Palästina ohne Flughafen

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Palästina ohne Flughafen

Von Heiko Flottau, 23.07.2014

Israels Flughafen Ben Gurion wird derzeit von europäischen und amerikanischen Gesellschaften nicht angeflogen. Palästinenser aber haben überhaupt keinen Flughafen – ihr Airport wurde von Israel 2001 zerstört.

Wenn man in dem grausamen Krieg um Gaza das Wort „Erfolg“ überhaupt in den Mund nehmen will, so ist es zweifellos ein „Erfolg“ der Hamas, dass sie mit ihren Raketen den internationalen Flughafen Ben Gurion so bedrohen konnte, dass amerikanische und europäische Fluggesellschaften ihre Flüge nach Israel vorerst ausgesetzt haben. Diese Massnahme ist zweifellos ein psychologischer Schock für viele Israelis, und darüber hinaus wird der wirtschaftliche Schaden nicht gerade klein sein, sollte der Luftverkehr weiterhin so gefährdet sein wie in den letzten Tagen.

Flughafen in Gaza zerstört

Palästinenser, die im Gazastreifen und im Westjordanland leben, haben aber überhaupt keine Möglichkeit, auf ihrem Territorium ein Flugzeug zu besteigen. Ihr Flughafen in Gaza, einst „Gaza International Airport“ genannt, danach „Yasser Arafat International Airport“, wurde 2001 im Verlaufe der zweiten Intifada von Israel zerstört.

Das Recht, einen eigenen Flughafen zu bauen, wurde den Palästinensern in den damals als „Friedensverträge“ bezeichneten Abkommen von Oslo (1993) zugestanden. Gebaut wurde der Flughafen in Gaza am Rande der zwischen dem Gazastreifen und Ägypten geteilten Stadt Rafah mit Geldern Deutschlands, Spaniens, Saudi-Arabiens, Ägyptens und Japans. Eröffnet wurde er im Dezember 1998 in Anwesenheit des damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Die Abfertigung geschah durch Palästinenser, die Oberaufsicht hatte sich aber Israel vorbehalten.

Der Flughafen Gaza war Standort der damals gegründeten „Palestinian Airlines“, die als Symbol der kommenden palästinensischen Unabhängigkeit galten. Benutzt wurde der Airport wohl am meisten von Jassir Arafats Privatjet. Aber es gab anfangs auch Linienflüge der Palestinian Airlines. Nach der Zerstörung des Flughafens durch die israelische Armee haben die Geldgeber übrigens niemals Regressforderungen an Israel gestellt.

Demütigungen

Wer heute als Palästinenser aus den besetzten Gebieten ins Ausland fliegen will, muss – vorausgesetzt er bekommt ein amerikanisches, europäisches oder sonst ein Visum – erst den mühsamen Landweg nehmen, meistens über die Allenbybrücke über den Jordan nach Jordanien. Dort muss er sich zuerst quälenden israelischen, danach oft ebenso quälenden jordanischen Untersuchungen und Durchsuchungen seines Gepäcks unterziehen. Danach muss er ein relativ teures jordanisches Taxi zum weit entfernten Aliya-Flughafen von Amman nehmen, um endlich einen Flieger besteigen zu können. Der Rückweg, besonders die Wiedereinreise in die von Israel besetzten Gebiete, gestaltet sich oft noch demütigender.

Schwierig ist auch die Ausreise von Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft. Diese dürfen zwar den Airport Ben Gurion benutzen, werden aber oft in diskriminierender Weise behandelt. Kein anderer als der israelische Schriftsteller Shlomo Sand hat eine solche Szene in seinem Buch „Warum ich aufhöre, Jude zu sein“ beschrieben. Als Shlomo Sand einst über Ben Gurion aus Israel ausreiste, beobachtete er eine israelische Palästinenserin, die geknickt auf einem Stuhl sass und auf ihre Abfertigung durch die israelischen Beamten an den Sicherheitseinrichtungen wartete.

Kein Araber sein

Während alle Israelis jüdischen Ursprungs freundlich behandelt wurden, sass die palästinensische Israelin demoralisiert da. Shlomo Sand schreibt, dass er sich angesichts dieser Diskriminierung einer Frau, die immerhin wie er die israelische Staatsbürgerschaft besass, geschämt habe. Dann schreibt er: „Die flüchtige Begegnung bestätigte mir aufs neue, dass Jude in Israel zu sein vor allem heisst, kein Araber zu sein.“

Die israelische Airline El Al bringt weiterhin israelische Staatsbürger in alle Welt (und aus aller Welt zurück) – unter oft diskriminierender Behandlung von Palästinensern mit israelischem Pass. 1,8 Millionen Palästinenser im Gazastreifen und etwa 2,6 Millionen Palästinenser im Westjordanland haben seit Jahrzehnten faktisch nicht die Möglichkeit, ihr Land direkt mit dem Flugzeug zu verlassen.

Kommentare

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Ihre ausgezeichneten Beiträge eröffnen mir, die ich meinte, auch schon
Einiges bez. des Pal/Israel-Konflikts zu wissen, nochmals ganz wichtige
neue Horizonte. Dafür danke ich Ihnen sehr herzlich !

Ja nei au. Andere Sorgen haben die in Gaza nicht? Es gibt ja in der Nähe den Flughafen Tel Aviv. Nur sollten die Gazianer eben aufhören Israel zu beschiessen.

Was vorauszusehen war ist eingetroffen: Netanjahu hat John Kerry lächerlich gemacht. Bibi lehnt einen Waffenstillstand ab. Es scheint, dass Israel mindestens eine vierstellige Zahl von Toten Palästinenser wünscht. By the way: Die Online Pressekonferenz mit Kerry war nur auf Al Jazzera zu sehen.

Es ist der Flughafen Ben Gurion: Die Achillesferse der Israeli!
Für Barak Obama, den Netjahu letztmals am Meeting der AIPAC
in Washington demütigte, muss es wie Weihnachten sein. Joe Biden, damaliger Vize - und von Natanjahu ebenfalls bis auf die Knochen blamiert (Buch von James Petras: Herr oder Knecht?)
wird sich im stillen Kämmerlein ebenfalls freuen. OK, das Zionistische Machtgefüge konnte mittlerweile das Ende des Flugverbot erwirken. Aber für Sanktionen gegen Israel hat die US Administration nun doch endlich einen (unverdächtigen) Weg gefunden. Es wäre den Israeli zu wünschen, dass sie in ferner Zukunft auf den Flughafen Gaza International angewiesen wären,
und die Palästinenser am Checkpoint stehen würden.
Im Zusammenhang mit "Demütigungen" bleibt anzumerken, dass für die Palästinenser im Westjordanland nicht nur ein Flug ins Ausland, sondern ganz banale Sachen wie ein Arztbesuch von den Launen der jeweiligen Soldaten an den Checkpoints abhängt.
Im Buch "Breaking the silence" werden diese Demütigungen von 146 Soldaten Israels beschrieben. Lasst uns hoffen, dass ein Frieden ein ganz kleines Stück nähergerückt ist.

Ja, ja, die einzige Demokratie im Nahen Osten...
Und da wundern sich die jüdischen Zentralräte in Europa über 'Antisemitismus'. Wehe, wenn mal Gleiches mit Gleichem vergolten würde.

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