Publizistischer Beirat für die NZZ – wozu?

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Publizistischer Beirat für die NZZ – wozu?

Von Reinhard Meier, 10.04.2016

Die NZZ-Gruppe soll einen „publizistischen Beirat“ bekommen. Als Mitglieder sind zwei pensionierte Ressort-Leiter vorgesehen. Nach Innovation sieht das nicht aus.

Im Januar hatte der Medien-Journalist Christof Moser berichtet, es sei wieder „Feuer im Dach bei der NZZ“. Der Verwaltungsrat habe die Absicht, den „Weltwoche“-Vizechefredaktor Philipp Gut als Inland-Chef für die „NZZ am Sonntag“  anzuheuern. Die Nachricht wurde von der NZZ-Geschäftsleitung sofort dementiert. Sie sei „von A – Z völlig frei erfunden“.

Posten für Ex-Feuilleton- und Ex-Wirtschafts-Chef

So restlos frei erfunden war Mosers Meldung offenbar doch nicht. Darin war nämlich auch davon die Rede, dass der auf Ende 2015 pensionierte frühere Feuilletonchef Martin Meyer „demnächst zum Leiter des geplanten publizistischen Beirats der NZZ ernannt werden“ soll. Dieses Projekt nimmt nun Gestalt an, wie man aus verlässlicher Quelle erfährt. Als Mitglieder sind gemäss diesen Informationen die beiden früheren NZZ Ressort-Chefs Martin Meyer und Gerhard Schwarz  gesetzt. Schwarz hatte 2010 das Wirtschaftsressort verlassen und die Leitung des Thinktanks Avenir Suisse übernommen. Er ist seit kurzem pensioniert. Das dritte Mitglied des geplanten Beirats ist noch nicht bekannt.

Natürlich fragt sich der interessierte Beobachter, wozu denn ein solcher „Publizistischer Beirat“ in einem publizistischen Unternehmen wie der NZZ gut sein soll. Die Frage ist berechtigt. Auch angesichts der Tatsache, dass das Konkurrenzunternehmen Tamedia vor mehr als zehn Jahren ebenfalls ein solches Gremium geschaffen hatte, in dem aktive und frühere Grössen des Unternehmens vertreten waren. Doch hatte sich die Einrichtung nicht bewährt. Das Gremium wurde 2013 durch einen „Beirat für digitale Entwicklungen“ abgelöst. Für diesen konnten dann ausgewiesene Experten wie Emily Bell, Direktorin für Digital Journalism an der Columbia University in New York, gewonnen werden.

Erinnerung an das Somm-Manöver

Als innovative Visionäre und Impulsgeber für digitale Entwicklungen aber kann man sich die beiden eher philosophisch und wirtschaftstheoretisch interessierten NZZ-Veteranen Meyer und Schwarz nicht vorstellen, bei allem Respekt vor ihren publizistischen Leistungen. Auch passt diese Personalie nicht zu dem von NZZ-CEO Veit Dengler dringend formulierten Anforderungsprofil. Bei heutigen Medienhäusern, erklärte er dieser Tage in einem Interview, müsse „Innovation in ihrer DNA sein“.

Sollten also die Aufgabe der neuen publizistischen NZZ-Beiräte sich darauf konzentrieren, dem Verwaltungsrat und dem Management bei der Lösung von Fragen gesellschaftlicher, politischer oder personeller Natur beratend zur Seite zu stehen? In diesem Bereich könnte zusätzliche Expertise bei den NZZ-Führungsgremien durchaus hilfreich sein.

Der Feuilletonist als Strippenzieher

Das hat sich im vergangenen Jahr gezeigt, als der NZZ-Verwaltungsrat allen Ernstes die Absicht hatte, den Chefredaktor der von Christoph Blocher kontrollierten „Basler Zeitung“, Markus Somm, zum neuen NZZ-Chefredaktor zu machen. Erst ein Proteststurm seitens der alerten NZZ-Redaktoren und aus den Reihen der NZZ-Abonnenten konnte diesen politisch völlig instinktlosen Missgriff verhindern.

Nach jenem gescheiterten Somm-Manöver fragt man sich, ob Martin Meyer tatsächlich der richtige Mann im geplanten NZZ-Beirat wäre, um derart monströse Fehlleistungen in Zukunft zu verhindern. Denn nach glaubwürdigen und von den Involvierten nie widerlegten Informationen zählte der frühere Feuilleton-Chef vor einem Jahr zu den Strippenziehern der Kabale um die Somm-Berufung.

Vor diesem Hintergrund wäre es angebracht, wenn bei der bevorstehenden Aktionärsversammlung am 16. April im Zürcher Kongresshaus die NZZ-Aktionäre über die geplante Gründung eines „Publizistischen Beirates“ und dessen konkrete personelle Besetzung genauer informiert würden.

Der Pensionär bleibt im Chefbüro

Die vorgesehene Berufung Martin Meyers in dieses Beirat-Gremium ist übrigens nicht die einzige Ungereimtheit im Zusammenhang mit seiner Personalie. Der seit Ende 2015 pensionierte Feuilleton-Leiter residiert nämlich nach wie vor in seinem geräumigen und prestigeträchtigen Eckbüro im dritten Stock des NZZ-Hauptquartiers an der Falkenstrasse 11. Der neue Ressort-Leiter René Scheu muss sich derweil mit einem „gewöhnlichen“  Büro begnügen. Vordergründig  wird  diese Präsenz mit Meyers fortgesetzter Aufgabe als Leiter des NZZ-Podiums erklärt.

Doch in Wirklichkeit ist sich der literarisch und psychologisch versierte Feingeist Martin Meyer der Symbolhaftigkeit dieser perpetuierten Chefbüro-Besetzung ebenso bewusst wie seine Ressort-Kollegen. Es handelt sich um einen mehr als subtilen Macht- und Privilegien-Anspruch. Also um das gleiche Motiv (und wohl auch den gleichen Kopf), dem die Idee des überflüssigen „Publizistischen Beirats“ und seiner personellen Besetzung entsprungen ist.

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Kommentare

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Liebe Reini
Wir alten Hasen wissen es doch längst: Wer Berater und Beiräte braucht, taugt -- siehe Grossbanken und die Berater-volle Bundesverwaltung -- als Chef nichts.

Bekanntlich hackt ein Falke dem anderen kein Auge aus....
Als Insider zeigen Sie mit Ihrem Kommentar Souveränität und Unabhängigkeit. Hybris ist rund um den Sechseläutenplatz keine Seltenheit. Immer den Finger draufhalten und an der GV die nötigen Fragen stellen. Danke, Herr Meier.

Seit bald fünfzig Jahren bin ich Abonnent der NZZ. Bis jetzt war ich mit den Leistungen der Redaktoren meines Leibblatts durchaus zufrieden.
Was ich aber jetzt feststellen muss, bereitet mir schon ein gewisses Unbehagen. Hahnenkämpfe in Redaktionen sind meistens ungesund. Ich hoffe schon, dass man gelegentlich merkt, welche Aufgabe ein Publikationsorgan zu erfüllen hat.

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