Sensationen des Gewöhnlichen

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Sensationen des Gewöhnlichen

Von Urs Meier, 11.01.2016

Michael Rutschky hat ein Tagebuch vorgelegt, in dem der mässige Wellenschlag des Privaten inmitten einer stürmisch bewegten Zeit sichtbar wird.

Von März 1981 bis Juni 1984 reichen die Tagebuchnotizen, die der deutsche Essayist Michael Rutschky unter dem Titel «Mitgeschrieben – Die Sensationen des Gewöhnlichen» mehr als dreissig Jahre später veröffentlicht hat. Der Autor schaut zurück auf den damals Vierzigjährigen im noch geteilten Deutschland. Es ist die Zeit von Reagans Präsidentschaft, der grossen Friedensdemonstrationen, des Nato-Doppelbeschlusses. Kohl wird Kanzler, der Siegeszug des Personal Computers kündigt sich an, Margarethe von Trottas «Die bleierne Zeit» kommt in die Kinos, in der DDR demonstrieren kirchliche Friedensaktivisten mit der Parole «Schwerter zu Pflugscharen», Grossbritannien erobert die Falklands/Malvinas von Argentinien zurück, der «Stern» veröffentlicht gefälschte Hitler-Tagebücher, Lech Wałęsa bekommt den Friedens-Nobelpreis, mehrere RAF-Terroristen werden verurteilt.

Von diesen weltbewegenden Fakten spiegelt sich kaum etwas in Rutschkys Aufzeichnungen. Für einen Publizisten doch ein merkwürdiger Befund. Das Buch bringt für seine Weltferne weder Erklärungen noch gar Entschuldigungen vor. Einzig in einer Fussnote (nur zwei davon gibt es ganz am Anfang) ist das Prinzip dieses privaten Mitschreibens wie folgt erläutert:

«Die Aufzeichnungen folgten einer Regel, die ich in Anna Freuds Londoner Zentrum für die Psychoanalyse von Kindern aufgeschnappt zu haben meinte, ‚to write a card’. Hospitanten sollten, fiele ihnen eine Szene oder eine Einzelperson deutlich auf, diese Beobachtung niederschreiben. Jeden Tag – unterstellten die Aufzeichnungen – findet sich eine solche Beobachtung.»

Frau K. und N., der Hund

Genau so ist Rutschky offensichtlich verfahren. Was «deutlich auffällt» – an ihm selbst oder anderen Menschen, bei der Arbeit, unterwegs mit dem Hund, auf Reisen – hat er tagtäglich notiert. Oft liegt das Bemerkenswerte eines Vorkommnisses nur darin, dass es bemerkt wurde und so eine Spur hinterliess. Die Notizen umfassen meist wenige Zeilen oder eine halbe Seite. Vereinzelt ziehen sich Erzählungen über einige Seiten.

Etliche Figuren sind nur mit einer Initiale bezeichnet, so die Redaktionsassistentin bei der legendären «TransAtlantik», Frau K., die nie zu arbeiten scheint. Gleichartige Benamsung erfahren auch der überaus wichtige Hund N. (gegen Ende des Buchs heisst er dann Nickel) und der Verfasser R., was vielleicht auch als «er» gelesen werden kann.

Mit dieser Distanzierung von sich selbst schafft Rutschky ein Gegengewicht zur ungeschützten Direktheit und Intimität seines Mitschreibens. Er beschönigt weder sein häufiges Durchhängen noch seine Zigaretten- und Alkoholsucht. R. zeigt seine hypochondrischen Fixierungen wie auch seine ängstliche Eitelkeit als Autor mit entwaffnender Offenheit und traut sich gar, ein unschönes Betrüglein zu beichten. Abneigungen gegen bestimmte Kollegen fliessen ungefiltert ein. Seine Träume und Versagensängste sind mit Akribie geschildert, und die im üblichen Ausmass vertrackten Familienbande beobachtet er kühl.

Ironie und Liebe

Und doch hat man nie das Gefühl, einem exhibitionistischen Treiben beizuwohnen, ganz besonders auch da nicht, wo er über seine Ehe mit Kathrin schreibt. Katharina Rutschky, wie ihr Mann eine prominente Publizistin, ist 2010 im Alter von 68 Jahren verstorben. Zusammen ergeben die Kathrin-Notate eine feine, berührende Ehegeschichte. Ohne Pathos und Romantik zeitigt das fragmentarische Mitschreiben die Erzählung eines liebevollen Zusammenlebens, in dem die beiden trotz prekären Phasen und gelegentlichem Knirschen des täglichen Krams einander in unerschütterlicher Verlässlichkeit zugetan sind.

Rutschky hat als 72Jähriger mit der Veröffentlichung der Tagebuchnotizen das ergreifende Dokument der Verehrung für seine vor fünf Jahren verstorbene Frau vorgelegt. Er konnte das wagen, weil die in den frühen Achtzigerjahren geschriebenen Notate zeit- und milieugerecht sich wortkarg geben und dem Sarkasmus stets näher sind als der Rührung. Wenn Liebe, dann aber im Modus der Ironie – so verlangte es der Habitus der coolen Intellektuellen.

Dicht am Alltag

Wer soll «Mitgeschrieben» lesen? Wer die Welt der Politik und Diskurse in der BRD jener Jahre verfolgt hat und sich dem damaligen Spektrum linker und linksliberaler Intellektualität einigermassen nahe fühlt, dürfte entzückt sein. Sollten gar Namen wie Hans Magnus Enzensberger, Gaston Salvatore, Kurt Scheel, Rainald Goetz, Hans Paeschke, Karl Heinz Bohrer, Karl Markus Michel, Gundolf Freyermuth, Lothar Baier etwas anklingen lassen, so wird man gern eintauchen in die von Rutschky evozierte Welt.

Über die Reminiszenzen hinaus gibt das Buch Einblick in ein sich in Alltagswelten bewegendes Denken und eine mit dokumentarischen Methoden operierende Essayistik, wie sie in jener Zeit von Michael Rutschky beispielhaft entwickelt wurde. Es ist ein diskursiver Stil, der die Leserin und den Leser zu Forschenden macht, sie zum Spurenlesen anstiftet, zum Verknüpfen von Wahrnehmungen animiert, so dass sie sich einen eigenen Reim machen.

Michael Rutschky: Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen, Berenberg Verlag, Berlin 2015, 428 S. 

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