Poesie des Alltäglichen

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Poesie des Alltäglichen

Von Michael Lang, 20.12.2016

Jim Jarmuschs neuer Film „Paterson“ ist eine herb-sanfte, entschleunigt inszenierte Ode an den Lebensoptimismus. Im Fokus steht ein Busfahrer mit einem überraschenden Talent.

Jarmusch erzählt – über einen Zeitraum von sieben Tagen hinweg – von einem kinderlosen Ehepaar Mitte dreissig in der kleinen Stadt Paterson in New Jersey, USA. Die beiden führen ein einfaches, aber sicheres Leben, das auf unerschütterlicher, fürsorglicher Harmonie gebettet scheint. Bis ein kurios-dramatisches Ereignis die routinierte Idylle in Frage stellt.

Stoisch gelassen und rastlos aktiv

Der Hauptcharakter heisst so, wie seine Stadt: Paterson. Er ist als verlässlicher, stoisch-gelassener und von den Kollegen geschätzter Chauffeur auf der Buslinie 23 unterwegs. Seine Frau Laura kümmert sich um das einfache Häuschen in einem Vorort. Und widmet sich rastlos diversen Hobbys: Mal tüftelt sie an Rezepten für Cupcakes herum, tags darauf entwirft sie Design-Muster – alles in Schwarzweiss. Und nun möchte sie per Fernkurs lernen, wie man Gitarre spielt und Country-Songs interpretiert.

Paterson und Laura sind sich innig zugetan, aber Zeichen von sinnlicher Leidenschaft und erotischer Spannung sind nicht auszumachen. Gerade so, als gäbe es zwischen den beiden körperlich eine hauchdünne Eisschicht. Das ist in Jim Jarmuschs Filmen so selten nicht: Das ganz Intime bleibt oft privat. Was kein Nachteil ist – zumal es hier nicht um prickelnde Szenen einer Ehe unter dem Seziermesser des Psychologischen geht.

Paterson, der gesellige Einzelgänger

Jarmusch versucht vielmehr, die Befindlichkeit eines geselligen Einzelgängers zu ergründen. Paterson unterstützt Laura fast schon selbstlos bei allem, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. So führt er nach der stressigen Arbeitsschicht spätabends die englische Bulldogge Marvin Gassi, damit seine Frau früh zu Bett gehen kann. Immerhin gönnt sich Paterson dabei jeweils ein Bier in der Quartier-Bar.

Er ist technisch gesehen immer noch im analogen 20. Jahrhundert daheim, braucht weder einen Computer noch ein Handy. In der kuscheligen Kneipe fühlt er sich wohl. Da läuft guter Sound, aber kein Fernseher. Weil Doc, der lebenskluge farbige Bartender, Wert darauf legt, dass sich seine multikulturelle Stammklientel austauscht.

Überraschendes Talent

Paterson hat ein Talent, das überrascht: Er verfasst Gedichte. Als scharfer Beobachter und aufmerksamer Zuhörer ortet er seismographisch, was um ihn herum abläuft. In den Arbeitspausen verarbeitet er die Impressionen zu feinsinniger Lyrik (im Film ist sie im Off zu hören und wird als Faksimile auf die Leinwand projiziert). Diese Verse stammen übrigens vom zeitgenössischen Autor Ron Padgett.

Paterson schreibt nicht, weil es ihn nach Ruhm und Ehre gelüstet. Er tut es für sich selber. Dabei lässt er sich von einem der grössten US-Poeten inspirieren: William Carlos Williams (1883–1963), der die Stadt Paterson in einem fünfbändigen epischen Poem verewigte; seine Philosophie fusste auf der Poesie der kleinen Details und der Dinge des täglichen Lebens.

Affinität zum Literarischen

Jim Jarmuschs Affinität zum Literarischen ist einem vertraut, weil er sie gerne in die Drehbücher einfliessen lässt. Wie in „Down by Law“ (1986). Dort geht es um Häftlinge auf der Flucht. Einer ist ein radebrechend englisch plappernder Italiener (gespielt vom Komiker Roberto Benigni), der oft den Lyriker Walt Whitman zitiert. Was seine etwas bildungsfernen Kumpels – dargestellt von den Musikstars John Lurie und Tom Waits – irritiert.

Und in „Ghost Dogs“ (1999) wird Tsunetomo Yamamotos Kultbuch „Hagakure“ (es geht um den jahrhundertealten Ehrenkodex der japanischer Samurai) zum Freundschaftsband zwischen einem melancholischen Auftragskiller in Italo-Mafiadiensten und einem hellwachen Schulmädchen, beide aus dem afro-amerikanischen Milieu. Diese Delikatesse in Jarmuschs Filmografie vereint in höchstem Masse die Leitelemente seines Schaffens: Das Ineinanderfliessen unterschiedlicher Kulturen sowie die undogmatische Nähe zur Zen-Spiritualität. 

Wink des Schicksals

Zurück zu Paterson: Er notiert seine Gedichte in ein Notizbüchlein. Was Laura beunruhigt: Als einzige Leserin ist sie von der Qualität des Geschriebenen überzeugt, kann sich eine Veröffentlichung vorstellen. Also drängt sie ihren Mann dazu, wenigstens Fotokopien der Manuskripte zu machen. Bislang vergeblich.

Dann winkt das Schicksal: An einem dienstfreien Tag sehen sich Paterson und Laura im Kino den Horror-Klassiker „Island of Lost Souls“ (1932) nach dem Roman von H.G. Wells an. Es geht darin um einen durchgeknallten Wissenschaftler, der aus Tieren Menschen machen will. Gleichzeitig passiert zu Hause etwas Dramatisches. Und wer ist der Auslöser? Ausgerechnet Marvin, der tierische Mitbewohner des Paares.

Esprit mit absurder Tragikomik

Absurd-tragikomisch durchtränkte Handlungs-Schlenker mit Esprit sind das kreative Fundament jedes Jarmusch-Films. Zusammen mit einem ausgeprägten Faible fürs europäische Kino befruchtet der Regisseur und Autor – 1984 schaffte er mit  „Stranger than Paradise“ den internationalen Durchbruch  – weiterhin das US-Independent-Cinema.

Der „Paterson“-Plot besteht aus  dramaturgisch exzellent angeordneten Episoden, die zunehmend eine emotionale Sogwirkung entwickeln. Weil Jarmusch auch dem Allzumenschlichen ohne überhebliche Häme begegnet und jeder noch so spröde scheinenden Normalität eine universelle, zeitlose Sinnhaftigkeit abringt. Da findet man das, was gute Filme auszeichnet: Identifikationsmöglichkeiten.

Brillante Schauspielführung

Jarmusch ist auch ein brillanter Regisseur, der mit Schauspielern umgehen kann. Er sorgt sich um die kleinste Rolle, präsentiert ein homogenes Ensemble. Und die Hauptrollen sind alleweil überzeugend besetzt: Die in Frankreich lebende Iranerin Golshifteh Farahani verleiht Laura eine Plausibilität, die ihrem liebreizenden, aber etwas naiven Charakter voll gerecht wird. Und US-Shootingstar Adam Driver („Star Wars“) macht die anfänglich verborgene, aber nach und nach sichtbare Gemütsfragilität der Titelfigur hinreissend nachvollziehbar.

So zum Ende hin in einer magistralen Szene. Paterson sucht etwas Ruhe an den Wasserfällen am Passaic River, einer städtischen Sehenswürdigkeit und seinem Kraftort. Dort lernt er einen älteren Japaner kennen (von Nagase Masatoshi verkörpert, der in Jarmuschs „Mystery Train“ 1989 eine Hauptrolle spielte). Der Tourist aus Fernost schreibt ebenfalls. Und er will mehr erfahren über William Carlos Williams. Und über Allan Ginsberg (1926–1997), der in Paterson geborenen Ikone der Beat-Generation der 1950er-Jahre. Der wissensdurstige Asiate stellt Paterson Fragen und ist sichtlich von der unprätentiös vermittelten Kompetenz des Gegenübers beeindruckt. Irgendwie konstatiert er aber auch, dass sich sein Gesprächspartner zurückhält, dass ihn etwas bedrückt.

Die leicht beklemmende Szene wird mit einer unerwarteten, magischen Geste aufgelöst: Sie ist voller Demut, Respekt und Achtsamkeit. Dies sind die Ingredienzien, die „Paterson“ zu einem wunderbaren Werk machen. Es strahlt in entspannter, versöhnlicher, sanfter Art aus, was man bei Jarmusch immer gerne in die Realität mitnimmt: leicht aufgerauten Lebensoptimismus.

„Paterson“ startet am 22. Dezember in den Deutschschweizer Kinos.

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