Orientierung kommt aus dem Ganzen

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Orientierung kommt aus dem Ganzen

Von Carl Bossard, 10.02.2019

Eine kompetenzorientierte PISA-Pädagogik ruft nach Reformen. Die Schule wird darum in vielen Teilen umgebaut. Nur, kann aus den vielen Teilen jenes Ganze entstehen, das den Bildungsnotwendigkeiten gerecht wird?

„Wissen in Teilen macht eine schöne Geschichte; aber Weisheit entsteht, wenn wir das Ganze sehen.“ Mit dieser Mäuse-Moral schliesst die gehaltvolle Bilderbuchgeschichte „Sieben blinde Mäuse“.[1] Ja, wie entsteht aus den einzelnen Mosaiksteinen ein Gesamtbild? Was ist es? Das habe ich mich als Lehrer oft gefragt. Und welcher Gesetzmässigkeit, welcher Pflicht muss ich mich als Be-Teil-igter unterziehen, damit die zusammengefügten Steine das gewollte Ganze ergeben? Wie entsteht aus der ursprünglichen Addition von Partikeln ein Ergebnis, das nicht nur mehr ist als die Summe, sondern auch anders und wirkungsvoller als das lediglich Zusammengefügte?

Vom Teil zum Ganzen

Im Pädagogikstudium lernten wir: Mit dem Einzelauftrag sollte gleichzeitig auch der Sinn fürs Ganze eingebracht werden. Das sei fürs Gelingen entscheidend; und dazu gehörten Mitverantwortung ausserhalb der eigenen Teilaufgabe sowie Handeln im Sinne und Dienste des Ganzen. Darum müsse jede Lehrperson immer die einzelne Handlungssequenz ins Ganze integriert wahrnehmen. Handeln könne man nur in den Teilen, Orientierung und der Sinn aber kämen aus dem Ganzen.

Wer sich mit organisatorischen Netzwerken befasst, wer sich mit der Wirkungsweise von chemischen und physikalischen Systemen beschäftigt oder mit dem menschlichen Organismus, endet immer bei einer Vielfalt wechselseitiger Abhängigkeiten. Er trifft auf Interdependenzen innerhalb des Ganzen und zwischen den Teilen, die das Ganze ausmachen. Erinnert sei an das Wirken eines Orchesters. Einzelteile und Ganzes müssen übereinstimmen. Nur so kommt es zur intendierten Wirkung.

Sinn und Verantwortung für das Ganze

Das gilt auch fürs Bildungssystem als Ganzes und die Interaktion Unterricht als das Eigentliche des Systems. Niemand hat das systematischer analysiert als der Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann.[2] Die einzelne Lehrperson als Teil des Systems müsse erleben, dass das Ganze die eigenen Möglichkeiten verbessere und erweitere und dass das eine oder das andere aus der Sicht beider nicht vorstellbar sei. Fortschritte liessen sich nur erzielen, wenn das Ganze und die Teile ergänzend zusammenwirkten. Um positiv wirken zu können, müssten die Kräfte aus dem System Schule und die Kräfte aus den Unterrichtsteilen stärker sein als eine blosse Addition. Eine Schulklasse ist eben mehr als 20 Schüler, eine gute Geschichte mehr als 100 Sätze. Darum ist gemäss Aristoteles das Ganze mehr als die Summe der einzelnen Teile.

Dieses Zusammenspiel von Organisation und Interaktion sei unentbehrlich, betont Luhmann. Und gleichzeitig fügt er etwas scheinbar Paradoxes bei: „Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Organisation die Interaktion Unterricht nicht steuern kann.“[3]

Eine Kaskade von Reformen

Wer hineinzoomt ins Wesentliche der Schule, in den Unterricht, erkennt sehr schnell:

Mit enormem Aufwand haben die Bildungsbehörden in den letzten 20 Jahren das Schweizer Schulsystem reorganisiert und umstrukturiert – manches mit dem Ziel: besser und gezielter zu steuern. Reform folgte auf Reform, Projekt auf Projekt: Qualitätsmanagement und geleitete Schulen, Bildungsstandards und Messverfahren mit Tests, Frühenglisch und Mittelfrühfranzösisch, Integration und Inklusion, HarmoS und Lehrplan 21, klassenübergreifendes, altersdurchmischtes Lernen AdL, selbstorientiertes Lernen SOL sowie offene Lehr- und Lernformen heissen einige Stichworte. Dazu kommt die Digitalisierung.

Und die Innovationen ziehen weiter. Im Monatstakt erscheinen neue Stichworte am Pädagogenhorizont: Heilpädagogik light, Familienklassenzimmer, Lerninseln, Korrektur des Schuleintrittsalters nach oben. Man will die unbewältigten Inkonsistenzen beseitigen. Darum muss im System kräftig revidiert und justiert werden. Das bringt Instabilität und Unruhe. Es lenkt vom Grundauftrag ab. Nicht wenige Lehrpersonen beklagen sich darum, ihr Kerngeschäft, das Unterrichten, verkomme zum „Nebenbei-Job“. Sie verzettelten sich in zahlreichen Teilbereichen.

Reformen generieren Reformen

„Das Hauptresultat von Reformen [sei] die Erzeugung des Bedarfs für weitere Reformen“, diagnostiziert der anerkannte Systemtheoretiker Niklas Luhmann messerscharf. Wer das Schweizer Bildungssystem betrachtet, erhält im Moment diesen Eindruck. Und Luhmann fügt bei: „Reformen wären danach sich selbst generierende Programme für die Veränderung der Strukturen des Systems.“

Und hier liegt eine grosse Falle: Das Entscheidende für den Bildungserfolg liegt eben nicht in der äusseren Struktur, sondern in der „face-to-face“-Interaktion, im Dialog, in der zwischenmenschlichen Beziehung, wie die erziehungswissenschaftliche Forschung zeigt. Strukturen allein können nicht wirken; es sind (Lehr-)Personen, die den Strukturen Leben und Wirkung geben. Wie sie in eine Klasse hineingehen, mit welcher Motivation, mit welcher Haltung, mit welcher Leidenschaft, mit welchem Sinn fürs Ganze – das entscheidet, ob Strukturen wirken.

Das Ganze im Blick

Die Teile und das Ganze: So wie es in der Welt der Sprache mit der Addition von Vokabeln nicht getan ist, so wie in Musik und Malerei die Werke nicht aus dem blossen Zusammenfügen von Tönen und Farben entstehen, so entsteht Bildung nicht einfach aus der blossen Addition von Einzellektionen. Es ist eine Bildung, die der ganzheitlichen menschlichen Wahrnehmung und Orientierungsbedürftigkeit entspricht. Das wissen alle. Es braucht dazu engagierte Lehrpersonen, denen eines bewusst ist: Orientierung kommt aus dem Ganzen, Handeln ist in den Teilen. Und die Bildungspolitik müsste für diese Teile auch „entgegenkommende Verhältnisse“ schaffen, um ein Wort des Soziologen Jürgen Habermas aufzunehmen.

Weisheit entsteht – und damit wohl auch positive Wirkung –, wenn wir das Ganze sehen. Eine kleine Anekdote illustriert das eindrücklich: Drei Steinmetze arbeiten am Kölner Dom. Der Erste wird gefragt: „Was machen Sie hier?“ Er gibt zur Antwort: „Ich haue Steine“. Auch der Zweite wird gefragt: „Was machen Sie hier?“ Er meint: „Ich verdiene mein Brot.“ Der Dritte antwortet auf die gleiche Frage: „Ich arbeite mit am Bau des Domes!“

Mitarbeiten am Bau des Domes: Diese Sicht hat das Ganze im Blick. Eine solche Optik gälte für die Bildungspolitik – und auch für deren Einzelteile.

[1] Ed Young (2007), Sieben blinde Mäuse. Aus dem Amerikanischen von Katrin Schulz. Weinheim und Basel: Beltz, S. 39.

[2] Niklas Luhmann (2002), Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Herausgegeben von Dieter Lenzen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 102ff.

[3] Ebda, S. 164.

Kommentare

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Ja, die Reformitis wirkt nun schon seit über 20 Jahren. Ergebnis: kaum mehr Lehrer, mehrheitlich habzeitlich tätige Lehrerinnen. Verweildauer in diesem Beruf von einst 40 Jahren auf weniger als 10 Jahre gesenkt. Das Ansehen (undeutsch Reputation) dieses Berufes ist noch tiefer als jenes der Bankangestellten (Ermotti, Thiam abwärts). Keine Sorge, die lernbegierigen und lerntüchtigen Ostasiaten überholen uns saturierte Besserwisser. Sic transit gloria europaea.

Geehrter Herr Bossard
Schon oft wollte ich (bald 40 und ehemaliger Sek-Lehrer) Ihnen für Ihre Analyse der Vorgänge in der Volksschule danken. Getan habe ich es bisher nicht, denn allzuoft wurde mein Kommentar zum Rundumschlag was in der Volksschule alles schief läuft.
Nun tue ich es doch und danke Ihnen nicht nur für diesen, sondern auch für vergangene Artikel. Eines ist gewiss: Das Unterrichten (mit all seiner Beziehungsarbeit) soll die Kernaufgabe einer Lehrperson sein. Dazu gehört die Arbeit an Teilen und der Blick aufs Ganze. Alles andere ist Nebensache. Jede Reform, deren Wirkung nachher gar nicht erst analysiert wird, verbraucht Ressourcen und ist verschwendete Zeit. Was auf den oberen Ebenen als wichtig erscheint, verbessert den Unterricht selbst kaum.

Mit freundlichen Grüssen

Max Grob

Wie gerne lese ich Ihre Artikel auf Journal21.ch Das ist grosse Schule, super und danke mal wieder. Selber leider schon lange weit entfernt von diesem Metier und auch weiterhin durch irgendenetwas stark daran gehindert, noch etwas neues zu erlernen (Mind Control Hypnose) und sei es bloss Rudimentäres in der Fremdsprache des Frührentnergastlandes oder Familie zu gründen und Kinder zu haben, habe ich doch wenigstes einen Onkel und eine Cousine in ihrem Berufsgebiet. Das ist doch auch was. Grüsse.

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