Politik im Modus der Verachtung

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Politik im Modus der Verachtung

Von Eduard Kaeser, 15.02.2017

Ein Prozess der Entzivilisierung ist zu konstatieren. Werte wie Menschenwürde, diskursive Offenheit, Demokratie und Universalismus fallen einem vulgären Stil zum Opfer.

Moderne Zivilisiertheit ruht auf Pfeilern, die alle in der Achtung vor etwas gründen: vor der Person, dem Denken, der Demokratie, den universellen Werten. Neuerdings setzt sich allerdings ein Stil politischer Vulgarität durch, der an diesen Pfeilern der Achtung rüttelt. Solch verächtlichen Umgang auf die Psychologie von Charakterlumpen zurückzuführen, wäre jedoch – auch wenn es in Einzelfällen zutreffen mag – verharmlosend. Der üble Stil speist sich aus einer tieferen Quelle: der Verachtung fundamentaler politischer Errungenschaften der Moderne.

Verachtung der Person

Die moderne Gesellschaft achtet den Menschen als Person. Immanuel Kant, der Theoretiker dieser ideellen Errungenschaft, unterscheidet scharf zwischen Wert und Würde des Menschen. In der „Metaphysik der Sitten“ schreibt er: „Achtung, die ich für andere trage, oder die ein anderer von mir fordern kann, ist die Anerkennung einer Würde an anderen Menschen, d. i. eines Werts, der keinen Preis hat, kein Äquivalent, wogegen das Objekt der Wertschätzung ausgetauscht werden könnte. – Die Beurteilung eines Dinges, als eines solchen, das keinen Wert hat, ist die Verachtung.“

Eine Sache hat ihren Wert, eine Person ihre Würde. Die schändlichste Form der Verachtung findet sich heute in den sozialen Netzen, in der verbreiteten Lust, Schwache, Verletzliche oder Minderheiten zu entwürdigen. Es scheint sich ein Millieu zu formieren, das die Verachtung geradezu als Kommunikationsmittel pflegt: Shitstorming, Bashing, Mobbing.

Aber es gibt subtilere Formen, die deswegen nicht weniger übel sind. Nicht nur eine Sache, sondern auch eine Person kann ihren Unterhaltungs-, Erziehungs-, Trost-, Kampf-, heute vorzugsweise ihren Marktwert haben. Und in dem Masse, in dem man die Person nur noch unter dem Gesichtspunkt der Werthaftigkeit behandelt – sie „verdinglicht“ – , sprechen wir ihr die Würde ab.

In den Sachzwängen der heutigen Wirtschaftswelt hat der Marktwert meist Vorrang vor der Würde. Man halte sich nur vor Augen, wie demokratische Regierungen – auch die schweizerische – oft autokratischen Regimes liebedienern, um „guter Beziehungen“, also letztlich um der Marktchancen willen. Im System der Proftmaximierung ist die Würde der Person ein vernachlässigbarer Parameter.

Verachtung des Denkens

Denken ist im Grunde eine soziale Tätigkeit. Rationalität bedeutet Vertrauen nicht nur in die eigene, sondern auch in die Vernünftigkeit des anderen. Eine in der Debatte häufig gepflegte perfide, weil nicht auf ersten Blick erkennbare Form der Verachtung besteht darin, dass man im Denken des anderen nur den anderen und nicht sein Denken wahrnimmt und anspricht.

Im Englischen spricht man vom Fehlschluss des „Bulverism“. Er stammt vom Schriftsteller Clive S. Lewis, genauer von dessen fiktiver Figur Ezekiel Bulver, der hörte, wie seine Mutter die Beweisführung seines Vaters, die Summe zweier Seiten eines Dreiecks sei grösser als die dritte Seite, mit den Worten abschmetterte: Du sagst das nur, weil du ein Mann bist. Ein Totschlagargument, eine Diskursverweigerung: letztlich die schwerste intellektuelle Verachtung des anderen. Man könnte sie als Prinzip der übelmeinenden Interpretation bezeichnen. Dem anderen wird unterstellt: Eigentlich denkst du nicht, sondern zeigst nur Symptome von etwas.

Bulverismus ist als politische Taktik in der jüngeren Geschichte altbewährt. Die Linke praktizierte ihn in den 1970er Jahren häufig als Ideologiekritik, als Entlarvung des „wahren“ Kerns einer Aussage, nämlich des kapitalistischen Interesses. Rechte konterten, die Linken seien nichts als willfährige Marionetten der Sowjets. Auf der einen Seite das Sprachrohr des Kapitals, auf der andern das Sprachrohr Moskaus. So ging das hin und her. Bulverismus.

Heute setzt sich dieser fort in den Auseinandersetzungen zwischen Populisten und Anti-Populisten. Auf beiden Seiten wird der andere erst einmal zum eigentlich nicht diskurswürdigen Gegenüber erklärt, um ihn dann Verachtung spüren zu lassen: die Hochqualifizierten, das „expertokratische Establishment“ hier, die Unterqualifizierten, das „Pack von Kläglichen“ dort. Um der Show willen verlangt das mediale Aufkochen der Politik eine solche Diskursverweigerung geradezu.

Verachtung der Demokratie

Demokratie heisst Achtung vor Meinungsvielfalt – nicht zu verwechseln mit Achtung vor jeder Meinung. Und sie hat vor allem zwei Verächter: Expertokraten und Populisten. Der Expertokrat sagt: Für politische Probleme gibt es eine richtige Lösung, und die kennt der Experte als Vertreter „des“ Wissens am besten. Der Populist sagt: Für politische Probleme gibt es eine richtige Lösung, und die kennt der wahre Demokrat als Vertreter „des“ Volkes am besten.

Der Expertokrat diagnostiziert das Defizit der modernen Demokratie in der Inkompetenz des Bürgers. Würde dieser nur dem Experten vertrauen, so wäre alles zum Besten bestellt. Dahinter steckt die fragwürdige Annahme, dass mehr Wissen automatisch mehr politische Autorität und Kompetenz verleihe. Die jüngste Geschichte suggeriert eher die Gegenannahme: Der Vorwurf der demokratischen Inkompetenz zeugt von der demokratischen Inkompetenz des Vorwurfs.

Der Populist tut sich auf seine eigene Weise schwer mit der Meinungsvielfalt. Seinem Ideal gemäss besteht eine Demokratie ja im Grunde aus einer einzigen grossen homogenen Mehrheit: „dem“ Volk, dessen Meinung er vertritt. Aber in der Realität ist die moderne Demokratie ein Konglomerat aus diversen Interessengruppen, in dem sich „das“ Volk nicht finden lässt. Deshalb greift der Populist zum Pars-pro-toto-Trick: Er erklärt jenen Bevölkerungsteil, den er repräsentiert, schlicht zum Volk und legitimiert seine Meinung in dessen Namen. Die ganze hanebüchene Unlogik pumpt den Anspruch „Wir sind auch das Volk“ auf zum „Wir allein sind das Volk“. Genau in dem Moment verwandelt sich der Anspruch in einen antidemokratischen Spaltpilz.

Verachtung der Zivilisiertheit

Man erinnert sich an Trumps unsägliche Nachäffung eines behinderten Journalisten, an den zotigen „Vaffanculismo“ Grillos, generell an die Verhöhnung des politischen Gegners – widerliche Manieren. Aber Zivilisiertheit meint nicht einfach gute Manieren. Sie visiert die Idee an, dass wir Menschen, trotz unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Charakters uns einem bestimmten Satz von universellen Leitlinien und Werten verpflichten.

Dazu gehören die hier kurz skizzierten Pfeiler der Achtung. Natürlich handelt es sich um Ideale. Und sie werden in einer vom globalen Kapitalismus umgebauten Welt unterspült. Der Mensch fühlt sich nicht primär luftigen universellen Richtlinien verpflichtet. Er ist vielmehr ein bodenständiges und blutwarmes Wesen, das sich vor allem über Herkunft und Zugehörigkeit definiert. „Eines der wenigen Dinge, die dir bleiben, ist deine Identität“, sagt ein einundzwanzigjähriger Trumpwähler aus Oklahoma, „das Gefühl, ein Amerikaner zu sein, dein christlicher Glaube und die christlichen Werte. Deine Identität und dein Erbe sind das wirklich Letzte, woran du dich klammern kannst.“

Verachtung des Universalimus

Identität und Erbe drücken das urmenschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit aus; aber sie setzen eine unheimliche Kernenergie der Frustration frei, wenn das Bedürfnis nicht befriedigt wird. Der Globalismus hat einer internationalen Legionärselite aus Managern, Finanzexperten und Beratern zu Macht und Einfluss verholfen. Viele Bürger sehen – wenn vielleicht auch nur diffus – das ökonomische, soziale und politische Geschick ihres Landes in den Händen dieser Elite. Sie ist in der Regel nicht dem Land verpflichtet.

Es verwundert deshalb kaum, wenn Populisten mit ihrer Tugendpredigt der Loyalität gut ankommen: Loyalität zu einer ethnischen, sozialen oder religiösen Gruppe. Die Mehrheit der Wähler von Rechtsparteien wie Front National, AfD oder FPÖ sehen im Globalismus eine akute Bedrohung. Loyalität als Anti-Globalismus wird dann schnell auch als Anti-Universalismus missverstanden. An die Stelle eines universellen Wir tritt ein Wir des Fanclubs, des Twitterstamms, der Interessenverbände, der Nation, des Glaubens. Aber dieses Wir ist oft ein „wir allein“, also eine soziale Bombe. Es verbindet nicht, es spaltet. Und das Spaltprodukt ist Verachtung.

Verachtung der Moderne als kulturelles Syndrom

Weitere Formen der Verachtung liessen sich leicht anführen, etwa jene einer objektiven Justiz oder die Verachtung eines Tribunals der Fakten. Der gemeinsame Nenner ist bereits klar erkennbar: Verachtung der Moderne – Moderne gedacht als stete Anstrengung des Mündigwerdens mit den Instrumentarien der persönlichen Unantastbarkeit, der Rationalität, der Demokratie und des Universalismus’ der Werte – mit einem Wort: Liberalismus.

Die Feindschaft gegenüber dem Liberalismus und seinen Werten kommt nicht so sehr aus dem Kopf als vielmehr aus den Eingeweiden. Malen wir nicht den Teufel an die Wand! Aber seien wir uns bewusst: Die Verachtung der Moderne ist ein kulturelles Syndrom der Gegenwart. Lernen wir es richtig zu deuten! 

Kommentare

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Ab Gutenberg dominierten Schriftstücke die geistige Auseinandersetzung. Lesen ist ein rationaler Vorgang, der Autor ist nicht involviert. Findet man die Argumentation nicht schlüssig, kann man auf das bereits Gelesene zurückgreifen. Technisch war es bis weit ins zwanzigste Jahrhundert nicht möglich, mit einem Presseerzeugnis eine ganze Bevölkerung zu bedienen, was zwangsläufig eine gewisse Meinungsvielfalt garantierte.

Mit dem Radio wurde, was die politische Meinungsbildung anbetrifft, der Vortragende mindestens so wichtig, wie das Vorgetragene. Technisch war es nun möglich, mit einer Stimme eine ganze Bevölkerung zu erreichen (Goebbels).

Im TV-Zeitalter ist der Inhalt, was die politische Meinungsbildung anbetrifft, irrelevant. Es dominiert das Äussere (Nixon verlor gegen Kennedy, weil er im TV einen verschwitzten und unrasierten Eindruck machte, während Kennedy sich auf die Dienste einer Maskenbildnerin verliess).

Talk Shows, Arena, etc sind das Ende jeder politischen Meinungsbildung. Eine echte Diskussion findet nicht statt. Auf das, was der Vorredner sagte, wird nur scheinbar eingegangen, nämlich nur um geübt ein belangloses Detail aufzugreifen, das es gestattet, auf das überzuleiten, was intensiv vorformuliert nun angebracht wird. Ein Diskussionsteilnehmer, der versucht, einen Punkt rückgreifend zu vertiefen, wird zum Querulanten. Gefragt ist nicht Qualität, sondern Quantität, der Moderator hat schliesslich eine vorbereitete Liste, die es abzuarbeiten gilt.

Es geht nicht mehr um das bessere Argument, sondern darum, sich persönlich durchzusetzen, wie auch immer. Eine neue Variante des Faustrechts, je tiefer das Niveau, desto erfolgreicher. Was der Zuschauer sehen will, ist Klamauk, nicht Inhalt. Wer politisch interessiert ist, liest auch heute noch Zeitung und Bücher, und sieht nicht fern.

Einmal mehr eine eindrückliche Darstellung und Analyse einer bedrohlichen Entwicklung in unserer Gesellschaft, deren Auswirkungen oft hilflos und ohnmächtig machen, weil inzwischen immer mehr Menschen und "halbe Gesellschaften" gekippt sind oder zu kippen drohen, begleitet von Schalmeien-Klängen bis weit in die "freie Presse" hinein. Einmal mehr: keine leichte Kost im Ringen um das Verstehen der gesellschaftlichen Prozesse. Ich wünsche mir, dass sie viele Leser und vor allem Hörer findet¨.
A.Imhasly

Meiner Meinung nach geht es um die Verachtung des Humanismus und der "offenen Gesellschaft", wie sie Karl Popper beschrieb. Diese Entwicklung zeigte sich schon vor Jahren mit dem Schimpfwort "Gutmensch". Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA macht Vulgarität jetzt weltweit gesellschaftsfähig. Hoffen wir, dass dieser Spuk nicht länger als 4 Jahre dauert.

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