Powerplay gegen den kleinen Nachbarn

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Powerplay gegen den kleinen Nachbarn

Von Armin Wertz, 08.03.2016

Seit 17 Jahren ist Osttimor unabhängig. Doch immer noch halten die übergrossen Nachbarn Indonesien und Australien den winzigen Staat in ihren Fängen.

„Ich denke, dass das Mineral- und Energieministerium durchaus ein Interesse daran haben müsste, die derzeit bestehende Lücke zwischen den zur Diskussion stehenden Seegebieten zu schliessen, und dass dies leichter mit Indonesien als mit Portugal oder einem unabhängigen Portugiesisch Timor zu verhandeln wäre“, kabelte Australiens Botschafter in Jakarta und spätere australische Aussenminister und „respektierte intellektuelle Diplomat“, Richard Woolcott, im August 1975 nach Canberra.

Drei Monate später, am 7. Dezember, landeten indonesische Streitkräfte und unterwarfen Osttimor einer blutigen Besatzungsmacht in der Mord, Vergewaltigung und Plünderungen zum Alltag gehörten. Tausende Kinder christlicher Eltern wurden nach Java, Sumatra oder Sulawesi entführt und im muslimischen Glauben erzogen. „25 Jahre lang benutzte das indonesische Militär Osttimor als Übungsgelände“, notierten Beobachter. „Hier bestanden junge Offiziere ihre Feuertaufe und wurden in die Praxis von Folter und Mord eingeführt; hier lernten sie, Menschen verschwinden zu lassen und potentielle Gegner zu eliminieren.“

Erst 1999 entliess Indonesien nach einem von den Vereinten Nationen durchgeführten Referendum und nach einem letzten Gemetzel Osttimor in die Unabhängigkeit, und 2002 wurde der neue Staat Timor Loro Sa’e gegründet. Bis dahin hatten Indonesiens Soldaten und Todesschwadronen 250’000 Menschen ermordet, ein Drittel aller Einwohner – in Relation zur Gesamtbevölkerung mehr als Pol Pots Khmer Rouge in Kambodscha.

Desinteresse der Weltöffentlichkeit

Nur selten gelangten Informationen über die Vorgänge auf der entlegenen Insel an die Weltöffentlichkeit, und die Welt war ohnehin nicht interessiert. „Das State Department wünschte, dass sich die Vereinten Nationen als völlig ineffektiv erwiesen, was immer sie unternähmen“, prahlte Patrick Moynihan, damals US-Botschafter bei der UNO, später in seiner Autobiographie. „Diese Aufgabe wurde mir aufgetragen, und ich erledigte sie mit nicht unbeträchtlichem Erfolg.“

1993 gestand der CIA-Agent C. Philip Liechty, der zum Zeitpunkt der Invasion an der US-Botschaft in Jakarta stationiert war, in einem Gespräch mit dem australischen Enthüllungsjournalisten John Pilger, der in seinem „Secret Country“ schon zwanzig Jahre vor Edward Snowdon und NSA-Skandal die Abhörpraktiken des US-Geheimdienstes beschrieben hatte: Indonesiens Präsident „Suharto bekam von uns grünes Licht“ für die Operation. „Wir lieferten ihm alles, was er brauchte, von M16-Gewehren bis logistische Unterstützung…  Als die Gräueltaten in den CIA-Berichten auftauchten, versuchten sie, die Sache so lange wie möglich zu vertuschen. Und als sie nicht länger verheimlicht werden konnten, berichteten sie darüber in stark abgeschwächter, sehr allgemein gehaltener Form, so dass sogar unsere eigenen Quellen sabotiert wurden.“ Wenn jemand gewagt hätte, darüber zu sprechen, „wäre seine Karriere beendet gewesen“.

Die Operation war „eine Verschwörung, um Osttimors Öl und Gas zu stehlen“, schloss Pilger aus Dokumenten, die nun in Canberra neu aufgetaucht sind. Es sind erschütternde Dokumente, die Sara Niner und Kim McGrath, zwei Forscher der Monash University in Melbourne, im Australischen Nationalarchiv gefunden haben. Die Unterlagen „enthüllen, dass diese Kultur des Verschleierns eng mit der Notwendigkeit des DFA (australisches Department of Foreign Affairs) verknüpft war, Indonesiens Souveränität über Osttimor anzuerkennen, um in Verhandlungen über das Öl im Osttimoresischen Meer zu treten“, schrieb Sara Niner.

In seinem Film „Death of a Nation“ zeigt Pilger zwei Männer, die in einem australischen Flugzeug hoch über der Timorsee mit Champagner den Abschluss eines Vertrags feiern. „Das ist ein historischer Augenblick“, freut sich da Australiens Aussenminister Gareth Evans und stösst mit seinem indonesischen Amtskollegen Ali Alatas an, „das ist wirklich, einmalig, historisch.“ Die beiden Staaten hatten soeben das Öl Osttimors unter sich aufgeteilt. Neben Costa Rica und El Salvador war Australien das einzige Land, das Indonesiens Annexion Osttimors anerkannte. Der Lohn dafür, so Evans, waren „zig Milliarden Dollar“.

Diplomatischer Klartext

Spätestens seit den Wikileaks-Enthüllungen ist die Mär, dass Diplomatie auch diplomatische Sprache erfordert, als Lüge entlarvt. Dennoch erstaunen die Verachtung und der Zynismus, die in den australischen Dokumenten zum Ausdruck kommen. Da kritzelten hochgestellte Beamte im Aussenministerium an den Rand eines Berichtes über die Existenz von Konzentrationslagern in Osttimor, wo gefoltert, vergewaltigt und hingerichtet wurde, Bemerkungen wie „klingt lustig“ oder „sieht aus, als veranstalte die Bevölkerung da Budenzauber.“  

Bis heute scheinen diese Bürokraten an solchen Äusserungen nichts Despektierliches zu finden. „Schaut aus wie meine Handschrift“, räumte einer der Autoren solcher Kommentare, Cavan Hogue, im Sydney Morning Herald ein: „Wenn ich das kommentiert habe, habe ich es – zynisches Arschloch, das ich bin – sicher ironisch und sarkastisch gemeint.“

„Die Fretelin-Propaganda [1] stimmte“, witzelte Hogue und verwies auf einen UN-Untersuchungsbericht, in dem Tausende Fälle summarischer Hinrichtungen, Gewalt gegen Frauen durch Suhartos Sonderkommandos, die zum grossen Teil in Australien ausgebildet worden waren, aufgelistet wurden: „Vergewaltigung, sexuelle Versklavung und sexuelle Gewalt waren Mittel, die als Teil einer Kampagne eingesetzt wurden, um unter den Unterstützern der Unabhängigkeit ein tiefes Gefühl des Entsetzens und der Macht- und Hoffnungslosigkeit zu erzeugen.“

Heute noch insistiert das „zynische Arschloch“, das später sein Land als Botschafter unter anderem in Mexiko, der Sowjetunion und etlichen asiatischen Ländern vertrat und nach seiner Pensionierung Professor am Institut für internationale Kommunikation an der Macquarie-Universität in Sydney wurde, dass „Indonesien in wenigen Jahren mehr für den einfachen Timoresen getan hat als Portugal in 400 Jahren.“ Und die siebzig Prozent australischer Journalisten, die auf Rupert Murdochs Gehaltsliste stehen, befleissigten sich ebenfalls, von Jakartas „beeindruckenden wirtschaftlichen Erfolgen“ und „grosszügiger Entwicklungshilfe“ in Osttimor zu berichten, wo „niemand mehr ohne ordentliches Gerichtsverfahren verhaftet wird“.

„Jene, die Australien für die damaligen Ereignisse in Osttimor verantwortlich machen, leiden eindeutig an einer neokolonialistischen Mentalität und einem unrealistischen Verständnis von Australiens Macht, ausserhalb seiner Grenzen Einfluss zu nehmen.“ So spielte Hogue noch 2007 die Einflussnahme Canberras in Osttimor in der Tageszeitung The Australian herunter.

Öl und Gas nur für Australien

Die Macht des „deputy sheriffs“ der USA im Südpazifik, wie Australien gerne genannt wird, reichte immerhin, die eigenen Interessen gegenüber einem Zwergstaat durchzusetzen. Jahrelang beutete Australien ungeniert die Ölfelder im sogenannten Timor Gap aus, die nach internationalem Recht Osttimor gehören. Das Laminaria-Corallina-Feld, das zweimal näher bei Timor als bei Australien liegt, wurde schon leer gepumpt, als Osttimor noch die 27. Provinz Indonesiens war, und hat alleine der australischen Regierung eine Milliarde Dollar eingebracht. Die Gewinne der internationalen Ölkonzerne sind nicht veröffentlicht. Nach internationalem Recht stünden Osttimor etwa sechzig Prozent der Erträge aus dem Öl und Gas zu.

Nur ein Jahr nach der Staatsgründung beschossen indonesische Hubschrauber, ein Kriegsschiff und ein F-16-Kampfjet die kleine, unbewohnte, vor der Nordwestküste Osttimors gelegene Insel Fatu Sinai, die Indonesien Pulau Batek nennt. Im 1904 geschlossenen Grenzvertrag zwischen den Niederlanden und Portugal wird die Insel Pulau Batek genannt und unter den beiden Kolonialmächten aufgeteilt. Die nur drei Meilen vor der osttimoresischen Enklave Oecussi gelegene Insel hat zwar – abgesehen von möglichen Hoheitsrechten im Timor Gap – keine wirtschaftliche Bedeutung, ist aber für die Timoresen von hoher spiritueller Bedeutung. Wenige Wochen nach dem Beschuss erklärte ein indonesischer Oberst, die „Manöver“ sollten die indonesische Souveränität über Fatu Sinai demonstrieren. Indonesien werde dort Militär stationieren, sollte Osttimor Widerstand leisten. Die Vereinten Nationen kommentierten das indonesische Vorgehen mit keinem Wort.

2003 erliess Osttimor ein Gesetz zur Grenzziehung auf See und beanspruchte – wie Australien – gemäss der UN-Konvention über das Recht der See (UNCLOS) eine Exklusive Wirtschaftszone (EEZ) von 200 Seemeilen. Dili bat Canberra um Verhandlungen, weil sich Osttimors und Australiens Ansprüche teilweise überlappen. Doch schon im März 2002 hatte Australien den kleinen Nachbarn offiziell informiert, dass es sich aus den internationalen Rechtsmechanismen zurückziehe, die zur Lösung umstrittener Grenzfragen eingerichtet sind – aus dem Internationalen Gerichtshof sowie dem Internationalen Tribunal für das Gesetz der See. Erst 2007 war Australien bereit, eine Übereinkunft zu unterzeichnen, „weitgehend unter Australiens Bedingungen“, notierte Pilger. „In den 17 Jahren seit Osttimors Unabhängigkeit förderte Australien Öl und Gas im Timor Gap für beinahe fünf Milliarden Dollar, das eigentlich seinem verarmten Nachbarn gehört.“

 

[1] Fretelin: Frente Revolucionaria do Timor-Leste Independente (Revolutionäre Front für eine unabhängiges Osttimor), eine Guerillabewegung, deren Führer José Alexandre „Xanana“ Gusmao nach der Unabhängigkeit erster Präsident der Republik Timor Loro Sa’e wurde.

Kommentare

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Danke für diese Erinnerung. Keine Regierung muss sich heute wundern, wenn ihnen die eigenen Landsleute kein Vertrauen mehr entgegen bringen können. Letztendlich ist es auch der Vernetzung zu verdanken, dass immer mehr unterdrückte Wahrheiten ans Tageslicht kommen. Der Mensch, oder ich müsste korrekterweise sagen, der westliche Mensch, hatte es fertig gebracht aus Menschen Objekte der Angst, der Gewalt und der Gier heran zu ziehen und dies auf andere Völker, mittels Besetzung (und im Namen einer Zivilisierung) zu übertragen und auszubeuten.

Niemand braucht sich je über einen Aufstand dieser vermeintlichen "Objekte" eines Tages zu wundern. Denn die Subjekte unter ihnen, haben sich schon längst der Evolution zugewandt und stehen für dieses "hässliche Spiel", in keinem Falle, mehr zur Verfügung.

Danke für den interessanten Bericht. Peter-Scholl Latour hat im Buch "Die Angst des weissen Mannes" die Geschichte von Ost-Timor auf vielen Seiten beschrieben. So u.a. wie nach der Nelkenrevolution in Portugal von 1974 die Überseeprovinzen nicht gehalten werden konnten, 1975 die Unabhängigkeit von Timor-Leste ausgerufen wurde, ein paar Tage später die Annektierung als 27. Provinz durch Indonesien, dann 1999 - nach dem Fund von Gas und Öl - der Einmarsch der UN-Schutztruppe unter australischem Kommando und 2002 der schreckliche Bombenanschlag auf eine mehrheitlich von Australiern besuchte Diskothek in Bali.

Ich war vor 3 Jahren ein paar Tage in Ost-Timor (von Darwin, Australien, herkommend). Mein Eindruck war ... zwiespältig: ich sah in den Läden nur importierte Früchte (obwohl das Land vermutlich fruchtbar ist), ich traf niemanden der Portugiesisch sprach (nur Landessprache bzw. Bahasa Indonesia), dafür waren viele weisse Pick-ups der UN bzw. von irgendwelchen NGOs auf den Strassen zu sehen, an den Strassenkreuzungen immernoch viele gemauerte Checkpoints mit den Aufschriften der jeweiligen UN-Mission, die schön gelegene Christus-Statue in Dili (die Stationen des Kreuzwegs hinauf zur Statue alles auf Kupferplatten in Bahasa beschrieben), Landschaftlich sehr grün, hügelig, kleine Dörfer, gelegentlich Kirchen (die aber eher in schlechtem Bauzustand sind; die Hitze und Feuchtigkeit nagt an den Gebäuden), alte, gemauerte Wegweiser aus der Kolonialzeit, schöne Küsten- und Strandabschnitte, Polizei und Grenzbeamte freundlich und hilfsbereit - dafür fast immer Streitereien mit den Taxifahrer trotz im Voraus vereinbartem Preis, kleine Läden, Copy-Shops etc. und erste Gehversuche mit kleinen, schön eingerichteten Coffee-Shops (aber kein Wifi), einige sehr gut Englisch sprechende christliche Missionare aus den Philippinen, etc. etc. etc. etc. - leider konnten wir die geplante Busreise nach Kupang im indonesischen Teil der Insel nicht fortsetzen und flogen nach Bali.

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