Religion bleibt sexy

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Religion bleibt sexy

Von Urs Meier, 09.06.2017

Eine beliebte rhetorische Figur: Ärzte sind Götter, Banken Tempel, Gespräche Beichten. Das knallt immer ein bisschen.

„Historisch betrachtet hat die moderne Medizin in gewisser Weise die Religion abgelöst. Der Operationstisch ersetzt den Altar und der Operationsarzt den Priester.“ – Dies meint die Medizinethikerin Tanja Krones (Interview im „Tages-Anzeiger“ vom 2.6.2017).

Mit ihrem Religionsvergleich ist Frau Krones nicht allein. Er taucht seit langem immer wieder und in ganz verschiedenen Zusammenhängen auf. Besonders beliebt scheint er zur kritischen Beschreibung von Wirtschaft zu sein. Abwechselnd werden das Geld oder der Markt als Wiedergänger der Religion beschrieben. Banken werden zu Tempeln, Kredit und Debit sind Äquivalente von Glauben und Sünde, und die Monetarisierung aller Bereiche entspricht der einstigen religiösen Durchdringung des gesamten Lebens.

Zwei, drei Generationen zuvor sprach eine mit ähnlichen Denkmustern operierende Kulturkritik vom Kino als einer neuen Manifestation von Kirche. Tatsächlich hatten damalige Kinopaläste oft eine sakrale Anmutung. Zudem versammelten sich vor den Leinwänden Menschen, um andächtig das wahre Leben zu betrachten, sei es in affirmativen oder in kritischen Kino-Epen. – Für nicht wenige Beobachter Anlass, die Magie der Filmwelt religiös oder post-religiös zu konnotieren.

Als in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Kritik am Fernsehen populär war (Neil Postman, „Wir amüsieren uns zu Tode“), hiess es, Television sei an die Stelle der Religion getreten. Unterhaltung war der neue Gottesdienst, Showmaster fungierten als Priester, Anchormen als Prediger, Talkmaster als Beichtväter und das TV-Programm formte anstelle der Religion Weltbilder, Wertvorstellungen und Zeitstrukturen der Menschen.

Das ist aus der Mode. Was heute oft als Phänomen „wie einst die Religion“ hingestellt wird, ist hingegen das Internet: allumfassend und allwissend wie Gott, unbarmherzig wie das Jüngste Gericht, voller Wunder wie die alten religiösen Erzählungen.

Als Metapher ist Religion ein sicherer Wert: Die Redeform passt bei vielem, was grossen Einfluss auf das Leben hat und blindlings akzeptiert wird. Allerdings bleibt der so beliebte rhetorische Vergleich vage. Seine Bezugsgrösse ist ein ausgebleichtes Bild von Religion. Wird es als Metapher für Medizin, Wirtschaft, Kino, Fernsehen oder Internet benützt, so fügt es diesen Begriffen kaum Erklärendes hinzu. Vielmehr dreht sich das Verhältnis um: Das Konkrete erklärt die Metapher. Frau Krones hat mit ihrem Vergleich nicht die Situation der modernen Medizin näher beschrieben, sondern ihre Vorstellungen von Religion.

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