Rechtsrutsch und Sommermärchen

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Rechtsrutsch und Sommermärchen

Von Reinhard Meier, 06.11.2015

Falsche Worte verzerren die wahren Fakten. Wer sie verwendet, untergräbt die eigene Glaubwürdigkeit - jedenfalls beim sprachkritischen Zeitgenossen.

Die eidgenössischen Parlamentswahlen sind - soweit sie die grosse Kammer betreffen - vorbei, die Ergebnisse sind bekannt. Noch nicht vorbei ist der Wettbewerb oder das Bemühen, die bescheidenen Verschiebungen zwischen den etablierten Parteien sprachlich zu benennen – oder auszuschlachten. Viele Kommentatoren hatten schon im Voraus  einen „Rechtsrutsch“ prophezeit.  Tatsächlich haben die beiden Parteien im rechten Spektrum, SVP und FDP, zusammen rund 4 Prozent an Wählerstimmen gegenüber dem Ergebnis von 2011 hinzugewonnen.  Ob man das schon als „Rechtsrutsch“ qualifizieren kann, ist durchaus fraglich.

Köppels „Erdrutsch“

Das Wort „Rechtsruck“, das einige Kommentatoren für diesen Sachverhalt auch verwendet haben, macht da einen kleinen aber feinen Unterschied.  Er lässt sich nach meinem Sprachgefühl eher mit der Tatsache vereinbaren, dass SVP und FDP ja keineswegs einen festgefügten Block bilden. Vielmehr gibt es in ihrer Einstellung zum Verhältnis Schweiz-EU fundamentale Unterschiede.

Um solche sprachlichen Skrupel scherte sich der als SVP-Vertreter glanzvoll in den Nationalrat gewählte „Weltwoche“-Chef Roger Köppel überhaupt nicht. Offenbar berauscht von seinem in diesem Ausmass unerwarteten Erfolg beschrieb er den SVP-Vormarsch kurzerhand als „Erdrutsch“.  In Tat und Wahrheit gewann seine Partei 2.8 Prozentpunkte hinzu. Wenn das ein „Erdrutsch“ sein soll – wie wäre dann das Wahlergebnis etwa in Oberösterreich zu benennen, wo vor wenigen Wochen die rechte FDÖ  ihren Anteil auf einen Schlag von 15 auf 30 Prozent Wähleranteil verdoppelt hat?

„Durchgereichte“  Politiker

Der sprachlich interessierte Beobachter konnte indessen bei der Kommentierung des eidgenössischen Wahlgangs auch Neues hinzulernen. Mehrfach stiess er bei der Kommentierung von Erfolg oder Misserfolg einzelner Kandidaten auf das interessante Verb „durchreichen“. Die SVP-Scharfmacher Mörgeli und Fehr seien von den Wählern von ihren aussichtsreichen Listenpositionen auf die hinteren Verliererplätze „durchgereicht“ worden, hiess es da.  Der SP-Senkrechtstarter Tim Guldimann hingegen wurde von seinem eher unsicheren 10. Listenplatz auf den glanzvollen Platz 4 „durchgereicht“.  Durchreichen kommt vom  Substantiv „die Durchreiche“,  die im Umfeld der Küche  eine bekannte Grösse ist. Dass sich die verbalisierte Form  dieser praktischen Einrichtung  auch zur Beschreibung von personellen Verschiebungen bei Wahlergebnissen verwendet lässt, darf man als sprachlichen Zugewinn  einstufen.

„Zerstörtes Sommermärchen“?

Schliesslich ein kritisches Wort im Zusammenhang mit dem Begriff „Sommermärchen“, der in diesen Tagen insbesondere in deutschen Medien überstrapaziert wird.  Der offenbar von Shakespears „Wintermärchen“ inspirierte Begriff bezieht sich auf die Fussball-WM 2006 in Deutschland, die wegen ihres gelungenen Verlaufs und der heiter-gelösten Stimmung, in der sie sich abspielte, seinerzeit gerne als „Sommermärchen“ apostrophiert wurde. Nun soll dieses Märchen „zerstört“ worden sein, weil im Zusammenhang mit dem Fifa-Skandal der Verdacht aufgetaucht ist, der Deutsche Fussballbund habe bei der Vergabe  dieser WM mit Bestechungsgeldern operiert.

Der „Spiegel“ fasste diese undurchsichtigen Vorgänge mit der Titel-Schlagzeile „Das zerstörte Sommermärchen“ zusammen. Diese Wortwahl ist in mindestens zweierlei Hinsicht falsch, respektive voreilig. Zum einen ist auch anderthalb Wochen nach diesem Titel-Paukenschlag noch immer unbewiesen, ob es sich bei den dubiosen Überweisungen zwischen dem Deutschen Fussball-Bund und der Fifa tatsächlich um Bestechungsgelder gehandelt hat. 

Aber selbst wenn die Vergabe nach Deutschland mit unlauteren Mitteln zustande gekommen  sein sollte, so ist die damalige WM-Veranstaltung und die seinerzeit herrschende sommerlich entspannte „Sommermärchen“-Stimmung nicht einfach gelöscht oder „zerstört“, wie das der „Spiegel“ nun 9 Jahre später behauptet.

Die Realität der damaligen Ereignisse und deren heutige Einschätzung sind zweierlei Tatsachen – ganz abgesehen davon, dass die vermutete Bestechung noch nicht als hieb- und stichfestes Faktum belegt ist. Solche Differenzierungen müssten im Titel eines Nachrichtenmagazins, das höheren Ansprüchen genügen will,  wenigstens ansatzweise zum Ausdruck kommen.

Kommentare

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Ein Wort fiel mir auf: Zugewinn.
Ein Gewinn ist immer mehr als kein Gewinn. Drum finde ich es eine Art Verdoppelung wenn ZUgewinn geschrieben wird.
( Hat nichts mit obigem gemeinsam, doch stört mich auch der Begriff "Anmieten")
Mit freundlichem Gruss Heinrich Gretler.

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