Peter Bamm - Die unsichtbare Flagge (1952)

Urs Bitterli's picture

Peter Bamm - Die unsichtbare Flagge (1952)

Von Urs Bitterli, 08.01.2012

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland eine Literaturgattung, die man „Landserromane“ nannte. Diese Romane erschienen in mehreren Folgen in den Illustrierten und erfreuten sich grosser Beliebtheit. Ihre Hauptfiguren waren deutsche Frontsoldaten.

Es waren biedere und brave Kerle, die, so wollten es die Verfasser, ohne eigenes Verschulden in einen grauenvollen Krieg hineingeraten waren.

Die Romane handelten von den Abenteuern und Gefahren, welche die Landser zu bestehen hatten, und von den Glücksmomenten der Kameradschaft, welche sie miteinander verband. Nicht selten kamen auch hübsche Frauen ins Spiel, Krankenschwestern zumeist, die heilten, Trost spendeten und in den harten Kämpfern zarte Empfindungen weckten.

Diese Landserromane erlaubten es den Lesern im Nachkriegsdeutschland, sich mit den Soldaten zu identifizieren und einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auszuweichen. Die Psychologen Alexander und Margarete Mitscherlich haben später diese Unfähigkeit, sich in den Nachkriegsjahren der eigenen Vergangenheit zu stellen, auch positiv gesehen und als Voraussetzung für den langsamen seelischen Gesundungsprozess einer in die Irre geführten Nation betrachtet.

Auf literarisch deutlich höherem Niveau, aber mit ähnlicher Wirkung steht ein Roman, der im Jahre 1952 in München unter dem Titel "Die unsichtbare Flagge" erschien. Es handelte sich um einen der ersten Bestseller in Nachkriegsdeutschland. Wer heute über siebzig Jahre alt ist, dürfte diesen Roman als junger Mensch gelesen haben; heute liest ihn, vielleicht zu Unrecht, niemand mehr.

Der Verfasser des Buches nannte sich Peter Bamm, er hatte als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilgenommen und war wegen Tapferkeit vor dem Feinde ausgezeichnet worden. In der Zwischenkriegszeit studierte er Medizin und Sinologie an verschiedenen deutschen Universitäten. Daneben publizierte er kleinere literarische Arbeiten für national-liberale Zeitungen. Zwischen 1926 und 1934 reiste Bamm als Schiffsarzt nach China, Westafrika und Südamerika; danach eröffnete er eine Praxis in Berlin.

Ohne ein erklärter Nationalsozialist zu sein, beurteilte Peter Bamm die Weimarer Republik doch kritisch. Er schrieb: „Die Demokratie hat sich selber gefressen. Und daraus kann man vorläufig nur das eine ableiten, die Quantität kann unmöglich länger ein Argument sein. Bei den Bemühungen um die Schaffung neuer Normen sehen wir nun mit grossem Vergnügen die Jugend in der vordersten Kampffront. Und es hat etwas ungemein Beruhigendes im Hinblick auf die Gesundheit dieser Jugend, dass ihre Dummheiten von der gleichen bezaubernden Verve sind wie ihre Begeisterung, ihre Tapferkeit, ihre Opferfreudigkeit.“

Höheren Ortes wurde man auf das literarische Talent Peter Bamms aufmerksam. Im Jahre 1940 erhielt er von Goebbels das Angebot, bei der Zeitung Das Reich mitzuarbeiten. Wie hätte er wohl geantwortet, wenn nicht seine militärische Einberufung als Truppenarzt an die Ostfront ihm eine Antwort erspart hätte?

Wir können es nicht wissen. Wir wissen aber recht genau, was Peter Bamm als Truppenarzt im Felde zwischen 1940 und 1945 erlebt hat; denn er hat seine Erfahrungen in der "Unsichtbaren Flagge" dargestellt. Sein Bericht enthält wertvolle Informationen über die Tätigkeit des Chirurgen bei der Versorgung der Kriegsverwundeten, über die Arbeit in den Lazaretten und über deren Bedeutung für die Moral der Truppe.

Bamm geht in seinem Bericht streng chronologisch vor. Wir folgen dem raschen Vormarsch der deutschen Truppen im Sommer 1941 zum Schwarzen Meer. Der Gegner leistet geringen Widerstand, in der Ukraine werden die deutschen Divisionen als Befreier begrüsst, die Moral der Truppe ist intakt. Im November wird die Halbinsel Krim eingenommen. Peter Bamm unterlässt es nicht, seine Leser an die Belagerung von Sewastopol im Krimkrieg von 1853-1856 zu erinnern, als französische und britische Truppen vor der Stadt standen und Florence Nightingale die Kriegverwundeten pflegte.

Im Juni 1942 dringen die Deutschen bis in den Kaukasus vor; doch es gelingt nicht, die Erdölfelder von Baku in Besitz zu bringen. Die Kämpfe werden härter, es kommt zu Rückschlägen, die Stimmung in der Truppe verschlechtert sich.

Aus dem Norden treffen die schlimmen Nachrichten vom Kampf der 6. Deutschen Armee um Stalingrad ein. Dem geordneten, von häufigen Kampfpausen unterbrochenen Vormarsch folgt der zunehmend überstürzte und chaotische Rückzug der deutschen Truppen durch Russland, Polen und Ostpreussen. In höchster Gefahr gelingt Bamm die Flucht zur See aus der Danziger Bucht nach Kopenhagen. „Als die Türme der Stadt am Horizont auftauchten“, schreibt Autor am Schluss seines Buches, „wusste ich, dass ich zu denen gehörte, die davongekommen waren. Ich nahm mir vor, später einmal über das, was ich gesehen hatte, zu berichten.“

Der Chirurg Peter Bamm sieht seinen Auftrag und den Auftrag der ihm unterstellten Sanitäter als „Dienst an der Humanitas“. Das Lazarett, bezeichnet durch die unsichtbare Flagge, ist für ihn ein Ort praktizierter Nächstenliebe, wo die Gesetze des Kampfes nicht mehr gelten. Die Arbeit der Sanitäter erfordert, wenn die Kämpfe andauern, einen fast übermenschlichen Einsatz: „Es war wie ein Fliessband des Schicksals“, schreibt Bamm, „auf dem der Ausschuss der Schlacht in die Reparaturwerkstätte für Menschen hineingeschleust wurde.“

Den Widrigkeiten des Klimas, der Kälte und dem Regen ist der Sanitätssoldat kaum weniger ausgesetzt als der Frontsoldat. Auch die Bedrohung durch die Kampfhandlungen ist allgegenwärtig, in der ersten Phase des Feldzugs durch Artilleriebeschuss, später durch Partisanentätigkeit und Bombardierung. Das Elend der Kriegsverwundeten wird von Bamm nicht verschwiegen, aber zurückhaltend abgehandelt.

Seine Arbeit als Chirurg, oft unter dürftigsten Bedingungen ausgeübt, erfährt eine detaillierte und nüchterne Darstellung. Ausführlicher wird der Autor dort, wo er von den Kampfpausen spricht, in denen die Männergesellschaft der Soldaten sich wie in „Wallensteins Lager“ dem Genuss des Augenblicks und der Geselligkeit hingibt. Diese Phasen nennt Bamm den „Alltag“: „Die Tragödien der Geschichte“, schreibt er einmal, „haben einen burlesken Alltag.“ Und an anderer Stelle: „Man muss nicht denken, dass wir immerzu nur aus Humanitas und Pflichtgefühl bestanden und immerzu nur edle Helfer der Gesellschaft waren. Eine solche Attitüde hätte auf die Dauer nur Fassade sein können. Wir mussten leben.“

Es steht ausser Zweifel, dass der Sanitätsoffizier Peter Bamm, zumindest in den ersten zwei Jahren des Ostkrieges, noch an einem traditionellen Kriegsverständnis festhält. Er ist davon überzeugt, dass durch den Kampf nicht nur brutale Gewalt, sondern auch Mannestugenden wie Pflichtbewusstsein, Tapferkeit, Ehrgefühl und ritterliche Achtung vor dem Gegner freigesetzt werden.

Auch bleibt Bamm der humanistisch gebildete Westeuropäer, der zwar seine Kultur gegen den Bolschewismus zu verteidigen hat, daneben aber das Interesse an der Kultur und Geschichte der fremden Bevölkerung nicht verliert.

Eine Verherrlichung des Krieges lehnt der Autor mit Entschiedenheit ab. „Ein so umfassendes Phänomen wie der Krieg“, schreibt er, „macht auch Tugenden mobil. Wenn eine Handvoll anständiger Männer in einen Krieg hineingerät, lässt ihnen der Charakter keine andere Möglichkeit als Kameradschaft. Aber wie grotesk ist eine Argumentation, die damit, dass im Krieg nicht alles schändlich ist, den Krieg verteidigen will."

Fragen danach, wie es zu diesem Krieg gekommen sei, welche Ziele damit angestrebt würden und wie er allenfalls zu rechtfertigen sei, stellt Peter Bamm nicht. Er leugnet nicht, dass Kriegsverbrechen vorkommen; aber den Frontsoldaten trifft daran keine Schuld, und er trägt dafür nicht die Verantwortung.

Verantwortlich sind „die Andern“, die Waffen-SS, die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und die Sonderkommandos, die hinter der Front die Vernichtung von Juden und andern rassisch oder politisch unzuverlässigen Elementen vorantreiben. An drei Stellen ist im Bericht von Judenmassakern die Rede: in Nikolayev und Sewastopol werden die Juden von den „Andern„ zusammengetrieben und erschossen, andernorts werden sie in einem eigens dafür hergerichteten Lastwagen vergast.

Die Empörung über diese Untaten, schreibt Bamm, sei bei der kämpfenden Truppe allgemein gewesen, aber das „Gift des Antisemitismus“ habe sich schon zu tief eingefressen: „Die moralische Korruption nach sieben Jahren der Herrschaft der Andern war schon zu weit fortgeschritten...“ Auch die Verschleppung von Tausenden von Russen zur Zwangsarbeit in Deutschland wird von Bamm kritisch erwähnt.

Mit der Übernahme des Oberkommandos durch Hitler im Dezember 1941 schwindet die Hoffnung auf den Sieg im Osten. Unsinnige Befehle erreichen die Kommandanten, das Offizierskorps wird durch überzeugte Nazis ergänzt. Zuversicht und Moral der Truppe schwinden. „Man konnte den Sieg“, schreibt Bamm, „nicht richtig wünschen. Die Herrschaft des primitiven Mannes, der beschränkte Hochmut der Andern nach dem Sieg – eine schreckliche Vorstellung.“ Immer ist von Hitler als „vom primitiven Mann an der Spitze“ die Rede, nie wird er beim Namen genannt. Er erscheint als etwas Unaussprechlich-Dämonisches, dessen Faszination selbst der Schuldlose verfällt.

"Die unsichtbare Flagge" bleibt in allem, was die Aktivität der Sanitätstruppen im Ostkrieg betrifft, eine wichtige Quelle. Wenn diese Quelle gleichwohl fragwürdig ist, so darum, weil die Unterscheidung zwischen den „bösen Andern“ und den „guten Frontsoldaten“ nicht haltbar ist. Die historische Forschung hat nachgewiesen, dass sehr rasch nach Kriegsbeginn die Liquidation von Juden und anderen „politisch unzuverlässigen Elementen“ in enger und wohl unausweichlicher Kollaboration zwischen SS und kämpfender Truppe betrieben wurde. Aber nicht nur dies. Der moralische Raster der Schwarz-Weiss-Malerei, mit dem Bamm das Geschehen zu fassen sucht, versagt vor der Wirklichkeit des Krieges. Den sauberen Krieg, an den der Autor zu glauben scheint, gibt es nicht. Fragwürdig ist auch die Neigung Bamms, dem „primitiven Mann an der Spitze“ der „Andern“ die Verantwortung für alles Unheil zuzuschieben. Dies fiel bereits dem Landser und Schriftsteller Heinrich Böll auf, der Bamms Buch bei seinem Erscheinen im Jahre 1952 kritisch rezensierte. „Die einen und die andern“, schrieb Böll, „überschnitten einander, gingen teilweise in einander über, und Vokabeln wie ‚noble alte Tradition’ (die bestenfalls zum Selbstmord reicht), Vokabeln wie ‚primitiv’, angewandt auf Hitler und sein Reich, gehen an dem, was geschehen ist, vorbei.“

Peter Bamm schrieb noch eine Reihe weiterer erfolgreicher Bücher, darunter Reiseerinnerungen aus Griechenland unter dem Titel An den Küsten des Lichts. Er wurde 1972 mit dem Grossen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und starb drei Jahre später in Zollikon bei Zürich.

Urs Bitterli

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Sehr geehrter Herr Bitterli, vielen Dank für die Buchbesprechung "Die unsichtbare Flagge". Das Buch war für die Kriegsteilnehmer-Generation geschrieben, hat aber auch mich (*1952), als Kind dieser Generation beeindruckt. Wir Kinder wollten genaueres wissen über die Väter, die bei Familientreffen ihre Kriegserlebnisse schönredeten. Dafür war dieses Buch ein schlechter Helfer. Es erschien übrigens in Deutschland in der Deutschen Buchgemeinschaft. Diese Buchgemeinschaft verschickte alle 3 Monate ein Buch, welches man zu einem recht niedrigen Preis aus der angebotenen Auswahl frei Haus zugeschickt bekam. Der Wunsch nach unkontrollierter Literatur war groß und wurde durch die Buchgemeinschaft kontrolliert befriedigt. So wurde die Verdrängung allerorten begünstigt. Hans Pick

Ich möchte Sie zwar nicht gerade an Karl May erinnern, aber immerhin auf das hinweisen, was Michel Foucault über Kameradschaft und ihre Formen der Männerliebe im Krieg geschrieben hat! Da sind die Krankenschwestern genauso Nebenfiguren wie Maria in der katholischen Männerkirche...

(> Von der Freundschaft. Michel Foucault im Gespräch, Merve o.J. S. 91-92)

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren