Stadtraum als Klangraum

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Stadtraum als Klangraum

Von Niklaus Oberholzer, 19.08.2020

Glocken der Kirchen Luzerns gehören zur Klangwelt dieser Stadt. Man hat sich an ihr Geläut gewöhnt. Der Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor verändert die Glocken mit Dämpfern: „Glocken con sordino“ ist ein ungewöhnliches Projekt von Lucerne Festival.

Das Coronavirus drohte das Lucerne Festival auszulöschen. Das gelang ihm nur beinahe. Aber Corona zwang doch zu radikaler Reduktion: Die „Eroica“ mit 35 Musikerinnen und Musikern, ein paar Kammerkonzerte, Cecilia Bartoli mit ihren „Musiciens du Prince-Monaco“: Viel mehr liegt nicht drin. („Journal21“ berichtete am 16.8. darüber.)

Doch da sind noch die „Glocken con sordino“: Ein Geschenk des Festivals an die Stadt, mehr als ein Konzert und ohne Fräcke und festliche Toiletten, ohne teure Tickets und ganz ohne Festival-Glamour. Stattdessen bietet „Glocken con sordino“ – erstmals am Montag, 17. August, dann an beiden folgenden Tagen – auf einem  Abendspaziergang ein neues Erleben der Altstadt als Klangraum. Die insgesamt 17 Glocken sind jene der Jesuitenkirche, der Peterskapelle, der Matthäuskirche und der Hofkirche.

Das „con sordino“ im Titel ist wörtlich gemeint: Wie der Geiger oder der Cellist seinem Instrument einen Dämpfer aufsetzt, dämpft der Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor (*1979) den scharfen Klang der Glocken – und zwingt so zu genauem Hinhören, zum Abwägen und Vergleichen: War ich mir bisher überhaupt des Glockenklangs bewusst? Oder verlor sich dieser Klang im Alltagslärm der Stadt? Wie und als was nahm ich ihn wahr? Wie verändert der gedämpfte Glockenklang unsere ganze akustische Wahrnehmung?

„Das grösste Schlaginstrument“

Zumthor nennt die Glocke das „grösste Schlaginstrument“. Wie der Schlagzeuger den Klang seiner Instrumente verändert, wenn er sie mit weichem statt mit hartem Schlegel anschlägt, so verändert Zumthor in seinem Luzerner Projekt den Klang der Kirchenglocken, indem er die Klöppel mit weichem Material umwickelt. Er tat Ähnliches schon anderswo und verwendete Schaffelle oder Filz als Dämpfungsmaterial. In Luzern wählte er Beständigeres – Motorrad-Gummireifen zum Beispiel.

Das Geläut selber lässt sich allerdings nicht beeinflussen. Der Schlagzeuger, der ja wesentlich, wenn auch nicht ausschliesslich Rhythmiker ist, muss sich den Unwägbarkeiten des Geläuts fügen, da sich die eigenwilligen Polyrhythmen jeder Manipulation entziehen. Die Klöppel schlagen immer anders an die Glocken. Die Töne, die dem Schlagzeuger zur Verfügung stehen, bleiben sich gleich. Sie erklingen aber nicht in regelmässig wiederkehrender Reihenfolge. Der Zufall spielt in gewichtigem Sinne mit. Das Klangbild ist damit ständigen Veränderungen unterworfen.

Es ist der Sinn der Kirchenglocken, ihre Botschaft möglichst laut und weit ins Land hinauszutragen. Sie rufen zum Gottesdienst und zum Gebet, sie verkünden Freude oder Trauer oder warnen vor Gefahren. Zumthors Manipulation an den Klöppeln gibt ihnen einen völlig neuen Klang und einen neuen Sinn. Was als aggressiv harter Schlag empfunden werden kann, wird weich. Was jäh und direkt und vielleicht gar schmerzhaft an unser Ohr dringt, erscheint plötzlich, als sei es in weite Ferne gerückt. Die Töne mischen sich sanft und klingen schwebend aus. Wer aufmerksam zuhört, entdeckt in stetem Fluss sich verändernde Intervalle und Klangfarben, die zwischen dunkel und hell, schwer und leicht oszillieren.

Vier Klangräume

Was am Montagabend auf dem Spaziergang durch die Gassen der Luzerner Altstadt vor allem verblüffte: Die Glocken der vier Kirchen schaffen vier unterschiedliche Klangräume. Das Geläut der Jesuitenkirche klingt ruhig, beinahe beiläufig, jenes der Peterskapelle hell und freundlich. Der Klangraum bei der Matthäuskirche wirkt vielseitig-abwechslungsreich, jener bei der Hofkirche dunkel und majestätisch, wie ein würdiger Abschluss des Parcours.

Natürlich bleiben die Klänge der Glocken nicht allein, denn die ständigen Geräusche der lebendigen Stadt, obwohl abends diskreter als tagsüber, lassen sich nicht ausschalten, ebenso die Geräusche des heftig niederprasselnden Regens. Peter Conradin Zumthor rechnet damit – und führt fast unmerklich zu einer neuartigen Wahrnehmung der akustischen Kulisse, die der Stadtraum abgibt und die sich, je nach unserer Bewegung im Raum, verändert. Das zahlreiche Publikum durchmass die Klangräume am Montagabend konzentriert und in ruhigen langsamen Schritten, als sei es eine Prozession. Das zeigt: Zumthors Intention erreichte offensichtlich ihr Ziel.

Mit „Glocken con sordino“ wirkt  Peter Conradin Zumthor mit sparsamen Mitteln, doch mit grosser und nachhaltiger Wirkung in die Stadt hinein. Er baut auf dem auf, was er vorfindet, und verändert es mit behutsamer Geste. Das Resultat ermöglicht jenen, die sich auf Unerwartetes, auf vibrierende Zwischentöne und auch auf das Leise einlassen, nicht nur eine neue Stadt-, sondern auch eine neue Selbsterfahrung. Das Projekt „Glocken con sordino“ lässt eine Atmosphäre entstehen, in der sich Besinnlichkeit und Meditation entfalten können. Darin ist seine Arbeit der Minimal Music vergleichbar.

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