SBB: It's time for a change

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SBB: It's time for a change

Von Hans Bosshard, 09.10.2013

Zwei Meinungsumfragen, vom Unternehmen selber in Auftrag gegeben und vonseiten der grössten ernstzunehmenden Tageszeitung der Schweiz, haben für die SBB miserable Resultate ergeben. Sie sollten nicht einfach bloss ausgesessen werden.

Gemäss der breit angelegten, weiterhin geheimgehaltenen Studie eines Marktforschungsinstituts würden die SBB von der Öffentlichkeit nicht als dienstleistungsorientiert und kundenfreundlich wahrgenommen, hat deren Sprecher gegenüber der "Sonntags-Zeitung" einräumen müssen. 64 Prozent von 2780 Befragten des "Tages-Anzeigers" fanden, die Leistungen der Schweizer Staatsbahn hätten sich in den letzten zehn Jahren verschlechtert, ein Viertel sogar "stark verschlechtert".

Die Antworten waren von einer Flut von Leserkommentaren begleitet, die sich zu einem erheblichen Teil gegen den seit 2007 amtierenden CEO Andreas Meyer richten, während die ihre Unkenntnis der Bahn alle drei Wochen in der Kolumne eines Boulevardblatts verratende Chefin Personenverkehr offenbar nicht ernst genommen wird. Dass Meyers nur gut halb so teurer Vorgänger Benedikt Weibel bei solcher Stimmung auf seinem Posten ausgeharrt hätte, ist schwer vorstellbar.

Welches Personal?

Den meisten Kundinnen und Kunden der SBB fällt es erkennbar schwer, ihre Unzufriedenheit verständlich zu begründen , was teilweise an den Fragestellungen der Umfragen liegt. So diskutiert man breit über die Freundlichkeit des Personals, obwohl weder an den Schaltern kleinerer und mittlerer Bahnhöfe noch auf den Perrons selbst grosser Bahnhöfe heutzutage Kundendienst-Mitarbeitende anzutreffen sind und alle Regional- und S-Bahn-Züge und mehr und mehr sogar Schnellzüge ohne Zugspersonal verkehren.

Das Problem reduziert sich auf die Frage, ob die Stichkontrolleure ihre Bussen freundlich genug verteilen oder – ernsthafter – die Automatisierung der Bahn nicht in gewissen Bereichen zu weit getrieben worden sei. Das oft gehörte Argument, dass die von der Politik formulierten Rahmenbedingungen dem Management keine andere Wahl liessen, greift zu kurz, waren doch die Züge der SBB bis 1971, die Infrastruktur inbegriffen,  eigenwirtschaftlich unterwegs.

Die fast instinktive Abneigung mancher Reisender gegenüber Beschlüssen, Massnahmen und Unterlassungen der Administration Meyer lässt sich mit Fakten untermauern. Wesentlich ist die sinkende Zuverlässigkeit der Bahn aufgrund zu vieler Stellwerk-, Fahrleitungs-, Fahrzeug- und anderer Störungen als Folge zu sparsamen Unterhalts. Wenn ein Leser schrieb, dass man sich früher auf eine Bahnfahrt freute (und heute nicht mehr, wie sich daraus ergibt), so hängt dies mit dem Zustand des Rollmaterials zusammen. Während die SBB zuvor in Bellinzona, Chur, Zürich und Olten Reisezugwagen revidierten, geschieht dies jetzt nur noch an letzterem Ort, und Hauptrevisionen, einst etwa alle zehn Jahre üblich, wurden gleich ganz abgeschafft.

Wenig entscheidungsfreudig

Mit einer Erneuerung der trostlos grau-violetten Innenausstattung der Doppelstock-Intercity-Wagen von 1997 ist erst etwa ab 2020 zu rechnen, weil mit dem viel zu lange nicht bestellten und von der Industrie zu spät gelieferten neuen Rollmaterial nicht eher in genügender Zahl zu rechnen ist. Seit Jahren verschoben wird der Auftrag für Triebzüge im internationalen Verkehr, die bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels 2016 nicht einmal als Prototyp zur Verfügung stehen werden. Vorauszugehen hätte eine Einigung darüber, ob die SBB nach Venedig und Rom oder nur nach Mailand fahren wollen, was mit Höchstgeschwindigkeiten von 200, 300 oder 360 km/h und mit oder ohne Neigezugseinrichtug unterschiedliche Fahrzeuge erfordert.

Über die Unfälle dieses Jahres haben sich die Spitzen der SBB zwar  erschüttert gezeigt, doch zuvor trotz wachsenden Zugszahlen nichts unternommen, das von den Vorgängern fahrlässig abgeschaffte Vier-Augen-Prinzip bei der Zugsabfertigung wieder einzuführen. Von einer raschen flächendeckenden Ausweitung des relativ kostengünstigen ZUB-Sicherungssystems als technischem Ersatz ist nichts zu hören, wohl aber von "blinden" Abfahrten aus dem grössten Bahnhof des Landes, weil im Rahmen eines Milliarden-Ausbaus die Versetzung von Signalen für immerhin mehrere Jahre eingespart wurde . . .

Überrascht stellt man fest, wie überrascht die SBB waren, dass ihre Gleise bei Schwerzenbach und, nach wenigen Jahren schon, auf der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist förmlich zerbröselten und ein englisches Spezialfahrzeug einen schlechten Zustand weiterer Strecken diagnostizierte. Im Februar nächsten Jahres werden die Stimmberechtigten über einen 6,4 Mrd. Fr. teuren Ausbau der Bahn entscheiden, den nicht Fachleute der SBB konzipierten, sondern Regionalpolitiker. Der Bundesrat hatte eine nur etwa halb so teure Investition vorgeschlagen, und den SBB ist es nicht gelungen, ihre Bedürfnisse überzeugend darzulegen.

Wettbewerbselemente

Die schlechten Umfrageergebnisse sind ein weiteres Indiz dafür, dass es bei den SBB Änderungen, allenfalls auch personeller Art, braucht. Ein Vorbild darf dabei keinesfalls die bei der deutschen Bevölkerung verhasste DB bilden, deren hochrangiger Mitarbeiter Andreas Meyer war. Echte Denkanstösse kann, Jahre nach den überwundenen Wirren der Privatisierung von 1997, das britische Bahnsystem mit seiner staatlichen Infrastruktur und einer Reihe streng beaufsichtigter privater Gesellschaften im (indirekten) Wettbewerb vermitteln. Wer daran zweifelt, möge einmal die Pendolini von London Euston nach Birmingham, Liverpool, Manchester und Glasgow mit den Cisalpini der Gotthardstrecke vergleichen. Den Betrieb beispielsweise der Linie Romanshorn–Zürich–Bern–Spiez–Brig und, als Ergänzung dazu, Brig–Lausanne–Genf im Rahmen des Taktfahrplans einer anderen Unternehmung zu übertragen, könnte interessante Ergebnisse liefern. 

Kommentare

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@Gast
lat. privare lässt sich auch übersetzen mit "von einem Übel befreien". Ist in diesem Zusammenhang eher eine Frage des Standpunkts.

@Gast, von einem Übel befreien.

Eher nicht, die beiden Konzerne SBB und Post sind meines Erachtens systemrelevanter als die Banken.
Ich verfolge die Entwicklung auch im Ausland, z.B. beim Wasser der Kommunen in Deutschland. Die zahlen bis zu vierzig Prozent mehr, als wenn sie autonom wären und die Leitungen werden nicht mehr gewartet.
Man darf nie vergessen, dass bei einer Aktiengesellschaft der Aktionär, der nebenbei gesagt in China oder USA sitzen kann und vielleicht sogar negative Interessen hat, bedient wird und nicht der Kunde. Und so wird einfach möglichst viel Kohle aus der Firma herausgepresst. Ohne Rücksicht auf die Kunden.
Im Falle der SBB ist ja der Bund mit einem Bein drin und hat meiner Meinung nach auch zum heutigen Zustand beigetragen.

Meine Frau und ich gehören mit 88 und 82 Jahren sicher zu den ältesten Bahnbenützern. Wegen eines Augenschadens bei meiner Frau müssen wir mindestens einmal monatlich in die nahe Grossstadt zur Kontrolle und Behandlung fahren. Meistens müssen wir um neun Uhr vormittags beim Augenarzt antreten. Der Stossverkehr ist dann am Abklingen. Dennoch sind die Züge noch recht voll. Darum fahren wir erster Klasse. Noch jedesmal haben wir dort stets freie Plätze gefunden. Dass es in der zweiten Klasse offensichtlich recht eng ist, konnten wir allerdings schon sehen.
Im städtischen Bahnhof stauen sich hin und wieder die Massen. Dennoch sind wir bis jetzt immer gut durchgekommen. Auch im städtischen Tram fanden wir stets freie Plätze.
Die Rückfahrt an unseren Wohnort am späteren Vormittag erfolgt jeweils in praktisch leeren Zügen.
So schlimm, wie die Situation dargestellt worden ist, kommt sie uns eigentlich nicht vor. Es ist aber zuzugeben, dass wir eher zu den privilegierten Bahnbenützern gehören.

Nicht dienstleistungsorientiert und kundenfreundlich - dass gilt nicht nur für die SBB, sondern auch für die Post.
Als überzeugter Gegner von staatlicher Privatisierung (Privatisierung kommt von lat. privare = raub!!!) fordere ich unsere über Jahrzehnte investierten Steuergelder in diese Unternehmen wieder zurück.

Zum Thema:
Nun der Kunde merkt es halt, wenn er im unbeheizten Glasbahnhofshäuschen sitzt und friert, wenn es früher beheizte Wartesäle gab. Der Kunde merkt es, wenn Bahnhöfe geschlossen werden, wenn Automaten den hilfsbereiten Menschen hinter dem Schalter ersetzten, wenn man im Zug nicht mehr lösen kann und gleich als Gangster gilt, wenn er sein Ticket mal vergisst, wenn es immer mehr Unfälle gibt, die mangels Wartung und Investitionen ja unvermeidlich sind.
Gleichzeitig fordern, die mit dem Ausland vergleichsweise teuren SBB, noch mehr Geld.
Wenn ich daran denke, dass bei meinem früheren Arbeitsort Liestal der Zug jeden Tag zu spät ankam, wirklich jeden Tag und ich immer den Anschlussbuß verpasste. Zumal sie in der Ortschaft wo ich lebe schon mehrfach vorhatte die Bahnlinie einzustellen.
Ich fahre viel Zug was mittels Umwelt Abo kostengünstig ist. Leider wollen einige Versager auch dieses hervorragende System zerschlagen. (Diesmal ist nicht die SBB schuld)
Also was wundern sich die SBB Bosse? Ich würde mich wundern, wenn sie noch beliebt sind. Leider konnte ich bei dieser Umfrage nicht mitmachen.

Die Post hat ebenso ihre Poststellen in fast jeden Dorf in meinem Tal zugemacht. Man kann in dem Laden wo die Post jetzt ist, nicht einmahl mehr Einzahlungen erledigen ohne Postbankkonto. Diskretion in dem Laden ist auch nicht mehr möglich.
Meines Erachtens verstößt die Post gegen ihren eigentlichen Auftrag. Dass sie jetzt neuerdings Läden konkurrenzieren macht sie auch nicht sympathischer.
Das schlimmste zum Schluss, kürzlich wurde der Postbank erlaubt eine Bank zu sein, ein riesen Fehler. Denke dass geht längerfristig voll in die Hose.

Wenn ich den beiden Firmen einen gut gemeinten Rat geben darf, geht wieder dreissig Jahre zurück, damals wart ihr gut.

Wenn der SBB - Kunde - und dies schon seit Jahren - nur 38% an die Kosten beiträgt
(von Gewinn keine Spur), dann muss man sich nicht wundern, dass der alte Spruch gilt: Was nichts oder wenig kostet ist nichts oder wenig wert.
Den Fünfer und das Weggli plus die Bäckersfrau für einen subventionierten Preis zu verlangen, kann auf Dauer nicht gut gehen.

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