Unerwarteter Luxus

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Unerwarteter Luxus

Von Stephan Wehowsky, 24.11.2020

Luxusmode im tiefen Elend des Kongo: Das ist nicht zynisch, sondern zeigt etwas Menschliches im besten Sinne des Wortes.

Karl Lagerfeld hat einmal gesagt, dass jemand, der in einem Jogginganzug herumlaufe, die Kontrolle über sein Leben verloren habe. Das mag etwas übertrieben sein. Aber in den reichen Ländern des Westens lässt sich seit längerer Zeit der Trend zu einer Kleidung beobachten, die wohl in erster Linie bequem sein soll.

In Afrika wiederum, insbesondere im Kongo, treten einzelne Personen in ganz besonders eleganter Kleidung auf. Ihr ganzes Sinnen und Trachten richtet sich auf diesen Glanz. Sie bilden damit den denkbar schärfsten Gegensatz zur Armut, die in dem eigentlich rohstoffreichen Kongo die Regel ist. Sie nennen sich „Sapeurs“, was von „se saper“ kommt, sich in Schale werfen.

Ntsimba Marie Jeanne, 52-year-old businesswoman and sapeuse for 20 years, Okili Nkoressa, 10-year-old school student and sapeur for 5 years, and Judith Nkoressa, 39-year-old policewoman and sapeuse for 18 years, in Brazzaville, 2017 © Tariq Zaidi
Ntsimba Marie Jeanne, 52-year-old businesswoman and sapeuse for 20 years, Okili Nkoressa, 10-year-old school student and sapeur for 5 years, and Judith Nkoressa, 39-year-old policewoman and sapeuse for 18 years, in Brazzaville, 2017 © Tariq Zaidi

Die Sapeurs haben eine eigene Organisation: „La Sape, Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes“ (Gesellschaft der Stimmungsmacher und eleganten Menschen). Es geht also um weit mehr als nur darum, sich selbst herauszuputzen, um ein Maximum an Beachtung zu erzielen. Die Sapeurs haben verstanden, dass der Luxus ihrer Kleidung auch diejenigen aufheitern kann, deren Alltag vom Elend geprägt ist.

Das Geheimnis des Luxus

Die Sapeurs wiederum sind selbst nicht besonders gut situiert oder reich. Sie haben ganz normale alltägliche Jobs als kleine Angestellte oder auch nur als Gelegenheitsarbeiter. Aber irgendwie schaffen sie es, sich mit den teuersten Markenprodukten aus den Modezentren des reichen Westens zu versehen.

Clementine Biniakoulou, 52-year-old housewife and sapeuse for 36 years, in Brazzaville, 2017 © Tariq Zaidi
Clementine Biniakoulou, 52-year-old housewife and sapeuse for 36 years, in Brazzaville, 2017 © Tariq Zaidi

Wie ihnen das gelingt, ist ihr Geheimnis. Damit rühren sie, ob gewollt und bewusst oder nicht, an das Geheimnis des Luxus. Denn der entstand und entsteht ebenfalls nicht auf dem Boden eines Reichtums, der breit gestreut ist. Im Gegenteil: Luxus betont die Ungleichheit. Aber diese Ungleichheit ist auch für diejenigen, die an dem Luxus nicht unmittelbar teilhaben, motivierender als eine verordnete Gleichheit, die ein einheitliches Grau über die gesamte Gesellschaft legt.

Israell Mbona, 5-year-old school student and sapeur for 3 years, in Kinshasa, 2019 © Tariq Zaidi
Israell Mbona, 5-year-old school student and sapeur for 3 years, in Kinshasa, 2019 © Tariq Zaidi

Der in London lebende Fotograf Tariq Zaidi hat für seinen Bildband drei Jahre lang regelmässig die Sapeur-Szene im Kongo besucht. Das Besondere an den Fotos besteht darin, dass er die Sapeurs in ihrer alltäglichen Umgebung aufgesucht und fotografiert hat. Er hat sich also nicht damit begnügt, die einschlägigen Modeschauen und Festivals zu besuchen.

Überhaupt beschäftigt sich Tariq Zaidi vor allem mit sozialen Problemen, mit Traditionen und gefährdeten Gruppen überall auf der Welt. Zaidi hat in 19 (überwiegend Entwicklungs-)Ländern auf vier Kontinenten gearbeitet. Er hat seine Fotos in 75 internationalen Ausstellungen gezeigt und in zahlreichen erstrangigen Medien veröffentlicht.

Tariq Zaidi, Sapeurs.Ladies and Gentlemen of the Congo.
Fotografien und Text von Tariq Zaidi.
176 Seiten, 121 Farbabbildungen, Englisch, ca. 35 Euro

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Ich gehöre der gegenteiligen Fraktion an und gehe am liebsten in Sack und Asche, um einerseits die eigene Eitelkeit zu bekämpfen und Bescheidenheit vorzuaukeln und damit auch keinen falschen Neid entsehen zu lassen, wenngleich andererseits in Thailand ein sauberes, gebügeltes Hemd mit den typischen Karo-Muster des Pawn auf dem Schachbrett in 5XL täglich gewechselt ein Muss ist und als klassentypische Rentner-Ausländer Uniform den Stilbruch mit Cargo-Shorts und Gummi-Schlappen an den nackten Füssen noch vervollkommnen. Meine Mutter, eine gelernte Schneiderin und bei Grieder gearbeitet, würde sich im Grabe umdrehen, aber das Verletzen des ästhetischen Empfindens erfüllt halt die Erwartungshaltung der Einheimischen bestens.

Das Bild von Elie Fontaine Nsassoni wirkt fast surreal. Ein gut gekleideter Mann macht in den Slums eine clowneske Einlage, wie wenn er den Gegensatz zwischen arm und reich ad absurdum führen würde. Dieses Bild hat etwas Versöhnliches, als hätte der Mensch gerade noch einmal die Kurve gekriegt. Danke für den Artikel und die Bilder Herr Wehowsky.

Sowas von sympatisch und ergreifend.
Vielen Dank, eine der immer wieder umwerfenden Facetten Afrikas aufzuzeigen. Quel noblesse! Quel triomphe sur nos banalités modernes.

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