Siebzig Jahre – und kein bisschen weise

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Siebzig Jahre – und kein bisschen weise

Von Bernard Imhasly, 11.08.2017

Indien und Pakistan sind siebzig geworden. Beim 50. Geburtstag sprach man noch von einer gescheiterten und einer erfolgreichen Demokratie. Heute nicht mehr.

Dies nicht deshalb, weil Pakistan immer mehr wie Indien wird, sondern weil sich Indien „pakistanisiert“.

Vor siebzig Jahren, am 15. und 16. August 1947, wurde Indien ein freies Land. Der doppelte Geburtstag zeigt, dass aus British India zwei Staaten hervorgingen – Indien und Pakistan. (Genau genommen waren es, mit Burma und Ceylon, gar vier.) Es war Höhe- und Endpunkt einer dreissigjährigen Unabhängigkeitsbewegung, die im Gegensatz zu den oft blutigen Geburten von Staaten weitgehend gewaltlos verlaufen war.

Tragödie der „Vivisektion“

Der Sieg war aber auch eine Niederlage. Der Triumph des kampflosen Rückzugs der britischen Weltmacht wurde überschattet von der Tragödie einer „Vivisektion“ des Landes, wie Mahatma Gandhi es nannte: Die Spaltung in zwei Staaten, entlang religiöser Demarkationslinien. Ost- und Westpakistan waren Regionen mit muslimischen Mehrheiten gewesen, aber die weitgehend arbiträre Grenzziehung der Briten – mit veralteten demografischen Daten und Karten und mit grosser Hast vollzogen – schnitt bestehende Provinzen, Distrikte, Ortschaften entzwei.

Die Folge war eine Völkerwanderung, genauer: vier Völkerwanderungen, die sich im Osten und Westen des Subkontinents in jeweils gegensätzlicher Richtung in Bewegung setzten. Mit einem Mal wurden Nachbarn zu Blutfeinden, und Menschen auf der Flucht wurden Opfer von – Menschen auf der Flucht. Die Zahl der Vertriebenen wird auf 12 bis 15 Millionen geschätzt, die Zahl der Opfer überschritt eine Million.

Pakistans gescheiterter Spagat

Die Idee einer pluralistischen Nation wurde damit im Moment ihrer Realisierung zunichte gemacht. Pakistan definierte sich aufgrund einer gemeinsamen Religion, dem Islam. Ihm sollte der Spagat gelingen, zwei weit entfernte Geografien und Kulturen – das Indusbecken und Bengalen – zu überbrücken, mit tausend Kilometern Feindesland dazwischen.

Diese ideologische Klammer war zu schwach, das feindliche Indien dazwischen zu übermächtig. Pakistan warf sich in die Arme einer Offizierselite. Unter der dünnen Haut einer Scheindemokratie ist diese heute mächtiger denn je.   

Bizarre Vielfalt der Identitäten

Indien dagegen schien trotz der Amputation seiner zwei Flügel Fuss zu fassen. Während sich Pakistan hinter einer trotzigen Opfer- und Gefährdungsmentalität verbarrikadierte, war der Trennungsschock für Indien ein heilsamer. Eine säkulare Verfassung, Föderalismus und demokratische Machtverteilung stellten sicher, dass sich die im Land verbliebenen Muslime – mit damals 12 Prozent die grösste Minderheit – als gleichberechtigte Bürger sicher fühlen konnten.

Nicht nur die Muslime waren eine Herausforderung für die Bildung einer Nation gleichberechtigter Bürger. Die Grösse und demografische Dichte dieses Vielstromlandes sowie der Hinduismus mit seiner theologischen Lockerheit (und sozialen Rigidität) hatten zu einer bizarren Vielzahl von Identitäten und Gruppen beigetragen.

Heute zählt das Land nicht weniger als 4635 Gemeinschaften, die sich als unterschiedliche Gruppen mit einer eigenen religiösen, sozialen, sprachlichen Identität verstehen. 

Blockierte Wirtschaftsentfaltung in Indien

Demokratie, Säkularismus und Föderalismus waren die politischen Organisationsmuster, um dieser enormen Diversität eine tragbare nationale Plattform zu geben. Ein weiteres Bindemittel war die Aussicht auf rasche Entwicklung und Wohlstand – Indien als stolze Wirtschaftsmacht. 200 Jahre kolonialer Ausbeutung – der Kapitalstock für die industrielle Revolution im fernen England – hatten das früher reichgesegnete Land in einen wirtschaftlichen „basket case“ verwandelt. 

Ausgerechnet die Wirtschaft war dann einer der zwei Hauptfaktoren, die das Vorzeige-Modell eines demokratischen Drittweltstaats auf die schiefe Ebene brachten. Die rigiden staatlichen Kontrollen wirtschaftlicher Prozesse liessen das Pro-Kopf-Wachstum stagnieren. Ein bürokratisches Pfründenwesen erwies sich in Kombination mit einer kompetitiven Wahldemokratie als toxisches Gemisch.

Grossflächige Patronage der Kongresspartei

Die politische Elite des Landes, angeführt von der allmächtigen Kongresspartei, entwickelte ein Modell der Armutsbekämpfung, in dem nicht Beschäftigung der Wachstumsmotor war, sondern eine Vielzahl von populistischen Armutsprogrammen. Mit ihnen wurde die grosse Mehrheit der Armen bei der Stange gehalten. Sie liessen sich als Wahlgeschenke verkaufen, sie erlaubten grossflächige Patronage, und sie fütterten die Taschen der Funktionäre an den Schaltstellen.   

Auch die Liberalisierung der Wirtschaft nach 1991 änderte wenig an diesem System. Sie erlaubte es einer neuen Unternehmerklasse, rasch reich zu werden. Und sie entschärfte das politische Sprengpotential der städtischen Mittelschichten, die Jahrzehnte auf den Wohlstand hatten verzichten müssen, den sie gemäss ihrem sozialen Status reklamierten.

Slums und glitzernde Wohntürme

Der breite Sockel ländlicher Armut verringerte sich dadurch nur wenig. Die Landwirtschaft – heute noch 50 Prozent aller indischen Haushalte – stagnierte und blieb in einer veralteten Landgesetzgebung stecken. Die Sogwirkung der immer glänzenderen, immer höheren Wohntürme aus Glas und Metall nahm weiter zu. In deren Schatten breiteten sich die Slums aus.

Das Wachstum schnellte hoch, auch die Einkommen.  Aber noch schneller wächst das Einkommensgefälle. Mit ihm stellt sich das bekannte Paradox ein, dass die subjektive Zufriedenheit des Homo oeconomicus nicht nur von seinem Paycheck abhängt, sondern auch davon, wieviel der Nachbar verdient.

Aufstieg der national-religiösen Hundutva-Bewegung

Die anhaltende Sockelarmut Indiens mitten in einem Wirtschaftsboom bringt zunehmend die anderen Fundamente des Gemeinwesens ins Wanken. Gemeinsame Bürgerrechte brechen in Gruppeninteressen auf, die sich aufgrund ihrer Macht und Grösse auf Kosten der Schwächeren, namentlich der Dalits und der Muslime, durchsetzen. Der ideologisch breite Schirm der Kongresspartei wurde durch Parteien zerfetzt, die regionale, sprachliche, soziale und religiöse Partikularinteressen verfolgen.

Dies ist die Chance der national-religiösen Hindutva-Bewegung, die sich als nationale Alternative zum Kongress anbietet. Sie hatte sich im Unabhängigkeitskampf beiseite gehalten, wurde wegen Verbindungen zum Mord an Mahatma Gandhi in den Untergrund gedrängt. Dort entwickelte sie sich zu einem straffen Netzwerk, deren Ideologie  Demokratie nur duldet, wenn sie den Willen der Hindu-Mehrheit vertritt.  

Kaschmir als Erbschuld der Teilung

Dem Kaderverband RSS und der BJP, ihrem politischen Ableger, kommt zupass, dass Indien noch immer eine Erbschuld der Teilung von 1947 namens Kaschmir mit sich herumschleppt. Logischerweise hätte die Grenzregion an Pakistan gehen sollen. Doch der grösste Teil wurde Indien zugeschlagen, mit dem Versprechen von Premierminister Nehru, ein Plebiszit über den künftigen Status durchzuführen.

Es fand nie statt. Die Forderung der Rückkehr Kaschmirs unter den Mantel der islamischen Umma wurde zum wichtigsten Bindemittel der pakistanischen Nation und legitimierte die Schlüsselrolle der Armee. In Kaschmir selber schlug die Autonomiebewegung unter dem Druck einer jahrzehntelangen militärischen Besetzung in offenen Sezessionismus um, die in der Vertreibung der Hindu-Minderheit aus dem Kaschmirtal gipfelte. 

Modis erfolgreiche Demagogie

Im grossen indischen Hinterland nährte der Konflikt mit Pakistan und der Bürgerkrieg in Kaschmir das Feindbild des indischen Muslims als einem potentiellen Quisling. Er wurde zur idealen Folie, vor der sich die Konturen eines virilen, harten Hindus scharf herausarbeiten liessen. Die BJP legitimiert die demografische Dominanz einer der Volksgruppen als demokratische Stimme des „Volkes“; Religionstoleranz ist nicht mehr als die Duldung von Bürgern zweiter Klasse.

Dem cleveren Demagogen Narendra Modi scheint der Spagat zu gelingen, durch Vorgaukeln von Grossmachtträumen atavistische Instinkte – „Tod den Verächtern von Mutter Kuh!“ – und das Versprechen moderner Bildung und Marktwirtschaft miteinander zu verkoppeln. Es hört sich wie eine Versicherungspolice an: Falls sich die versprochene Massenbeschäftigung trotz Marktfreiheit nicht einstellen sollte, lassen sich die frustrierten Aspirationen junger Inder immer noch mit Hasstiraden gegen Muslime und Dalits ventilieren.  

Erloschener Glaube an Gandhis Gewaltlosigkeit

Statt dass sich das militarisierte Pakistan nach siebzig Jahren endlich der „reifen“ indischen Demokratie angleicht, geschieht das Gegenteil. Der indische Staat macht sich auf, seinen Machtapparat umzupolen, von einem Garanten liberaler Grundrechte zur Kontrolle und Manipulation der Bürger. Er diszipliniert die Medien, schüchtert die Gerichte ein und inszeniert Twitterstürme gegen säkulare Intellektuelle – Sickulars – und journalistische Volksverächter – Presstitutes.

Allerdings ist es kurzsichtig, für eine Gesellschaft mit 1300 Millionen Menschen (davon 190 Millionen Muslimen) lineare Zukunftsszenarien zu basteln. Dies gilt – im Gegensatz zu China – gerade für Indien, mit seiner bizarren Kombination von Chaos und Konservatismus, Freigeist und Unterwürfigkeit. Bereits Indira Gandhi musste für ihren Griff nach der Krone des Autoritarismus schwer büssen.

Sicher lässt sich aber sagen, dass die Zeit der Unschuld – mit dem Glauben an Gandhische Gewaltlosigkeit und nationale Verbrüderung und der hübschen Metapher der ethnischen „Salad Bowl“ – vorbei ist. Nichts zeigt dies deutlicher als das Porträt, das seit einigen Jahren im Rund der Parlamentshalle von Delhi hängt, zusammen mit jenen anderer Helden der Republik. Es zeigt das Konterfei von Vir Savarkar, einem der Hintermänner beim Mord an Mahatma Gandhi. Narendra Modi hatte ihm 2008 eine eigene Webseite eingerichtet.

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