen Arc und Senans. 1775 wird hier der Grundstein für die „Königliche Saline“ gelegt.

Doch wie kommt nun das salzhaltige Wasser von der Saline in Saline-les-Bains in die Salzsiederei von Arc-et-Senans? Ledoux baut eine 21 Kilometer lange Pipeline aus ausgehölten Tannenstämmen, die mit Eisenringen zusammengehalten werden. Er sagt: „Es ist einfacher, das Wasser auf Reisen zu schicken, als einen Wald durch die Gegend zu fahren.“

Die Pipeline ist oft undicht. Das Wetter setzt dem Holz zu. Etwa zehn Prozent des hergeleiteten Salzwassers gehen auf der Reise verloren. Ab 1788 wird die Holzleitung durch Gusseisenrohre ersetzt.

Doch der Architekt will mehr als nur eine Salzfabrik bauen. Er hat längst gemerkt, dass eine neue Zeit anbricht. Der Kunsthistoriker Daniel Rabrau, einer der Biografen Ledoux’, bezeichnet ihn als „überzeugten Monarchisten“, aber auch als „innigen Reformisten“. So plant Ledoux nun eine Stadt, in der die Arbeiterschaft aufgewertet wird. Von „Liberté, égalité, fraternité“ ist allerdings 14 Jahre vor der französischen Revolution noch nichts zu spüren – vor allem nicht von Freiheit und Gleichheit.

Die Stadt, die er hier baut, ist ein Ghetto, umgeben von einer vier Meter hohen Mauer. Sie hat ein einziges Eingangs- und Ausgangstor. So kann überwacht werden, wer hinein- und hinausgeht. Die Mauer hat nicht nur den Zweck, Salzdiebe zu fernzuhalten. Die Arbeiter und ihre Familien sollen auch von Versuchungen ausserhalb der Mauern geschützt werden.

Dominiert wird die halbkreisförmige, symmetrisch gebaute Stadt vom Direktionsgebäude. Daneben liegen die Fabriken, in denen die Salzlauge gekocht wird. Links und rechts davon befinden sich die Werkstätten und die Wohnräume. Es gibt eine Bäckerei, eine Wäscherei und eine Kapelle.

Das Direktionsgebäude (Foto: J21)
Das Direktionsgebäude (Foto: J21)

Ledoux, „le visionnaire“, ist immer mehr zum Anhänger der humanistischen Ideen von Jean-Jacques Rousseau geworden. Er will nun eine Gemeinschaft gründen, die in vollkommener Harmonie lebt. Knapp 250 Menschen wohnen hier – Arbeiter, Frauen, Kinder – in riesigen Gemeinschaftsräumen. Ledoux stellt sich vor, wie die Arbeiter am Abend nach getaner Arbeit zusammen mit Frau und Kindern vor dem grossen Kamin sässen und süsse Stunden erlebten. Die Freizeit ist organisiert. Hinter den Wohnungen liegen Gemüsegärten.

Oben an der Fassade des Direktionsgebäudes prangt ein grosses schwarzes Rund. Es symbolisiert ein Auge, das über allem wacht und alles kontrolliert. Diesem Auge entgeht nichts. Die Direktion bewacht, beschützt, beherrscht und regelt das Leben der Arbeiterschaft. Ledoux hat sich von der absolutistischen Staatsform noch nicht ganz befreit.

Das Auge (Foto: J21)
Das Auge (Foto: J21)

Überhaupt: Die idyllischen Illusionen haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Die Stadt gleicht einer Festung, fast schon einem Arbeitslager. Das Leben ist streng geregelt. Der Tag beginnt zu früher Morgenstunde mit dem Gebet. Es herrscht eine militärische Hierarchie. Selbst ein Gefängnis hat Ledoux geplant – was zeigt, dass auch er nicht so ganz an ein total idyllisches Zusammenleben glaubt. Die Zimmer, in denen die Menschen wohnen, sind nicht geheizt und haben winzige Fenster. In den Fabriken, wo das Salz gekocht wird, gibt es keine Rauchabzüge. Viele Arbeiter leiden unter schweren Atembeschwerden und sterben früh.

Eines der beiden Fabrikgebäude, in denen die Salzlösung auf riesigen Öfen eingedampft wurde (Foto: J21)
Eines der beiden Fabrikgebäude, in denen die Salzlösung auf riesigen Öfen eingedampft wurde (Foto: J21)

Den französischen Revolutionären von 1789 ist Ledoux schon längst ein Dorn im Auge: nicht nur, weil er sich während der Monarchie dem Adel verdingte. Auch das jetzige Gesellschaftsmodell, das er vertritt, geht ihnen zu wenig weit.

Am 29. November 1793 wird er für 13 Monate ins Pariser Zuchthaus geworfen. Weshalb er nicht gleich guillotiniert wird, ist unklar. Im Gefängnis hat er weder Papier noch Zeichenstift. Nach Ansicht seiner Biografen verfeinert er im dunklen Gefängnisloch seine Gedanken für die „ville modèle“. Er träumt davon, dass die Saline das Zentrum einer neuen symmetrischen, harmonischen Stadt würde.

1804 erscheint der erste Band von Ledoux’ theoretischen Schriften. Es ist das Jahr, in dem Napoleon sich und Joséphine in Notre-Dame gekrönt hat. In seinem Werk präsentiert Ledoux detailliert seine sozio-utopischen Vorstellungen, die heute als „surreal“, „utopisch“, „wirklichkeitsfremd“ bezeichnet werden – und „revolutionär“.

Ledoux stirbt 1806. Die Salinen-Festung wird nie erweitert. Bis 1895 wird hier Salz produziert. 1918 trifft ein Blitz die Anlage und beschädigt sie durch einen Grossbrand schwer. Dem französischen Touring-Club ist es zu verdanken, dass die Saline nicht ganz zerfiel und auf die Liste der „Monuments historique“ gesetzt wurde – dies, obwohl Experten sagten, die Gebäude hätten keinerlei historischen Wert.

1939, nach Kriegsbeginn werden hier mehrere hundert republikanische spanische Flüchtlinge untergebracht. Vom 1. September 1941 bis 11. September 1943 diente die Anlage als Konzentrationslager. Das „Vichy-Regime“ und die deutsche Feldkommandantur pferchen hier 1’200 „Nomaden und Zigeuner“ und 500 andere Gefangene ein. Im Winter 1944/45 dient die einst Königliche Saline als Gefängnis für deutsche Kriegsgefangene.

2005 dreht der französische Fernsehsender France 3 einen emotionalen Bericht mit überlebenden „Nomaden“. France 3 führt sie an den Ort, wo sie gefangen gehalten wurden.

Eine damalige Internierte in der Reportage von FR3  (Bild: France Télévision, FR 3)
Eine damalige Internierte in der Reportage von FR3 (Bild: France Télévision, FR 3)

2016 verneigt sich der damalige französische Staatpräsident François Hollande vor den überlebenden „Nomaden“. „La République reconnaît la souffrance des nomades qui ont été internés et admet que sa responsabilité est grande dans ce drame.“

1982 verleiht die Unesco der Saline den Titel „Weltkulturerbe“. Viele kulturelle Veranstaltungen finden hier statt; es gibt eine Buchhandlung, ein Bistrot, eine Ausstellung zur Salzgewinnung. Im Eingangsgebäude befindet sich ein Hotel.

Aus der „Allegorie der Aufklärung“, wie der Historiker Rabrau die Saline nannte, ist eine gut besuchte Touristenattraktion geworden. Von einer besseren Gesellschaft träumt hier niemand mehr.

                                                  ***

Quellen: u. a.: Daniel Rabreau: La saline Royale d’Arc-et-Senans, Un monument industriel: allégorie des Lumières, Belin-Herscher, Paris, 2002
Anne Sefrioui: La Saline royale d'Arc-et-Senans, Nouvelles Éditions Scala, 2011

FR 3 Bourgogne, Franche-Comté

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"... ist eine gut besuchte Touristenattraktion geworden. Von einer besseren Gesellschaft träumt hier niemand mehr." Drumherum ist seither jedoch die best mögliche Gesellschaft entstanden.

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