Propaganda und Hokuspokus

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Propaganda und Hokuspokus

Von Urs Meier, 05.06.2014

Eine der klassischen «Urbanen Legenden» hat es bis in die NZZ gebracht. Sie ist fast sechzig Jahre alt und nicht totzukriegen.

Man nennt sie Urban Legends oder Moderne Mythen: die zwischen skurril und unheimlich changierenden Storys aus dem heutigen Alltag. Sie tauchen, manchmal leicht abgewandelt, rund um den Globus immer wieder auf, wirken bei aller Unwahrscheinlichkeit stets beinahe glaubhaft und halten sich zählebig über Jahre und Jahrzehnte. Der Wikipedia-Artikel «Moderne Sagen» beschreibt das Phänomen und nennt Beispiele.

Psychotechnik des 25. Bildes

Eine der berühmten Urban Legends taucht nun auch im Russland-Ukraine-Konflikt wieder auf. Ulrich M. Schmid erwähnt sie in seinem Artikel über «Die Putin-Show – Mechanismen der russischen Propagandamaschine» (NZZ vom 3. Juni 2014). Der darauf bezogene Absatz lautet:

Das russische Fernsehen wird (...) beschuldigt, die Psychotechnik des sogenannten «25. Bildes» einzusetzen. Ein menschliches Auge kann höchstens 24 Bilder pro Sekunde wahrnehmen. Wenn man in eine bestehende Videosequenz ein zusätzliches Bild mit einer Information einblendet, dann bleibt dieses Bild möglicherweise im Unterbewussten haften. Eine Sprecherin des ukrainischen Geheimdienstes hat kürzlich darauf hingewiesen, dass der Kanal Rossija solche manipulativen Botschaften einsetze. So würden etwa in Fernsehberichten aus der Ukraine als 25. Bild die Zwischentitel «Brandstiftung des ‹Rechten Sektors›», «Tote Bandera-Anhänger» oder «Nationalgarde = Mörder» eingeblendet.

Soweit Schmid in seinem lesenswerten Bericht über Machenschaften russischer Medien. Er bezieht sich zwar auf eine Sprecherin des ukrainischen Geheimdienstes, schildert aber die von ihr erwähnte Manipulationstechnik so, als ob diese unzweifelhaft als Instrument der Beeinflussung zur Verfügung stünde.

Vicarys legendäres Experiment

Was die ukrainische Geheimdienst-Frau kolportiert, geht in leicht variierter Form auf den amerikanischen Marktforscher und Werbefachmann James McDonald Vicary (1915-1977) zurück. Er behauptete 1957, ein Experiment mit subliminaler (unterschwelliger) Werbung mit Erfolg durchgeführt zu haben. Dabei sei in einem Kino mit einem Spezialprojektor in kurzen Abständen jeweils für drei Tausendstelsekunden (und daher nicht bewusst wahrnehmbar) die Textbotschaft «Iss Popcorn! Trink Coca-Cola!» ins laufende Filmbild eingeblendet worden. Dies habe anschliessend den Verkauf von Coca-Cola um 18, den von Popcorn um 58 Prozent gesteigert.

Breite Bekanntheit erlangte Vicarys Experiment durch den Journalisten und Sachbuchautor Vance Packard, der es im Bestseller «The Hidden Persuaders» (1957; auf Deutsch 1958 erschienen als «Die geheimen Verführer») bekannt machte. Diese Veröffentlichung löste in den USA eine stürmische Debatte aus. Die Freiheit des Willens erschien untergraben, man forderte Verbote – und erliess sie auch. Selbst im schweizerischen Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) vom 24. März 2006 heisst es kurz und klar: «Unzulässig sind Schleichwerbung und unterschwellige Werbung.»

Warum, wenn sogar ein schweizerisches Gesetz sie verbietet, ist dann aber unterschwellige Werbung eine Urban Legend? –

James Vicary selber, nachdem er unter starken öffentlichen Druck geraten war, gab im Jahr 1962 zu, das angebliche Experiment sei eine reine Erfindung gewesen. Er hatte damit bloss seiner schlechtgehenden Werbefirma Aufträge verschaffen wollen. Die Story war ein Werbegag, und zwar ein phänomenal erfolgreicher – nicht für Vicarys Firma, aber für die Lancierung eines unglaublich zählebigen und wandlungsfähigen Gerüchts.

Kein Rezept für den Griff in den Jackpot

Aus Holland tauchte 2006 eine Meldung auf, das von Vicary geschwindelte Experiment sei im Rahmen der psychologischen Priming-Forschung mit positivem Resultat nachvollzogen worden. Unter Priming versteht man die unbewusste Beeinflussung einer Handlung oder Emotion durch einen unmittelbar vorausgegangenen Reiz. Die Holländer führten einen Versuch durch, bei dem, wie im vorgetäuschten Vicary-Experiment, der auf Priming-Wirkung getestete Reiz «unterschwellig» war. Allerdings waren bei den holländischen Psychologen die Versuchsanordnung im Labor weit vom Alltag entfernt und die Aussagekraft der beobachteten Wirkungen höchst zweifelhaft.

Offenbar blieb es bei diesem einen Versuch, Vicary gewissermassen gegen seine eigene Intention doch noch zu rehabilitieren. Irgendeine Evidenz ist daraus nicht ableitbar. Liesse sich eine Wirkung subliminaler Werbung tatsächlich nachweisen, wäre sie längst das Bombengeschäft der Branche. Es ist wie bei der Wahrsagerei: Würde sie funktionieren, so wären sämtliche Jackpots stets geknackt.

Ausblenden statt Einblenden! Gewisse angestrebte Ziele werden durch Ausblenden erreicht. Ob ein Bild zu viel eine Wirkung hat kann ich nicht beurteilen. Mit Absicht falsch dargestellte Realitäten schon. Verzerren von Wirklichkeit um irreale Welten von selbsternannten Meinungsmachern kontinuierlich zu propagieren erleben wir jedoch beinahe täglich. Wird gemacht…oder nicht? Oft ist der Antrieb dafür unterschwellige Angst. Diese Angst erzeugt dann Unvernunft und messianische Hyperaktivitäten. Wenn du in den Wald gehst und es dämmert ein, die Sonne versinkt in die Unterwelt, die Nacht bricht herein, was dann? Im Widerschein deiner Taschenlampe leuchten fern die spiegelnden Augen vermeintlicher Wölfe, Wölfe die in Wirklichkeit harmlose Füchse sind. Äste im Gewirr des Waldes werden zu lauernden Monstern. Silhouetten von Gestrüpp und Sträucher verwandeln sich in angreifende Räuber. Es ist jene Zeit aufkommender Angst. Ein Kampf in deinem Kopf beginnt. Unterbewusstsein gegen Bewusstsein. Du sagst dir, ich bin doch ich und habe die Kontrolle. Must feststellen, es gibt zwei von dir in dir. …….cathari

Danke für die Klarstellung. Ich habe mich auch gewundert, als ich diese Sache in der NZZ gelesen habe. Schon nur die wunderliche Aussage: Das Auge soll nur 24 Bilder pro Sekunden "erkennen" können, ergo erkennt man das 25. nicht (...).

Was mich aber an diesem Artikel und den anderen Artikeln der NZZ zur Ukraine ärgert: Die Redaktion versucht offenbar auf die West-Medien-Skepsis vieler Leser zu reagieren indem sie umso mehr "aufdreht". Dabei stört die Leute ja gerade die Einseitigkeit und der fehlende Tiefgang. Man fühlt sich nicht für voll genommen. Die NZZ tut ihrem Ruf damit keinen Gefallen...

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