Permanente Revolution

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Permanente Revolution

Von Peter Achten, 28.11.2017

Staats- und Parteichef Xi Jinping hält, was er den Chinesinnen und Chinesen versprochen hat. Im Grossen wie im Kleinen. Die Pflege der Hygiene gehört dazu.

Rechtzeitig Mitte November zum Uno-Welttag der Toiletten – ja, den gibt es tatsächlich – meldet die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua (Neues China) grosse Erfolge im Kampf für verbesserte Volkshygiene. Dazu gehören besonders saubere Toiletten. Das Thema wurde in dieser Kolumne in den letzten Jahren verschiedentlich behandelt, nicht zuletzt, weil Ihr Korrespondent vor über dreissig Jahren eine seiner ersten Reportagen aus Peking diesem Thema gewidmet hat.

Die jetzt in Chinas Medien als «Toiletten-Revolution» apostrophierte neue Aktion der letzten drei Jahre hat somit eine längere Vorgeschichte. Oder frei nach Lew Dawidowitsch Bronstein – kurz: Trotzki – haben wir es hier mit einer permanenten Revolution zu tun. Chinas rote, kapitalistisch-kommunistische Kaiser sind deshalb aber nicht etwa des Trotzkismus verdächtig. Vielmehr sind sie in diesem Punkt Realpolitiker zum Wohle des Volkers.

Eau de Javel

In Peking gehörte zur Toiletten-Revolution 1986 unter anderem ein Wettbewerb für das beste, sauberste, benutzerfreundlichste WC. Als Journalist war das natürlich sorgfältig zu recherchieren. Beim kleinen Geschäft war das relativ einfach. Beim grossen dagegen galt es, sich an neue Usanzen zu gewöhnen. Das Steh-Plumps-Klo war das eine, das andere im Sitzen war da schon gewöhnungsbedürftiger.

Da sassen auf einem Balken vier, fünf Männer, lasen Zeitung und parlierten miteinander. Und verrichteten ihre Geschäfte. Das Schwierigste beim Beschreiben war natürlich die Wortwahl. Doch lassen wir das. Wichtig war der Abort von Herrn Wang. Vor der Ankunft der strengen Juroren putzte und fegte er und besprühte schliesslich die Notdurft-Anlage mit viel, viel Eau de Javel. Er siegte mit Abstand und wurde so zum Revolutionär der bis heute andauernden permanenten Toiletten-Revolution.

Neuer Schub

Die Zeiten jedoch haben sich geändert. Javel-Wasser reicht nicht mehr. Vieles hat sich seither verbessert, in den Städten vorab, immer mehr auch auf dem Lande. Seit 2015 hat die permanente Toiletten-Revolution einen neuen Schub bekommen. Seither sind laut der amtlichen Nachrichten-Agentur Xinhua 68’000 öffentliche WCs instand gesetzt worden, 20 Prozent mehr als geplant. Bis ins Jahr 2020 sollen nochmals 47’000 neue Aborte dazukommen, 17’000 sollen zudem renoviert werden. Diese Zahlen stammen von der Nationalen Tourismus-Administration und zeigen, wie wichtig der Tourismus für Chinas Wirtschaft ist. So entfallen 11 Prozent des Wachstums des BIP (Brutto-Inlandprodukts) auf nationalen und internationalen Tourismus.

Die permanente Toiletten-Revolution hat landesweit mehrere Milliarden Yuan (umgerechnet mehrere hundert Millionen Dollar) gekostet. Auch in der Frage der Notdurft gibt Staats- und Parteichef Xi Jinping den Ton an. Ende November wird er von Xinhua mit folgenden Worten zitiert: «Die Toilettenfrage ist nicht eine unbedeutende Angelegenheit, sondern ein wichtiger Aspekt bei der Verbesserung der Infrastruktur.» Xi legt auch besonderen Wert darauf, dass nicht nur in Städten, sondern auch auf dem Lande die Hygiene angehoben wird. Laut Xi wird mit verbesserter Hygiene die Gesundheit und mithin der Lebensstandard verbessert.

Fünf-Sterne-Luxus

Mit der permanenten Toiletten-Revolution haben sich die Verhältnisse in China tatsächlich markant verbessert. Die Zeiten mit Gestank, Dreck und Unrat gehören der Vergangenheit an. In den Städten werden WCs sogar mit Sternen versehen. In der Grossen Halle des Volkes am Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen in Peking verrichten Abgeordnete des Parlaments oder des Parteitages ihre Geschäfte im Fünf-Sterne-Luxus. In einem Abort im Himmelstempel oder im Vogelnest-Stadion gibt es gar TV, Musik, ATM, Wifi und Ladestationen fürs Handy. Auch gibt es westliche Spülklos und sogar WC-Papier.

Aber Achtung! Beim Papier gibt es nach Gesichtserkennung gerade mal 60 Zentimeter Papier. Wer mehr braucht, muss neun Minuten warten. In Peking wurden seit 2015 34’000 neue WCs gebaut und 23’000 renoviert, sodass nun in der 22-Millionen-Metropole mindesten alle 500 Meter ein meist sauberer Abort zur Verfügung steht. Ähnliches lässt sich von andern Grossstädten Chinas sagen.

Globale Hygienekrise

Die Toiletten-Revolution ist tatsächlich ein grosser Erfolg für die Volksgesundheit Chinas. Laut Uno-Angaben ist eine «globale Hygienekrise» festzustellen, denn weltweit verrichten noch immer 900 Millionen Menschen ihre Notdurft im Freien. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi hat vor einem Jahr die Zustände im Subkontinent gegeisselt und nach chinesischem Vorbild eine Toiletten-Revolution entfacht. Mit ungewissem Ausgang.

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Jedem, dem der Umfang der grassierenden Erkrankungen durch Parasiteninfektionen im Nachkriegs-China bekannt ist, kann nicht genug betonen, dass gerade in ländlichen Gebieten der gezielte Bau von Toiletten eine zentraler Bedeutung bei der Eindämmung dieser "Volksseuchen" bildet. Ich möchte nur daran erinnern, dass damals vor allem im Jangtse-Becken Millionen von Menschen unter Parasiteninfektionen litten. Dank der systematischen Installation von Toiletten gelang es unter anderem auch den Infektions-Zyklus von Parasiten, deren Eier über die menschlichen Ausscheidungen verbreitet werden, zu unterbrechen. Heute sind diese Probleme zu einem grossen Teil eingedämmt und niemand denkt noch über die enormen Anstrengungen der chinesischen Gesellschaft nach, die geleistet wurde um soweit zu kommen. Schon gar nicht wir Europäer, die sich als Touristen daran erfreuen in China saubere, gepflegte Toiletten anzutreffen und das als Selbstverständlichkeit hinnehmen.
Nur zur Erinnerung, vor 150 Jahren sah es bei uns bezüglich Parasiten-Erkrankungen auch nicht viel besser aus. Heute leisten wir uns gleich noch den Luxus mit jedem Druck auf den Spülknopf einen Eimer sauberes, sorgfältig aufbereitetes Trinkwasser mit in die Kläranlage zu schicken.

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