Péter Nádas: Eine Art von Beharrlichkeit

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Péter Nádas: Eine Art von Beharrlichkeit

Von Stephan Wehowsky, 01.11.2012

Was heute bestehen will, muss grell und schrill auftreten. Was aber hat Bestand? Und was hat Tiefe? Um das zu erfassen, braucht es einen spezifischen Blick. Und Zeit. Und Resonanz.

Das lässt sich nicht berechnen und schon gar nicht erzwingen. Eine Art von Beharrlichkeit ist es wohl, mit der Péter Nádas seine Leser und seine Förderer von seiner Art, die Welt zu sehen und zu deuten, überzeugt. Das ist für beide Seiten ein grosses Glück.

Dieses Jahr hat sein Roman „Parallelgeschichten“ Furore gemacht. Für die mehr als 1700 Seiten brauchen die Leser nicht nur Zeit. Vielmehr sind die Geschichten so ineinander verschachtelt, dass das Ganze etwas Labyrinthisches hat. Und nicht jede Geschichte hat einen auf den ersten Blick erkennbaren Anfang und einen Schluss. Das braucht Geduld.

Aurél Bernáth, Seeufer mit Badehaus, um 1930.
Die frühe ungarische Malerei der Moderne wird erst heute wiederentdeckt.
Alle Abb. aus dem begleitenden Band
Aurél Bernáth, Seeufer mit Badehaus, um 1930.
Die frühe ungarische Malerei der Moderne wird erst heute wiederentdeckt.
Alle Abb. aus dem begleitenden Band

Dennoch hat das Buch einen starken Sog. Denn Nádas deckt erzählerisch etwas auf, was den Leser angeht. Und auch die Art, wie er es aufdeckt, berührt unmittelbar. Er schafft also das Kunststück, zu erzählen und gleichzeitig die gewohnten zeitlichen und formalen Schemata des Erzählens zu zerbrechen.

Warum hält sich Nádas nicht an die Ordnung des Erzählens? In seinen Augen schaffen diese Schemata ein System, das den Abläufen, Erlebnissen, Eindrücken oder Zusammenhängen gar nicht innewohnt. So kann etwas Vergangenes in einem gegenwärtigen Erlebnis so aufscheinen, als sei es gar nicht vergangen. Das andere ist, dass Nádas durch die geradezu mikroskopische Beschreibung von Menschen und ihren Körpern den Fluss seiner Erzählungen immer wieder zum Stehen bringt.

István Ilosvai Varga, Blumentöpfe auf der Fensterbank, 1931
Der Einfluss auf die Fotografie ist unverkennbar.
István Ilosvai Varga, Blumentöpfe auf der Fensterbank, 1931
Der Einfluss auf die Fotografie ist unverkennbar.

Das Kunsthaus Zug widmet Péter Nádas eine Ausstellung, die an ein Wunder grenzt. Allein der Titel ist vielsagend und lässt aufhorchen: „In der Dunkelkammer des Schreibens. Übergänge zwischen Text, Bild und Denken“ Gemessen aber an dem, was in mehreren Jahren kluger Arbeit und dank der spezifischen Verbindungen in Zug erreicht wurde, ist das Versprechen des Titels noch verhalten.

Die "Dialog Werkstatt" in Zug

In Zug gibt es seit einigen Jahren die „Dialog Werkstatt“, die von Jürg Scheuzger geleitet wird. Die „Dialog Werkstatt“ widmet sich dem Thema Übersetzungen und vergibt dafür Stipendien und Preise. Im Jahr 2009 entschloss sich der Vorstand einstimmig, die schweizerisch-ungarische Dichterin Christina Viragh bei ihrer Arbeit an der Übertragung der „Parallelgeschichten“ mit einem Stipendium zu unterstützen.

Das Kunsthaus Zug wiederum hat eine besondere Beziehung zur Wiener Moderne. Ganz ähnlich wie Péter Nádas haben sich Künstler wie Albert Paris Gütersloh, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin oder Egon Schiele in Bild und Text ausgedrückt. Das war eine gute Voraussetzung zur Annäherung an das schriftstellerische und fotografische Werk von Péter Nádas. Unterstützt wurde das Projekt zusätzlich vom Gründer und Leiter des Nimbus Verlags in Wädenswil bei Zürich, Bernhard Echte. Echte publiziert eine Buchreihe zu Fotografien von Nádas, in der auch der Band, „In der Dunkelkammer des Schreibens“, herausgegeben vom Direktor des Kunsthauses Zug, Matthias Haldemann (1), erschienen ist.

Péter Nádas, Fenster auf Tür, 2002
Péter Nádas, Fenster auf Tür, 2002

In mehrjähriger Arbeit wurde die Ausstellung, die ein halbes Jahr nach dem Erscheinen der deutschen Ausgabe der Parallelgeschichten am 1. September 2012 eröffnet werden konnte, zusammen mit Péter Nádas konzipiert. Nádas ist nicht nur Schriftsteller und Fotograf, sondern auch ein Kenner und Sammler der Malerei und Fotografie. Und so kommt es, dass im Kunsthaus Zug frühe Werke der ungarischen Malerei der Moderne zu sehen sind, die im Westen bislang so gut wie unbekannt waren.

Dazu kommen Werke international bekannter Fotografen mit ungarischen Wurzeln: Robert Capa, André Kertész, Brassaï und László Moholy-Nagy. Und so ist das Kunsthaus Zug voller Bezüge und Querverweise: von der Malerei zur Fotografie, von der Fotografie von Péter Nádas zur „Dunkelkammer des Schreibens“ und nicht zuletzt: Leben und Tod. Über seine Nahtoderfahrung hat Péter Nádas 2002 ein Buch veröffentlicht, das auch in Deutschland stark beachtet wurde: „Der eigene Tod“.

Péter Nádas. Arbeitstisch im alten Jagdhaus von Kisoroszi, 1969
Péter Nádas. Arbeitstisch im alten Jagdhaus von Kisoroszi, 1969

Im Kunsthaus Zug kann man nun sehen, wie diese Erfahrung auch die Fotografie von Nádas verändert hat. In den ersten Jahrzehnten hat er sich in Anlehnung an Teile der ungarischen Malerei mehr und mehr auf das Spiel von Licht und Schatten gerade in unspektakulären, alltäglichen Räumen und Details konzentriert. Nach seinem Erlebnis der Todesnähe begann er, "seinen Wildbirnbaum vor dem Fenster des Schreibraums sequentiell aufzunehmen und sich bildnerisch mit dem Fluss der Zeit zu beschäftigen", so Matthias Haldemann in seinem Beitrag, "Parallelen im Übergang". Einen ganzen Raum hat das Kunsthaus Zug den seriellen Aufnahmen von Bäumen im Wandel des Jahres gewidmet.

In einem erstaunlich kurzen Essay ganz am Anfang des begleitenden Ausstellungsbandes beschreibt Nádas pointiert und zugespitzt, worauf es ihm ankommt, und was die Ausstellung im Kunsthaus Zug auszeichnet. Der Essay trägt den Titel „Kieselbach“ und bezieht sich auf einen zeitgenössischen Sammler und Galeristen in Budapest. Tamás Kieselbach habe „den absoluten Blick“. Er erkennt sofort den Wert eines Kunstwerks, und das ist es, was Nádas in seinem Schaffen und in seinen Essays zur Kunst enorm beeinflusst hat.

Péter Nádas, Lichtprozesse 1, 2001
Alle Abb. aus dem begleitenden Band
Péter Nádas, Lichtprozesse 1, 2001
Alle Abb. aus dem begleitenden Band

Der „absolute Blick“. Dabei denkt man an das absolute Gehör. „Absolut“ meint die Losgelöstheit von zufälligen Bedingungen. „Absolut“ ist zeitlos. Wer die Ausstellung im Kunsthaus Zug besucht, erfährt die Zeitlosigkeit sinnlich. Da sind die gemalten Bilder, die so ungewohnt anmuten und buchstäblich aus einer anderen Zeit und Kultur zu stammen scheinen. Da sind die Fotos der berühmten Fotografen, aber ganz einfach als Barytabzüge in mittleren Formaten in einfachsten Rahmen. Und da sind die Fotos von Péter Nádas, so erstaunlich der Zeit enthoben, indem sie doch gerade dem Geheimnis des Zeitlichen im Erfassen des sich verändernden Lichts so nachspüren, dass jeder Blick darauf nach und nach zur Meditation wird.

Und da gibt es das Fotolabor. Im letzten Raum, unten gelegen, ist die Rolleiflex von Péter Nádas, sind Manuskripte, Bücher und Utensilien ausgestellt. Der Besucher kann sich setzen und in den Ausgaben der Werke von Nádas lesen. Und eben das Labor. Da ist das Vergrösserungsgerät, da sind die Packungen mit den Fotopapieren und die Flaschen mit den Chemikalien, da ist die spezifische Beleuchtung der Dunkelkammer. In dieser „Dunkelkammer“ hat Péter Nádas an seinen Bildern so gearbeitet wie an seinen Manuskripten. Es ist still und gut.

Péter Nádas in Zug:

Péter Nádas führt am Sonntag, den 11. November 2012, um 10.30 Uhr durch seine Ausstellung. Am Montag, den 19. November 2012, findet um 20.00 Uhr ein Gespräch mit Péter Nádas, Matthias Haldemann und Jürg Scheuzger im Kunsthaus Zug statt. Die Ausstellung dauert bis zum 25. November 2012.


(1) Matthias Haldemann, Hrsg., Péter Nádas, In der Dunkelkammer des Schreibens, Kunsthaus Zug und NIMBUS. Kunst und Bücher AG, Villa zum Abendstern, Bürglistrasse 37, CH-8820 Wädenswil am Zürichsee, www.nimbusbooks.ch

Kommentare

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Ja, ganz wunderbar, wie man da in die geistige und handwerkliche Arbeit eines heute 70jährigen Menschen Einblick erhält. Stapel von Mäppchen mit Fotografien, Handgeschriebenes und Korrigiertes, Arbeitsgerät, Erstausgaben in verschiedenen Sprachen, Erinnerungsbilder, Freunde und Frauen, Intérieurs und Blicke in Gärten undsofort - so atmosphärisch, dass man meinen könnte, Peter Nadas würde am Nebentisch sitzen und sein Leben erzählen.

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