Palästinensische Stickerei

Gastkommentar's picture

Palästinensische Stickerei

Von Gastkommentar, 04.04.2013

Das ‚Haus zum Kirschgarten’ in Basel zeigt eine Ausstellung aus der Textilsammlung von Widad Kamel Kawar.

Johann Ludwig Burckhardt, Sohn der reichen Seidenweberfamilie Burckhardt aus Basel, machte sich vor rund 200 Jahren auf den Weg in den Orient - als Scheich Ibrahim. Zunächst wollte er die Sprache lernen, um dann islamisches Recht zu studieren.

Er entdeckte 1812 die Felsenstadt Petra, konnte aber viele seiner Vorhaben nicht mehr ausführen, da er im Alter von 32 Jahren in Kairo an der Ruhr starb. Erhalten sind jedoch Reiseberichte. und anlässlich des 200-jährigen Jubiläums ehrt Basel seinen berühmten Sohn mit einer Ausstellung über Petra im Antikenmuseum Basel, Petra. Wunder in der Wüste, und im Wohnmuseum ‚Haus zum Kirschgarten’ (das Elternhaus Scheich Ibrahims) mit einer Ausstellung aus der wunderbaren Textilsammlung von Widad Kamel Kawar.

Ein ausführlicher Bericht über Scheich Ibrahim und seine Entdeckung von Petra ist in der NZZ erschienen, während die Textilausstellung im ‚Haus am Kirschgarten’ bisher etwas stiefmütterlich behandelt wurde. Aber das Interesse an dieser nahezu vergangenen Kultur ist gross, wie die zahlreichen Besucher zeigen.

Orientalisches Fest

Die besondere Tradition der Stickerei auf Kleidern sammelt die oft auch als „Mutter des palästinensischen Gewandes“ bezeichnete Widad Kamel Kawar seit über 50 Jahren. Sie hat in dieser Zeit über 3000 Kleider, Tücher und Schmuck aus dem 19. und 20. Jahrhundert zusammengetragen, die in Ausstellungen schon quer durch die ganze Welt gezeigt wurden. Die Ambiance des weitläufigen Wohnmuseums der Familie Burckardt mit der klassischen Ausstattung trägt dazu bei, dass man sich sofort in ein orientalisches Fest versetzt fühlt: Bei dezenter Musikuntermalung kommen dem Besucher förmlich die prachtvollen, handgestickten Kleider feierlich zur Begrüssung entgegen.

Frau Kawar lebt in Amman. Es gab eine erste grosse Ausstellung 1987 im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln unter dem Patronat der Königin von Jordanien und der Frau des damaligen deutschen Bundespräsidenten, Marianne Freifrau von Weizsäcker. Dazu gesellten sich Botschafter, Textilfachleute und einige Institute. Sie brachten einen ersten, informativen Katalog unter dem Titel: Pracht und Geheimnis, Kleidung und Schmuck aus Palästina und Jordanien, heraus.

Ein Verdienst von Brigitte Schön-Langenegger aus Jona, die lange Zeit im Orient gelebt hat und seit vielen Jahren Widad Kawar kennt, war es, dass eine Ausstellung der Kawar-Sammlung 2003 im Ritterhaus Bubikon stattfinden konnte (“Anaths Erbe“), sowie 2008 im Stadtmuseum Lindau; sie zeichnet auch als Mitkuratorin und kenntnisreiche Vermittlerin der erfolgreichen Ausstellung in Basel.

Schatztruhe von Farben und Motiven

Was sagt uns palästinensische Stickerei für unser europäisches kulturelles Selbstverständnis? Sicher drückt sie einmal die Kraft der Frauen aus, die trotz fortwährender Rückschläge ihrer Geschichte eine eigene Kultur hochhalten konnten. Es sind fast ausschliesslich Privatsammlungen, die in spärlichen Sonderausstellungen gezeigt werden. Die Museen haben kaum eigene Bestände. Um so mehr beeindruckt die Ausstellung im ‚Haus am Kirschgarten’ samt einer reichhaltigen Anzahl von Publikationen, die den Fundus bereichern, und kleinerer Artikel oder Stoffe, die zum Kauf angeboten werden.

Für die Entwicklung und Verbreitung der unterschiedlichen Muster spielten auch die verschiedenen Routen der Seidenstrassen eine wichtige Rolle. Denn man findet viele Motive quer durch Kontinente und Länder: Sibirien, Afghanistan, Rumänien – bis Norwegen – um nur diese zu nennen. Aber einzig aus der arabischen Welt kennen wir die vielen Bedeutungen der Motive und Symbole, die gebräuchlichen Farbkombinationen und –nuancen, Materialunterschiede von Galiläa, Nablus, Ramallah, Bethlehem, Jerusalem, Jaffa oder Gaza.

Der Kreuzstich dürfte die weiteste Verbreitung gefunden haben. Es gibt Schnurstickereien, Plattstiche oder auch Kombinationen. Motive lassen sich gliedern in Bordüren für Kanten, in Blumen-, Baum- geometrische-, Tier-Motive und weisen teilweise fantasievolle Namen auf. So wird eine Bordüre zur „Strasse nach Ägypten“, Palmen als Symbol für ein langes Leben.

Stilisierte Lebensbäume finden wir auf Hochzeitskleidern, „Zypressen und Samen auf Bergen“ werden geometrisch vereinfacht und damit Flächen gefüllt, stilisierte Weinblätter und Melonen finden wir ebenso wie verschiedene Rosen, Oliven, Äste, genial vereinfacht gestaltet in Einfassungen bis zu flächenfüllenden Mustern. Gestickt wurde auf den verschiedenen Seiden, Baumwolle, Wolle; Stoffe wurden auch zusammengesetzt und gestickte Teile eingesetzt. Eine wahre Schatztruhe von Farben und Motiven – auch nachvollziehbar an einem ‚Mustertisch’ mit Namen und Herkunft.

Annelies Ursin, Malerin, 72, stammt aus Wien und lebt seit 50 Jahren in der Schweiz. Vorstand literarische Gesellschaft, Präsidentin Zuger Künstler, Buchillustrationen, 3 Bücher über Textiltechniken, zahlreiche Ausstellungen in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Theaterleitung 1989 -1996 (Zuger Kleintheater im Burgbachkeller) mit Herausgabe einer kleinen Theaterprogrammzeitung und Veranstaltung von kulturpolitischen "Burgbachgesprächen", Studium KulturManagement in Salzburg, 11 Jahre Präsidium Zuger Filmclub


Die Textilausstellung im ‚Haus am Kirschgarten’ geht bis zum 1.September 2013

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren