Unworte

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Unworte

Von Stephan Wehowsky, 18.01.2019

Einmal im Jahr erklärt eine Jury in Deutschland einen Begriff zum „Unwort des Jahres“.

Diesmal handelt es sich um „Anti-Abschiebe-Industrie“. Gebraucht hatte es Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag. Eigentlich hatte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die Nase vorn gehabt, denn sein Wort „Asyltourismus“ wurde der Jury 122 Mal vorgeschlagen. Damit konnte Dobrindts Wortschöpfung nicht mithalten, aber die Jury entschied sich trotzdem dafür.

Auch in der Schweiz und in Österreich gibt es Jurys, die markante Worte und eben auch „Unworte“ herausstellen. Die Listen mit Worten aus den vergangenen Jahren findet man in der Wikipedia. Zum Teil wecken sie witzige Erinnerungen. Da gab es einmal das Wort „Peanuts“. Damit hatte 1994 der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, die 50 Millionen Schadenssumme bezeichnet, die seinem Haus aufgrund der betrügerischen Immobiliengeschäfte von Jürgen Schneider entstanden war. Rückblickend auf die fast kaum noch zu zählenden Milliardenverluste, die noch folgen sollten, würde man Koppers „Peanuts“ als eine recht zutreffende Beschreibung werten und keineswegs als „Unwort“ abtun. Aber das war ihm damals wohl selbst noch nicht klar.

Markus Söder wiederum hat auf die Bewertung seiner „Anti-Abschiebe-Industrie“ recht gelassen reagiert. Es sei nun mal so, dass in der politischen Auseinandersetzung zugespitzt werde. Nun hatte die Jury noch ein zweites Wort im Köcher: „Menschenrechtsfundamentalismus“. Es stammt von dem grünen Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer. Mit diesem Wort hatte Palmer jene Deutschen belegt, die aus dem Mittelmeer Flüchtlinge retten.

Palmers Ausdruck suggeriert, dass Menschenrechte nicht fundamental seien und man es nicht zu eng sehen dürfe, wenn Migranten im Mittelmeer ertrinken. Das ist nicht nur zynisch, sondern widerspricht den fundamentalen Werten des Westens und der deutschen Verfassung.

„Asyltourismus“ lässt sich, anders als Söder meint, ebenso wenig als „Zuspitzung“ verharmlosen wie „Anti-Abschiebe-Industrie“. Denn bei einer „Zuspitzung“ müsste ja der Kern einer Sache getroffen werden. Wer Asylanten aber als Touristen abtut, verleugnet Bedrohung und Not, und wer im juristischen Widerstand gegen Abschiebungen nur ein industrielles Geschäftsmodell zu sehen vermag, steht nicht auf dem Boden unseres Rechtsstaats. Denn die Schutzrechte, die er gewährt, sind Ansprüche, die geltend gemacht werden können, ob es gewissen Leuten passt oder nicht.

Manche Worte verraten mehr, als ihren Sprechern lieb ist. Gut, sie darauf aufmerksam zu machen.

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