Tücken der Anrede

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Tücken der Anrede

Von Stephan Wehowsky, 08.06.2018

Neue Medien können neue Formen erfordern. Das ist aber riskant.

Als die Mobiltelefone aufkamen, haben Leute, die sich vorher immer brav mit Namen gemeldet hatten, nur noch Hallo oder irgendetwas gerufen. Die alte Namensnennung schien nicht mehr zu passen. Ganz ähnlich bei der E-Mail. Halb ist sie Brief, halb etwas anderes, und schon hat man Probleme mit der Anrede – weniger mit dem Gruss am Schluss.

Soll man eine E-Mail genauso wie einen Brief beginnen? „Sehr geehrter ...“ und so weiter? Das wirkt irgendwie steif, schliesslich sind wir jetzt doch elektronisch unterwegs. „Liebe“ und „Lieber“ klingt zwar schon etwas lockerer, aber noch nicht locker genug. Also greifen einige zu „Hallo“ oder „Guten Tag“. Diese Anreden werden auch bei Briefen verwendet, und fragt man Fachleute für korrekten Stil, so sehen sie darin eine mögliche, allerdings schon recht lockere Form der Anrede, die man nur verwenden sollte, wenn man mit dem Adressaten auf vertrautem Fuss steht.

Diese Auskunft ist aber nur halb richtig. Denn „Hallo“ und „Guten Tag“ werden überwiegend bei realen Begegnungen verwendet, sind also in der gesprochenen Sprache verankert und werden zudem von körpersprachlichen Signalen begleitet. Wenn ein „Hallo“ nicht mit einem Lächeln oder einer freundlichen Geste begleitet wird, sind die Angesprochenen schon einmal gewarnt. Da liegt etwas in der Luft. Werden also diese körpersprachlich begleiteten und gestützten Begrüssungen auf die Schriftsprache übertragen, wirken sie halbseiden – sowohl beim Brief wie bei der E-Mail.

Wie lautet nun die korrekte Anrede bei mehreren Adressaten? Bislang schrieb man an Freunde, Kollegen, Mitarbeiter und andere spezifische Gruppen. Nun hat sich speziell bei E-Mails, aber auch bei Briefen, die Unsitte breitgemacht, schlicht und einfach „alle“ zu schreiben: „Liebe alle“. Wer grammatisch nicht sattelfest ist, schreibt: „Liebe Alle“. Das klingt nicht nur schief, das ist schief. Denn „alle“ ist ein unbestimmtes Zahlpronomen und erfordert entsprechend ein Nomen: alle Anwesenden, Empfänger, Freunde und so weiter. Grammatisch kann „alle“ auch als selbständiges Satzglied verwendet werden, zum Beispiel: „Morgen haben alle frei.“

Zur Verteidigung des „Liebe alle“ – keiner käme auf die Idee „Sehr geehrte alle“ zu schreiben – wird angeführt, es handele sich dabei um eine Übertragung vom englischen „Dear all“. Aber im Englischen ist dieser Ausdruck auch umstritten, wie man in den Sprachforen unschwer nachlesen kann.

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