«The ‹colour-line› problem will be the paramount problem»

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«The ‹colour-line› problem will be the paramount problem»

Von Georg Brunold, 15.11.2020

Verspätete Aufmerksamkeit darf uns nicht erlauben, diese Neuerscheinung von 2019 zu verpassen: Das Buch ist ein Juwel.

Es ergänzt die mehr als fünfzig Bände zählende Gesamtausgabe von Max Webers Schriften, wo in elf davon über 3500 seiner Briefe veröffentlicht sind. Er ist bis heute der meistzitierte Autor in der Geschichte der Soziologie weltweit (vor Pierre Bourdieu übrigens, für die, die es interessiert), und Rita Aldenhoff-Hübinger, der Herausgeberin dieser 241 Seiten dünnen Auswahl, und dem Tübinger Verlag Mohr Siebeck erschien es «naheliegend, einem grösseren Leserkreis den Briefschreiber Max Weber [1864–1920] bekannt zu machen». Dem ersten Band «Reisebriefe 1877–1914» soll ein Band «Gelehrtenbriefe» folgen.

«Liebe Mama!», gibt der 13-Jährige den Auftakt. Der Vater hat den ältesten der acht Geschwister als Berichterstatter in die Pflicht genommen. Aus einem Gasthaus auf dem Brocken, dem höchsten Berg des Harz, blickt er – erstaunlich wortreich für sein Alter – in den Nebel hinaus. Aber «von Aussicht noch keine Rede». Das wird sich bald ändern, drei Jahre später, 1880, ist er bereits alleine unterwegs durch Schlesien nach Böhmen und über Dresden heim nach Charlottenburg. In Breslau geht der 16-Jährige «ins Rathaus, in den Schmiedeberger Keller, in die Börse, ins Museum», und auf dem Dampfschiff fährt er mit Prof. Dilthey, dessen Ehefrau und Schwiegermutter nach dem Oderschlösschen hinaus.

Die zweiwöchige Hochzeitsreise 1893 führt den 29-Jährigen und seine Gemahlin Marianne, wie könnte es anders sein, nach London und Paris. Wenig später beginnen die eigentlichen Entdeckungsreisen, 1895 Schottland und Irland, 1897 Frankreich und Spanien. Wo immer er hinkommt, denkt Weber über die ganze Welt nach. Im Seebad Las Arenas bei Bilbao wertet er seinen Besuch einer der nahegelegenen Eisengruben aus. «Auf diesem Untergrund», berichtet er der Mutter, «entfaltet sich nun der modernste Capitalismus mit unerhörter Wucht.» Die zeitlosen baskischen Separationsgelüste erwähnt er nicht ohne Empathie, hat er doch «genugsam Gelegenheit, den unerhörten Contrast zwischen der Tüchtigkeit der Landbevölkerung in diesen schönen Provinzen und der Niederträchtigkeit der spanischen Verwaltung kennen zu lernen».

Turboschübe der Industrialisierung

Die Pièce de Résistance der Sammlung bilden die 55 Seiten über eine dreimonatige Reise nach den USA im Jahr 1904, wiederum in Begleitung seiner Ehefrau. Anlass dazu gibt zum einen ein Wissenschaftskongress auf der Weltausstellung von St. Louis, Missouri, zu welcher Max Weber als Angehöriger der deutschen Delegation geladen ist. «Congreßschwindel» nennt er es, aus dem Deutschen Reich dabei sind unter anderem Ernst Troeltsch und Werner Sombart. Doch Webers besuchen auch Verwandtschaft, so in North Carolina Jeff und James, zwei Söhne von Onkel Fritz, einem Halbbruder von Webers Mutter Helene geborene Fallenstein, der 1837 nach Amerika ausgewandert ist. In den Farmen dieser Vettern im Hügelland von Mount Airy findet sich kein Fetzen Papier, um etwas zu schreiben. Fritz Fallensteins Söhne haben sich entschieden von ihrem Familienhintergrund des deutschen Bildungsbürgertums entfernt. James hat sieben Kinder, Jeff zehn. Von den etlichen weiteren Nachkommen des Onkel Fritz ist ein Sohn verschollen und einer Rechtsanwalt in Asheville, wo er das Büro mit einem Iren teilt: «Assembly-Deputierter, Politiker und Schwerenöther, jener Typus des jovialen Schwadroneurs, der hier am ehesten politische Carriere macht».

Das Jahr 1904 sieht die Vereinigten Staaten in Turboschüben der Industrialisierung mit halsbrecherischem Entwicklungsgefecht. Die Technik lässt ihre Wundervehikel mit Volldampf losschiessen, noch bevor sie zuverlässig auf den Schienen bleiben. Gleich hinter dem nächsten Höhenzug lagert derweil noch in kleinsten Holzhütten der retardierte Geist religiöser Auswanderergemeinschaften in ihrer abgenabelten sektiererischen Weltferne. Als einzigen Autor für die Fachzeitschrift «Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik» engagiert Max Weber den schwarzen Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois und schreibt ihm vor der Abreise aus New York noch einmal warum: «The ‹colour-line› problem will be the paramount problem of the time to come, here and everywhere in the world.» Er verzichtet auf einen Empfang bei Präsident Theodore Roosevelt, um ein Indian Territory in Oklahoma zu besichtigen. «‹Civilisation› ist hier mehr als in Chicago», hält er fest, und ihn deprimiert die Lage der Indigenen, die nach dem Verkauf ihres letzten Fetzen Landes in der Lethargie der Camps versinken.

Ascona, «ein richtiges dreckiges Italienernestchen»

Die Reise führt von New York und den Niagara Falls nach Chicago, dann südwärts nach St. Louis, Memphis, New Orleans, hinauf durch Alabama, Tennessee, North Carolina, Virginia nach Philadelphia und Washington D. C. und über Boston, Providence, Rhode Island und New Haven zurück nach New York. Tausende von Kilometern und 180 Stunden in der Eisenbahn, wie er zusammenrechnet. Noch im Ersten Weltkrieg wird er daheim in Deutschland immer 3. Klasse fahren, weil er da viel mehr erfahre, ohne die Leute ausfragen zu müssen.

Nach Studienreisen in die Niederlande (1903) und nach Belgien (1907) erholen wir uns an der italienischen und französischen Riviera, Nervi, Nizza, kommen im Westen über Aigues-Mortes bis nach Montpellier, machen uns frisch für einige Prisen klassisches Kulturterrain in Pisa, Florenz, Venedig. Leider haben wir keine Briefe aus Sizilien, da Weber 1906 auf der Insel zusammen mit seinen bevorzugten Adressatinnen Marianne und Mutter Helene unterwegs ist. Doch 1913 schliesslich treffen wir zielsicher in Ascona ein: «ein richtiges dreckiges Italienernestchen». Damals noch ist «die Kneipe durch die hier wohnenden Gäste cultiviert». Hierher kehren wir mit Max Weber im folgenden Jahr wieder, nach einem Zwischenhalt im Hotel St. Gotthard am Bahnhofplatz in Zürich. Haben Sie womöglich eine Vorliebe für Intimes? Keiner dieser Briefe war für die Öffentlichkeit gedacht. So begegnet uns der grosse Sozial-, Politik- und Kulturwissenschaftler mit einem Charme ganz ohne Spur von zeitgemässer Befangenheit.

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