Stalins Krieg gegen die Ukraine

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Stalins Krieg gegen die Ukraine

Von Jürg Schoch, 24.11.2017

Der 25. November ist in der Ukraine ein Gedenktag, der an den Holodomor erinnert. Über die von Stalin gesteuerte Hungersnot mit Millionen von Toten liegt ein neues Buch vor.

Sie assen verendete Pferde, Hunde, Katzen, Ratten; oder Baumrinde, Wurzeln, Blätter. Und schliesslich hielt auch der Kannibalismus Einzug in den Dörfern, ja es kam vor, dass Eltern ihre eigenen Kinder verspeisten. 

Es braucht ziemlich starke Nerven, sich durch die unzähligen Notate von Augenzeugen, durch Geheimdienstberichte und die ebenso alarmierenden wie erfolglosen Bittschriften zu arbeiten, die Anne Applebaum zusammengetragen hat. Die amerikanisch-polnische Historikerin, die mit dem ehemaligen polnischen Aussenminister der Regierung von Donald Tusk, Sikorski, verheiratet ist, hat bereits stark beachtete Bücher über den Eisernen Vorhang und den Gulag publiziert.

Ihr neustes Werk unter dem Titel „Red Famine“ (Rote Hungersnot)* beschreibt bis in alle Details die Motive, Anordnungen und Winkelzüge, mit denen Josef Stalin in den Jahren 1930–33 das – im Wortsinn – grosse Bauernsterben in den ukrainischen Dörfern ins Werk setzte, den sogenannten Holodomor (Tötung durch Hunger). Genaue Opferzahlen gibt es nicht, sie variieren zwischen 3,5 bis 14 Millionen. Die neuere Forschung geht von 5 bis 7 Millionen Hungertoten aus (z. B. Oleg Chlevniuk in seiner Stalin-Biografie von 2015), wobei allein auf die Ukraine gut 4 Millionen entfallen.

Der Kulak als Volksfeind

Stalin misstraute der Ukraine zutiefst. Ihm war bewusst, dass die Landbevölkerung, grossmehrheitlich konservative, im orthodoxen Glauben verhaftete Bauern, nicht zu den Bannerträgern von Revolution und Sowjetstaat gehörten. Als er nach Lenins Tod das Ruder herumwarf, die NEP-Politik, die mehr ökonomischen Spielraum erlaubte, beerdigte und zur Zwangskollektivierung der Landwirtschaft schritt, gerieten insbesondere die Kulaken in sein Visier. Das war jene Schicht verhältnismässig wohlhabender Landwirte, die allerdings auch produktiver wirtschafteten als die kleinen Subsistenzbetriebe. Er warf den Kulaken Sabotage vor, der Begriff Kulak (russisch: die Faust) wurde zum Schimpfwort, das allmählich jeden treffen konnte, der der Zwangskollektivierung auszuweichen suchte, auch den Kleinbauern mit einer Kuh und zwei Schweinen.

Der Diktator auferlegte den Landwirten hohe Abgabequoten, insbesondere für Getreide. Das benötigte er für die Versorgung der grossen Zentren wie Moskau und Leningrad, aber er benötigte es vor allem auch für den Export. Denn gleichzeitig forcierte er die Industrialisierung. Dazu benötigte er Güter aus dem Westen. Doch woher die Devisen nehmen? Das einzige attraktive Exportgut der damaligen UdSSR war Getreide. Also verkaufte er es zu günstigen Preisen im Westen – was, wie Applebaum vermerkt, den willkommenen Nebeneffekt hatte, die Märkte des kapitalistischen Feindes zu stören.

Sinkende Produktion, steigende Repression

Diese Politik führte in der Ukraine, die schon den Zaren als Kornkammer diente, zu einer verhängnisvollen Spirale. Stalin und seine in diesem Geschäft engsten Mitarbeiter, Kaganowitch und Molotow, verdächtigten die Bauern, nicht alles Korn abzuliefern. Sie schickten Heerscharen von Konfiskatoren aus, meist junge Aktivisten aus den Städten, die Jagd machten nach versteckten Getreidespeichern. Als Strafe für nicht erfüllte Quoten beschlagnahmten sie auch Saatgut, Zugtiere, Pflüge, Schmuck; man zerstörte Mühlsteine, stoppte die Anlieferung einfachster Versorgungsgüter (z. B. Streichhölzer), erhöhte die Bussen. Das liest sich im Bericht einer jungen Augenzeugin so:

„Während ihrer Suche fragten die Aktivisten, wo unser Gold und unser Korn sei. Mutter antwortete, sie verfüge weder über das eine noch das andere. Sie wurde gefoltert. Ihre Finger wurden in eine Tür gehalten und die Tür geschlossen. Ihre Finger wurden gebrochen, Blut floss, sie verlor das Bewusstsein. Wasser wurde über ihren Kopf geschüttet, dann wurde sie wieder gefoltert …“

Die Erträge sanken, der Kreml verschärfte die Repression, die Bauern rebellierten, der Kreml verordnete die Todesstrafe selbst für kleinere Diebstähle an Staatseigentum, die Hungersnot nahm endemische Ausmasse an. 

Gleichzeitig ging Stalin gegen die intellektuelle Elite in den Städten vor, insbesondere gegen jene Leute, die sich mit der Kultur, der Sprache, der Ausbildung in der Ukraine befassten. Er schloss Universitäten und Institute, verbot den Unterricht in ukrainischer Sprache und liess Exponenten der Elite reihenweise erschiessen oder schickte sie in den Gulag – dies alles wegen seiner panischen Angst, Stadt und Land könnten sich gegen ihn verschwören und womöglich den Bruch mit der UdSSR anstreben. 

„Blühende Gärten“

Das Quellenmaterial, das Applebaum vorlegt, ist eindrücklich. Mit viel Verve widmete sie sich aber auch den Nachwirkungen und dem späteren Umgang mit dem Holodomor. Noch während der Hungerjahre erlaubte der Kreml den in Moskau akkreditierten Korrespondenten nicht, in die Ukraine zu reisen. Dafür lud er ausgewählte Persönlichkeiten ein, etwa den irischen Schriftsteller und Pazifisten George Bernard Shaw, der die Zwangskollektivierung in Schutz nahm, oder den französischen Spitzenpolitiker Edouard Herriot, der nach dem Besuch einer ukrainischen Kolchose seinen Landsleuten erklärte: „Ich kann Euch versichern, dass ich einen Garten in voller Blüte gesehen habe.“

Westliche Regierungen hatten durchaus Informationen über die Dramen, die sich in der Ukraine abspielten. Keine von ihnen sah sich aber bemüssigt, bei Stalin zu intervenieren. Vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus, schreibt Applebaum, hätten sie es mit dem Kremlherrscher nicht verderben wollen. 

Stalin selber verbot jede Diskussion über die Hungerjahre. Als die UdSSR bald danach eine Volkszählung durchführte, frohlockte er, die Dynamik der Sowjetunion habe auch zu einem namhaften Bevölkerungswachstum geführt. Dann legte man ihm die Resultate vor, die nicht gut aussahen: In der Ukraine fehlten ein paar Millionen. Der Diktator stoppte die Publikation, liess die Leiter der zuständigen Amtsstelle erschiessen, ordnete bessere Resultate an und dirigierte Abertausende von Russen in die Nachbarrepublik, um die Bevölkerungslücken zu stopfen. 

Faschisten, Nationalisten

Ganz liessen sich die ausgestorbenen Dörfer allerdings nicht wegretouchieren. So räumte das Regime ein, dass es Mängel in der Versorgung und auch Hungertote gegeben habe. Die effektiven Zahlen aber wurden gefälscht, die Ursachen der Trockenheit zugeschrieben und die Opfer – „Verräter“ und „Saboteure“ – selber für ihr Schicksal verantwortlich gemacht. 

Aufschlussreich ist Applebaums Darstellung der schwierigen Beziehungen zwischen Russland und „Kleinrussland“. Von jeher waren die Ukrainer in den Augen der Russen Bürger zweiter Klasse, ihre Sprache ein „Dialekt“, ihr kulturelles Leben minderwertig. Als im Sommer 1941 die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, erhielt diese latente Herabsetzung mächtig Auftrieb. Hitlers Soldaten wurden von zahlreichen Ukrainern freudig empfangen. Noch immer traumatisiert von den Hungerjahren, hoffte man auf Befreiung von den Bolschewiken. Das war ein Irrtum – und ein doppelter Schlag. Erstens konnte von Befreiung keine Rede sein, zweitens handelten sich die Ukrainer das Stigma von „Faschisten“ und „Nationalisten“ ein. 

Dieses Stigma wirkt bis heute nach. Zwar trifft zu, dass in der breiten Anti-Russland-Front der Maidan-Bewegung auch faschistische Gruppierungen aktiv waren und sind. Doch die russische Propaganda deckt heute gleich die gesamte Ukraine mit dem Faschismusvorwurf ein, und gleich pauschalisierend verfahren manche der sogenannten Putin-Versteher im Westen, vermutlich, weil es einfacher ist, die Faschismuskeule zu schwingen, als sich mit der komplexen Geschichte „Kleinrusslands“ auseinanderzusetzen.

Nation Building

Bis heute haben zwei Dutzend Staaten den Holodomor als Völkermord anerkannt. Russland, wo Stalin derzeit wieder wachsendes Ansehen geniesst, ist weit von einem solchen Schritt entfernt. Mit ihrem Buch engagiert sich Applebaum gegen das Vergessen. Vor allem arbeitet sie die zahlreichen Faktoren heraus, die zeigen, dass die Vernichtung einer breiten bäuerlichen Schicht tatsächlich gewollt war. Diese Sicht ist jedenfalls bei weitem überzeugender als die Methode des Verwischens auf russischer Seite, die, nebenbei gesagt, sehr an die Leugnung der „Katyn“-Morde an polnischen Offizieren (1940) erinnert, der erst Michael Gorbatschow Ende der 1980er Jahre ein Ende setzte. 

In einzelnen Punkten allerdings scheint die Autorin den Bogen der Schuldzuweisung zu überspannen. Etwa, wenn sie die heute grassierende Korruption in der Ukraine geradewegs auf den Zerfall von Familienbanden und moralischer Ordnung zurückführt, der mit der Hungerkatastrophe der frühen 1930er Jahre einherging. 

Umso plausibler aber ist ihre These, dass die Russen, ohne es zu wollen, in der Ukraine Nation Building betreiben. Wie einst die Zaren unterdrückten auch die Bolschewiken jede nationale Regung, und das Putin-Regime kann es bis heute nicht verwinden, dass die Ukraine ein souveräner Staat ist. Einst wie jetzt krallt sich Moskau an diesen Nachbarn, einst wie jetzt mit reichlich unattraktiven Methoden, die bewirken, dass des Nachbarn Bedürfnis nach Abstand und nationaler Autonomie nur wächst.

* Anne Applebaum: Red Famine. Stalin’s War on Ukraine. Verlag Doubleday 2017, 461 Seiten, Fr. 29.90.

Kommentare

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Na ja, diese Hungersnot wird offenbar politisch instrumentalisiert, vor Allem in der nun pro-westlichen (und anti-russischen) Ukraine. Es scheint mir unwahrscheinlich, dass die Sowjet-Führer diese Katastrophe gewollt haben, die wollten doch ihr Land aufbauen, nicht zurückwerfen oder gar zerstören.

"Es scheint mir unwahrscheinlich, dass die Sowjet-Führer diese Katastrophe gewollt haben, die wollten doch ihr Land aufbauen, nicht zurückwerfen oder gar zerstören." – Mit Verlaub, Christof Zalka, wer solche Massnahmen ergreift, nimmt schlimmste Folgen für die betroffene Bevölkerung in Kauf! Kennen Sie "Secondhand-Zeit" von Swetlana Alexijewitsch? Die Autorin lässt darin u.a. Leute zu Wort kommen, die den damaligen Vernichtungsfeldzug gegen den kollektivierungs-unwilligen "Klassenfeind" miterlebt haben. Diese Berichte sprechen Bände! Jegliche Verharmlosung ist absolut fehl am Platz!

Die Verehrung von Stalin als Väterchen des Vaterlandes, der sich um seine Kinder sorgt und alles Negative (Gulag, Schauprozesse, etc.) so nicht gewollt hat ist nicht nachvollziehbar. Vielleicht aber doch wenn man weiß, dass im heutigen Russland ein sehr positives Stalinbild gepflegt wird und Kritik an dem Georgier als unpatriotisch verdammt wird. Und wie immer in der heutigen Zeit finden sich auch hier bei uns Stimmen, die in dieses Propagandalied einstimmen.

Ich habe kein Propagandalied auf Stalin gesungen, sondern mich gegen das Propagandalied dieses Artikels und des darin besprochenen Buches gewandt. (Oder gibt's denn nur noch schwarz und weiss, entweder seid ihr mit uns oder gegen uns...?!)

Sie haben Recht, Herr Zalka, man sollte nicht auf Propaganda jedwelcher Art hereinfallen. Im konkreten Fall liegen Sie aber falsch und Herr Schoch beschreibt richtig. Im Buch von Simon Sebag Montefiore: Stalin. The court of the red tsar. sind sogar die ZK-Protokolle der KPdSU ausgewertet. Die Herren jener Zeit wussten, was sie taten.

Danke für die Antwort. Ja, in Archiven Dokumente auswerten scheint mir die richtige Vorgehensweise. Dieser Autor gilt aber offenbar nicht als seriöser Historiker (siehe z.B. Wikipedia-Eintrag), ist eher eine öffentliche Figur (TV, populäre Bücher). Nochmals: ich halte es für unwahrscheinlich, dass da eine Hungersnot bewusst und geplant herbeigeführt wurde. Etwas mit "Risiko in Kauf genommen" ist schon glaubhafter. Ich denke eher an Fehlplanung und Inkompetenz. (Übrigens sehen das einige Historiker auch so ähnlich, und zwar schon lange.)

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