St. Antönien: Hinter dem Mond links

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St. Antönien: Hinter dem Mond links

Von Helmut Scheben, 18.01.2017

Das kleine Dorf im Prättigau hatte vor dreissig Jahren kein Geld, um Bergbahnen zu bauen. Heute findet man: Es war gut so.

„Schneekanonen haben wir in St. Antönien keine“, sagt Markus, „wenn kein Schnee da ist, dann ist halt keiner da.“ Ein kleiner Satz von grosser Leichtigkeit, der erst sein Relief erhält, wenn man weiss, dass die meisten Skigebiete der Schweiz ohne Kunstschnee nicht eine einzige Saison überstehen könnten.

Markus Flütsch (48) weiss, wovon er redet. Er fährt Pistenraupe bei den Parsennbahnen in Davos. Viel Nachtarbeit. Sechs Tage arbeiten, drei Tage Pause. Er hat vom abgelegenen St. Antönien bis Davos zur Arbeit eine Stunde zu fahren. Er war damals nicht dabei, als beschlossen wurde, keinen Skizirkus in St. Antönien zu bauen. Aber er ist überzeugt: Es wäre nicht gut gelaufen. Das kleine Dorf hätte nicht mithalten können im harten Wettbewerb der Bergbahnen.

Schmugglerland

Wenn man von der Alp Partnun nach Westen Richtung Carschina-Hütte aufsteigt, sieht man auf einmal Schritt für Schritt eine Felsbastion aus dem Horizont wachsen: eine Bastille aus Kalkstein. Uneinnehmbar sieht sie aus. Das ist der vordere Turm der Drusenfluhkette, dahinter liegt Österreich. Die Grenze ist hier oben sehr nah, sie verläuft über die Drusenfluh und die beiden anderen grossen Kalksteinmassive, die das Tal von St. Antönien gegen Norden und Osten abschliessen: die 2800 Meter hohe Sulzfluh und die benachbarte Schijenflue.

Über Nacht ist Schnee gefallen. Wir sind – mit den Fellen unter den Skiern – unterwegs mit Ernst Flütsch. In St. Antönien heisst die Hälfte der Leute Flütsch, so scheint es. Ernst zeigt auf die Berge ringsum und lacht: „Schmugglerland! So mancher Sack mit grünen Kaffeebohnen wurde da hinten über den Gruobenpass getragen.“ Wenn einer die Geschichte dieses Tales kennt, dann ist es der ehemalige Tourismusdirektor und Gemeindepräsident.

Tabak, Salz, Mehl und Zucker wurden ins Montafon geschleppt. Die Österreicher brachten dafür Metallwerkzeuge wie Sensen und Kuhglocken, auch Fleisch, Fett, Schuhe, Tabakpfeifen und Porzellan.Vom Beginn des 19. bis weit ins 20. Jahrhundert war der Schmuggel eine wichtige Erwerbsquelle für arme Bauern. Noch heute zeigen ältere Schweizer Zöllner den Touristen die „Kaffeelöcher“, geheime Höhlen in den Felswänden, wo das Schmuggelgut deponiert wurde, welches die Österreicher dann bei Nacht und Nebel holen kamen.

Weder Schneekanonen noch Heidifilm

Wenn man mit den Skiern hinüber traversiert zum Chüenihorn, vorbei am Carschinasee, sieht man tief unten St. Antönien, eine Walser Streusiedlung. Es gibt einen Dorfkern, wo das Postauto hält, die alte Kirche aus dem 15. Jahrhundert, ein paar Hotels und Gasthäuser, einen Volg und einen kleinen Skilift.

Die Walser Streusiedlung St. Antönien (Foto: Jann Lampert/naturpracht.ch)
Die Walser Streusiedlung St. Antönien (Foto: Jann Lampert/naturpracht.ch)

Man traut seinen Augen nicht. Da sind keine grossen Bergbahnen auszumachen, keine Wasserspeicher für Schneekanonen, keine Mittelstationen, keine Gipfelrestaurants und keine Parkhäuser. Alles ist frisch verschneit und friedlich, aus der Vogelschau hat man das Gefühl, auf einer Postkarte von 1920 gelandet zu sein. Oder in einem Heidifilm.

Aber St. Antönien ist kein Heidifilm. Die Geschichte dieses Hochtals ist alles andere als romantisch. Das zeigt ein Blick auf die Lawinenverbauungen am Chüenihorn und am Tschatschuggen. Sie schützen vor dem weissen Tod, der St. Antönien seit Menschengedenken heimsuchte. Die Leute hier mussten kämpfen für den Verbleib in ihrer Siedlung. Immer wieder waren politische Stimmen laut geworden, die forderten, man solle das entlegene Lawinen-Tal aufgeben und die wenigen Bauern von St. Antönien umsiedeln.

Doch im Zweiten Weltkrieg wuchs der Mythos von einer Schweiz, die ihre Identität im Gebirge und im Kampf um die Heimat findet. Und das war wohl einer der Faktoren, die dazu beitrugen, dass nach dem Krieg mehr Geld aus Bern in die Bergregionen floss, unter anderem zur Finanzierung von Lawinenverbauungen. Nach dem verheerenden Lawinenwinter von 1951 entstand in St. Antönien eine der grössten Lawinenschutzbauten des Landes: knapp 17 Kilometer Stahl- und Betonelemente.

Ein paar Nummern zu gross geträumt

In den sechziger Jahren wurde das Skifahren zum Nationalsport Nummer eins. Damals wurde eine Weiche gestellt. Die Berggemeinden setzten alles auf die Karte Wintersport, Lifte und Pisten. Auch in St. Antönien träumten manche vom grossen Geld. Ernst Flütsch zeigt auf den Schollberg auf der anderen Talseite. Dort sollte ein grosses Skigebiet entstehen, eine Verbindung hinüber zu den Bergbahnen im österreichischen Gargellen: „Ende der achtziger Jahre haben wir das noch einmal in Angriff genommen, als es um eine regionale Richtplanänderung ging. Damals hat man an das geglaubt, und jeder Ort hat da eine Chance gesehen. Ich war bei denen, die mit den Österreichern geredet haben. Man war jung, man wollte etwas auf die Beine stellen.“

Ortseingang St. Antönien (Foto: Jann Lampert/naturpracht.ch)
Ortseingang St. Antönien (Foto: Jann Lampert/naturpracht.ch)

Die Älteren in St. Antönien erinnern sich an einen denkwürdigen Informationsabend im Gasthaus Bellawiese. Die Stube war voll. Es gab heftige Diskussionen und heisse Köpfe. Die einen waren für das Skigebiet, die andern dagegen. Trotz dichtem Tabakqualm und Bierkonsum zeichnete sich bald ein ernüchternd klares Bild ab: Das Projekt Skigebiet Schollberg war für die 370-Seelen-Gemeinde ein paar Nummern zu gross.

Ernst Flütsch war sich immer bewusst, dass die Finanzierung schwierig würde: „Die Bündner Regierung hatte uns gesagt, dass allein die Prüfung der Umweltverträglichkeit 250‘000 Franken kosten würde. In einer so kleinen Gemeinde, wo es gar nicht so viele Betten gab und hauptsächlich Landwirtschaft betrieben wurde, war das dann schnell einmal gegessen. Die grosse Mehrheit hat die Sache begraben, das Skigebiet wurde am Ende aus dem Richtplan gestrichen, und damit war Schluss.“

Die Jäger waren zufrieden, sie wollten ihre Ruhe haben. Einige Bauern waren zufrieden, sie hatten ihr Land nicht hergeben wollen. Auch Naturschützer und SAC waren zufrieden, man hatte damals schon das Gebiet für Skitouren entdeckt. 

Überraschung in Slow Motion

Doch andere hatten sich Hoffnungen gemacht und waren enttäuscht. Skipisten lagen damals im Zeitgeist. Ein Wintersport-Boom sondergleichen hatte die Schweizer Tourismusbranche erfasst und zum Florieren gebracht. Das Lauberhornrennen wurde zelebriert wie eine TV-Liturgie für die Volksmassen, der alpine Skisport war sozusagen identitätstiftend und staatstragend geworden. Keine Bergbahn gleich kein Tourismus, hiess das Credo. Einem Tal, das da nicht mitmachte, drohten Armut, Abwanderung, Aussterben.

Dann kam alles anders als befürchtet. Der Lauf der Zeit bescherte der kleinen Walsergemeinde eine Überraschung in Slow Motion. Wer ahnte vor 25 Jahren, dass Skilifte einmal ein Risikogeschäft werden könnten? Die Letzten werden die Ersten sein, kann man heute feststellen. Denn mit dem unerwarteten Aufschwung des naturnahen und kulturnahen Tourismus ist das kleine Dorf eine bekannte Destination für alle geworden, die keine Bergbahnen brauchen: Schneeschuhläufer, Skitourengeher, Schlittenfahrer, Winterwanderer. St. Antönien ist bekannt und geschätzt bis nach Brüssel, Hamburg und Amsterdam. Die kleine Gemeinde, die kein Geld für grosse Investitionen hatte, steht finanziell solider da als viele, die alles auf die Karte Skilifte setzten und heute nach Steuergeldern für Schneekanonen rufen.

Zu warme Winter, der starke Franken, der kontinuierliche Rückgang der Zahl der Skifahrer: Das alles führt zu einem Verdrängungskampf im Tourismusmarkt, der mit dem Mut der Verzweiflung geführt wird. Saas Fee bietet diesen Winter die Saisonkarte zu einem Viertel des üblichen Preises an, andere wollen Hoteltürme von der Grösse des Empire State Building ins hinterste Bergdorf stellen oder setzen alle Hoffnung auf einen Goldesel aus Ägypten.

Ranking nach Pistenkilometern

Eine Trendwende im Freizeitverhalten hat stattgefunden. Die industrielle Herstellung von Freizeitvergnügen ist an einen Punkt gelangt, wo sie dieses Vergnügen am Ende aufhebt und in Frustration verwandelt. Die gleichen verstopften Strassen und Parkplätze, die gleichen Fastfood-Restaurants, der gleiche Disco-Pop, die gleichen Pistenautobahnen. Wenn sie alle gleich sind, können sie sich nur noch in einem unterscheiden: in der Länge.

So sind wir in der grotesken Situation angekommen, dass das Ranking eines Skigebietes in Pistenkilometern definiert wird. Skifahren war einmal Freude an Rhythmus und Eleganz der Bewegung, an der Beherrschung der Schwünge, an dem Gefühl von Schwerelosigkeit, ähnlich wie Schlittschuhlaufen, Tanzen und viele andere Sportarten. Wieviele Kilometer haben Sie gestern getanzt? Wieviele Kilometer Ball gespielt? Wer die Qualität des Skifahrens in zurückgelegten Kilometern misst, hat etwas gründlich missverstanden.

Sanfter Tourismus, hartes Leben

„Viele Menschen sind zu der Ansicht gelangt, ein Spaziergang im Wald bringe ihnen mehr als der Ausflug in einen Freizeitpark,“ schrieb schon vor mehr als einem Jahrzehnt der Kultursoziologe Gerhard Schulze. Er beobachtete einen zunehmenden Widerstand gegen „die entlastenden Erlebnisangebote, die den Spielraum des Einzelnen mit Konstruktion besetzen.“  

Der neue Wachstumsmarkt im Wintersport ist Schneeschuhlaufen und Skitouren. Und davon profitieren Orte wie St. Antönien, die sich entschlossen haben, auf Bergbahnen und Schneekanonen zu verzichten.

Das Gasthaus „Gemsli“, mitten im Dorf, gegenüber der Postautohaltestelle: Calandabräu, Zimmer zu vermieten. In der Gaststube ein ausgestopfter Gämskopf und Fotos in schwarz-weiss, die zeigen, wie es früher war. „Die Leute, die zum Schneeschuhlaufen und Wandern herkommen, schwärmen von St. Antönien und von der Ruhe, die sie hier finden,“ sagt Elsbeth Flütsch, die Wirtin.

St. Antönien-Partnun: Abend an der Schijenflue (Foto: Jann Lampert/naturpracht.ch
St. Antönien-Partnun: Abend an der Schijenflue (Foto: Jann Lampert/naturpracht.ch

Elsbeth ist aufgewachsen im Weiler Meierhof, ein Stück weiter die Strasse hinauf. Sie war 17 Monate alt, als die Lawine das Haus verschüttete. Diese Januarnacht 1951 kennt sie aus den Erzählungen  der Eltern und der älteren Geschwister: „Die Balken kamen herunter, Staub und Dreck, aber der Ofen in der Stube hat uns gerettet. Wir sind beim Ofen gehockt und der hat gehalten.“

38 Winter und Sommer hat die Siebenundsechzigjährige im Gemsli gewirtet. Und heute? Wie sieht die Zukunft aus für St. Antönien? Heute wirtet eine ihrer Töchter mit ihrem Mann. Bis jetzt sei man über die Runden gekommen, sagt Elsbeth, aber Probleme gebe es genug. Natürlich sei man froh über den neuen Boom des sanften Tourismus, aber heutzutage, mit dem starken Franken, müsse man „chrampfe“, damit es rentiere, und das wollten die Kinder eben nicht mehr. Überalterung ist daher ein Problem. Zwei Hotels in St. Antönien sind geschlossen und suchen neue Pächter oder Käufer. Viele alte Häuser müssen renoviert werden. Arbeit gibt es talauswärts im Prättigau: in der Industrie, im Spital, auf dem Bau. Wenn nicht bald einmal mehr junge Familien mit Kindern zuziehen, wird die Primarschule in ein paar Jahren wohl geschlossen.

Rechtzeitig Kurs geändert

Auch in St. Antönien wachsen also die Bäume nicht in den Himmel. Und dennoch: „Wir können leben“, sagt Ernst Flütsch, der ehemalige Tourismusdirektor. „Wir haben natürlich keine Verhältnisse wie im Oberengadin. Wir sind preislich bescheidener. Wir hatten in den achtziger Jahren einmal 50‘000 Logiernächte, jetzt haben wir nur noch halb soviele, aber die Wertschöpfung ist höher.“

Heute findet man in St. Antönien wohl niemanden mehr, der das Rad zurückdrehen und hier grosse Bergbahnen haben möchte. „Gemeinden wie Safien, Bivio oder Avers sind einen ähnlichen Weg gegangen wie wir“, sagt Flütsch. „Sie haben rechtzeitig den Kurs geändert, andere haben das versäumt. In St. Antönien sind wir auf der sicheren Seite, aber Schadenfreude ist nicht am Platz. Skilifte wird es auch in Zukunft brauchen, denn ohne Skilifte wird es auch keine Skitouren geben. Skifahren lernen Kinder nun mal am besten am Lift.“

Dieser Text ist die überarbeitete und erweiterte Fassung der Reportage, die am 23. Dezember 2016 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienen ist.

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