Rauhe Lyrik zur Zeit

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Rauhe Lyrik zur Zeit

Von Michael Lang, 17.06.2020

Die US-Rockmusikerin Lucinda Williams (67) präsentiert ein Album, das vieles auf den Punkt bringt, was die Welt bewegt. Und einen Song, der die Klientel ihres Präsidenten nicht amüsiert.

Sie gilt als eigenwillige, radikale Vertreterin der US-Singer-Songwriter-Frauenpowergilde. Und ihr exzellentes neues Studio-Album „Good Souls Better Angels“ passt punktgenau zur bewegten Gegenwart: „Mein neues Album wird“, so Lucinda Williams kürzlich im „Zeit-Magazin“, „was die Texte betrifft, einigen Leuten nicht gefallen. Insbesondere mein Song ‚Man Without a Soul‘ kommt bei Trump-Wählern nicht gut an. Im Internet schrieben erboste Fans Kommentare wie ‚Lucinda sollte einfach die Klappe halten und die Finger von der Politik lassen!‘". Was sie natürlich ganz und gar nicht tun wird.

Über Sinn, Zweck und nachhaltige Wirkungskraft der streckenweise überkommerzialisierten Rockmusik lässt sich streiten. Aber in Phasen von extremen Umbrüchen ist es gewiss nicht verfehlt, wieder hellhöriger zu werden. Zumal wenn es sich lohnt wie jetzt, wo die 67-jährige Rock-Lyrikerin Lucinda Williams mächtig Gas gibt: „Manche fragten, wo mein Mitgefühl geblieben sei. Das berührt mich schon. Dennoch bin ich vor allem anderen eine Künstlerin – und damit geht für mich eben einher, Dinge offen auszusprechen.“

Was in Bezug auf die Frau mit der virtuos-rauchigen, dunkel gefärbten Stimme nie nur ein leeres Versprechen oder gar ein PR-Slogan war. Die mehrfache „Grammy“-Gewinnerin galt schon immer als rauhschalige, beherzte Performerin und Texterin. Und jetzt hat sie mit „Good Souls Better Angels“ ihr stärkstes Konzept-Album seit mehr als zwei Jahrzehnten lanciert.

„Man Without a Soul“

„You bring nothing good to this world / Beyond a web of cheating and stealing / You hide behind your wall of lies / But it’s coming down“, heisst es im Song „Man Without a Soul“. Der in einem Skandal-Strudel taumelnde Donald Trump, Weltmacht-Führer im Weissen Haus, wird zwar nicht namentlich genannt, ist aber ganz klar der Adressat der Message. Zusammen mit einigen weiteren egomanischen, patriarchalischen, national-populistischen Polit-Potentaten, die sich allzu selbstgefällig auf die eigene Brust klopfen. 

Auf den Weg gebracht wurde Lucinda Williams’ Album natürlich schon vor der unvorhersehbaren Corona-Pandemie, die nun aktuell die USA extrem hart trifft. Williams nutzte die Zeit zwischen zwei Tourneen, um neues Song-Material einzuspielen. Als Frau thematisch aufgewühlt etwa von der Me-Too-Debatte, aber vor allem auch irritiert von der anwachsenden Verunsicherung angesichts der gesellschaftlichen und moralisch-ethischen Verrohung in den USA gegen das Ende der ersten Amtszeit der Administration Trump. 

Das Lucinda-Williams-Credo: „You Can’t Rule Me“

„Good Souls Better Angels“ beginnt fetzig, scharfkantig, entschlossen. Williams gibt sofort den Tarif durch. Im Song „You Can’t Rule Me” mit Textzeilen wie „You wanna go and tell me what’s good for me / You wanna tell me what I'm payin’ for / Well, the game is fixed, it’s plain to see / I ain’t playin’ no more.“

Alles klar? Aber sicher, denn sie tut das, was sie seit Jahrzehnten tut und wofür sie steht: Für ein ausgeprägtes weibliches Selbstbewusstsein in einer Showszene, die zwar nicht mehr ganz so männerdominiert scheint wie einst. Aber weiterhin ist. Und kernig geht es rockpoetisch weiter: Im düster umflorten „Bad News Blues“ singt Williams gegen die überschwappende Flut von ungefilterten Fake News und Verschwörungstheorien. Ähnlich zu werten ist auch „Shadows & Doubts“, das sich als Statement zur eitrigen Giftigkeit in den Sozialen Medien liest.

Doch die Williams blickt auch in den Spiegel ihres Selbst, melodisch getragen wie in „Big Black Train“, wo es um Erfahrungen mit Depressionen geht. Und hiphop-artig fiebrig, zornig in „Wakin’ Up“, mit dem Zeugnis eigener Missbrauchs-Erfahrungen: „Yeah, I threw a punch, somehow, I missed it / I should’ve split, thought I could fix it / He pulled the kitchen chair out from under me / He pulled my hair and then he pissed on me / Next thing, I swear, he wants a kiss on me / After all this, he wants a kiss on me.“

Das sind Textbeispiele aus einem Dutzend energiegeladener Songs, alles musikalisch verdichtete Short-Storys, interpretiert von einer starken Frauenpersönlichkeit mit kreativem Biss.

Der Poet und die wilde Tochter

Künstlerisch und politisch sozialisiert worden ist Lucinda Williams als Teenager in den bewegten 1960er-Jahren. Die Tochter des Poeten, Übersetzers und Verlegers Stanley Miller Williams (1930–2015) wuchs in einem weltoffenen Bohème-Milieu auf, lebte an verschiedenen Orten, etwa in Baton Rouge, New Orleans, Jackson (Mississippi) und eine zeitlang in Mexico. Tangiert von den revolutionären gesellschaftspolitisch-kulturellen Umwälzungen in den USA – natürlich auch im Kontext mit dem Vietnamkrieg – wurde sie damals von der Schule verwiesen. Warum? Sie hatte politische Flugblätter verteilt und sich geweigert, im Klassenverband den sogenannten „Pledge of Allegiance“ (Treueschwur auf die Flagge der Vereinigten Staaten) mitzusprechen.

Was indessen im Hause Williams nicht zu weiteren Sanktionen führte, im Gegenteil. Lucinda Williams über ihren Vater: „Er tröstete mich und besorgte mir einen guten Anwalt, der den Verantwortlichen klarmachte, dass sie gegen die Regeln verstossen hatten, nicht ich. Ich hatte nichts weiter getan als zu schweigen, während die anderen sprachen.“

Damit die schulische Weiterbildung der schon früh mit viel Zivilcourage gesegneten Tochter gesichert war, nahm der Papa die Sache selber in die Hand und machte sich zum Privatlehrer, auch während eines längeren Aufenthalts in Mexico – Homeschooling à la Williams. 

Karriere im Halbschatten

Lucinda Williams’ Musikerinnen-Wurzeln liegen in den 1970er-Jahren, wo sie – wie viele andere – progressives Liedgut von avantgardistischen Vorbildern coverte, die von einer Protesthaltung gegen das bürgerliche Establishment geprägt waren. Dazu gehörten Gordon Lightfoot und vor allem der pazifistische Politaktivist Pete Seeger (1919–2014). Und natürlich Bob Dylan, bis heute das Mass aller Dinge in der gehobenen Singer-Songwriter-Kultur; mit ihm war Williams schon auf Tournee.

Lucinda Williams zählt zur Elite der Powerfrauen in der US-Folk-, Country-, Blues- und Rockszene, die wie sie in den 1960er-Jahren artistisch geprägt wurden – also Grössen wie Joan Baez, Carole King, Joni Mitchell, Patti Smith oder Emmylou Harris. Dass Lucinda Williams in unseren Breiten nicht ganz deren Bekanntheitsgrad hat, mag damit zusammenhängen, dass ihr originär-querer Stil-Mix zwar in Insiderkreisen und von der Musikkritik gewürdigt wurde, aber nicht unbedingt zum Imageprofil passte, das im Showbusiness als kommerzielles Erfolgsrezept galt. 

Support von Bill Clinton und Robert Redford

1997 erlangte ihr Vater Stanley Miller Williams übrigens nationale Bedeutung. Präsident Bill Clinton lud den Poeten anlässlich der Inaugurations-Feier zu seiner zweiten Amtszeit ein, sein Werk „Of History and Hope” zu rezitieren. Und im gleichen Jahr wurde Stanley Miller Williams von Clinton mit dem „National Arts Award” für seine Verdienste geehrt.

Es muss kein Zufall sein, dass zeitnah auch die Laufbahn von Lucinda Williams einen Schub erfuhr. 1998 wurde ihr Album „Car Wheels on a Gravel Road“ als artistisches Masterpiece gefeiert und verkaufte sich gut. Auf dem Album findet sich der Titel „Still I Long for Your Kiss“, der im Soundtrack des Films „The Horse Whisperer“ des politisch aktiven Umweltschützers und Hollywood-Superstars Robert Redford zu hören ist. Das erregte mediale Aufmerksamkeit und machte Williams als formidable Songwriterin endlich bekannter.

Hammer-Band als „zweite Haut“

Dass sich das aktuelle Album „Good Souls Better Angels“ anhört wie aus einem Guss, ist das Resultat einer subtilen Produzentenleistung. Williams ist vor einiger Zeit von Los Angeles ins Musik-Mekka Nashville (Tennessee) gezogen. Dort wurde, im engen Schulterschluss mit ihrer eingeschworenen Haus-Combo „Buick 6“ – mit dem Gitarristen Stuart Mathis, David Sutton am Bass und Butch Norton an den Drums –, das Werk eingespielt. Mit einem Trio infernal, das das stupende Talent dieser Vokal-Künstlerin zu akzentuieren, zu ergänzen, zu kontrapunktieren weiss. So dass es, wie ein US-Kritiker meinte, zu ihrem zwischen empathischer Hoffnung und Düsternis lavierenden Stil passe „wie eine zweite Haut“.

Im Musikuniversum von Lucinda Williams überkreuzen sich erdiger, aufgerauter Tiefton-Blues, elektrische Sound-Kaskaden, Zitate aus der Folk-Tradition, Garagen-Country-Punk-Flashes. Sowie ein paar Flirts mit der experimentellen Magie von Velvet Underground und ihrem Frontmann Lou Reed oder dem Furor eines Neil Young. Für den Studio-Feinschliff von „Good Souls Better Angels“ war – wie schon beim erwähnten Album „Car Wheels on a Gravel Road“ – Ray Kennedy verantwortlich. Mit dem Support von Lucinda Williams’ Ehemann Tom Overby (er ist ihr Manager, Co-Autor und Co-Produzent) ist erneut ein  magistral choreographiertes Gesamtkunstwerk entstanden.

Weiter, immer weiter …

Was werden die Präsidentschaftswahlen im November in den USA bringen, was bedeutet das für die Welt? Wie entwickelt sich die Corona-Pandemie weiter? Was geschieht etwa hinsichtlich der hängigen Klimafrage oder dem Kampf gegen den neu auflodernden Rassismus-Flächenbrand? Alles Fragen, mit denen sich Lucinda Williams in ihren kernigen Songs zumindest im Subtext beschäftigt. Und die vielleicht vertiefter in ihrer Autobiografie verhandelt werden, deren Veröffentlichung demnächst ansteht.

Wenn die gehobene Rockmusik-Kultur noch (oder wieder) einen Sinn macht, dann vor allem, weil es seismographische Künstlerinnen wie Lucinda Williams gibt. Sie steht mit 67 Jahren immer noch für das, was sie zeitlebens an- und umtreibt: „Dass ich das tue, liegt aber auch daran, dass ich schon immer die Hoffnung hatte, dass man letztlich alles zum Besseren wenden kann. Daran glaubte ich damals als protestierende Schülerin und das tue ich auch heute noch.“ 

Nach Lucinda Williams’ „Good Souls Better Angels“, dem erstaunlichen „Powerrock-Manifest zur Zeit“, ist davon auszugehen, dass für diese Rock-Heroine noch lange nicht Schluss sein muss. Wenn eingelöst wird, was sie ungewohnt versöhnlich, fast wie ein Gebet in Demut, in ihrem Schluss-Song „Good Souls“ beschwört: „Keep me in the hands of saints / Keep me with the good souls / With the better angels.“ 

„Good Souls Better Angels“ von Lucinda Williams (2020, Label: Highway 20): jetzt im Handel.

Offizielle Webseite: www.lucindawilliams.com/media

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