Trojanische Pferde

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Trojanische Pferde

Von Stephan Wehowsky, 22.01.2019

Das Innenleben eines trojanisches Pferdes enthält unliebsame Überraschungen. Da mag das Pferd noch so hübsch daherkommen.

Manche Schattenseiten der Digitalisierung werden in den Medien regelmässig thematisiert. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit auf Cyberspionage, Missbrauch von persönlichen Daten oder Möglichkeiten der Sabotage. Das alles sind Gefahren, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann.

Neue Qualität

Denn wenn jemand Daten stiehlt, dann handelt er wie alle Diebe vor ihm, nur sein Diebesgut hat sich geändert. Das Gleiche gilt für Sabotage. Da wird nur eine andere Methode als früher angewendet. Die neue Qualität der Digitalisierung jedoch kommt nicht in den Blick, wenn sich die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf jene Missbräuche oder kriminellen Handlungen richtet, die es im Prinzip schon früher gegeben hat.

Die Essays des Physikers und Philosophen Eduard Kaeser zielen deshalb auf Veränderungen, die qualitativ neu sind. Sie sind erst mit der Digitalisierung entstanden und geraten erst nach und nach in den Blick – oder verbergen sich so raffiniert wie das Innenleben eines trojanischen Pferdes.

Data-Mining

Die unausgesprochene Leitfrage Kaesers lautet: Wollen und können wir überhaupt noch verstehen, wie uns die Digitalisierung in den Griff nimmt? Ein erstes Problem ist dabei noch einfach zu erkennen. Jeder, der Online-Plattformen benutzt, hat sich daran gewöhnt, dass er Datenspuren hinterlässt. Die verlieren sich in unbekannten Gefilden, aber sie erzeugen Echos in Gestalt von Produktvorschlägen oder der Werbung für ganz bestimmte Reiseziele. Unsere Daten sind zu einem wertvollen Rohstoff geworden, der durch unsere Nutzung digitaler Angebote gewonnen wird.

Kaesers Überlegungen kreisen nun um die weitere Verarbeitung des Datenrohstoffs. Denn da passiert etwas ganz Neuartiges. Die kommerziellen Datennutzer begnügen sich nicht mehr damit, einfache Korrelationen herzustellen. Wenn jemand sich zum Beispiel für Mallorca interessiert, bekommt er zwar noch Anzeigen für Hotels und Freizeitangebote auf Mallorca, aber im Hintergrund geschieht weit mehr. Da werden diese Daten mit allen möglichen anderen verknüpft, so dass sich daraus nicht nur Hobbys oder Lieblingsspeisen, sondern auch diverse andere Persönlichkeitsmerkmale ergeben.

Aufgrund der immensen Datenmengen und Rechenkapazitäten, so Kaeser, werden heute Verknüpfungen hergestellt, die nach herkömmlichen Massstäben einigermassen sinnlos sind, aber immer wieder Ergebnisse produzieren, die man verwenden kann. Aus unseren Daten entsteht eine Welt, die kein Mensch mehr durchschaut, die aber von höchster Alltagsrelevanz ist. „Gerade weil Data-Mining so einfach, billig, effizient und allgegenwärtig ist, verleitet es dazu, Voraussicht und Korrelation um den Preis von Verständnis und Kausalität zu fördern.“

Selbstverschuldete Unmündigkeit

Das ist der entscheidende Punkt in den vorliegenden Essays von Kaeser. In der digitalen Welt entsteht eine andere Art von Denken, das naiv entweder mit der menschlichen Vernunft gleichgesetzt oder aber als ihr überlegen angesehen wird. Der Philosoph Kaeser besteht darauf, zuerst einmal die menschliche Vernunft in ihrer Wirkungsweise und ihren Grenzen zu verstehen, um von dort aus zu einer realistischen Einschätzung der sogenannten künstlichen Intelligenz zu kommen. Geschieht dies nicht, verliert der Mensch die Fähigkeit, Wissen zu bewerten und zu gewichten.

Das ist keine blasse Theorie. So reden wir heute alle von der Umwelt und den Gefahren, die mit ihrer übermässigen Belastung einhergehen. Aber was lässt sich dagegen tun? Kaeser spricht von einem „tückischen Problem“, das nicht auf einer Ebene zu bewältigen ist. So kann man zwar den CO2-Ausstoss von Autos kritisieren, aber es würde nicht genügen, die Lösung allein in schadstoffärmeren Autos zu sehen. Denn das Umweltproblem hat neben der individuellen und lokalen Verankerung zusätzlich regionale und globale Wechselwirkungen, die unter anderem mit dem Bevölkerungswachstum, der Verkehrsinfrastruktur, politischen und sozialen Problemen zusammenhängen. Es ist Aufgabe des Menschen, diese „Komplexitätsstufen“ zu verstehen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Computer können ihn bei dieser Aufgabe zwar unterstützen, aber sie können sie ihm nicht abnehmen.

An verschiedenen Stellen kommt die Hauptsorge von Eduard Kaeser zum Ausdruck: Dass der Mensch zu sehr von „künstlicher Intelligenz“ und ihren Begleiterscheinungen geblendet wird und darüber die Fähigkeit des kritischen Denkens und Urteilens verliert. Damit befindet er sich auf dem Weg zu einer neuen selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Eduard Kaeser: Trojanische Pferde unserer Zeit. Kritische Essays zur Digitalisierung. Basel: Schwabe Verlag, 2018, Schwabe reflexe 55, 224 Seiten.

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