Schulpreise für schöne Äusserlichkeiten

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Schulpreise für schöne Äusserlichkeiten

Von Carl Bossard, 02.01.2018

Schulen werden prämiert. Kriterien sind methodengeleitete Merkmale wie selbstorientiertes und computerbasiertes Arbeiten. Von lernwirksamem Unterricht ist wenig zu hören. Ein kritischer Zwischenruf.

„Schweizer Schulpreis“ – so heisst er grossmäulig, und er geht jedes zweite Jahr an „innovative und zukunftsorientierte Schulen“. Wer sich auf der Website des Vereins nach zielgeleiteten, konkreten Kriterien kundig macht, ist enttäuscht. Er findet sie nicht. Stattdessen stösst er auf öffentlichkeitswirksame Schlagworte wie „Schülerinnen und Schüler [nehmen] ihr Lernen selbst in die Hand“ oder „Schulen [pflegen] pädagogisch fruchtbare Beziehungen zu ausserschulischen Personen und Institutionen sowie zur Öffentlichkeit“.

Luftige Pläne und ziellose Zukunftskonzepte

Wo solche Preise vergeben werden, sind Floskeln nicht weit. Belohnt werden Worthülsen oder „Claims“, wie sie die Werbesprache nennt. Da heisst es zum Beispiel von einer prämierten Gemeinde: „Vorbildlich ist die Schule, weil sie zeigt, wie eine grosse Schule mit verschiedenen Schuleinheiten einen gemeinsamen Entwicklungsprozess anstossen und vorantreiben kann. Die Schulen [nn] erhalten den Schulpreis für einen sorgfältig erarbeiteten und ausgezeichnet umgesetzten Changemanagement-Prozess, der für viele andere Schulen, die sich auf den Weg machen wollen, Vorbild und Musterbeispiel sein kann.“ Verkündet hat diese frohen Worte Vladimir Petković, Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft.

Wie das gemacht wird, wohin dieser Weg führt und welche Ziele der „Changemanagement-Prozess“ erreichen soll, von all dem sagte Petković nichts. Geschweige denn, was sich in dieser Schulgemeinde in der Zwischenzeit verändert und welche Lernfortschritte sie bei den Kindern erreicht hat.

Oberflächenmerkmale mit geringem Effektwert

Wer näher heranzoomt und die preisgekrönten Merkmale mit John Hatties vielfach bestätigten Wirkfaktoren verbindet, erkennt schnell: Da dominieren Oberflächensignaturen, da figurieren Faktoren, die praktisch keinen Effekt erzielen. Beim „Schweizer Schulpreis“, gesponsert von deutschen Stiftungen und Protagonisten einer „neuen“ Schule, geht es wohl weniger um lernwirksamen Unterricht als um schöne Äusserlichkeiten wie altersdurchmischtes und selbstorientiertes Lernen oder webbasiertes und individualisiertes Arbeiten. Nach Hattie aber kommt all diesen Faktoren eine sehr geringe Wirkkraft zu. Jahrgangsübergreifende Klassen z. B. erzielen nur gerade eine Effektstärke von 0.04. [1] Die Massnahme bleibt also – kognitiv wie sozial – wirkungslos. Und die Heterogenität heutiger Klassen künstlich steigern ist kein Ziel.

Nur die Effektwerte, und zwar hohe, machen eben sichtbar, was ein pädagogisches Konzept beinhaltet und konkret für das Lernen der Kinder bedeutet. Wohlklingende Theoriebegriffe alleine verfügen über keine Wirkungsgarantie in der Praxis, so wenig wie ein Frostschutzmittel gegen Durst hilft.

Innovativ ist nicht per se gut und erstrebenswert

Seit zweieinhalb Jahren gibt es sie, die Sekundarschule Sandgraben am Badischen Bahnhof von Basel, und schon wurde sie für ihre „zukunftsgerichteten und richtungsweisenden“ Innovationen prämiert. Sie gehört damit zu den Vorzeige- und Modellschulen des Landes. Doch wie geht das? Wie kann man innert so kurzer Zeit Effektwerte messen und hohe Lernwirksamkeit? Das ist doch der Kern, wenn wir von anspruchsvollem Unterricht und guter Schulqualität sprechen?

Dazu der renommierte deutsche Erziehungswissenschaftler und Schulforscher Andreas Helmke: „Was mich immer wieder nervt: Die naive Einstellung, etwas sei schon deshalb gut und erstrebenswert, weil es „neu“, „innovativ“, „modern“ ist. Viele Erkenntnisse und Prinzipien, z. B. der Lern- und Gedächtnispsychologie, sind „alt“ und definitiv nicht „modern“, aber zeitlos gültig.“ [2] Doch von solch alterungsresistenten Grundsätzen steht in den wortreichen Laudationes des Schweizer Schulpreises kein Wort.

Wie Kaninchen – moderne Käfighaltung von Kindern

Als neu und revolutionär gilt auch digitales Lernen. Lernsoftware bereits im Kindergarten fordert darum das amerikanische Unternehmen Microsoft. E-Learning mutiert zum modernen Zauberwort. Die Schulen rüsten auf. Möglich macht’s das Attribut „innovativ“.

Das Bild der prämierten Sekundarschule Sandgraben Basel spricht Bände. Jede Schülerin für sich, jeder Schüler allein, alle isoliert, obwohl der menschliche Dialog seit Platon immer wieder als lernfördernd erkannt wird.

 Erst zweieinhalb Jahre jung und bereits ausgezeichnet: die Sekundarschule Sandgraben am Badischen Bahnhof (Bild: Roman Weyeneth/Stücheli Architekten AG)
Erst zweieinhalb Jahre jung und bereits ausgezeichnet: die Sekundarschule Sandgraben am Badischen Bahnhof (Bild: Roman Weyeneth/Stücheli Architekten AG)

Jeder sein eigener Lerner: So sieht der Unterricht der Zukunft die meiste Zeit aus, wenn es nach den Plänen der deutschen Bertelsmann-Stiftung und ihrer Exponenten Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt geht. [3] Während unzähliger Stunden gibt es kein Miteinander, keinen sozialen Austausch, nur individuelles Arbeiten am PC. Grossraumbüros bereits für kleine Kinder. Die Digitalindustrie pusht diese Innovation, Stiftungen prämieren sie, Pädagogische Hochschulen und der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH wirken mit.

Online-Learning zum Konsolidieren

Dabei ist Lernen ein dialogisches Geschehen, ein zwischenmenschlicher Austausch. Das zeigt die Lernpsychologie, das belegt die Neurowissenschaft. Der Hirnforscher Gerhard Roth sieht den Wert des Online-Learnings primär im Konsolidieren eines vorher erworbenen Wissens, nicht aber im Generieren neuer Erkenntnisse und Einsichten. Dazu braucht’s, so Roth, die kompetente und vertrauenswürdige Lehrperson. [4] Auch bei John Hattie erreicht webbasiertes Lernen lediglich den vernachlässigbaren Effektwert von 0.18.

Eine zentrale Rolle im Unterricht spielt die Beziehungsebene oder der „pädagogische Bezug“, wie man früher sagte. Darum gilt es als unbestritten: Eine Atmosphäre des Vertrauens und Zutrauens, der Fürsorge und des Wohlwollens ist unverzichtbar für Bildung und schulische Leistung. Eine einfache pädagogische Wahrheit. In John Hatties empirischen Studien erreicht sie den hohen Wirkfaktor von 0.72.

Unterricht als „Meeting of Minds“

Unterricht hat per se eine dialogische Struktur. Nicht umsonst entdecken Didaktiker jeder Generation das „sokratische Gespräch“ neu. Lernende und Lehrende begegnen sich im Schulstoff und in der Gemeinschaft der Klasse. Der Unterricht wird so zum sozialen Austausch zwischen Personen, zum „Meeting of Minds“, wie es der grosse amerikanische Philosoph John Dewey nannte. Das schliesst digitale Lernsequenzen nicht aus. Im Gegenteil. Immer aber kommt es auf den einzelnen Lehrer an, auf den analogen Umgang zwischen ihm und seiner Klasse – und den Schülern untereinander. Gutes, unterstützendes Klassenklima bewirkt viel – genauso wie die humane Energie des Lehrers für seinen Beruf.

Keine iPads oder iPhones für Steve Jobs’ Kinder

Das ist in der Käfigatmosphäre des digitalisierten Grossraum-Schulzimmers, in diesem ökonomisierten und technisierten Gebilde mit den engen Boxen, nicht mehr möglich und auch nicht gewollt. Wird der Bildschirm zum dominanten Bezugspunkt, verdrängt er die soziale Dimension von Bildung. Nicht umsonst wählten Bill Gates und Steve Jobs für ihre eigenen Kinder einen analogen Unterricht; sie schickten sie in Waldorf-Schulen – ohne iPads und ohne Tablets. Ob wir uns solch digitalisierte Klassen wünschen? Big Brother is Teaching You! Arme Kinder! Reich wird wohl nur die Digitalindustrie. Ihr Sponsoring von Schulpreisen scheint nicht ganz uneigennützig.

[1] Hattie John, Visible Learning. London, New York: Routledge 2009. / Hattie John/Beywl Wolfgang & Zierer Klaus, Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2013. Hatties umfangreiche Meta-Meta-Studie gilt international als Referenz. Gemäss Hattie hat z. B. Lehrerfeedback einen Effektwert von d = 0.75, individualisierender Unterricht lediglich eine Wirkung von d = 0.22.

[2] In einem persönlichen Mail vom 15.09.2016 an den Verfasser.

[3] Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015. Der eine ist Vorstand, der andere Bildungsexperte der Bertelsmann-Stiftung.

[4] Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Stuttgart: Klett-Cotta 2011.

Kommentare

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Der kritische Kommentar von Carl Bossard zur Verleihung des Schweizer Schulpreises ist sehr berechtigt. Seit die Volksschule durch beunruhigende PISA-Tests und vorgeschriebene Forschungsaufträge der Pädagogischen Hochschulen einem Reformeifer unterworfen ist, jagen sich die Meldungen über fortschrittliche Schulen. Dabei spielt es offensichtlich eine entscheidende Rolle, dass die Zielsetzungen einer Schule im didaktischen Trend liegen. Schulteams, die wertvolle pädagogische Leistungen auf eher traditionelle Weise erbringen, kommen kaum in die Kränze.
Wenn eine preisgekrönte Basler Schule nun mit einem Bild eines Grossraumbüros als Ort des effizienten Lernens auf sich aufmerksam macht, muss dies unweigerlich Reaktionen auslösen. Das Bild ist von symbolischer Aussagekraft, was die mögliche Zukunft unserer Schule betrifft. Auch mir sträubten sich die Haare, als ich die streng getrennten Schüler in ihren Lernboxen und den kontrollierenden Moderator-Lehrer dazwischen sah. Natürlich weiss ich, dass das Lernen vor dem Bildschirm nicht in allen Stunden zum Zug kommt. Die Frage aber ist, in welchem Umfang dieser voll digitalisierte Unterricht bereits stattfindet. In den medialen Berichten wird dies verschwiegen.
Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass in instruierenden Computerprogrammen generell weit weniger herausschaut, als meist behauptet wird. Bei der ganzen Diskussion um moderne Lernformen fehlt oft der wichtige Hinweis auf die absolut zentrale Bedeutung des gemeinsamen Klassenunterrichts. Gerade für jüngere Jugendliche spielt es eine grosse Rolle, dass sie die Dynamik des gemeinsamen Lernens täglich erleben. Die Farbigkeit eines gemeinsamen und gut geführten Lernprozesses lässt sich durch kein digitales Bildungsprogramm einfach ersetzen. Dafür braucht es allerdings Lehrerinnen und Lehrer, welche die Kunst des dialogischen Unterrichtens in der Klassengemeinschaft verstehen. Wo dies gelingt, sind Lernmotivation und Schulerfolg bei den meisten Jugendlichen weit nachhaltiger als beim stundenlangen Arbeiten an Computerprogrammen. Leider vermittelt der "Schweizer Schulpreis" in keiner Weise dieses Bild.

"Big Brother is Teaching You! Arme Kinder! Reich wird wohl nur die Digitalindustrie." Und die Computer- und Büromöbel -Industrie natürlich, wie später dann vor allem auch die Psychopharmaka Hersteller und Medizinal-Industrie, wenn die falsch gross gewordenen Kinder in falschen Umgebungen falsche Arbeiten gegen ihre eigene Natur ausüben müssen und dabei wegen ihren nicht verwirklichten Potentialen falsche Lebensziele anstreben und ihr Falsches schlussendlich somatisieren. Aber zu willigen, gehorsamen Arbeitssklaven wurden sie herangezüchtet, die nicht zu viele Fragen stellen. Das ist von den Verschwörern so geplant, die ja seit Freud, Jung, Fromm, Reich, Adler, Szondi, Maslov, Assagioli, Riemann, Grof, W. R. Hess, Moniz, Estabrooks, Mengele, Delgado und Kabalen (Mkultra, Monarch, Greenbaum Speech, Colin. A. Ross usw.) alle Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen und wie er komplett zu manipulieren ist, erforscht haben. Dass wir mit all den Kriegen (remember 9/11 building 7) und der zerstörten Umwelt zeigen, dass wir trotz diesem Wissen noch immer nichts dazu gelernt haben, ist eine Mega -Verschwörung inklusive falschem Schulsystem entgegen besserem Wissen (Hattie, Chomsky, Steiner-Waldorf, Pygmalion-Effekt etc.) erwiesen. Wir müssen diese falsche Weltordnung stürzen.

Was Carl Bossard hier schreibt, greift ausserordentlich kurz. Mir scheint, er suche Belege, um seine Skepsis auszudrücken. Lernlandschaften, wie die in der Schule Sandgrube beschriebene, sind sehr wertvoll, weil sich Schülerinnen und Schüler auf ihr eigenes und selbstständiges Lernen konzentrieren können. Daneben werden sie gecoacht, arbeiten in Partnerschaften und Gruppen und im ganz normalen Klassenunterricht. Der Dialog kommt also keineswegs zu kurz. Mein Rat: Zuerst kennenlernen, dann urteilen. A. Weber, Erziehungswissenschafterin lic. phil. I.

Die Frage ist immer: Woher kommt das Geld? Immerhin werden an die beteiligten Schulen satte Beträge ausgerichtet. Im Fall des Schulpreises für Deutschland und die Schweiz heissen die Wohltäter Robert Bosch-Stiftung und Heidehof-Stiftung, ebenfalls zur Bosch-Familie gehörig. Stiftungen sind einerseits Steueroptimierungseinrichtungen, gleichzeitig unterstützen sie Unterrichtsinnovationen, die der Beratungsindustrie und der IT-Branche eine goldene Zukunft sichern. Lernende werden durch die vom Schulpreis geförderte Form des Unterrichts nicht zur Selbstständigkeit, sondern zur lebenslangen Abhängigkeit von solchen Firmen erzogen. Deshalb ist es völlig gleichgültig, ob die ausgezeichneten Schulen Lernerfolge aufweisen oder nicht. Dass aber viele Schweizer PH-Dozenten und Bildungsverantwortliche den Braten nicht riechen und sich derart unkritisch als Juroren für die Bosch-Stiftung zur Verfügung stellen, ist mehr als beschämend.

Ich freue mich immer auf Ihre kostbaren und unermüdlichen Klärungen. Sie geben mir Wegzehrung in meinem Alltag als Lehrerin an einem Berufskolleg im ländlichen NRW und machen mir stets frischen Mut, mit Heiterkeit ans Werk zu gehen. Danke.

Wieder mal grossartig! Dass Sie hier noch schreiben dürfen in diesem so progressivem Blog, das freut mich. Alles Gute!

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