Ungelöste Welträtsel

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Ungelöste Welträtsel

Von Stephan Wehowsky, 19.09.2017

Das Wissen wächst, aber es bleiben unlösbare Welträtsel. Der Physiker und Philosoph Eduard Kaeser zieht Bilanz. Eine lohnende und spannende Lektüre.

Der deutsche Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker schlug über mehrere Jahrzehnte sein Publikum in Bann. Denn er verband die Naturwissenschaften, speziell die Physik, mit den philosophischen und religiösen Fragen seiner Zeitgenossen.

Die Wissenschaft und das Unbekannte

Ein Bestseller Weizsäckers hiess: „Die Einheit der Natur“. Wieder und wieder legte Weizsäcker dar, dass die unterschiedlichen Denkmethoden der Natur- und Geisteswissenschaften keine Gegensätze bilden, sondern sich gegenseitig ergänzen und befruchten. Man müsse sie nur bis in ihre Tiefen hinein verfolgen.

Das neueste Buch von Eduard Kaeser mit dem Titel: „Die Welträtsel sind nicht gelöst. Die Wissenschaft, das Unbekannte und das Geheimnis“, erinnert an die Werke Carl Friedrich von Weizsäckers. Genau wie dieser verfügt Kaeser über ein geradezu enzyklopädisches Wissen. Und er versteht es, seine Themen mit grösster Klarheit zu fokussieren und herauszuarbeiten.

Wo liegt der Anfang

Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied: Während Weizsäcker eher darauf aus war, unterschiedliche Denkmethoden in Einklang zu bringen, zielt Kaeser auf die Leerstellen dazwischen. Diese wiederum werden erst in voller Klarheit sichtbar, wenn die Wissenschaften fruchtbar miteinander verknüpft werden.

Mit dem Thema „Welträtsel“ verbindet sich zunächst einmal die Frage nach dem Anfang der Welt. Wie und woraus ist sie entstanden? Kaeser verfolgt nun die derzeit gültigen physikalischen Theorien und macht deutlich, dass die Analysen und Erkenntnisse unvorstellbar weit in die Vergangenheit zurückreichen, aber eine Schwelle nicht überschreiten können: die Schwelle, hinter der der eigentliche Anfang liegt. Woher kam und wie entstand der allererste Impuls, der das kosmische Geschehen in Gang setzte?

Aus dem Nichts

Kaeser spricht metaphorisch von einer „zufälligen Blähung einer Quanten-Fluktuation“ und zitiert ein Bonmot des Kosmologen Alan Gut: „The Universe is a free lunch.“ Anders als in der Wirtschaft also, in der es keinen „free lunch“ gibt, scheint der Kosmos oder das, was vor ihm lag, etwas aus dem „Nichts“ hervorgehen zu lassen.

Eine andere Frage, die Kaeser in wohltuender Klarheit behandelt, ist die nach dem Geltungsbereich der Naturgesetze: Sind sie geschichtlich, also an die Materie des Kosmos gebunden, und gelten sie für alle Skalen, also vom subatomaren Bereich bis hinein in die kosmischen Weiten? Schön ist es, wie sich Kaeser bei der Behandlung dieser Fragen auf die Entdeckung der Schwerkraft von Isaak Newton bezieht und dabei herausarbeitet, wie schon dieses für uns selbstverständliche Gesetz im Grunde das Vorstellungsvermögen sprengt.

Aliens

Das Vorstellungsvermögen stösst aber auch schon da an Grenzen, wo der Mensch „selbstlernende“ Maschinen konstruiert. Man kennt zwar die Anfangsbedingungen für die Informationsaufnahme und Verarbeitung, aber je weiter dieser Prozess voranschreitet und die Maschinen sich selbst optimieren, desto weniger wissen die Informatiker über die Algorithmen, die dabei entstehen und zum Beispiel die globalen Finanzmärkte steuern. Diese Machinen nennt man auch „Aliens“.

Selbst die uns vertraute Umwelt birgt ungelöste Rätsel. So haben Tiere, zum Beispiel Insekten, völlig andere Wahrnehmungssysteme als wir. Sie orientieren sich zum Beispiel an Gerüchen oder an der Polarisation von Licht. Sie nehmen also die Welt völlig anders wahr als wir, so dass sie auch ein grundlegend anderes „Weltbild“ haben. Daher kennen wir auch deren „Intelligenz“ nicht.

Geist, Freiheit, Verantwortung

Diese Einsicht ist nicht trivial. Kaeser behandelt sie im Zusammenhang mit der Frage, ob es ausserirdische Intelligenzen geben kann. Die Antwort ist verblüffend: Ausserirdische Intelligenzen sind durchaus möglich, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie als Intelligenzen erkennen, steht in Frage.

Aber wie steht es um unsere eigene Intelligenz? Der Mensch bildet sich viel auf seine intellektuellen Fähigkeiten und seinen Geist ein, aber wie sind diese mit neurobiologisch beschreibbaren Vorgängen in seinem Gehirn verknüpft? Bis heute kann kein Wissenschaftler bündig erklären, wie aus den milliardenfach vorhandenen Neuronen und den zwischen ihnen ablaufenden Prozessen das Bewusstsein vom Ich, von Freiheit oder auch die Wahrnehmung von Schönheit entsteht. Ganz entschieden weist Kaeser die Ansprüche mancher Neurobiologen zurück, das menschliche Verhalten aus den Abläufen im Gehirn erklären zu können und damit Freiheit und Verantwortung als Illusion zu entlarven.

Falsche Buchmetapher

Ein weiteres Glanzstück sind Kaesers Betrachtungen zum Thema Religion. Am Anfang dieses Kapitels räumt Kaeser mit einem Irrtum auf, dem zum Beispiel Kardinal Josef Ratzinger erlegen ist. Dieser Irrtum basiert auf der christlichen Tradition. Er besteht in der Ansicht, dass die Welt eine Art Buch sei, das es zu lesen gelte. Diese Buchmetapher ermöglicht die Verbindung mit den Naturwissenschaften. Denn was tun die Wissenschaftler anderes, als die Welt immer weiter zu entziffern?

Diese Buchmetapher aber hat für die moderne Wissenschaft keine Gültigkeit. Denn die Welt ist kein zweck- und zielgerichtetes Unternehmen, das man wie eine Geschichte von Anfang bis Ende lesen und deuten könnte. Die Prozesse, die die Naturwissenschaftler analysieren, haben kein „intelligent design“, das ihnen eine Richtung gäbe. Selbst die Naturgesetze, mit denen der Wissenschaftler arbeitet, sind nicht direkt aus der Natur abgeleitet, sondern Modelle, die mehr oder weniger gut passen. Experimente dienen der Überprüfung innerhalb definierter Grenzen.

Zugang zum Religiösen

Doch es gibt eine „Lesbarkeit der Welt“ in einem anderen Sinne. Dabei bezieht sich Kaeser zunächst auf Walter Benjamin, der einmal einen Baum geradezu mystisch beschrieben hat. Darüber hinausgehend verwendet Kaeser den Begriff des Lesens in einem erweiterten Sinne. Denn wenn wir einen Text lesen, nehmen wir nicht nur Buchstaben auf, sondern bilden Worte, Sätze und verstehen die Bedeutung. „Dieses ‚Vermählen‘ von Materiellem und Immateriellem chrakterisiert alles Lesen.“

Und Kaeser bekennt: „Ich sehe darin einen möglichen Zugang zum Religiösen über die Sinnlichkeit: Im Ungefügten Fragespuren zu entdecken, deren Verfolgung uns wertvoll erscheint, sogar unser Leben erfüllen kann, ohne dass wir hoffen können, je an ihr Ende zu gelangen.“

Eduard Kaeser, Die Welträtsel sind nicht gelöst. Die Wissenschaft, das Unbekannte und das Geheimnis, 232 Seiten, Die Graue Edition 2017, Prof. Dr. Alfred Schmid-Stiftung, Zug/Schweiz.

Kommentare

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Wunderbar finde ich da komplexe Gedankengänge zusammengefasst! Sie klingen in einer Synopsis aus, welche die Kulturleistungen der Menschheit einerseits relativiert und sie doch als Vertiefung des Geheimnisses, als Metapher und Quelle der Inspiration umfasst.

Am Anfang war der Ge-...danke ... für diesen hervorragenden Beitrag. Ich freue mich, das Buch zu lesen.

War da mal was?
Die Möwe Jonathan! Gelesen, gesehen und oder die Musik gehört? Zwischendurch und immer wieder gibt es Zeiten von Sinnfragen. Fressen und gefressen werden, Energie tanken, anabole und katabole Stoffwechselwege in Gang halten, muss sein! Was unterscheidet eigentlich Frau Meier an der Fleisch-Theke des Supermarktes vom Raubtier Löwe? Minimalste äusserst langsame Veränderungen durch Genmutationen bei den meisten Wesen, ausgenommen beim Menschen! Er ist der Schnellste. Ein Blick in die Augen zeigt, er ist erwacht, so wie eine Kugel durch die Oberfläche des Wassers. Oberfläche noch feucht aber durchaus schon da und er stellt als einziges Lebewesen bereits die Sinnfrage. Der Vater aller Dinge nennt man Geist, ein experimentierfreudiger nach allen Seiten offener Geist. Propheten im und durch Geist gewachsen erzählen von Koordinaten die weit in die Zukunft zeigten, sozusagen waren sie die grossen Söhne des Vaters. Aus purer Angst verweigern wir uns den göttlichen Wahrheiten, einer Wirklichkeit die wenig zu tun hat mit unserem ängstlichen Wunschdenken. Wichtigste Botschaft, Sorgfalt und Liebe zu allen Wesen und Dingen und ein Leben in und mit Kompromissbereitschaft, anders geht es nicht. Anderes brächte Chaos, rückwärts gerichtetes Denken mit Folge Mord und Totschlag. Wir müssen alle dranbleiben! .. cathari
Ich werde das Buch kaufen und lesen, besten Dank!

Mme Claudia, Sie verwenden schöne Bilder. Gehe ganz mit Ihner wichtigsten Botschaft einig, auch wenn es manchmal verdammt schwierig ist (evtl. nicht gelingt), über den eigenen Schatten zu springen..

Danke, Herr Wehowsky, für diesen wertvollen Hinweis.
Ja, das Geheimnis des Lebens hat noch kein Mensch "schlüssig" erklärt. Aber weil wir Leben in uns haben, haben wir trotzdem eine Ahnung davon (wie bei Herr Käser durchscheint).
Mit der Idee, dass immaterielles Leben auch Leben ist (schon vor dem Entstehen von Materie bzw. dem "Urknall"), hab ich keine Mühe. Man muss dafür keinen Gott postulieren (bzw. Leben = "Gott").
Ich bin erleichtert, dass Sie bzw. Herr Käser vom Religiösen, nicht von Religion sprechen. Die menschliche Begrenztheit kommt offenbar nicht ohne "Fixierung" (Festhalten, Festschreiben, als fix Postulieren) aus. Dies muss, im menschlichen Bereich, IMMER vorläufig sein, sonst wird sie menschen- (und damit lebens-)feindlich.
Ich halte es auch für sehr wahrscheinlich, dass es in der Immensität des Universums jede Menge Intelligenzentwicklung gibt (und vielleicht auch solche Ansätze wieder verschwunden sind), aber eben kaum nach Massgabe unserer beschränkten Vorstellungen.

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