Reisen in die Welt der «Recherche» (2)

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Reisen in die Welt der «Recherche» (2)

Von Urs Meier, 20.03.2016

Der Roman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» lotet die Schrecken der Liebe aus. Hier die zweite Folge eines Leseberichts in vier Teilen.

Der zweite Teil des ersten Bandes, «Eine Liebe von Swann», klinkt sich aus dem mit «Combray» begonnenen Erzählfluss aus und springt zurück vor die Lebenszeit des Ich-Erzählers. Geschildert werden Swanns Mésaillance mit der Kokotte Odette de Grécy und sein Beitritt zum «kleinen Kreis» der Madame Verdurin. Letztere ist ebenso ungebildet und infam wie ehrgeizig und ruchlos. Da sie nicht zur richtig guten Gesellschaft zählt, schafft sie sich mit ihrem Salon eine eigene Anhängerschaft mit dem einzigen Zweck, ihren gesellschaftlichen Aufstieg zu betreiben. Die minutiöse, distanziert beobachtende Schilderung des skrupellosen Kampfs dieser Frau, die sich beharrlich und methodisch ihren Weg nach ganz oben bahnt, zieht sich durch die gesamte Recherche und ist eine literarische Meisterleistung für sich.

Demontage einer Fiktion namens Liebe

Swann also stürzt sich in eine Affäre mit der Edelprostituierten Odette. Erst ahnt, dann weiss er, dass er nicht ihr einziger Kunde ist. Obschon klar zutage liegt, welcher Art diese Beziehung ist, belügt Swann sich permanent. Er redet sich Liebe ein, obwohl er wiederholt gewahr wird, dass ihm Odette noch nicht mal gefällt. Odette ist es, die Swann in den «Kleinen Kreis» der Madame Verdurin einführt. Da er aufgrund seiner Bildung und hohen gesellschaftlichen Position in diese pseudonoble und scheingebildete Gesellschaft nie und nimmer hineinpasst, ist er hier genauso auf Abwegen wie in seinem amourösen Abenteuer.

Doch die Verwicklungen mit dem Verdurin-Kreis sind noch das Harmloseste, was ihm blüht. Seine Affäre wird zum Abltraum. Swann beschuldigt Odette der Untreue und Lügenhaftigkeit und ist zugleich süchtig wie ein Morphinist nach ihrer Zuwendung und Zärtlichkeit, die sie ihm nun mehr und mehr entzieht. Odette nimmt ihn gnadenlos aus und demütigt ihn immer dreister im Wissen, dass er die Kraft zur Trennung nicht aufbringen wird. Die Geschichte endet mit Swanns Erschöpfung und Rückzug, doch der Leser ahnt, dass das Verhängnis nicht überwunden ist, sondern lediglich ruht. «Eine Liebe von Swann» ist ein tiefschwarzer Roman im Roman.

Brüche der Wirklichkeit und des Erzählens

Die Schrecken der Liebe werden in der Recherche in vielen Facetten ausgemalt, abgehandelt, seziert. Im Schlussteil des ersten Bandes trifft das Roman-Ich als kleiner Junge, der mit seiner Grossmutter auf den Champs Elyées spazieren und spielen geht, Swanns Tochter Gilberte, in die er sich heftig verliebt. Bald verkehrt er bei ihrer Familie, aus der Kinderliebe wird mit den Jahren eine zwischen erotischen Sehnsüchten und unsteter Kameraderie schwankende Beziehung.

Ganz beiläufig, in einem Nebensatz, lässt Proust die Bombe hochgehen: Gilbertes Mutter ist niemand anderes als Odette. Damit ist der Grund für Swanns gesellschaftliches Stigma offengelegt: Der Skandal, der für immer einen Schatten auf ihn wirft, ist diese Ehe mit einer Halbweltdame. Man pflegt zwar den Kontakt mit Swann, doch Odette bleibt ausgeschlossen. Sie hält sich schadlos, indem sie ihren angeheirateten Reichtum exzessiv zur Schau stellt.

Laure Hayman, 1882 porträtiert von Julius LeBlanc Stewart, eine Mätresse von Prousts Onkel Louis Weil, wurde zu einem der Vorbilder für die Figur der Odette. (Bild: Wikimedia)
Laure Hayman, 1882 porträtiert von Julius LeBlanc Stewart, eine Mätresse von Prousts Onkel Louis Weil, wurde zu einem der Vorbilder für die Figur der Odette. (Bild: Wikimedia)

In den Liebesgeschichten Swann-Odette und nun auch Erzähler-Gilberte radikalisiert Proust den Blick auf menschliche Wirklichkeiten. Wie er schon die Schilderung von Milieus zur beissenden Groteske treibt, so zersetzt hier sein Zugriff die Emotionen und Selbstkonzepte von Liebenden, dass es zum Fürchten ist. In Prousts Welt ist Liebe getrieben von irrealen Hoffnungen und Angst vor Verlust. Hinter ihr lauert stets das Entsetzen. Als die Liebe zu Gilberte endet, stellt der Erzähler rückblickend fest, die Hoffnung sei grausamer als das Leiden.

Den geheimnisvollen Titel des zweiten Bandes, «A l’ombre des jeunes-filles en fleur», hat Eva Rechel-Mertens übersetzt mit «Im Schatten junger Mädchenblüte» – semantisch ungenau, doch poetisch äquivalent, besser jedenfalls als «Im Schatten der jungen Mädchen», wie er in der Version Walter Benjamins und Franz Hessels 1927 gelautet hatte. Luzius Keller hat in seiner Bearbeitung der Rechel-Mertens-Übersetzung (diejenige Kellers gilt als die aktuell massgebliche deutsche Fassung) diesen Titel beibehalten. Er fliesst rhythmisch, wenn auch in anderem Takt als das Original.

Der zweite Band führt den dritten Hauptschauplatz nach Combray und Paris ein: Balbec – in Wirklichkeit Cabourg in der Normandie – und dort vor allem das Grand Hotel. Proust hat in diesem noch immer bestehenden Haus viele Sommer verbracht und grosse Teile der Recherche geschrieben.

Grand Hotel Cabourg (Foto: Wikimedia)
Grand Hotel Cabourg (Foto: Wikimedia)

Der Ich-Erzähler, ein kränkelnder junger Mann, logiert mit der über alles geliebten Grossmutter im noblen Etablissement. Die Erzählperspektive kippt zwischen der Ich-Perspektive des Jünglings, der über seine Erfahrung dieses Sommers berichtet, und der Erinnerung des gealterten Verfassers, der nicht nur auf jene Zeit zurückblickt, sondern auch auf die Entstehung der Recherche. Für Momente begibt sich der Autor sogar aus der Erzählerrolle heraus und kündigt spätere Wendungen der Geschichte an. Dadurch kennzeichnet er die Erzählung als Artefakt, als «Buch», und wechselt auch die Zeitperspektive. Er nimmt Abstand vom narrativen Damals und hebt alles zu Berichtende in die Gleichzeitigkeit des Erinnerns. Die überraschenden Wechsel der Erzählhaltung schaffen eine reflexive Distanz zum Erzählfluss.

Eine der grossen Figuren der Literatur: Albertine

Zahlreiche Romanpersonen tauchen in der Normandie erstmals auf, darunter der Freund Robert de Saint-Loup, Offizier und Neffe des Herzogs de Guermantes, und natürlich Albertine. Die Art ihres Eintretens in den Erzählkosmos macht schon deutlich, dass diese «jeune-fille en fleur» mit dem Roman-Ich eine enge Verbindung eingehen wird. Jedoch scheitert und verzögert sich beider Annäherung unablässig. Sie gibt Anlass für ein tiefes Ausloten innerer Vorgänge. Der Erzähler verfängt sich hinsichtlich seiner erotischen Wünsche in immer neuen Ausflüchten und Schein-Klärungen.

Die bis in den sechsten Band mäandrierende, sich in qualvollem Hinauszögern und habituellem Zurückbuchstabieren erschöpfende Marcel-Albertine-Geschichte mündet fürs erste in den unendlich mühsam erdauerten Beschluss des Erzählers, Albertine zu heiraten. Man ahnt gleich, dass dies nicht das letzte Wort ist. Albertine bleibt dem Erzähler – genau wie dem Leser – ein undurchdringliches Rätsel, anziehend und befremdlich, Täterin und Opfer in ununterscheidbarer Weise. In der Darstellung ihrer Beziehung zu Marcel dringt Proust in die Labyrinthe von Täuschung und Selbsttäuschung vor, in denen beide Protagonisten sich hoffnungslos verirren. Der Albertine-Erzählstrang wird später eine beklemmende Dramatik entwickeln.

Spiegelkabinett der gesellschaftlichen Sphären

Mit dem dritten Band tritt der Roman ein in «Die Welt der Guermantes», so der Titel. In farbenprächtigen, detailreichen Schilderungen von Empfängen und Soiréen durchleuchtet er die Feinmechanik von Reputation und Hierarchie am oberen Ende der sozialen Stufenleiter zu den Zeiten von Frankreichs Dritter Republik. Die kühle Präzision der Erzählung schlägt immer wieder um in kalten Sarkasmus.

Trotz Fokussierung auf den Adel verliert Proust die anderen Sphären der Gesellschaft nicht aus den Augen. Da gibt es den Schneider Jupien, die kleine Schauspielerin Rahel (die, bevor sie Karriere macht, von Prostitution lebt), den Geiger Morel und Françoise, die Köchin und Hausmagd in der Familie des Erzählers. Sie alle werden als Figuren mit tragenden Rollen sorgfältig entwickelt.

Die alte Françoise ist die faszinierendste dieser Gestalten. Unterwürfig und verschlagen, hat sie zu allem ihre ganz eigene Sicht. Sie kann auf ihre Rechte pochen, ist sich ihrer Unersetzlichkeit bewusst, weiss genauso gut zu jammern wie zu intrigieren und vermag bei Bedarf das Gefälle zwischen Herrschaft und Dienerin kurzerhand umzudrehen. Nicht umsonst gehört sie zu den meistinterpretierten Gestalten aus «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit».

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