Spannt Erdogan mit den Islamisten zusammen?

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Spannt Erdogan mit den Islamisten zusammen?

Von Arnold Hottinger, 11.10.2017

Im Kampf gegen die Kurden strebt die Türkei eine Vereinbarung mit der früheren Nusra-Front an.

Der türkische Präsident hat am vergangenen Samstag eine „ernsthafte Operation“ in Idlib angekündigt. Erdogan sagte, die „Freie Syrische Armee“ (FSA) werde dabei von der türkischen Armee unterstützt werden. Die Türkei werde nicht erlauben, dass sich ein „Terrorkorridor in Nordsyrien bis zum Mittelmeer erstreckt“.

Am Tag darauf wurden türkische Truppenkonzentrationen an der türkisch-syrischen Grenze in der Nähe des Grenzübergangs von Bab al-Hawa gemeldet. Der Übergang liegt an der internationalen Strasse, die Antiochien (türkisch Antakya) mit Aleppo verbindet und dabei die Provinz Idlib durchquert. Ein Sprecher der FSA erklärte, die FSA werde „die Nusra-Front zerschlagen“. Die Operation werde vorbereitet, habe jedoch noch nicht wirklich begonnen.

Karte: Journal21.ch/stepmap.de
Karte: Journal21.ch/stepmap.de

Operation „Euphrat-Schild“

Am Sonntag bauten türkischen Soldaten Teile der Grenzsperre ab, die bei Bab al-Hawa Syrien von der Türkei trennt. So soll „türkischen“ Panzern der Weg nach Idlib freigemacht werden. Ob dies wirklich türkische Armee-Panzer sein werden oder solche, die die Türkei der FSA zur Verfügung stellt, bleibt abzuwarten.

Die FSA-Soldaten hatten schon an der türkischen Aktion „Euphrat-Schild“ mitgewirkt. Mit diesem Vorstoss wollte die Türkei kurdische Kämpfer und IS-Milizen aus einem syrischen Territorium an der türkischen Grenze vertreiben. Dieses Territorium liegt zwischen dem Euphrat und der kurdischen Enklave von Afrin. Die Aktion „Euphrat-Schild“ hatte im August des vergangenen Jahres begonnen und war im März dieses Jahres als abgeschlossen erklärt worden.

Die Eindringliche „zerreissen“

Doch den türkischen und pro-türkischen Kräften war es nicht gelungen, die Stadt Membij zu erobern. Membij wird von lokalen Kräften mit kurdischer und amerikanischer Unterstützung gehalten. Ausser Membij halten nun die pro-türkischen Kräfte entlang der türkischen Grenze einen syrischen Streifen von rund 90 Kilometern Länge und 20 bis 30 Kilometern Breite. Dieser liegt zwischen den von Kurden beherrschten Territorien Afrin im Westen und Kobane im Osten. Anschliessend schloss Erdogan weitere Schritte in Nordsyrien nicht aus. Die gleichen FSA-Kräfte sollen nun offenbar in Idlib eingesetzt werden. Einer ihrer Sprecher äusserte sich sehr kriegerisch.

Auch von Seiten der HTS (Hai’at Tahrir Scham, Komitee zur Befreiung der Levante), der ehemaligen Nusra-Front, kommen kriegerische Töne. Die HTS-Kämpfer seien bereit, alle Eindringe „zu zerreissen“. Doch zunächst kam es nur zu einem kurzen Gefecht an der Grenze. HTS-Einheiten feuerten auf pro-türkische Kräfte, als diese die Grenzbarrieren bei Bab al-Hawa einrissen. Die türkische Armee antwortete mit Artillerie.

Neuer Name für die Nusra-Front

Die HTS ist der neue Name, den sich die Nusra-Front seit dem vergangenen Januar gibt. Sie hatte sich schon zuvor von al-Kaida offiziell losgesagt, und diese hatte der Trennung zugestimmt. Die HTS gilt offiziell als eine Dachorganisation, in der sich zahlreiche islamistische Kampfgruppen und deren Verbündete zusammenfinden. De facto dürfte sie jedoch unter der Führung der ehemaligen Nusra-Front stehen.

Der Gründer der Front, Abu Muhammed al-Golani, wurde als der militärische Oberkommandant der HTS bezeichnet. Der politische Führer ist neu Abu Jaber. Er ist einer der zahlreichen Islamisten, die 2011 vom Asad-Regime amnestiert und aus dem Gefängnis entlassen wurden. Ziel dieser Amnestien war es, dem Widerstand gegen Asad ein islamistisches Gesicht zu verleihen.

Rücksichtslose Bombardierungen

Laut russischen Angaben wurde al-Golani bei einem Angriff russischer Kampfflugzeuge schwer verwundet. Ihm fehle „ein Glied“. 18 andere HTS-Führer seien bei dem Angriff getötet worden. Ob man das glauben kann, ist allerdings offen. Die russischen Militärs neigen dazu, rasch Meldungen zu verbreiten, die sich im Nachhinein nicht immer als richtig erweisen.

Sicher ist, dass die HTS in Idlib unter starkem Druck durch die russische und die syrische Luftwaffe steht, wobei auch die amerikanische mitwirkt. Die Zivilbevölkerung leidet unter häufigen und rücksichtslosen Bombardements. Erdogan spricht dies an und sagt, die Türkei werde den gefährdeten Zivilisten in Idlib zu Hilfe kommen. 

Die HTS führende Kraft in Idlib

Bisher dominierte die HTS in Idlib. Sie versuchte, die anderen in Idlib wirkenden Kampfgruppen zu einer Allianz zu bewegen, was allerdings nicht ohne Kämpfe vor sich ging. Die FSA behauptet, schon seien zwei der Gruppen, die sich der HTS angeschlossen hätten, wieder von ihr abgefallen und seien bereit, mit der FSA gemeinsame Sache zu machen.

Schon im vergangenen September haben die Türken erklärt, sie würden Truppen nach Idlib senden, um dort im Rahmen des „De-Eskalierungsprogramms“, das in Astana beschlossen wurde, einzugreifen. Die Russen würden ebenfalls Truppen schicken, und zwar in die benachbarte Provinz Aleppo und an deren Grenze zu Idlib. Die „De-Eskalierung“ in Idlib ist besonders heikel, weil es dort drei beteiligte Kräfte gibt:

1) die syrischen Regierungstruppen mit ihren Verbündeten. Sie führen vor allem Luftangriffe durch.

2) Die HTS, offiziell nach wie vor als „Terrororganisation“ eingestuft und daher ausgeschlossen von der „De-Eskalierung“

3) und als dritte Kraft die anderen Kampfgruppen, die in den letzten Monaten von der HTS bedrängt werden, sich der HTS anzuschliessen.

Türkische Priorität: Kampf gegen die Kurden

Die Türken scheinen jetzt zunächst versuchen zu wollen, mit der HTS ein Abkommen zu schliessen, dies, obwohl die HTS als Terrororganisation eingestuft wird. Laut Beobachtern hat eigentlich keine der beiden Seiten Interesse daran, die andere zu bekämpfen. Die HTS hat bereits genügend Feinde: die Amerikaner, die Asad-Truppen und ihre russischen und iranischen Helfer. Einen zusätzlichen Feind, eben die Türkei, bräuchte sie nicht.

Der Türkei anderseits geht es in erster Linie darum, die Präsenz der kurdischen Miliz zu bekämpfen. Die Kurden wollen entlang der türkischen Grenzen ein eigenes Territorium errichten. Die türkische Operation ist offenbar mit Russland und mit Iran abgesprochen worden, jedoch wahrscheinlich nicht mit den USA.

Türkische Spezialtruppen haben nach verschiedenen Meldungen Inspektionen in der Nähe von Iblib durchgeführt. Geleiteten wurden sie dabei von HTS-Einheiten, was ein Hinweis auf ein Zusammengehen der Türken und der HTS ist. Die türkische Sondereinheit soll bei ihrer Inspektion einen Höhenzug aufgesucht haben, von dem man sowohl die Stadt Idlib als auch die kurdische Enklave Afrin beobachten kann.

Wachsende Spannungen mit Washington

Inzwischen verschlechtern sich die Beziehungen zwischen der Türkei und Washington zusehends. Zunächst hat der Nato-Staat Türkei russische S-400-Raketen gekauft. Zudem hat die Türkei mehrere amerikanische Bürger und türkisch-amerikanische Doppelbürger festgenommen, stets unter der Anschuldigung, sie würden Beziehungen zur Gülen-Bewegung pflegen.

Die New York Times glaubt zu wissen, dass ein Dutzend solcher Bürger festgehalten würde. Erdogan hat bei einer Zusammenkunft mit Polizeibeamten angedeutet, einer der Gefangenen, ein amerikanischer Missionar, könnte freigelassen werden, wenn die Amerikaner Gülen auslieferten. Erdogan soll erklärt haben: „Sie sagen: 'Gib uns einen gewissen Pastor!' und wir sagen ihnen: 'Ihr habt einen anderen Pastor in euren Händen, gebt ihn uns!' – Gebt ihn uns“, fuhr er fort, „und wir werden den euren durch die Gerichte schleusen und ihn euch übergeben!“

Visa-Stopp

Später hat die Türkei einen türkischen Konsulatsmitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Ankara festgenommen, wieder mit der Anschuldigung, er unterhalte Beziehungen zu dem in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen. Zudem sei er als Spion tätig.

Die USA wiesen diese Anschuldigungen als völlig haltlos zurück. Aus Protest dagegen erteilen die Vereinigten Staaten keine Visa mehr an türkische Bürger. Kurz darauf zog die Türkei nach und erklärte, sie stelle amerikanischen Bürgern keine Visa mehr aus.

Kommentare

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Es war abzusehen, dass mit dem Ende des Daesh (IS) die Allianzen zwischen den Kurden und den Regierungsarmeen brechen würden. Die Kurden waren die "nützlichen Idioten", welche man mit mehr Autonomie auf den von ihnen befreiten Gebieten gelockt hat. Da sie sich als härteste Widersacher des lange von KSA und den Golfstaaten unterstützten Daesh erwiesen, waren sie als Bollwerk gegen den Daesh entscheidend. Umgekehrt wurden die "gemässigte Opposition" in Syrien, welche eigentlich nur auf dem Papier existierten, lange als "Freiheitskämpfer" bezeichnet, bis herauskam, dass die meisten sich den Islamisten angeschlossen hatten und Menschen die Köpfe abschnitten.
Syrien und die Türkei können sich jetzt darauf vorbereiten, dass die Wut der Kurden bald explodiert. Es ist daher auch damit zu rechnen, dass ethnische und politische Konflikte zwischen Türken und Kurden in Europa massiv zunehmen werden.

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