Russland lieben – und darüber streiten

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Russland lieben – und darüber streiten

Von Reinhard Meier, 27.05.2019

Zwei profunde Kenner Russlands schreiben zusammen ein Buch über das Moskauer Reich. Ihre Einschätzungen sind gegensätzlich, aber es gibt Berührungspunkte.

«Mit Verstand ist Russland nicht zu fassen/ mit allgemeinen Leisten nicht zu messen/ ihm eignet ein besonderer Charakter/ an Russland kann man nur glauben.» Diese Verse des russischen Dichters Fjodor Tjutschew aus dem 18. Jahrhundert werden oft und gern zitiert, wenn von Russland die Rede ist.

Russisches Rätsel?

Michail Schischkin und Fritz Pleitgen, die beiden Autoren des hier anzuzeigenden Buches, sind zwar erfahrene Kenner der russischen Verhältnisse und deren Geschichte, aber sie halten beide nicht viel von Tjutschews Diktum. Pleitgen spricht von «romantischem Kitsch». Und Schischkin meint, alle Völker seien schliesslich irgendwie rätselhaft – solange man sich nicht um vertieftes Wissen bemühe. Es gelte vielmehr, Russland mit Verstand, wachem Geiste und viel Sachkenntnis zu beurteilen. In diesem Punkt sind sich die beiden Beobachter einig.

Schischkin ist in Moskau aufgewachsen und seit langem unter Kennern der russischen Gegenwartsliteratur ein bekannter Name. Er lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Neben grossen Romanen wie «Die Eroberung von Ismail» oder «Venushaar» hat er auch Bücher über die russisch-schweizerischen Literaturbeziehungen («Montreux, Astapowo, Missolunghi», «Die russische Schweiz») geschrieben. Im Ausland lebt er heute vor allem deshalb, weil er das Putin-Regime scharf ablehnt und der Meinung ist, die Verhältnisse in seiner Heimat hätten nicht das Geringste mit Demokratie zu tun, sie werde vielmehr durch einen skrupellosen Machtklüngel ausgeplündert.

Grossmut und Grossherzigkeit

Fritz Pleitgen, langjähriger Fernsehkorrespondent in der früheren Sowjetunion und Gründer des nach dem ehemaligen Sowjetdissidenten und Freund Heinrich Bölls benannten Kopelew-Forums in Köln, vertritt in dem Buch «Frieden oder Krieg», in dem die Kapitel bewusst antithetisch gegenübergestellt werden, eine weitgehend gegensätzliche Sichtweise. Er schwärmt zwar keineswegs für die politischen Zustände im postsowjetischen Russland. Auch Pleitgen verurteilt die Annexion der Krim und den von Putin geschürten Hybrid-Krieg in der Ostukraine unmissverständlich als unakzeptable Völkerrechtsverletzungen.

Doch er meint, für das schlechte gegenwärtige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen sei der «Westen mehr als Russland verantwortlich». Bei allen Schwierigkeiten und Repressionen gegen Andersdenkende habe er bei seiner Arbeit in diesem Lande viel «Grossmut und Grossherzigkeit erlebt».

Schischkin, dessen Eltern gläubige Kommunisten waren und dessen Vater alle politischen Abweichler als «Verräter» hasste, stellt die russische Mentalität und Herrschaftstradition in einen historisch weiten Blickwinkel. Sie fusst seiner Ansicht nach zu einem wesentlichen Teil auf der Jahrhunderte zurückliegenden Epoche der Tributpflichtigkeit während des sogenannten Tatarenjochs. Damals hätten die russischen Lokalfürsten das Prinzip der anpasserischen Unterwürfigkeit gegenüber dem absolutistischen Oberherrn begründet, indem sie den fälligen Tribut für den fernen Grosskhan rücksichtslos bei ihren eigenen Untertanen eintrieben.

Die byzantinisch-orthodoxe Glaubenstradition

Ein anderer Strang der russischen Autoritätstradition beruht nach Schischkins Ansicht auf der Übernahme des byzantinisch-orthodoxen Christentums. Er zitiert dazu den russischen Philosophen Pjotr Tschaadajew, der schon zur Zarenzeit beklagt hatte, «das Unglück des Vaterlandes» bestehe darin, «dass wir nicht den römisch-katholischen, sondern den byzantinisch-orthodoxen Glauben angenommen und uns damit von Europa und seiner historischen Entwicklung abgeschnitten haben».

In Begriffen wie Demokratie oder Menschenrechte, argumentiert Schischkin, sehe die Mehrheit der russischen Bevölkerung nur leere Worthülsen – nicht zuletzt wegen der  chaotischen Erfahrungen der 90er Jahren nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums. Die meisten Russen fürchteten sich vor dem Durcheinander und der existenziellen Verunsicherung in jenen Jahren der wilden Privatisierung. Da ziehe man es vor, von einer starken Hand, wie Putin sie immer autoritärer praktiziert, geführt zu werden. 

«Zwei Russenvölker»

Doch Schischkin ist kein apodiktischer Pessimist in seinem Urteil über die Geschichte und Gegenwart seines Heimatlandes. Es habe eigentlich immer «zwei Russenvölker» gegeben, schreibt er in einem Kapitel. Das «andere Russland» ist für ihn das Land von Puschkin, Tschechow, Alexander Herzen, Lew Tolstoi, Rachmaninow, Brodsky, Sacharow oder Lew Kopelew. Sie alle und viele andere hätten sich auf die eine oder andere Weise dem duldsamen Herdenverhalten der von oben gelenkten Massen entzogen und geistige Freiheit gelebt.

Analog zu diesem mentalen Doppelgesicht der russischen Gesellschaft entwirft der Schriftsteller denn auch zwei verschiedene Zukunftsszenarien. Im Kapitel «Futur I» wird die weitere Entwicklung Russlands bestimmt von den Schwächen und kriminellen Bereicherungen, die Schischkin mit messerscharf sezierendem Blick beschreibt und analysiert. Dazu zählt er nicht zuletzt die dramatisch schrumpfende Bevölkerung in dem dünn besiedelten Riesenland. Gemäss der letzten Volkszählung von 2010 ist die Zahl der Einwohner innerhalb von 8 Jahren um 2.2 Millionen zurückgegangen.

Ein Teil dieses Trends hängt mit dem katastrophalen «Braindrain» zusammen, der anhaltenden Abwanderung von unzähligen begabten und gut ausgebildeten Bürgern ins westliche Ausland. Das Putin-Regime unternimmt wenig bis gar nichts gegen diesen anhaltenden Verlust an geistigem und innovativem Kapital. Warum? Weil es glaube, meint Schischkin, dadurch den Grossteil der anpassungsbereiten Masse umso einfacher bei der Stange und unter Kontrolle halten zu können.

«Und doch ist dieses Wunder passiert»

Im Kapitel «Futur II» skizziert Schischkin die Möglichkeit einer ungleich positiveren Perspektive. Früher oder später, argumentiert er, würden alle Völker den Weg der geistigen Freiheit, des Rechtsstaates und des demokratischen Respekts beschreiten. «Und Russland ist keine Ausnahme.» Als entscheidende Bedingung für eine solche Richtungsentscheidung nennt er: «Das Imperium muss aus den Köpfen und Seelen wie ein bösartiger Tumor entfernt werden.» Nicht die Ausdehnung des ohnehin überdimensionierten Landes sollte das strategische Ziel sein, sondern die Konzentration auf den gesellschaftlichen Aufbau im Innern.

Wenn das gelänge, wäre das zwar ein Wunder. Aber, gibt Schischkin zu bedenken, wer hätte denn vor dem Zerfall der Sowjetunion an ihre schnelle Auflösung geglaubt? «Und doch ist dieses Wunder passiert.»

Fritz Pleitgen, gewissermassen Schischkins Sparringpartner in diesem kontroversen Debattenbuch über russische Realitäten, ist von den Möglichkeiten einer besseren Zukunft für Russland und eines gedeihlicheren Verhältnisses zum Westen überzeugt. Er berichtet anschaulich und sehr persönlich von seinen Erfahrungen als junger Fernsehkorrespondent tief in der Breschnewschen Sowjetunion. Auch während des Kalten Krieges hat er konkrete Fortschritte bei der Arbeit als Journalist erlebt. Vor allem aber haben ihn einzelne Persönlichkeiten, denen er während seiner Moskauer Jahre begegnete, nachhaltig beeindruckt.

Erinnerung an Andrei Sacharow

Pleitgen schildert etwa ein längeres Gespräch mit dem berühmten Physiker, Menschenrechtler und Friedensnobelpreisträger Andrei Sacharow, das er eines späten Abends im Auto führte, als er ihn nach einem Interview-Termin nach Hause fuhr. Sacharow war, entgegen der Meinung des westlichen Korrespondenten, keineswegs mit der Entspannungspolitik des damaligen US-Aussenministers Kissingers einverstanden, weil er fand, man sollte härter mit der Kremlführung umspringen.

Die Episode erinnert daran, dass Kontroversen über den gegenseitigen Umgang zwischen Russland und dem Westen durchaus nichts Neues sind – und dass sehr unterschiedliche Meinungen dazu nicht allein im Westen existieren.

Mit Bewegung liest man auch Pleitgens Kapitel über die tapfere Menschenrechtsaktivistin Larissa Bogoras, die zum winzigen Häuflein von Sowjetbürgern gehörte, die 1968 für wenige Minuten auf dem Roten Platz gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Warschaupakt-Truppen demonstrierten – und die dann alle im Gefängnis landeten oder in die sibirische Verbannung verschickt wurden.

Pleitgen reiste mit der zierlichen Frau später in die Wolgaregion zu dem Gefängnis, wo Larissa Bogoras Mann, der Regimekritiker Anatoli Martschenko, gestorben war. Er fragte sie während der Reise, ob sie Hoffnungen habe, dass die Menschen in Russland freier und besser leben könnten. Ja, aber nicht zu ihren Lebzeiten, hatte die Frau geantwortet, «vielleicht in 300 Jahren».

Putins Verhärtung – weshalb?

Was hält Pleitgen von Putin? Seine Meinung dazu ist weniger radikal ablehnend als diejenige seines Mitautors Schischkin, doch möchte er nicht als sogenannter Putin-Versteher (im Westen ein häufig abschätzig gemeinter Begriff) klassifiziert werden. Der Journalist erinnert sich an den ersten Besuch des neugewählten Staatspräsidenten in Deutschland und dessen Rede im Berliner Bundestag, in der er eindringlich für eine faire Partnerschaft zwischen den beiden Ländern geworben habe.

Inzwischen sind fast zwei Jahrzehnte vergangen, Putin ist immer noch der Chef im Kreml und er sei, schreibt Pleitgen, im Vergleich zu seinen Anfängen in dieser Machtposition ein «harter, illusionsloser Politiker» geworden. Den Grund sieht der Autor zu einem erheblichen Teil bei der vom Westen gegenüber Russland betriebenen Politik, die zu wenig Interesse an einer engen Kooperation und Einbindung Russlands gezeigt habe. Bei diesem Kapitel wird Pleitgens These, dessen ist er sich bewusst, auf manchen Widerspruch stossen. Man vermisst da nicht zuletzt einen entlastenden Verweis auf die ernsthaften Bemühungen von Bundeskanzlerin Merkel, den offenen Austausch mit Putin selbst bei schweren Verdüsterungen wie auf dem Höhepunkt der russischen Ukraine-Intervention in Gang zu halten.

Auch zur Frage der Nato-Osterweiterung, bei der der frühere Moskauer Korrespondent der Denkschule zuneigt, die die Ausdehnung des westlichen Bündnisses als eine verhängnisvolle Provokation des reizbaren russischen Bären einstuft, kann man skeptische Fragen einwerfen. Pleitgen bestreitet zwar nicht das grundsätzliche Recht der baltischen Republiken oder Polens, sich aufgrund ihrer vorausgegangenen Erfahrungen dem westlichen Verteidigungsbündnis anzuschliessen. Doch er meint, diesen  Erweiterungsprozess hätte man behutsamer, mit mehr Umsicht und Geduld, mehr Fingerspitzengefühl für russische Empfindlichkeiten und zusätzlichen Kooperationsangeboten verknüpfen sollen.  

Bereichernd, konfliktiv und ambivalent

Wer sich mit dem vielschichtigen, kulturell mehrheitlich bereichernden, politisch häufig konfliktiven und noch häufiger ambivalenten Beziehungen zwischen Russland und dem Westen gründlicher auseinandersetzen will, findet in dem Buch des Autoren-Duos Schischkin-Pleitgen reichhaltige Anregungen. Es sind gerade die höchst unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen, aus deren Blickwinkel der russische Schriftsteller und der deutsche Journalist die russische Realität beschreiben, die dieses Buch zur spannenden Lektüre machen.

In einem Kernpunkt aber sind sich die beiden Autoren trotz vieler gegensätzlicher Auffassungen einig und sie betonen das mit gegenseitigem Respekt auch in ihrem Vorwort: Sie lieben Russland, seine Kultur und seine Menschen.

  Fritz Pleitgen und Michail Schischkin: Frieden   oder Krieg. Russland und der Westen – Eine Annäherung. München, Ludwig Verlag, 2019.

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