René Girard im Landesmuseum

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René Girard im Landesmuseum

Von Urs Meier, 15.03.2019

Der Kulturanthropologe Girard kommt in der Sündenbock-Ausstellung nicht direkt vor. Aber durch ihn ist das aktuelle Thema verankert in der Tiefe der Menschheitsgeschichte.

Eigentlich ist der Sündenbock-Mechanismus gar nicht schwer zu verstehen: Da wird zum Beispiel im Spätmittelalter ein Land von Dürre und Hungersnot heimgesucht. Die Menschen leiden und sterben. Nun kommt das Gerücht auf, ein paar Frauen hätten sich mit dem Teufel eingelassen und so Hexenkräfte erlangt, mit denen sie den Regen vom Land fernhielten. Die «Hexen» werden bald entdeckt. Es sind Frauen, die aus irgendwelchen Gründen Anstoss erregt haben oder mit denen irgend jemand eine Rechnung offen hat. Unter der Folter gestehen sie ihre angeblichen Teufeleien, und auf dem Scheiterhaufen büssen sie vor versammeltem Volk mit dem Leben. Als die Leute das Spektakel hinter sich haben, sind sie besänftigt und warten nun ohne weitere Gewaltausbrüche auf den ersehnten Regen.

Bei den getöteten Pfahlbauer-Kindern (Bild ganz oben) könnte es um die rituelle Bannung einer drohenden Überschwemmung der Siedlung gegangen sein. Während die Archäologen hier auf Vermutungen angewiesen sind, sind zahllose Fälle von Sündenbock-Opfern späterer Epochen in Chroniken und Gerichtsakten gut dokumentiert. Die Schau im Landesmuseum versammelt in einem Raum Dutzende solcher Ereignisse, die sich im mittelalterlichen Europa zugetragen haben: Judenverfolgungen, Hetze gegen Fremde, Anklagen gegen Einzelne, denen man Verrat, Bereicherung oder magische Praktiken vorwarf. Die Wirkung des Sündenbock-Mechanismus war immer blutig.

Archaische Menschenopfer

René Girard (1923–2015) hat als Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologe und Religionsphilosoph diesen Mechanismus erforscht. Er hat dessen Wurzeln in archaischen Religionen entdeckt, die ausnahmslos das Ritual des Menschenopfers gekannt haben. Ein Echo dieser meist weit zurückliegenden Praktiken hallt nach in Mythen wie etwa der Ödipus-Sage oder der Geschichte von Kain und Abel. War ein Gemeinwesen gefährdet durch inneren Zwist oder äussere Bedrohung, so tötete es einen aus seiner Mitte. Dieser Sündenbock war das Opfer, das in der Gemeinschaft Selbstdestruktion verhinderte und Angst ruhigstellte. Das getötete Individuum wurde so zum Retter und als solcher nachher kultisch verehrt. Aus der wiederholten Erfahrung der Bewältigung der Gefahr mittels Opferung eines Sündenbocks kondensierte sich mit der Zeit ein Ritual – die Keimzelle eines archaischen Systems sozialer Stabilisierung, das wir Religion nennen.

Das Ritual ist nach Girard eine erste Form der kultivierenden Eindämmung. Es verhindert Gewaltausbrüche, welche die Gemeinschaft als Ganze zu zerstören drohen. Rituale kanalisieren das Gewaltpotenzial auf das stellvertretende Opfer, den Sündenbock. So lange das Gemeinwesen an seinen Ritualen festhält und sich so in den Bahnen seiner Religion bewegt, ist die stets drohende Gefahr des allgemeinen Gewaltausbruchs gebannt. Doch in ausserordentlichen Situationen besteht immer das Risiko, dass diese halbwegs zivilisierende Wirkung des Systems Religion versagt.

Umfassende Kulturtheorie

Girard belässt es nicht bei dieser Theorie archaischer Opferreligionen, sondern schlägt von da einen kühnen kulturgeschichtlichen Bogen zur Weiterentwicklung im jüdisch-christlichen Denken sowie zur europäischen Aufklärung. Die Ausstellung im Landesmuseum bringt diese Gedankenwelt eindrücklich zur Anschauung.

Im Alten Testament findet sich das einzige Schriftzeugnis des Übergangs vom Menschen- zum Tieropfer: Abraham, der sich daran macht, auf Geheiss Gottes seinen Sohn Isaak auf dem Altar zu schlachten, bekommt den Befehl von oben, statt des Sohnes einen Widder zu opfern (Genesis 22). Die Erzählung markiert den Abschied von archaischer Religion. 

Christusfiguren erzählen von der Passionsgeschichte. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum
Christusfiguren erzählen von der Passionsgeschichte. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

In den Evangelien des Neuen Testaments dann kommt es mit der Passionsgeschichte des Jesus von Nazareth zur Offenlegung und Überwindung des Sündenbock-Mechanismus. Die Unschuld des Geopferten ist hier zentral. Erzählt wird, anders als in archaischen Mythen, aus der Perspektive des Umgebrachten und derjenigen seiner Anhänger, nicht aus der überlegenen und unbeteiligten Sicht derer, die ihn haben töten lassen.

Die biblische Religion hat mit einem Perspektivenwechsel die Unschuld und Würde des zum Sündenbock Gemachten thematisiert und so den Mechanismus des stellvertretenden Leidens an seinen Endpunkt geführt. Auf andere Weise hebt die europäische Aufklärung die Bestrafung von Sündenböcken aus den Angeln. Mit der zunehmenden Fähigkeit, natürliche Phänomene wissenschaftlich zu verstehen, entzieht die neue Epoche dem magischen Denken nach und nach den Boden und die Legitimation. 

Parallel dazu entwickelt sich ein Staats- und Rechtsverständnis, das spontane und chaotische Gewalteruptionen für illegitim erklärt. Zudem halten in der Rechtsprechung rationale Verfahren Einzug: Gerichte müssen nun Verbrechen beweisen, was auch dazu führt, dass die Folter überflüssig wird – sie war quasi «notwendig» gewesen, so lange Urteile nur aufgrund von Geständnissen und nicht von Beweisen gefällt werden konnten.

Sündenbock-Mechanismus bleibt virulent

Alles gut demnach dank Bibel und Aufklärung? Natürlich nicht! Der Sündenbock-Mechanismus, wiewohl gründlich entlarvt und von einem rationalen Standpunkt gesehen illegitim und obsolet, lebt mit ungebrochener Kraft weiter. Die Ausstellung im Landesmuseum stellt denn auch den zuvor gezeigten mittelalterlichen Beispielen im vorletzten Raum eine erschütternde Kollektion von Sündenbock-Geschichten aus der Jetztzeit gegenüber. An sehr viele davon werden sich die Betrachterin und der Betrachter erinnern. Die Ereignisse sind nur ein paar Jahre her oder ganz kürzlich passiert. So führt die Ausstellung mitten in unsere Lebensrealität.

Das letzte Wort jedoch hat Johann Sebastian Bach. Mit dem Schluss der Matthäuspassion und einigen Texten, die in Mäppchen ausliegen, werden die Besucher zum Mitfühlen und Nachdenken aufgefordert. Im letzten Raum der Ausstellung setzen alle ihren persönlichen Schlusspunkt.

Landesmuseum Zürich: Sündenbock, bis 30.6.2019. Es empfiehlt sich, für den Gang durch die Ausstellung den Audioguide zu benützen.

Kommentare

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Wir - mein Partner und ich - haben heute Vormittag mit grossem Interesse diese Ausstellung besucht. Wir finden sie sehr informativ und berührend gestaltet. Die Audiotexte mit Musik machen es einen leicht zu folgen, und der letzte Teil der Ausstellung, "Epilog", gibt einen Raum nachzudenken und sich wieder etwas zu fassen. Ja, Sie haben richtig gelesen, ich musste mich erst wieder fassen; es ist für mich buchstäblich eine erschütternde Kollektion von Sündenbockgeschichten, die Jetztzeit betreffend. Gleichzeitig finde ich es jedoch eine positive Erschütterung, und durch die ganze Ausstellung kann ich alles in einen grösseren Rahmen setzen.
Dafür danke ich den Ausstellungsmachern.
Meine Frage ist jedoch, warum sie nur drei Monate dauert. Es ist doch ein sehr wichtiges Thema, und die Auseinandersetzung damit könnte einem breiteren Publikum nur guttun. Oder handelt es sich um eine Wanderausstellung? Vielen Dank für Ihre Antwort.

In den Unterlagen des Veranstalters gibt es keinen Hinweis, dass die Ausstellung nach dem 30.6.2019 anderswo gezeigt würde.

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