PIY: Print It Yourself

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PIY: Print It Yourself

Von Eduard Kaeser, 09.11.2014

Wenn man heute von Händen und Handarbeit spricht, dann vor allem von ihrer zunehmenden Marginalisierung durch die Industrie.

In der New York Times war 2012 von den USA als von einer Nation die Rede, „die ihren Werkzeugkasten verliert“.

Der Autor des Artikels – Louis Uchitelle – lamentierte darin über das Verschwinden von Handwerk und Handarbeit, welches Ursache nicht nur grosser ökonomischer, sondern auch soziokultureller Probleme sei. Nun ist das so neu nicht. Eigentlich lässt sich ein Grossteil der moderneren Industrie- und Technikgeschichte als eine Geschichte der Hand schreiben: Vom Greifen und Klammern des Werkzeugs, über das Umlegen von Hebeln und Drehen von Rädern an Maschinen, das Drücken von Knöpfen und Tasten an Automaten, bis zum Führen der Maus und zum flüchtigen Streifen über das tastsensible Touchpad - eine Geschichte der kontinuierlichen Marginalisierung unserer Hände und Finger in unseren Aktivitäten. Dagegen formierte sich bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Bewegung, das sogenannte Arts-and-Crafts-Movement. Getragen von Handwerkern, Künstlern und Pädagogen, suchte sie der unaufhaltsamen Verdrängung der Hand aus der Massenproduktion eine „kultivierende“ Massnahme zur Seite zu stellen, welche die manuellen Tätigkeiten und Fertigkeiten zwecks Bildung des ästhetischen Qualitätssinnes fördern sollte. Der Geist dieser Bewegung, wenn auch weniger in seiner ästhetischen Ausprägung, lebte im 20. Jahrhundert weiter im häuslichen Do-it-yourself oder – politischer – in der ökologischen Hippie-Gegenkultur der 1960er Jahre. Stewart Brand, einer ihrer Gurus – und geistiges Vorbild von Steve Jobs – kreierte damals das Magazin „Whole Earth Catalog“, in dem vor allem Produkte besprochen wurden, die als Werkzeug nützlich, einer unabhängigen Erziehung förderlich, von hoher Qualität, umweltverträglich und leicht per Post verschickbar sind. Mit einem von Ivan Illich geprägten Wort: die Produkte mussten „konvivial“ sein.

Die Bewegung der Macher

Nun scheint eine verwandte Bewegung auch im digitalen Kontext Gestalt zu gewinnen und Fahrt aufzunehmen.  Kevin Kelly, der umtriebige Techno-Utopist, hat einen Nachfolgekatalog veröffentlicht: Cool Tools. „Eine dritte industrielle Revolution regt sich“, schreibt er im Vorwort, „die Macher-Ära (..) Die Fertigkeiten für diese beschleunigte Epoche stützen sich auf die Agilen und Dezentralisierten. Deshalb richten sich die empfohlenen Tools an kleine Gruppen, dezentralisierte Gemeinschaften, Heimwerker und Autodidakten (..) Die hier katalogisierten Möglichkeiten verhelfen Machern dazu, bessere Macher zu werden.“  In den USA, neuerdings in Europa, ist eine auf den ersten Blick unverträgliche Kombination zweier postindustrieller Produktionsformen zu beobachten: Do-it-yourself und automatisiertes High-Tech. Eine sogenannte „Macher-Bewegung“ („maker movement“) macht von sich reden, deren Vertreter sich quasi als Avantgarde einer „dritten“ industriellen Revolution verstehen. Ein buntscheckiger Haufen von Tüftlern und Bastlern, die ihre Objekte mit Sensoren und Software „aufsmarten“, um sie einer einschlägigen Klientel anzudrehen; aber auch von eigenwilligen Designern, die das Handwerk schätzen und ihre eigenen Artefakte kreieren, um sie dann auf Nachfrage herstellen zu lassen; nicht zuletzt von 3D-Printing-Enthusiasten, die sich ihre Dinge des Lebens selber ausdrucken: Spielzeuge, Alltagsgeräte, Waffen. Es gibt ein „Make“-Magazin, Macher-Messen, „makerspaces“, wo man seine Kenntnisse und Produkte austauschen kann, Macher-Manifeste werden herausgegeben.

Das nächste „Big Thing“?

Eine Renaissance der Handarbeit? Eine Auflehnung gegen die industrialisierte Massenproduktion? Macher aller Länder, vereinigt euch? Man muss den Blick schärfer einstellen. Die Bewegung zu handwerklichen Praktiken erfolgt ja vielfach nicht Hände-voran, sondern Technik-voran. Gerade das 3D-Drucken zeigt dies in aller Deutlichkeit. Wir entwerfen das Objekt zweidimensional am Bildschirm, und realisieren es dann per Drucker in seiner dreidimensionalen Materialität. Die Hände spielen auch hier bloss eine marginale Rolle.  Sie „machen“ kaum etwas. Der 3D-Drucker ist ein Fetisch des postindustriellen Zeitalters.  Man verehrt in ihm nicht das Machen, sondern die Idee des Machens. Ein Grossteil der wirklichen, physischen Arbeit – die Produktion von Schaltelementen, von Computergehäusen, von Komponenten des 3D-Druckers, von  Kunststoffspulen - wird von unterbezahlten und überarbeiteten Menschen in der Dritten Welt verrichtet. Wir sehen sie nicht. Wir sehen den Drucker und den smarten Designer von Objekten, der uns wortreich erklärt, wie er am Bildschirm sein Produkt „macht“. Der 3D-Drucker markiert also im Grunde einen neuen Höhepunkt in der Trennung von Kopf und Hand. Radikaler als zuvor nimmt er uns das Machen aus den Händen.

Pseudorevolutionäre Phraseologie

Die Rhetorik der Befreiung erinnert  gelegentlich an Marx, und sie suggeriert, dass selbst unter kapitalistischen Bedingungen die Produktionsmittel in die Hände der Arbeiter gelangen können. Jeremy Rifkin, nie um eine vollmundige neue Deutung des Weltgeistes verlegen, spricht von der „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“, einer global vernetzten Digitalkommune. Chris Anderson, ehemaliger Chefredaktor des Magazins „Wired“ und smarter Trendwellenreiter, beglückte uns 2012 mit dem Manifest „Makers“, in dem er uns ein Zukunftsszenario ausmalt, wo wir alles selber machen würden - die Demokratisierung des Erfindens. Glück herrscht: „Die Digital Natives beginnen nach einem Leben jenseits des Bildschirms zu hungern (..) Etwas zu machen, das im Virtuellen anfängt, aber rasch taktil und im Alltag verwendbar wird, erzeugt eine Befriedigung, die wir nie in blossen Pixeln finden.“ Das mag sein. Aber die Wurzel des Unbehagens liegt nicht bei blossen Pixeln, sondern bei den Arbeitsbedingungen. Und diese Bedingungen werden in zunehmendem und unbemerktem Masse von den  grossen Technologiekonzernen diktiert. Das zeigte sich am Beispiel von MakeBot. Diese Pionierfirma in der Produktion von 3D-Druckern, befürwortete anfänglich ein Open-Source-Geschäftsmodell. Alle konnten an der Entwicklung teilnehmen. Als MakeBot 2013 vom grösseren Unternehmen Datasys übernommen wurde, schloss es die „offenen Quellen“. 3D-Drucken, so steht zu vermuten, ist ein Milliardending, das man nicht „revolutionären“ individuellen Machern überlassen kann. Anderson ist jetzt Firmenchef von „3D Robotics“, einem Unternehmen, das persönliche Drohnen entwickelt. Alles klar? –

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