Täuscht sich Semiramis?

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Täuscht sich Semiramis?

Von Iso Camartin, 25.03.2018

„Semiramide“ war die letzte Oper Rossinis, die er für eine italienische Bühne schrieb. Von da an sollte Paris das Zentrum seiner Opernerfolge werden.

Allerdings war bereits die Uraufführung im Februar 1823 im Teatro La Fenice in Venedig ein Riesenerfolg, gewiss auch dank der damals schon europaweit bekannten spanischen Diva Isabella Colbran, welche die Titelrolle sang. Hinzu kommt, dass die Figur der babylonischen Königin, welche mit Hilfe eines Fürsten, ihres Geliebten, den eigenen Mann beseitigt, um selbst an die Macht zu kommen, für die Opernbühne von einer heute nur mehr schwer erklärbaren Anziehungskraft war.

Die Königin der hängenden Gärten

Die hängenden Gärten von Babylon sollen der Legende nach für die sagenhafte Königin Semiramis errichtet worden sein. Ob  ihr eine historische Figur zugrunde liegt, ist umstritten. Im Verlauf der Zeit wurde aus Semiramis eine so machtlüsterne wie liebessüchtige mythische Gestalt, dies spätestens seit den griechischen Historikern, die nach Mythen der Vorzeit heisshungrig waren. Von nun an führt sie ein moralisch zwielichtiges, aber von Reichtum und Luxus wundersam umflossenes Dasein. Im Mittelalter, bei Dante finden wir sie im oberen Höllenkreis unter den Wollüstigen.

Von den verschiedenen Fassungen, die unter anderen auch der grosse Metastasio zum Drama der Semiramis schrieb (1729), soll es über 40 Vertonungen geben. Ab und zu bleibt darin die Königin am Schluss der Geschichte weiter am Leben, oft endet sie tragisch durch Selbstmord. Häufig ist auch die Variante, in der sie am Grab ihres Mannes durch ihren eigenen Sohn – aus Versehen und Schicksalsgerechtigkeit – getötet wird.

Im Opernbetrieb präsent ist heute beinah nur noch die Fassung, welche Rossini wählte. Sie beruht auf der Behandlung des Stoffes durch Voltaire (1748). Für das italienische Libretto bearbeitete Gaetano Rossi die Verse des französischen Aufklärers.

Der Wahn der Semiramis

Die Arie – in Rossinischer Terminologie «cavatina» –, die wir hier vorstellen, singt Semiramis zu Beginn der 2. Szene des 1. Aktes. Die Königin erscheint vor ihren hängenden Gärten – für die Bühnenbildner jeweils eine spezielle Herausforderung, die Gärten so sichtbar zu machen, dass sich die Zuschauer im Angesicht eines Weltwunders glauben. Die Königin ist in Begleitung einer Gruppe von Frauen, die sie im Chor ermuntern, alle betrüblichen Gedanken hinter sich zu lassen und ihr Herz den Freuden der Liebe zu öffnen. Der Duft und die Atmosphäre der hängenden Gärten laden dazu ein, ja, sie würden geradezu „amore e voluttà – Liebe und Sinnlichkeit“ einflössen.

Semiramis hat die Aufgabe von der Priesterschaft erhalten, endlich einen Nachfolger für den babylonischen Herrscherthron zu ernennen. Auf diesem möchte sie Arsace sehen, einen jungen Heerführer, den man aus dem Feld nach Ninive zurückgerufen hat. Das Anliegen der Semiramis ist es aber auch, diesen Mann für sich zu ihrem neuen Gemahl zu gewinnen. Was die Königin noch nicht weiss und ebenso Arsace nicht ahnt, der eine babylonische Prinzessin namens Azema liebt, ist die von den Priestern geheim gehaltene Tatsache, dass Arsace in Wahrheit der Semiramis und des ermordeten Königs Sohn Ninia ist, wie sich im Verlauf der Oper herausstellen wird.

Wir erleben also eine Semiramis, die ahnungslos inzestuös die Liebe zu ihrem eigenen Sohn und erhofftem Gemahl besingt. Die Arie ist berühmt geworden wegen ihrer lyrischen Einfühlsamkeit und ihrer zärtlichen Anschmiegsamkeit einerseits, und ihrer so enthusiastischen Virtuosität und Brillanz andererseits. «Bel raggio lusinghier / di speme e di piacer» - so beginnt sie: Ein schöner lockender Strahl aus Hoffnung und inniger Freude habe in ihr aufgeleuchtet im Augenblick, als Arsace vor ihr erschienen sei.

Semiramis steigert sich in das Gefühl hinein, nun sei aller Schmerz für sie vergangen, weggeschmolzen seien die Gedanken an vergangene schreckliche Tage und Taten. Der Friede sei bei ihr eingekehrt, da Arsace nun hier bei ihr sei. Semiramis stimmt in diesem Hochgefühl des Glücks eine grossartige Cabaletta an – den dramatisch gesteigerten Abschluss einer Arie – zu den Worten: „Dolce pensiero / di quel instante – Oh süsser Gedanke dieses Augenblicks“. Nach aller Not und Qual ist der Augenblick der Lust und Liebe umso schöner! Rossini hat hier von der Sängerin der Partie eine geradezu gurgelbrecherische Technik verlangt. Die Sängerin, welche diese Cavatina makellos über die Bühnenrampe bringt, darf sich zurecht als eine Diva des Belcanto bezeichnen.

Berühmte Interpretinnen

Heute erfreut sich Rossinis Oper Semiramis wiederum grösster Beliebtheit, aber es gab auch für sie Zeiten, etwa zwischen 1900 und 1960, in denen man nicht so recht wusste, wie man mit den Anforderungen Rossinis gesangstechnisch adäquat umzugehen hatte. Nach der Ära der grossen historischen – Isabella Colbran, Giuditta Pasta oder der späteren Adelina Patti und Nelli Melba – kamen im 20. Jahrhundert neue Retterinnen dieser Partie zum Vorschein. Zu den unvergessenen Sängerinnen der Semiramis der 60-er Jahre gehören Joan Sutherland (übrigens häufig im Duett mit dem grandiosen Arsace der Marilyn Horne) und Montserrat Caballé.

Beinah noch glücklicher möchte man die heutige Gegenwart nennen, wenn sich Sängerinnen wie Cecilia Bartoli oder Joyce DiDonato an die Rolle wagen. Da bleibt nichts zu wünschen übrig. Wir hören in der gewählten Aufnahme Joyce DiDonato in einer Darbietung, die an Perfektion und an Leichtigkeit an mehreren Stellen beinah das Herz zum Stillstand bringt.

Königin Semiramis mag sich in ihren Hoffnungen bezüglich ihres künftigen Geliebten und ihres bevorstehenden Schicksals täuschen. Doch wenn sie uns ihre Erwartungen glücksbeflügelt singend verkündet, möchte man ihr bis über den Jüngsten Tag hinaus zurufen: Danke für so viel Zuversicht und Glückserwartung! Gute Aussichten sind in Liebesgeschichten selten nur eine Illusion. Im erlebten Augenblick sind sie das Beste, was das Leben uns zu bieten hat. Empfindungen, in Herzenstöne gefasst, lügen nicht.

Joyce DiDonato; "Bel raggio lusinghier"; Semiramide; Gioachino Rossini

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