Sarmizegetusa Regia

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Sarmizegetusa Regia

Von Georg Gerster, 06.05.2016

Sarmizegetusa Regia Die Osterweiterung des römischen Imperiums stiess auf den Widerstand der Daker, die in den Orastie-Bergen in den (heute rumänischen) Südkarpaten lebten. Die Daker, ein den Thrakern verwandtes Volk am Ostrand des Imperium Romanum, waren beileibe keine unbedarften „Barbaren“. Ihre Handwerker und Ingenieure bewiesen eine hohe Fertigkeit im Umgang mit Stein, Holz und Eisen. Sie schrieben mit griechischen Buchstaben – ein Beleg für die Handelsbeziehungen, die sie zu den griechischen Städten am Schwarzen Meer unterhielten. Sie prägten Münzen, deren Gewicht und Silbergehalt sich am römischen Dinar orientierten. Zeitweilig akzeptierten sie wohl als Vasallen die römische Oberhoheit und profitierten sogar von römischer Entwicklungshilfe. Römische Ingenieure assistierten ihnen beim Festungsbau. Alles in allem waren sie freilich seit der ersten Einigung dakischer Stämme unter einem König im letzten vorchristlichen Jahrhundert eher ein Pfahl im Fleisch der Römer. Immer wieder frustrierten sie deren Aspirationen an der unteren Donau. Kaiser Trajan hatte schliesslich genug. In zwei Feldzügen besiegte er den Dakerkönig Decebalus. Im Jahr 106 fiel die Hauptstdt Sarmizegetusa und Decebalus stürzte sich in sein Schwert. Die Kriegsbeute, namentlich das dakische Gold, kam der römischen Staatskasse sehr zu statten. Trajan konnte sich denn auch an Triumph kaum genug tun. Er führte den Kopf des Decebalus in Rom vor, nahm den Beinamen Dacicus an und liess auf einer Säule in einem Spiralrelief die Ereignisse der zwei erfolgreichen Feldzüge gegen die Daker festhalten, Die Reste der Festungsstadt Sarmizegetusa Regia kamen 1999 auf die Liste des Welterbes, der rumänische Archäologe Ioan Glodariu von der Universität Cluj-Napoca hatte sie erneut dem wuchernden Karpatenwald entrissen. Die Hauptstadt des Dakerreichs hatte offenbar auch den Rang einer heiligen Stadt. In einem Kultbezirk auf drei Geländeterrassen, im Schutz einer mächtigen Burg, standen nicht weniger als elf viereckige oder kreisförmige Heiligtümer. Das grösste bestand aus zwei konzentrischen Kreisen mit einer apsidialen Einlage, vermutlich dem Allerheiligsten. Holzpfosten und Steinpfeiler markieren die Räume, die mit Schindeln oder sogar Ziegeln überdacht waren - bei den Abmessungen des äussersten Kreises (30 Meter Durchmesser) kein Kinderspiel. Den Vergleich dieser Anlage mit Stonehenge hält Professor Glodariu für Unfug. Allerdings räumt auch er eine mögliche archäoastronomische Bedeutung einzelner Denkmäler in diesem Sakralbezirk ein. Alle Heiligtümer sind nach den Vorgaben eines „Sonnensteins“ ausgerichtet. Und die Stützpfeiler des grossen Heiligtums eigneten sich dafür, kalenderträchtige Schnittpunkte der scheinbaren Sonnenbahn mit dem Horizont anzupeilen. Das apsidiale Allerheiligste ist nach der Sonnenwende orientiert. Also vielleicht doch in bescheidener Form ein Horizontkalender, der die Tag-und-Nachtgleichen und die Sonnenwenden anzeigte. Die archäologischen Untersuchungen an dakischen Festungen belegen die Aufmerksamkeit, die die Festungsingenieure jeweils der Sicherung der Wasserversorgung schenkten. Eine Szene des Reliefs auf der Trajansäule zeigt, wie der Besatzung in der Fluchtburg von Sarmizegetusa aus Krügen etwas ausgeschenkt wird. Die gängige Deutung: die Verteidiger erhalten das Gift, mit dem sie sich in aussichtsloser Lage das Leben nehmen werden. Professor Glodariu sieht in der Darstellung aber eher ein Bild der Verteidiger, die das letzte Wasser aus den allen Vorkehrungen zum Trotz erschöpften Vorräten erhalten. – Jahr des Flugbilds: 1991 (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Die Osterweiterung des römischen Imperiums stiess auf den Widerstand der Daker, die in den Orastie-Bergen in den (heute rumänischen) Südkarpaten lebten.

Die Daker, ein den Thrakern verwandtes Volk am Ostrand des Imperium Romanum, waren beileibe keine unbedarften „Barbaren“. Ihre Handwerker und Ingenieure bewiesen eine hohe Fertigkeit im Umgang mit Stein, Holz und Eisen. Sie schrieben mit griechischen Buchstaben – ein Beleg für die Handelsbeziehungen, die sie zu den griechischen Städten am Schwarzen Meer unterhielten. Sie prägten Münzen, deren Gewicht und Silbergehalt sich am römischen Dinar orientierten. Zeitweilig akzeptierten sie wohl als Vasallen die römische Oberhoheit und profitierten sogar von römischer Entwicklungshilfe. Römische Ingenieure assistierten ihnen beim Festungsbau. Alles in allem waren sie freilich seit der ersten Einigung dakischer Stämme unter einem König im letzten vorchristlichen Jahrhundert eher ein Pfahl im Fleisch der Römer. Immer wieder frustrierten sie deren Aspirationen an der unteren Donau. Kaiser Trajan hatte schliesslich genug. In zwei Feldzügen besiegte er den Dakerkönig Decebalus. Im Jahr 106 fiel die Hauptstdt Sarmizegetusa und Decebalus stürzte sich in sein Schwert. Die Kriegsbeute, namentlich das dakische Gold, kam der römischen Staatskasse sehr zu statten. Trajan konnte sich denn auch an Triumph kaum genug tun. Er führte den Kopf des Decebalus in Rom vor, nahm den Beinamen Dacicus an und liess auf einer Säule in einem Spiralrelief die Ereignisse der zwei erfolgreichen Feldzüge gegen die Daker festhalten,

Die Reste der Festungsstadt Sarmizegetusa Regia kamen 1999 auf die Liste des Welterbes, der rumänische Archäologe Ioan Glodariu von der Universität Cluj-Napoca hatte sie erneut dem wuchernden Karpatenwald entrissen. Die Hauptstadt des Dakerreichs hatte offenbar auch den Rang einer heiligen Stadt. In einem Kultbezirk auf drei Geländeterrassen, im Schutz einer mächtigen Burg, standen nicht weniger als elf viereckige oder kreisförmige Heiligtümer. Das grösste bestand aus zwei konzentrischen Kreisen mit einer apsidialen Einlage, vermutlich dem Allerheiligsten. Holzpfosten und Steinpfeiler markieren die Räume, die mit Schindeln oder sogar Ziegeln überdacht waren  - bei den Abmessungen des äussersten Kreises (30 Meter Durchmesser) kein  Kinderspiel. Den Vergleich dieser Anlage mit Stonehenge hält Professor Glodariu für Unfug. Allerdings räumt auch er eine mögliche archäoastronomische Bedeutung einzelner Denkmäler in diesem Sakralbezirk ein. Alle Heiligtümer sind nach den Vorgaben eines „Sonnensteins“ ausgerichtet. Und die Stützpfeiler des grossen Heiligtums eigneten sich dafür, kalenderträchtige Schnittpunkte der scheinbaren Sonnenbahn mit dem Horizont anzupeilen. Das apsidiale Allerheiligste ist nach der Sonnenwende orientiert. Also vielleicht doch in bescheidener Form ein Horizontkalender, der die Tag-und-Nachtgleichen und die Sonnenwenden anzeigte.

Die archäologischen Untersuchungen an dakischen Festungen belegen die Aufmerksamkeit, die die Festungsingenieure jeweils der Sicherung der Wasserversorgung schenkten. Eine Szene des Reliefs auf der Trajansäule zeigt, wie der Besatzung in der Fluchtburg von Sarmizegetusa aus Krügen etwas ausgeschenkt wird. Die gängige Deutung: die Verteidiger erhalten das Gift, mit dem sie sich in aussichtsloser Lage das Leben nehmen werden. Professor Glodariu sieht in der Darstellung aber eher ein Bild der Verteidiger, die das letzte Wasser aus den allen Vorkehrungen zum Trotz erschöpften Vorräten erhalten. – Jahr des Flugbilds: 1991 (Copyright Georg Gerster/Keystone)

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