Sechs Tage für die Ewigkeit

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Sechs Tage für die Ewigkeit

Von Heiko Flottau, 29.05.2017

Vor fünfzig Jahren begann der Sechstagekrieg. Er veränderte den Nahen Osten mit unbewältigten Folgen bis heute. Schlaglichter und Analysen in drei Teilen. Teil 1

Als der deutsche Bundesaussenminister Sigmar Gabriel Ende April anlässlich seines Antrittsbesuches in Israel auch Vertreter der NGOs Breaking the Silence und B’Tselem traf, kam es zum Eklat: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte kurzerhand ein geplantes Gespräch mit Gabriel ab.

Krieg gebiert Krieg

Er empfange „keine Diplomaten anderer Länder, die Israel besuchen und sich dabei mit Organisationen treffen, die unsere Soldaten Kriegsverbrecher nennen“. (1) Die 2004 gegründete Organisation „Breaking the Silence“ veröffentlicht Erlebnisberichte israelischer Soldaten, die ihren Dienst in den besetzten Gebieten verrichten. B‘Tselem deckt seit 1989 Menschenrechtsverletzungen im Gazastreifen und in der Westbank auf.

Offensichtlich will die Regierung Netanjahu – unmittelbar vor dem 50. Jahrestag des Sechstagekrieges – Debatten über die Folgen der israelischen Besatzungspolitik um jeden Preis verhindern. Der Sechstagekrieg zwischen Israel einerseits sowie Ägypten, Syrien und Jordanien andererseits begann am 5. Juni und endete am 10. Juni 1967. Seine Folgen wirken bis heute nach – als stetig wiederkehrende Kriege, die Besetzung ganz Palästinas durch Israel und den bis heute andauernden völkerrechtswidrigen Siedlungsbau in den eroberten Gebieten.

Krieg gebiert Krieg. Das ist die bittere Lehre, welche die nahöstlichen Konvulsionen seit 1948 lehren. Eine weitere regionale Folge nach dem Waffenstillstand von 1949 war der Staatsstreich einer Gruppe „freier Offiziere“, wie sie sich nannten, in Ägypten. In der Nacht vom 22. auf den 23.Juli 1952 schickten diese Militärs unter der Leitung von General Mohammed Naguib und Oberst Gamal Abdel Nasser (dem späteren starken Mann der Gruppe) den von Grossbritanniens Gnaden regierenden König Farouk ins römische Exil.

Der talentierte Oberst

Die Begründung: Die ägyptische Armee habe 1948/49 im Krieg gegen Israel lust- und mutlos gekämpft, mithin die arabische Niederlage mitverschuldet. Erste Konsequenz des Putsches: Oberst Nasser wurde zum Schöpfer eines neuen arabischen Nationalismus, des Panarabismus, unter dessen Banner er in den politischen Kampf gegen Israel und dessen Schutzpatron, die alte Kolonialmacht England, zog.

In London wollte man dieser politischen Wende nicht tatenlos zusehen. Als ein Beamter des Foreign Office, Anthony Nutting, im März 1956 dem britischen Premier Anthony Eden riet, Nasser diplomatisch zu isolieren und dadurch zu schwächen, rief Eden ins Telephon: „Was soll all dieser Unsinn, Nasser zu isolieren oder ihn zu neutralisieren, wie Sie es nennen ? Ich wünsche ihn ermordet, können Sie das nicht verstehen?“ Und er fügte hinzu, dass ihn das Chaos, das in Ägypten nach einem solchen gewaltsamen Regimewechsel entstünde, wenig interessiere. Für Eden war Nasser nichts weiter als ein „zweiter Hitler“.

Trügerischer Erfolg

Doch ein solcher Regimewechsel erwies sich als schwierig. Denn Nasser suchte für seinen Panarabismus auch internationale Stützpfeiler. Er fand sie in der Bewegung der Blockfreien. Zusammen mit dem Jugoslawen Josip Broz Tito, dem Indonesier Sukarno, dem Inder Jawaharlal Nehru, dem Cubaner Fidel Castro und dem Chinesen Tschu-en-Lai hatte sich Nasser bereits 1955 im indonesischen Bandung eingefunden. Delegierte aus insgesamt 23 asiatischen und sechs afrikanischen Staaten gründeten dort die Gruppe der Blockfreien, die weder dem Kapitalismus noch dem Kommunismus frönte. Israel stand nun einem international gestärkten Nasser gegenüber.

Nasser nutzte seine Chance. Im Oktober 1956 verstaatlichte der von Eden mit dem Tode bedrohte arabische Führer den unter britischer Kontrolle stehenden Suezkanal; England, Frankreich und Israel intervenierten militärisch, Nassers Armee wurde geschlagen, Eden wähnte sich vor seinem Ziel. Doch der amerikanische Präsident Dwight Dean Eisenhower entzog den drei Aggressoren jedwede diplomatische Unterstützung. Und zeitgleich zur Suezinvasion schlug die Rote Armee den ungarischen Volksaufstand gegen die sowjetische Besatzung des Landes nieder. Wie konnte der Westen gegen das russische Eingreifen protestieren, wo er doch selber im Nahen Osten auf Kriegspfad war? Der erste Versuch, Nasser zu stürzen war gescheitert. Nun mussten Israel und seine Alliierten auf die zweite Chance warten. Allerdings feierte Israel im Geheimen doch einen Erfolg, einen Erfolg, der das Land einst unverwundbar machen sollte. Schimon Peres, damals Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, erhielt in den Verhandlungen, die zur Suez-Intervention führten, die Zusage seiner Verbündeten, beim Aufbau des israelischen Atompotentials behilflich zu sein.

Guerillakrieg gegen Israel

Nasser versuchte derweil, den von ihm proklamierten Panarabismus mit Inhalt zu füllen – mit wechselndem Erfolg. Im Unabhängigkeitskrieg Algeriens gegen Frankreich (1954–1962) versorgte er die Aufständischen mit Waffen. Zum Menetekel indes wurde sein militärisches Engagement im jemenitischen Bürgerkrieg (1962–1970), in welchem er zur Unterstützung der Republikaner gegen den zaiditisch-schiitischen Imam 20‘000 ägyptische Soldaten schickte. Im Sechstagekrieg fehlten ihm viele der, allerdings schon erschöpften, Truppen – ein  militärisches Defizit, das zur arabischen Katastrophe im Juni 1967 beitrug.

Inzwischen formierte sich in der Region weiterer politischer und auch militärischer Widerstand gegen die durch die Gründung Israels geschaffene neue Ordnung. Im Oktober 1952 gründete Jassir Arafat zusammen mit einigen Gesinnungsgenossen in Kuwait seine Fatah-Organisation. Sie setzte sich die Vernichtung Israels zum Ziel (inzwischen widerrufen) und begann einen Guerillakrieg gegen Israel. 

Palästinensische Rebellen

Guerilla-Attacken gegen Israel  und Vergeltungsschläge des neuen Staates waren  allerdings auch ohne Arafats Fatah schon damals an der Tagesordnung. Sie  wurden zum Muster jener kriegerischen Konflikte, die schliesslich zum  Sechstagekrieg von 1967 führten. Anfang Oktober 1953 etwa fielen aus dem kleinen palästinensisch-jordanischen Ort Qibia palästinensische Rebellen nach Israel ein und töteten eine Mutter und ihre zwei Kinder. Die Vergeltungsaktion der Israelis war harsch: Unter dem Kommando von Ariel Scharon drangen israelische Truppen in Qibia ein und töteten 71 Palästinenser. Dieses Massaker blieb so sehr im Gedächtnis der Einwohner von Qibia verwurzelt, dass sich ein Einwohner von Qibia, Suleyman Mustafa Hassan, fast  genau vier Jahrzehnte später in Berufung auf das israelische Massaker von 1953 am  4.Oktober 1993, mit einem PKW-Kombi voller Dynamit vor der israelischen Siedlung Beit El bei Ramallah in die Luft sprengte und einen Israeli tötete und sechs verletzte. 

Einen entscheidenden Faktor, welcher zum Junikrieg beitrug, bildete das spannungsgeladene syrisch-israelische Verhältnis. Offizieller, von Israel propagierter Lesart zufolge waren es die Syrer, die immer wieder von den an Israel grenzenden Golanhöhen mit Artilleriefeuer Israel angriffen. Den Vorhang vor dieser Darstellung hat ausgerechnet Moshe Dayan, während des Junikrieges erstmals Verteidigungsminister, gelüftet. Danach hat das israelische Militär etwa 80 Prozent der syrischen Angriffe bewusst provoziert. In einem privaten Gespräch mit dem israelischen Journalisten Rami Tel hat Dayan im Jahre 1976 Folgendes gesagt: „Wir (die Israelis) haben gewöhnlich einen Traktor in die demilitarisierte Zone (der Golanhöhen) geschickt ... und wir wussten im Vorhinein, dass die Syrer schiessen würden. Wenn sie nicht schossen, haben wir den Traktor weiter nach vorne beordert, und schliesslich waren die Syrer so verärgert, dass sie schossen. Und dann haben wir unsere Artillerie und auch die Luftwaffe benutzt – und so war es.“ (2) Der israelische Historiker Avi Shlaim zieht aus dieser Aussage den Schluss, dass „Israels Strategie der Eskalation an der syrischen Front“ vermutlich der „wichtigste Faktor“ gewesen sei, der den Mittleren Osten im Juni 1967 in den Krieg gezogen habe.

(1)  Das berichtet die britische Historikerin Alex von Tunzelmann in ihrem  2016 erschienenen  Buch „Blood and Sand. Suez, Hungary and Eisenhower`s Campaign for Peace“.

(2) Avi Shlaim:  The Iron Wall.  Israel and the Arab World.  London 2000, S. 235

Dieser Beitrag ist in den  Blättern für Deutsche und Internationale Politik, Juniausgabe 2017, erschienen und wurde für das Journal21.ch vom Autor überarbeitet und erweitert.

Teil 2: Nassers Irrtum gebiert Desaster

Kommentare

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„UNWRA (...) zählt insgesamt 3,7 Millionen palästinensische Flüchtlinge - das sind jene, die im Krieg von 1948/49 und jene die 1967 vom israelischen Militär vertrieben wurden und deren Nachkommen.“

Laut Angaben der UNWRA handelt es sich bereits um in etwa 5 Millionen sogenannte Flüchtlinge. Warum sogenannte? Es ist eine äusserst fragwürdige Politik, den Flüchtlingsstatus vererbbar zu machen. So gilt er auch für Palästinenser, die schon lange mit einer anderen Staatsbürgerschaft in einem anderen Land leben und für deren Adoptivkinder.

„Nachdem alle europäischen Importideologien wie Nationalismus, Sozialismus oder Liberalismus im arabisch-muslimischen Kulturraum gescheitert waren, bekam das Schlagwort: „Islam ist die Lösung“ - angebracht an Taxis, Kleinbussen, Häuserwänden - immer mehr Zustimmung.“

Heisst das, dass im Falle eines Sieges über Israel und/oder der Auslöschung des jüdischen Volkes alles eiapopeia vom Himmel (H. Heine) gewesen wäre? Dann würde es ja stimmen, dass ohne den „israelisch-arabischen Konflikt“, der von Israelhassern so gerne als „Mutter aller Konflikte“ bezeichnet wird, der gesamte Nahe Osten ein friedliches Gebiet wäre. Dass das so nicht stimmt, wissen wir, und das weiss auch Heiko Flottau.

„Die Besetzung des Westjordanlandes, Ostjerusalems und des Gazastreifens im Juni 1967 brachte erstmals das gesamte historische Palästina unter israelische Kontrolle.“

Sprechen wir hier vom „historischen Palästina“, das es vielleicht irgendwann in der Zukunft geben wird? Oder von der römischen Provinz Palästina? Oder vom britischen Mandatsgebiet? Eine genaue Definition wäre wünschenswert.

Schade, dass in einem Artikel über Israel und Jerusalem nicht ein ausgewiesener Kenner von Israel zu Wort kommt, der nicht auf die palästinensische Propaganda zurückgreifen muss, mit ihren verdrehten Tatsachen, Unwahrheiten bis zu grotesker Geschichtsklitterung.

Wie die Briten auf fremden Territorium zu einem "Mandatsgebiet" kamen, ist tatsāchlich nie hinterfragt und definiert worden. Britische Kolonialpolitik erfolgte immer unhinterfragbar. Dagegen war kein Kraut gewachsen. "Mandatsgebiet".

Wenn überall auf der Welt Friede, Freude, Einigkeit, Gewaltlosigkeit und Prosperität herrschen würden, wäre das für die paralleldimensionalen Projektleiter des Unternehmens Zuchtstation Planet Erde wohl zu wenig einträglich.

"Ich glaube nicht dass Nasser Krieg wollte. Die beiden Divisionen die er im Sinai stationiert hat wären nicht ausreichend gewesen einen Krieg zu beginnen. Er wusste es und wir wussten es". Yitzhak Rabin, ehemaliger Ministerpräsident, 1995 in Tel Aviv von einem jüdischen Thoraschüler ermordet.

Es ist mir ein Rätsel, warum Herr Heiko Flottau über Israel berichtet. Er zitiert grundsätzlich nur Gegner vom Jüdischen Staat und ist selbst ein Gegner von Israel und vom Judentum.

"Trügerischer Erfolg" - Wie bitte? Israel existiert seither immer noch, ansonsten wäre Israel seit 50 Jahren weg von der Landkarte, so wie die Nachbarstaaten dies in ihren Schulbüchern immer noch zeigen. Die Antipathien gegenüber Israel sind seither im europäischen Westen gestiegen, siehe Gabriels Verhalten.

Aus Dokumenten die Israel den Kriegsgegnern abgenommen hat wurde bekannt, dass die arabischen Staaten planten, den Jüdischen Staat Israel und die gesamte Bevölkerung zu vernichten.

Ich verweise auf einen Artikel im ynetnews.com vom 29.05.2017, von Ben-Dror Yemini, „Arab leaders did plan to eliminate Israel in Six-Day War“.

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