Singhalesischer Triumphalismus

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Singhalesischer Triumphalismus

Von Bernard Imhasly, Mumbai - 28.11.2011

Im ersten Weltkrieg hatte Präsident Woodrow Wilson den amerikanischen Eintritt in den Krieg gegen Deutschland mit dem idealistischen Satz begründet: “A war to end all wars”. Es war eine fatale Fehleinschätzung.<!—break¨

Der Friedensschluss von Versailles legte das Fundament für den Zweiten Weltkrieg und wurde ‚a Peace to end all Peace‘. Was heute in Sri Lanka abläuft, erinnert mich an diese Worte und die Entwicklung in Europa vor hundert Jahren.

Es war ein grosses Aufatmen, in Sri Lanka und anderswo, als die LTTE im Sommer 2009 nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg militärisch besiegt, die Organisation zerstört und ihre ganze Führung physisch eliminiert wurden. Die Tamil-Tiger hatten es sich selbst zuzuschreiben, dass die Sympathie der internationalen Gemeinschaft, und selbst von Teilen der tamilischen Diaspora, auf der Seite der srilankischen Regierung lag. Die LTTE, verblendet durch den Allmachtswahn einer totalitären Führung, hatte nach dem Waffenstillstand von 2002 die Friedensverhandlungen platzen lassen; vier Jahre später war sie es, die den Krieg erneut anzettelte. Und nun stand sie einer Regierung gegenüber, deren Ziel nicht Frieden, sondern die Zerstörung der LTTE war.

**“Demokratische“ Militärherrschaft **

Der Preis war hoch: Die tamilische Minderheit, zwanzig Prozent der srilankischen Bevölkerung, wurde in Sippenhaft genommen. Im Norden und Osten landeten hunderttausende Flüchtlinge in Lagern, und wer sich nicht freiwillig dort meldete, wurde der Kollaboration verdächtigt und zum Freiwild gestempelt. Im Kriegsgebiet von Wanni führten die srilankischen Streitkräfte eine Kampagne der verbrannten Erde durch, und dokumentarisches Filmmaterial hat bewiesen, dass sie dabei massive Menschenrechtsverletzungen begingen.

Wer gehofft hat, dass die entfesselte Raserei nach dem Sieg ein Ende nehmen würde, sieht sich heute getäuscht. Statt Heilung und Versöhnung erlebt das Land singhalesischen Triumphalismus. Die Flüchtlingslager haben sich geleert, doch viele Rückkehrer wurden ihrer Landtitel beraubt, erblicken singhalesische Ansiedler auf ihren Feldern, sehen ganze Strassenzüge mit ihren Läden von den Militärs aus ‚Sicherheitsgründen‘ konfisziert.

Die Armee, nach 2006 für den Endkampf hochgerüstet, wurde nicht etwa auf den Vorkriegsstand entmobilisiert – im Gegenteil. Das Verteidigungsbudget wurde letztes Jahr noch einmal erhöht und der Armeebestand weiter ausgebaut. Präsident Rajapakse verfügt dank seiner Popularität als Kriegsgewinner über eine bequeme Parlamentsmehrheit. Dies erlaubt es ihm und seinem Bruder Gothabaya, mit ‚demokratischen‘ Mitteln eine Militärherrschaft zu errichten. Als ‚Defence Secretary‘ ist dieser neuerdings nicht mehr nur Chef des Verteidigungsministeriums. Dieses hat sich nämlich das Amt für Städtebau einverleibt und heisst nun ‚Ministry of Defence and Urban Development‘.

Opposition an die Wand gespielt

Es ist eine bizarre Kombination – aber ökonomisch plausibel. Denn die Kopplung gibt den Militärs die Möglichkeit, ihre grossen Landreserven in den Städten kommerziell zu nutzen. Mitten im Zentrum von Colombo plant das neue ‚MoDUD‘ ein Fünfstern-Hotel. Mit einem Federstrich hat es sich auch das Sportministerium untergeordnet, als es kürzlich die drei wichtigsten Cricket-Stadien übernahm. Die Begründung: Es sei eine patriotische Geste für den Nationalsport, da die Cricket-Behörde mit 200 Mio. Rupien überschuldet sei. Ein staatlicher Zuschuss an diese hätte es auch getan – aber das war nicht nach dem Gusto des Rajapakse-Clans.

Auch die Offizierselite ist auf den Geschmack gekommen. Das Argument der Sicherheit ist ein willkommener Vorwand, im Norden zum wichtigsten ökonomischen Akteur aufzusteigen. Mit den zahlreichen Kontrollstellen entlang des Jaffna-Highway kann man die Transportdienste in den Händen von Firmen ‚sicherstellen‘, die (Ex-)Offizieren gehören. Die vielen Singhalesen, die den Norden besuchen und sich dort im Gefühl des Sieges über ihre ungeliebten Brüder sonnen, werden von militäreigenen Bussen und Fähren transportiert. Ausländische Touristen, die gern auf Wal-Fahrten gehen, werden von Marineschiffen ausgeführt, und die Luftwaffe betreibt den inländischen Passagierflugverkehr.

Srilankische Zeitungen, die ob dieser Praktiken aufmüpfig werden könnten, werden durch das Verschwinden ungeliebter Journalisten oder fingierte Steuerklagen an der Leine gehalten; die wenigen freien Zeitungen müssen extrem vorsichtig navigieren, wollen sie eine Schliessung verhindern, wie es den Internet-Portalen bereits widerfuhr. Ausländische Printmedien finden schon lange keinen Weg mehr ins Land. Dies erlaubt es der Regierung, die Opposition, so sie sich noch regt, an die Wand zu spielen, sollte sie es wagen, sich an den ‚Befreiern der Nation‘ zu vergreifen.

Ungenierte singhalesische Machthaber

Vor kurzem hat das schweizerische Bundesgericht in Lausanne befunden, eine Rückkehr von tamilischen Asylanten sei wieder ‚zumutbar‘. Es ist ein fein gewähltes Wort, in der Grauzone angesiedelt, in der man gerade noch überleben kann, wenn man sich schön still verhält. Natürlich ist auch der Norden Sri Lankas kein politisches Niemandsland. Vor kurzem hat die ‚Tamil National Alliance‘ bei Gemeindewahlen die Rajapakse-Partei und ihre tamilischen Strohmänner glatt aus dem Feld geschlagen. Doch vermag dies wenig gegenüber der Allmacht eines Staates, der sich immer ungenierter als Vertreter der singhalesischen Mehrheit gebärdet.

Mit der Mischung von Triumphalismus und lokalpolitischen Brosamen lässt sich das ethnische Problem Sri Lankas aber nicht lösen; schon gar nicht, wenn das Sicherheitsdispositiv gleich noch die Wirtschaft vereinnahmt. Der Rajapakse-Clan hat dabei Anschauungsunterricht aus der Region genommen, wenn es um Kommerz und Sicherheit im Lotterbett vermählt werden. Pakistan und Indonesien sind zwei Beispiele, und auch die burmesischen Streitkräfte haben ihre Macht während Jahrzehnten ökonomisch unterfüttert. Dabei ist nicht ohne Ironie, dass Sri Lanka sich just im Augenblick militarisiert, in dem die myanmarischen Militärs ihren Allmachtsanspruch lockern.

Buddhas „noble path“ auf Abwegen

Die Affinität mit Burma geht ja noch weiter. Beide Länder bekennen sich zum Buddhismus als Staatsreligion, und damit wohl auch zur Friedensphilosophie des ‚Dhammapada‘. Und in beiden geniessen die Unterstützung der Mönche, die ebenso rabiat sind wie früher Europas Ordensleute und ihre ‚allerchristlichsten‘ Schutzherrn, die im Namen des Kreuzes ihre Gegner abschlachteten. Auch Buddhas ‚noble path‘ gerät auf Abwege, wenn er politisch vereinnahmt wird. Der Buddhismus ist Sri Lankas Staatsreligion, obwohl ein Fünftel der Bevölkerung Hindus sind. Dies zeigt, wie gross das Konfliktpotential in Sri Lanka weiterhin ist.

Und wie es neu geschürt wird. In einer ihrer kürzlichen NZZ-Reportagen schrieb Andrea Spalinger über Archäologen-Teams, die in den Norden des Landes ausgeschwärmt sind. Geht es darum, eine Bestandesaufnahme der kriegsversehrten Kulturgüter zu machen, viele wohl auch tamilisch-hinduistischer Herkunft? Mitnichten. Was die Teams bisher fanden, waren zahlreiche Spuren früher buddhistischer Präsenz – sprich: Der ganze Norden war einmal buddhistisch, bevor sich die Tamilen dort einnisteten. Ein Freudenruf für die Singhalesen, durchdringend genug, um auch allfällige LTTE-Schläferzellen wieder wach zu rütteln.

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