Rebhühner, Wachteln, Dirnen, Aristokraten

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Rebhühner, Wachteln, Dirnen, Aristokraten

Von Heiner Hug, 01.07.2018

Die schöne und reiche Madame de Marelle ist eine von ihnen. In der Rue de Constantinople mietet sie eine Wohnung für ihre Schäferstündchen. Doch dann geschieht es.

Der Roman wird zu einem Weltbestseller der damaligen Zeit. Er ist das bekannteste Werk von Guy de Maupassant, der vor 125 Jahren an Syphilis starb und einer der wichtigsten französischen Autoren des späten 19. Jahrhunderts ist.

„Bel Ami“, so heisst das 1885 publizierte Buch, ist ein fulminantes Sittengemälde der höheren Pariser Gesellschaft. Da wird intrigiert und betrogen. Überall Eifersucht. Jede schläft mit jedem und jeder mit allen. Der Roman erzählt die Geschichte eines gutaussehenden, mittellosen jungen Mannes, der die Frauen betört. So hat er es bis zum Chefredaktor der Zeitung „Vie Française“ geschafft. Er heisst Georges Duroy.

„Du Schwein, du Schwein“

Madame de Marelle fördert ihn, steckt ihm immer wieder Goldstücke in die Tasche. Einmal besuchen die beiden die Folies-Bergère. Da treffen sie auf Rahel, eine Dirne. Sie ist wütend. „Wieso grüsst du mich nicht?“, schreit sie Georges ins Gesicht. „Du bist also stumm, Madame hat dir wohl die Zunge abgebissen.“ Er antwortet, er würde sie nicht kennen. Da brüllt Rahel: „Wenn man mit einer Frau schläft, grüsst man sie wenigstens.“ Jetzt explodiert Madame de Marelle. „Du Schwein, mit meinem Geld hast du sie bezahlt, du Schwein, du Schwein.“

Der Roman soll viele autobiografische Züge von Maupassant aufweisen. Sicher kannte er sich nicht nur in der feinen Gesellschaft, sondern auch im Rotlichtmilieu aus. Er stammte aus einer freidenkerischen Adelsfamilie und wurde auf Schloss Miromesnil bei Dieppe in Nordfrankreich geboren. Sein Jus-Studium wurde vom Deutsch-Französischen Krieg unterbrochen. Ab 1871 arbeitete er im französischen Marine- und anschliessend im Erziehungsministerium.

Extravagantes, zügelloses Leben

Gustave Flaubert war sein Lehrer und Förderer. Der berühmte Romancier lud den jungen Mann oft sonntags zum Mittagessen ein, korrigierte seinen Stil und machte ihn mit Émile Zola bekannt. Maupassant wurde schon bald von einer eigentlichen Schreibwut erfasst. Er schrieb sieben Romane, Reiseberichte und mehr als 300 Kurznovellen. So finanzierte er sein extravagantes und teils zügelloses Leben. Zunächst hatte er in einem obskuren Provinzblatt unter einem Pseudonym publiziert, später dann unter eigenem Namen.

Einen ersten grossen Erfolg hatte er mit der Erzählung „Fettklösschen“ („Boule de suif“). So wird eine Prostituierte genannt, die während des Deutsch-Französischen Krieges aus der von den Preussen besetzten Normandie fliehen will. In der Kutsche befinden sich zehn weitere Franzosen, Aristokraten, Nonnen, einfache Leute. Ein deutscher Offizier hält die Kutsche auf, will sie nur weiterreisen lassen, wenn ihm die Dirne zu Diensten steht. Diese weigert sich. Das gefällt den andern Reisenden gar nicht. Flaubert nannte diese Novelle „ein Meisterwerk“.

Angriff auf die Kirche und ihre Moral

Erfolg hatte unter anderem auch die Erzählung „Madame Baptiste“, ein damals scharfer Angriff auf die Kirche und ihre heuchlerische Moral. Eine junge Frau wird von einem Diener monatelang missbraucht. Die Geschändete wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen; kaum jemand spricht noch mit ihr. Sie verzweifelt und bringt sich um. Ein kirchliches Begräbnis wird ihr verwehrt.

Zu den bekanntesten Novellen gehört „Das Schwein, der Morin“. Sie erzählt die Geschichte eines Mannes, der allein mit einer jungen Frau in einem Eisenbahnabteil sitzt. Plötzlich stürzt er sich auf sie und will sie küssen. Die Frau schreit, der Zug hält an. Die Erzählung endet turbulent.

„Ohne jegliche geistige Anstrengung“

Maupassant sezierte auf unterhaltsame Art die guten und schlechten menschlichen Leidenschaften, ohne moralisierend zu wirken. Er beschrieb immer wieder eine Gesellschaft, in der man über alle Dinge „ohne jegliche geistige Anstrengung endlos plaudern kann“. Man räsonniert darüber, dass in Paris eine Metro gebaut werden soll – und ein Eiffelturm, den Maupassant vehement ablehnt. Es ist eine Gesellschaft, die zu geniessen weiss: „Man brachte den Braten, Rebhühner mit Wachteln, junge Erbsen und dann eine Terrine mit Gänseleberpastete ...“ Und lapidar stellte Maupassant fest: „Berühmte Persönlichkeiten leben ausschliesslich vom Geld ihrer Frauen oder ihrer Geliebten.“

Schon damals gab es Fake News, Zeitungsmeldungen, die das Ziel hatten, den Reichtum des Zeitungsbesitzers zu mehren. Seine Zeitung diente ihm dazu, die Aktienkurse mit Gerüchten und Falschmeldungen zu beeinflussen. Monsieur Bel Ami war einer seiner Redaktoren. Um dem Blatt einen literarischen und gesellschaftlichen Anstrich zu geben, hatte man zwei bedeutende Schriftsteller ins Boot geholt. Auch zwei Damen aus der Gesellschaft schickten Berichte aus der vornehmen Welt. Sie schrieben unter den Pseudonymen „Samtpfötchen“ und „Rosa Domino“.

Wer ist dieser Liebhaber?

Viele Texte lesen sich wie ein Dreigroschenroman. Doch hinter der leichten Schreibe verbirgt sich ein präzises Abbild der Gesellschaft. Zu Maupassants Bewunderern gehörten Thomas Mann, Pirandello und Tolstoi.

In „Bel Ami“ treibt er die Gesellschaftskritik auf die Spitze. Neben Madame de Marelle bezirzt Georges die Frau eines Journalisten, der ihn zum Redaktor erkoren hatte. Da er noch nie einen Artikel verfasst hat, ist sie es, die seine Texte schreibt – und er heimst die Erfolge ein. Später heiraten die beiden, doch die Beziehung erkaltet. Georges stürmt zusammen mit der Polizei das Liebesnest seiner Frau. Die Tür wird aufgebrochen, die Frau steht halbnackt da, ihr Liebhaber versteckt sich unter der Decke. Und wer ist dieser Liebhaber? Der Aussenminister.

Tiefe Traurigkeit

Später verdreht Georges der Frau des Zeitungsdirektors den Kopf. Sie verliebt sich gnadenlos in ihn. Da er sie nach einigen Liebesstunden zurückweist, bricht sie zusammen, wird fromm und grau „und nimmt jeden Sonntag das Abendmahl“.

Doch so amüsant die Texte wirken: Immer wieder schimmert eine tiefe Traurigkeit durch. Maupassant, der sich mit 27 Jahren vermutlich auf einer Schifffahrt auf der Seine mit Syphilis angesteckt hat, wusste wohl, wie es um ihn steht. Er weigerte sich, sich medizinisch behandeln zu lassen. Zudem fürchtete er, verrückt zu werden wie sein Bruder. Auch er war syphiliskrank.

Bergab geht es schnell

In „Bel Ami“ lässt Maupassant einen alten Grafen auftreten, der sagt: „Das Leben ist ein Berg, solange man hinaufsteigt, sieht man den Gipfel und fühlt sich glücklich. Ist man aber oben, dann erblickt man mit einem Mal den Abgrund und das Ende, nämlich den Tod. Bergauf geht es langsam, bergab geht es schnell. In ihrem Alter ist man fröhlich, man erhofft so vieles, das übrigens nie eintritt, In meinen Jahren erwartet man nichts mehr als den Tod.“

Seine Krankheit und sein Drogenkonsum verdüsterten zunehmend seine Texte. Immer weniger sah er einen Sinn des Ganzen. An Neujahr 1892 brach er bei seiner Mutter zusammen, verübte dann einen Selbstmordversuch, indem er sich die Kehle aufschnitt. In einer Zwangsjacke wurde er in ein Heim bei Paris gebracht. Dort starb er in geistiger Umnachtung am 6. Juli 1893, einen Monat vor seinem 43. Geburtstag.

Epilog

Übrigens: Georges Duroy nannte sich nach seinem gesellschaftlichen Aufstieg jetzt Baron Du Roy de Cantel. Nachdem er die Frau des Zeitungsdirektors ins Elend getrieben und ihr „eine klaffende Wunde beigefügt“ hatte, heiratete er deren kaum erwachsene Tochter Suzanne.

Die Heirat fand in der Pariser Église de la Madeleine statt. Ein roter Teppich wurde ausgelegt, alles was Rang und Namen hatte, war präsent: der Bischof, Senatoren, Minister, Adlige, Zeitungsdirektoren. Vor der Kirche sammelte sich eine riesige Menge staunender Passanten.

Nach der Zeremonie traten Georges und Suzanne vor die Kirche. Da sah er Madame de Marelle. „Das liess sein Blut heiss durch die Adern rinnen und wieder überfiel ihn ein jähes Verlangen, sie zu besitzen.“ Sie reichte ihm die Hand: „Auf Wiedersehen, mein Herr.“ Er antwortet: „Auf Wiedersehen, gnädige Frau.“ Die Sonne blendete ihn, er schloss die Augen und sah nur noch Madame de Marelle.

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