«Sie hat die Krone an und er die Hosen»

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«Sie hat die Krone an und er die Hosen»

Von Gisela Blau, 20.11.2017

Vor 70 Jahren heirateten Königin Elizabeth II. und Prinz Philip am 20. November. Ein Ereignis, unglaublich nah und fern zugleich.

Am Morgen vor der Hochzeit ging einiges schief. So zerbrach der Rahmen des Diadems, an dem der Schleier aus Seidentüll auf dem Kopf von Kronprinzessin Elizabeth befestigt werden sollte. Königin Elizabeth, ihre Mutter, beruhigte: «Wir haben noch zwei Stunden», soll sie gesagt haben, «und es gibt noch andere Diademe».

Das Hochzeitspaar am 20. November 1947. Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatten sie einige Pannen hinter sich, aber eine glanzvolle Zukunft vor sich. (Foto: Keystone/AP)
Das Hochzeitspaar am 20. November 1947. Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatten sie einige Pannen hinter sich, aber eine glanzvolle Zukunft vor sich. (Foto: Keystone/AP)

Die gab es tatsächlich im Überfluss, aber für die Hochzeit sollte es das «Fransen-Diadem» mit Dutzenden riesiger Diamanten von Königinwitwe Mary sein, der Grossmutter der Braut. Mary bunkerte unerhört viel kostbaren Schmuck. Die meisten Juwelen hinterliess sie ihrer Enkelin Elizabeth, als sie 1953 starb.

Das Fransen-Diadem hatte sie allerdings ihrer Schwiegertochter Elizabeth, der Brautmutter, geschenkt, und diese lieh es ihrer Tochter für die Hochzeit. Es diente als Hingucker und als «geborgtes» Stück des üblichen Braut-Repertoires (etwas Neues, etwas Blaues, etwas Geborgtes). Und nun war es zerbrochen. Hofjuwelier Garrard wurde eilends geholt. Er konnte das Diadem nicht vor Ort reparieren und transportierte die teuren Bruchstücke mit Polizei-Eskorte in seine Werkstatt an der Londoner Regent Street. Rechtzeitig kam er in den Buckingham-Palast zurück, und das Diadem erstrahlte wie gewünscht auf dem Haupt der Braut wie der leibhaftige Niagara-Fall.

Perlen aus dem Kronschatz

Als wäre das noch nicht schlimm genug gewesen, hatte die Braut in einem anderen Palast die beiden Perlenketten vergessen, die sie im herzförmigen Ausschnitt ihres Kleides tragen wollte. Es waren die separaten Stränge aus natürlichen Perlen, die kürzere gehörte einst Königin Anne, die um einige Perlen längere Königin Caroline. Die Legende sagt, dass Prinzessin Elizabeths Privatsekretär die Limousine des als Gast anwesenden norwegischen Königs Haakon requirierte, aber trotz des königlichen Standers nicht durch das Verkehrschaos kam. Er soll den Rest des Wegs im Laufschritt zurückgelegt haben, doch wurde er zunächst von den Sicherheitsleuten aufgehalten, welche die 2500 kostbaren Hochzeitsgeschenkte bewachten. Doch auch er schaffte es rechtzeitig zur Thronerbin.

Eigentlich merkwürdig, dass sie ausgerechnet die Perlen von zwei unglücklichen Königinnen zur Hochzeit tragen wollte. Königin Anne war im 18. Jahrhundert die letzte Regentin aus dem Hause Stuart. Weil keines ihrer Kinder das Erwachsenenalter erreichte, erkor das britische Parlament nicht die Stuarts, sondern das Haus Hannover für die Nachfolge. Und Königin Caroline war die verschmähte Frau von Georg IV., die meist unter Hausarrest stand und ihre Tochter nur selten sehen durfte. Die heutige Königin trägt jedoch im Alltag aus ihrem reichhaltigen Schmuck-Arsenal stets ein dreireihiges Perlen-Collier und die Perlen-Ohrstecker von Grossmutter Mary.

Zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sollte die königliche Hochzeit mit allem Pomp in der Westminster-Abtei gefeiert werden. Auch Churchill hielt dies für eine gute Idee. Unter den mehr als 2000 Gästen befanden sich die gekrönten Häupter Europas, denen es offenbar ebenfalls gut tat, wieder ihre Gala-Uniformen, Roben und Juwelen vorführen zu dürfen. Nur die deutsche Verwandtschaft der Mutter des Bräutigams war nicht eingeladen, nicht einmal seine vier älteren Schwestern, die vor dem Krieg deutsche Adelige geheiratet hatten.

Drei Monate für ein Brautkleid

Im schwer kriegsgeschädigten Grossbritannien gab es 1947 noch immer die Rationierung. Prinzessin Elizabeth bekam zusätzliche 200 Kleidercoupons, um den Stoff für ihr Brautkleid zu kaufen. Gewählt wurden elfenbeinfarbener Seiden-Satin Duchesse und gleichfarbener Seidentüll für den Schleier und die an den Schultern befestigte vier Meter lange Schleppe. Der damals 46-jährige Hof-Couturier Norman Hartnell und seine Schneiderinnen arbeiteten drei Monate lang am Brautkleid mit den langen Ärmeln, einem eng auf die Wespentaille der Braut modellierten Oberteil und am weiten Rock. Von Hand wurden Blumen und Sterne appliziert und zehntausend kleine Perlen und Kristalle aufgenäht.

Die Braut schritt am Arm ihres Vaters, des Königs Georg VI., auf hochhackigen Sandalen aus dem gleichen Satin Duchesse durch die Kirche. Am Altar wartete der Bräutigam in seiner dunkelblauen Uniform eines Leutnants der königlich-britischen Marine. Unter den Auszeichnungen für seine Einsätze prangten allerdings nagelneue Orden, die weder seinem Alter noch seinem Rang entsprachen, aber sein Schwiegervater hatte den Bräutigam am Vortag zur königlichen Hoheit und zum Herzog von Edinburgh ernannt. Später kam noch der Titel eines Prinzen dazu.

Titel ohne Mittel

Diesen Titel war Philip eigentlich gewohnt, denn er war 1921 als Prinz von Griechenland und Dänemark in einem Schloss auf Korfu zur Welt gekommen, als jüngstes Kind und einziger Sohn eines Prinzenpaars. Aber es war für ihn ein Titel ohne Mittel. Kindheit und Jugend waren kompliziert, weil seine Eltern ins Exil gezwungen wurden, sich dort trennten und bei seiner Mutter bald Schizophrenie festgestellt wurde. Er lebte hier und dort bei Verwandten, besuchte Internate, kam unter die Fittiche seines Onkels Louis Mountbatten, des Bruders seiner Mutter aus dem Hause Battenberg, dessen anglisierten Namen er später annahm. Er erwarb die britische Staatsbürgerschaft, verzichtete auf seine Prinzentitel, war nur noch Philip Mountbatten und trat in die britische Marine ein. Dort lernte er auch die britische Thronfolgerin kennen, als sie 13 und er 18 Jahre alt war: 1939, bei einem Besuch in seinem Marinestützpunkt in Dartmouth, führte er die junge Prinzessin durch die Anlage. Eingefädelt hatte dies sein Onkel Mountbatten.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Für die blutjunge Prinzessin Elizabeth kam nie ein anderer Anwärter in Frage als dieser hochgewachsene, blonde, witzige Typ in der blauen Uniform. Dann begann der Krieg. Die beiden schrieben sich Briefe, Elizabeth diente bald einmal im Frauenhilfsdienst, war Kraftfahrzeugfahrerin, und Philip zeichnete sich in einer Seeschlacht derart aus, dass sein Name im offiziellen Bericht erwähnt wurde. Das trug ihm bei König Georg VI. Punkte ein. Obwohl sich die königlichen Eltern für die Thronfolgerin einen besseren Prinzen mit eigenem Vermögen gewünscht hätten, stimmten sie im Juli 1947 einer offiziellen Verlobung zu. Der Verlobungsring war für Philip nicht wirklich teuer. Der stattliche Dreikaräter und die benachbarten kleineren Diamanten in Pavé-Fassung entstammten einem Diadem, das seiner Mutter gehörte. Der Ehering, den er am 20. November 1947 an Elizabeths Finger steckte, war wie für alle Bräute aus dem englischen Königshaus aus walisischem Gold gearbeitet. Beide Ringe gehören seither zur Alltagsausstattung der Königin.

Rasante Karriere

Es war nie ein Geheimnis, dass der Herzog von Edinburgh gerne seine vielversprechende Marine-Karriere fortgesetzt hätte. Dieses Schicksal teilte er mit seinem Schwiegervater. Dieser hatte als Marine-Offizier widerwillig die Krone als Georg VI. übernehmen müssen, als sein Bruder Edward VIII. auf diese verzichtete, um die nicht genehme Wallis Simpson zu heiraten. Die Abdankung verschonte 1936 das Vereinigte Königreich vor einem König mit offenen Sympathien für die Nazis. Georg VI. und seine Frau wirkten im Verein mit Winston Churchill während des Zweiten Weltkrieges als Vorbilder für den Widerstandswillen der Bevölkerung. Und Prinz Philip machte als Prinzgemahl eine rasante Karriere – bald war er Admiral und Oberkommandierender von Heer und Luftwaffe.

Chef der Familie

Pünktlich ein Jahr nach der Hochzeit kam Thronfolger Charles zur Welt, der nächstes Jahr auch schon 70 Jahre alt wird. Philip unterstützte loyal seine Frau; die beiden sind Vorbilder für getreue Pflichterfüllung. Er ging zwar stets zwei Schritte hinter ihr, aber in der Familie hat der Ehemann und Vater das Sagen. Sein Biograf schrieb, die Königin habe die Krone an, aber er die Hosen. Als er dieses Jahr 96 Jahre alt wurde, ging der Prinzgemahl offiziell in Rente. Aber kürzlich am Gedenksonntag für die Kriegsopfer, als die 91-jährige Königin erstmals Prinz Charles die Kränze am Cenotaph niederlegen liess, stand Philip in der bitteren Kälte getreulich neben der Königin auf dem Balkon, in der Marine-Uniform.

Die meisten Briten und die Bewohner des stark geschrumpften Commonwealth kennen seit ihrer Geburt kein anderes Königspaar als Elizabeth II. und Prinz Philip. Hier stellt sich für viele die Frage, weshalb eine angeheiratete Ehegattin eines Königs auch Königin genannt wird, ein Mann wie Philip jedoch nicht König werden darf. Er selber hat diese Frage allerdings nie öffentlich gestellt.

Kommentare

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Was will man zu so was noch sagen. Ein Anachronismus, Royals, grotesk. Sie sind der lebende Beweis für die Ungleichheit und Ungerechtigkeit der Menschen durch Gewalt- und Verfügungsmacht Hierarchie. Und dann noch Deutsche auf dem britischen Thron. Dass das den Bürgern des Commonwealth durch die grausame Geschichte und die Verhältnisse, die diese Menschen verursacht haben, nie abgelöscht hat und sie nie sagen: "Genug! Das brauchen wir nicht mehr. Jeder Mensch ist durch seine demokratische Partizipatian und Selbstbestimmung am Ganzen selber ein König, eine Königin. Enteignet sie und verteilt alles an die Armen!" Aber selbst die letzte Österreich-Ungarn Kaiserin der Aargauer Habsburger, Zita und dann selbst ihre Nachkommen bis zum heutigen Tag, lassen jeweils ihre Herzen in ihrem Stammkloster Muri AG beisetzen. Damit wollen sie wohl stellvertretend für alle Royals, der Schweiz und der Welt explizit demonstrieren, dass sie ihre tausendjährigen Besitzansprüche nie aufgeben werden. Und das dürfen sie von mir aus auch.

Brillant ! Gisela Blau pflegt (auch) hochstehenden 'Boulevard'-Journalismus, wozu unser erbärmlich gewordenes Boulevard-Schundblatt längst nicht mehr in der Lage ist. Die können unisono Gisela Blau nicht einmal das Stroh in die Schuhe geben.

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