„Raus mit den Italienern!“

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„Raus mit den Italienern!“

Von Heiner Hug, 01.05.2020

Vor 50 Jahren tobt der Abstimmungskampf über die Schwarzenbach-Initiative. Ein italienischer Journalist beschreibt das damalige Leben der Gastarbeiter in einem Bestseller.

Alles war schon geplant. Concetto Vecchio, Redaktor bei der italienischen Zeitung „La Repubblica“, wollte im April in der Schweiz sein Buch vorstellen. Wir wollten ihn bei einer Lesung begleiten und ihn fotografieren – dort, wo er vor 35 Jahren in die Schule ging und Fussball spielte.

Doch daraus wurde nichts. Corona hat einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt sitzt Concetto Vecchio im Lockdown in Rom. Und nun sprechen wir via Skype miteinander.

7. Juni 1970

Der heute 49-jährige Journalist hatte vor einem Jahr ein Buch über die Schwarzenbach-Jahre veröffentlicht, das in Italien grosses Aufsehen erregte. Journal21 hatte damals den Autor in Rom getroffen und ausführlich über das Werk berichtet. Jetzt liegt das Buch in deutscher Übersetzung vor. *)

Das Erscheinungsdatum ist nicht zufällig gewählt. Am 7. Juni 1970 – vor 50 Jahren – stimmten die Schweizer über die Schwarzenbach-Initiative ab. Sie verlangte, dass ein grosser Teil der Italiener die Schweiz verlassen muss. Vecchios Buch berichtet, wie seine aus Sizilien stammende Familie, die in der Schweiz Arbeit gefunden hatte, jene Zeit erlebte. Das Buch ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch ein Stück Schweizer Geschichte.

Salon-Populist erster Güte

Der distinguierte Herr Schwarzenbach mit seinen teils völkischen, rassistischen und antisemitischen Ansichten, war ein Salon-Populist erster Güte. Stets adrett gekleidet, rhetorisch beschlagen, baute er – wie es Populisten tun – ein Feindbild auf. „Ich bin kein Rassist“, hat Schwarzenbach immer gesagt. „Doch niemand sagt, er sei Rassist, auch Salvini nicht“, erklärt Vecchio. Populisten gäben immer vor, sie seien berufen, zum Wohle des eigenen Volkes zu handeln. Vor allem in der Arbeiterschaft gelang es Schwarzenbach, Ängste zu schüren. Vecchio ist überzeugt, dass er vor allem eines im Sinne hatte: sich zu profilieren, um endlich ernst genommen zu werden.

46 Prozent der Schweizer stimmten für seine Rauswurf-Initiative. Acht Kantone sagte Ja. Das Ergebnis erstaunt. Heute herrscht in Europa da und dort grosse Arbeitslosigkeit. Deshalb haben Populisten ein leichtes Spiel, wenn sie fordern, die Ausländer müssten ab- und ausgewiesen werden, um die einheimische Bevölkerung vor Arbeitslosigkeit zu schützen.

Furcht vor dem Nicht-Vertrauten

Doch damals? Es gab in der Schweiz kaum einen einzigen Arbeitslosen. Weshalb also stimmten 46 Prozent für die Initiative? Laut Concetto Vecchio gelang es Schwarzenbach, die Furcht vor dem Fremden, dem Unbekannten zu schüren: dem Nicht-Vertrauten, dem Nicht-Schweizerischen. Die Italiener machen Lärm, hiess es. Sie versperren die Trottoirs, lungern an den Bahnhöfen herum, pfeifen den Frauen nach, singen laut – und ihre Kinder gehen viel zu spät ins Bett.

Sowohl die Italiener in der Schweiz als auch die Schweizer würden jene bleiernen Jahre verdrängen, sagt Vecchio. Doch „ich spüre, dass ein Interesse da ist, wieder zu erfahren, wie es damals war, und zwar sowohl bei den Italienern als auch bei den Schweizern“.

„Italiener halt, Tschinggen“

Concetto Vecchios Vater, ein Möbelschreiner, stammt aus Linguaglossa, einem Städtchen am Nordosthang des Ätna. Plötzlich wurden Möbel von grossen Firmen im Norden hergestellt. Für kleine Möbelproduzenten war da kein Platz mehr. Fast schon am Hungertuch nagend, emigrierte er in die Schweiz.

Dort, im Kanton Aargau wird er wenig freundlich aufgenommen. „Italiener halt, Tschinggen.“ Er ist unglücklich und spürt die Abneigung der Schweizer. In Wildegg (AG) lernt er eine Frau kennen, die wie er aus Linguaglossa kommt. Sie ist Schneiderin, stammt aus bitterarmen Verhältnissen und verdiente pro Tag 100 Lire. Die beiden heiraten und leben – geächtet – in einer Art Parallelwelt.

Existenzängste

Die angekündigte Schwarzenbach-Initiative wird zum Trauma. Wo sollen sie hin, wenn sie angenommen wird? In Sizilien finden sie keine Arbeit. Existenzängste machen sich breit.

Sechs Monate nach der Ablehnung wird Concetto in Aarau geboren. Auch er erlebt die Abneigung der Schweizer. Als er sich 1978 freut, weil die italienische Fussballmannschaft gegen die Niederlande 1:0 führt, hört er einen Erwachsenen sagen: „Diese Sau-Tschinggen jubeln wieder.“

„Keine Hunde, keine Italiener“

Es ist die Zeit, da es in einem Schweizer Wohnungsinserat heisst: „Keine Hunde, keine Italiener“. Oder man hörte: Die Italiener sind wie Kaninchen und zeugen nur Kinder. „Die Schweizer sehen die Emigranten nur als Arbeitskräfte, sie wollen sie nicht als Menschen wahrnehmen“, zitiert Vecchio in seinem Buch einen Pfarrer.

1984 kehrt der damals 14-jährige Concetto mit seinen Eltern und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester nach Sizilien zurück. Heute ist er einer der renommierten Journalisten der linksliberalen „Repubblica“ mit engen Kontakten zu Staatspräsident Sergio Mattarella.

„Viele Leute wissen nicht mehr, was das für eine Gesellschaft war, in der ich aufwuchs“, sagt er. „Ihr lebt jetzt in einer ganz anderen Schweiz, einer sehr interessanten Schweiz.“ Viele Leute hätten vergessen, welche feindselige Haltung viele gegenüber den Italienern hatten.

Familienalbum: Die Familie Vecchio
Familienalbum: Die Familie Vecchio

Familienalbum (2)
Familienalbum (2)

Von seinem Buch „Cacciateli“ (auf Deutsch etwa: „Werft sie raus! Jagt sie weg!“) wurden in Italien bisher sieben Auflagen gedruckt und 20’000 Stück verkauft.

Doch auch in der Schweiz stiess schon die italienische Version des Buches auf grosses Interesse. Im vergangenen Herbst wurde Vecchio zu Lesungen in Zürich, Lenzburg, Bern, Genf und Lugano eingeladen. Das Echo war gewaltig. In Zürich kamen 400 Leute, in Lenzburg, wo er aufgewachsen ist, ebenso viele.

Ja, „eine ganz andere Schweiz“

Es sei wunderbar gewesen, nach so vielen Jahren, sagt er. „In Lenzburg kamen alle, meine Lehrer, Freunde, die Kollegen, mit denen ich Fussball gespielt hatte, die Leute, mit denen wir zusammenwohnten, meine ganze Schulklasse war dort. Es war sehr berührend“. Ja, „eine ganz andere Schweiz“.

Auch ehemalige Gastarbeiter kamen – und Secondos. Mit der deutschen Version hofft Vecchio auch beim Deutschschweizer Publik Interesse zu wecken. 

Lockdown

Und während er verhindert ist, die deutschsprachige Version seines Buches in der Schweiz vorzustellen, sitzt er in Rom im „Hausarrest“. Er sieht eine düstere Zukunft voraus. „Ich rechne mit einer ganz dicken Rezession“, sagt er. „Das wird brutal sein.“ Die Leute hätten grosse Angst. „Wir sind seit dem 8. März praktisch eingesperrt.“ Eine Person pro Familie dürfe pro Tage eine halbe Stunde ins Freie. Die Kontrollen seien strikt. Überall patrouillieren Polizei und die Carabinieri. „Es hat fast keine Leute auf der Strasse, das ist unheimlich in einer Stadt wie Rom, die sonst Tag und Nacht pulsiert. Jetzt steht plötzlich alles still.“

Natürlich sei er enttäuscht, dass die geplante Lesetour in der Schweiz zurzeit nicht stattfinden könne. „Aber in der jetzigen Situation muss jeder Mensch auf etwas Wichtiges verzichten, und es gibt Leute, die auf Wichtigeres verzichten müssen, als auf eine Lesetour.“

Doch ein Teil dieser Lesetour soll nachgeholt werden. Geplant ist, dass er Ende August in Luzern und Lenzburg auftritt. „Ich glaube allerdings nicht, dass es dazu kommt.“ Wie könne man in Zeiten von Corona solche Anlässe organisieren?

„Zürich, ein nettes Städtchen“

Zu seinen Lesungen im vergangenen September hatte er seine Eltern mitgenommen. Zum ersten Mal seit 34 Jahren waren sie wieder in der Schweiz. Seine Tochter und sein Sohn, 18 und 16 Jahre alt, waren erstmals in der Schweiz. „Für mich war das ein ergreifendes Ereignis. Am Sonntag spazierten wir am Zürichsee, assen eine Bratwurst, wie man das in der Schweiz tut.“

Ich zeigte meinen Kindern voller Emotionen Dinge, die mich an meine Kindheit erinnern. Die Tochter und der Sohn sehen die Schweiz mit anderen Augen. Meine Tochter sagte mir: „Papa, reg’ dich ab. Ja, ja Zürich ist ja schön, ein nettes Städtchen, aber hier leben: lieber nicht.“

... und fiebert mit dem FC Aarau

Auch wenn das Buch viel Unschönes aufzeigt: es ist keine Abrechnung mit der Schweiz. Auch seine Eltern, obwohl sie ausgestossen wurden, sagen kein böses Wort über die Schweiz. Seine Mutter erklärte ihm: „Wenn du ein Buch schreibst über die Schweiz, schreibe nichts Schlechtes, denn die Schweiz hat uns auch viel Gutes gegeben.“ Der Autor selbst, das spürt man, liebt das nördliche Nachbarland. Er liest Schweizer Zeitungen, ist informiert, was hier geschieht. Und er fiebert noch immer mit dem FC Aarau.

Concetto Vecchio während des Skype-Gesprächs mit Journal21
Concetto Vecchio während des Skype-Gesprächs mit Journal21

                                                      ***

Concetto Vecchio: Jagt sie weg!
Die Schwarzenbach Initiative und die italienischen Migranten
Aus dem Italienischen von Walter Kögler
24. April 2020, gebunden, ca. 200 Seiten
978-3-280-05055-2
Auch als E-Book erhältlich.

„Cacciateli!, Quando i migranti eravamo noi“ Feltrinelli, 2019.

 

Kommentare

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„Was sind die tieferen Beweggründe jener 30-50 Prozent, die immerhin durch Wahlen den Rechtspopulismus an die Macht bringen? Kümmern wir uns für einmal nicht um die «Verführer», sondern fragen wir nach der Befindlichkeit und Motivation der «Verführten». Die Wahlresultate sind ein Aufstand von unten, eine stille Rebellion der Verlorenen und Vergessenen, ihre Reaktion auf die soziale Deklassierung durch Globalisierung und neoliberale Handelspolitik." (R. Strahm in der BaZ vom 31.12.2019)

...und der Schoss ist noch immer fruchtbar... Schwarzenbachs Sekretär treibt noch immer sein Unwesen: Schweizerzeit-Schlüer - von der SVP ganz zu schweigen.

Was hat uns die extensive Zuwanderungspolitik gebracht? Etwas mehr Geldwohlstand, meist nur für eine Minderheit; Dichtestress; mehr Beton und Landschaftszerstörung; Identitätsverlust; mehr Kriminalität; Umweltprobleme.

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