Operatives vom Prinzipiellen her denken

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Operatives vom Prinzipiellen her denken

Von Carl Bossard, 01.12.2019

Bildungspolitisch Verantwortliche bestimmen die Strategie. Die „Frontleute“ setzen die Vorgaben um. In methodischer Freiheit. So will es die Theorie. Doch die pädagogische Wirklichkeit zeigt oft etwas anderes.

„Wenn wir im Prinzipiellen nicht einig sind, ist es sinnlos, Pläne – oder Konzepte – zu schmieden“, soll der chinesische Philosoph Lao Tse gesagt haben. Und geschweige denn ins Operationelle hinunterzusteigen, sei beigefügt.

Kongruenz im Prinzipiellen ermöglich Freiheit im Operativen

Im Prinzipiellen einig sein, damit sich das Operative, das Konkrete, die Alltagsarbeit an etwas Übergeordnetem orientieren kann: Das ist der Grundsatz, um wirksame Ergebnisse zu erhalten. Kongruenz im Prinzipiellen lässt zudem Freiheit im Operativen zu. Nur so kann der Einzelne an der Basis situativ richtig reagieren. „Make maximum use of principles!“ hiess darum die Maxime von Peter Drucker, dem US-amerikanischen Ökonomen und originellen Managementdenker. 

Wie eng Prinzipielles und Operationelles zusammenhängen, zeigt sich am Beispiel des Frühfranzösisch im „Passepartout“-Raum. Es wird ab der dritten Klasse unterrichtet. Die sechs Kantone Bern, Basel-Stadt, Baselland, Solothurn, Freiburg und Wallis einigten sich auf ein gemeinsames Prinzip: Die Kinder tauchen in die neue Fremdsprache ein; sie nehmen – metaphorisch gesprochen – ein „Sprachbad“. Auf das systematische Erlernen von Wortschatz und grammatikalischen Strukturen wird bewusst verzichtet, obwohl gewisse Lerntypen damit gezielter vorwärtskämen. Im Sprachbad lernt man es en passant – beim Zuhören und Sprechen. Korrigieren sollen die Lehrer nur zurückhaltend. So will es die Strategie der Bildungsverantwortlichen.

Viele Schüler erreichen nicht einmal „elementares Niveau“

Fürs Operative, für den konkreten Schulalltag entwickelten Bildungsstäbe und Experten das Lehrmittel „Mille feuilles“. Es kam 2011 auf den Markt und ist Teil des 50 Millionen teuren Fremdsprachenkonzepts „Passepartout“. Das Unterrichtsmedium setzt die Strategie des Sprachbads um. Es ist obligatorisch. Schon bald wurden Kritiken und Klagen laut. Der Tenor von Lehrer- und Elternseite: Mit „Mille feuilles“ lernten die Kinder viel zu wenig. Das Lehrmittel sei unübersichtlich, unstrukturiert und wenig praxistauglich, ein systematisches Arbeiten nicht möglich.

Die Vorwürfe wirkten: Die Lehrmittel-Autoren besserten operativ nach, schufen Zusatzmaterialien und Übungsunterlagen, doch die Lernresultate verbesserten sich kaum. Die Studie des Instituts für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg förderte gravierende Defizite zutage. Am besten schneidet Hörverstehen ab. In diesem Bereich erreichen 57 Prozent der Sechstklässler die Lernziele, beim Leseverstehen sind es knapp 33 Prozent und beim Sprechen, dem wohl wichtigsten Bereich einer Fremdsprache, nicht einmal 11 Prozent. [1] Das Fazit der Studie: Ein beachtlicher Teil der Schülerinnen und Schüler kommt nicht einmal auf ein „elementares Niveau“.

Warum nicht die Strategie ändern?

Die Resultate lagen seit Mai 2019 vor. Sie wurden aber nie publiziert. Die Bildungsbehörden wollten die deprimierenden Ergebnisse verschweigen. [2] Stattdessen liess die grüne Berner Erziehungsdirektorin Christine Häsler zur gleichen Zeit verlauten, man befände sich beim Frühfranzösisch auf dem richtigen Weg. Auf die Kritiken an „Mille feuilles“ und die ernüchternde Evaluation angesprochen, meinte sie nun: „Das ist keine Überraschung. Die Probleme sind erkannt und das neue Lehrmittel wird laufend verbessert.“ [3]

Die Verantwortlichen optimieren im Operativen, reagieren auf Lehrmittelebene. Warum überdenken sie nicht die Strategie? Ist das „Sprachbad“ allein zielführend? Und warum denken sie nicht auch an jene Schülerinnen und Schüler, die einen analytischen Sprachzugang haben? Doch davon spricht niemand.

Warum wartet man so lange?

Es ist sinnlos, im Strukturellen zu schrauben und zu bohren, wenn die Strategie nicht stimmt, wenn der Fehler im Prinzipiellen liegt. Klaffen Bildungsidee und Wirklichkeit auseinander, leidet nur die Wirklichkeit. Und das sind die Kinder und Jugendlichen – und mit ihnen die Lehrerinnen und Lehrer und auch die Eltern.

„Wir haben jetzt eine Generation Schüler, die schlicht keine Sprachkompetenz in Französisch hat», schreibt ein Vater und fragt vorwurfvoll: „Wieso hat man nur so lange zugschaut und keine notwendigen Massnahmen ergriffen?“ Das fragen sich in der Zwischenzeit viele.

Totalschaden abwenden – Freiheit geben

Im Kanton Baselland hat das Stimmvolk am vergangenen Sonntag mit 84,8 Prozent Ja eine Initiative angenommen: Sie lockert die Lehrmittelpflicht. Damit muss an den Baselbieter Schulen nicht mehr zwingend nach dem umstrittenen interkantonalen Fremdsprachenkonzept „Passepartout“ unterrichtet werden. Das Lehrmittel-Obligatorium fällt. Die Verantwortung geht damit ein spürbares Stück zurück an die einzelne Lehrperson. Sie muss wissen, was sie will und wie sie es mit ihren Kindern erreicht. Das Prinzipielle und das Operative wirksam verbinden und die Ziele erfüllen, dafür zeichnen Lehrerinnen und Lehrer verantwortlich. Dazu brauchen sie methodische Freiheit – allerdings im Rahmen vom Prinzipiellen.

Genau das fordert der „Bund“-Redaktor Christoph Aebischer, wenn er schreibt: „Dem Kanton Bern läuft beim Französisch-Lehrmittel „Mille feuilles“ die Zeit davon, um einen Totalschaden abzuwenden. Es ist Zeit, den Lehrerinnen und Lehrern mehr Freiheit zu geben.“ [4]

[1] Eva Wiederkeller, Peter Lenz (2019), Kurzbericht zum Projekt ,Ergebnisbezogene Evaluation des Französischunterrichts in der 6. Klasse (HarmoS 8) in den sechs Passepartout-Kantonen’, durchgeführt von Juni 2015 bis März 2019 am Institut für Mehrsprachigkeit der Universität und der Pädagogischen Hochschule Freiburg im Auftrag der Passepartout-Kantone. Freiburg.

[2] Stefan von Bergen, Die geheime Frühfranzösisch-Studie, in: Berner Zeitung, 27.09.2019, S. 3.

[3] https://www.srf.ch/news/regional/bern-freiburg-wallis/mille-feuilles-in-der-kritik-schlechte-noten-fuer-das-fruehfranzoesisch

[4] Christoph Aebischer, Probezeit für „Mille feuilles“ ist abgelaufen, in: Der Bund, 26.11.2019.

Kommentare

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Geehrter Herr Bossard

Ihr Artikel zeigt auf, dass die Strategie falsch ist und an dieser Änderungen vorgenommen werden müssten. Ich persönlich denke nicht, dass Fremdsprachen (egal welche) erlernt werden können ohne Fremdwörter zu lernen. Ich finde es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler Wörter einer fremden Sprache systematisch erlernen und den für sie persönlich besten Lernweg finden. Da haben die guten alten Karteikarten noch lange nicht ausgedient. Das Gute daran, die Wörter werden zwar systematisch gelernt, aber quasi „en passant“. Denn es bringt nichts stundenlang Fremdwörter zu büffeln, sondern eben oftmals wiederholt für zehn oder fünfzehn Minuten. Und dies kann man dann überall für kurze Dauer tun.
Ich persönlich halte das sogenannte "Sprachbad" für eine Farce. Ein solches "Sprachbad" kann höchsten stattfinden, wenn ein Klassenlager im Gebiet der Fremdsprache stattfindet, im Schulzimmer geht das nicht, denn jedes Kind weiss, wenn die Schulglocke läutet, dann ist der Fremdsprachenunterricht fertig und im oftmals gleichen Zimmer findet dann völlig anderer Unterricht statt. Wie eine Lehrperson da ein "Sprachbad" entstehen lassen soll, ist mir persönlich ein Rätsel. Nur ein Narr denkt, dass ein Lehrmittel dies alleine bewerkstelligen kann.
Den Ansatz des "Sprachbads" halte ich für eine närrische Strategie, genau wie die Idee des "Schreibens nach Gehör".
Mein Sohn lernt momentan gerade Lesen und Schreiben. Klar macht er dabei viele Schreibfehler und nein, ich halte ihm dabei nicht jeden Fehler, den er macht, vor. Dies würde seine Motivation es lernen zu wollen senken. Trotzdem gebe ich ihm immer wieder mal hier und dort die Rückmeldung, dass dies oder das so geschrieben wird, denn er soll ja Lesen und Schreiben lernen wollen.
Ein verantwortungsvoller Umgang mit den Lernenden bedeutet, dass wir sie nicht für dumm verkaufen. Falsch wäre ihnen zu Beginn alle Fehler aufzuzeigen (Ratschläge können ja bekanntlich auch Schläge sein) oder, dass wir ihnen vorgaukeln, nur weil sie ein paar Stunden Fremdsprachenunterricht haben, nun in eine völlig andere Welt einzutauchen. Dem ist nicht so und das wissen die Kinder sehr wohl.
Es erstaunt mich einzig, dass es scheinbar immer noch Didaktikerinnen und Didaktiker gibt, die diesen Blödsinn ernsthaft vertreten. Vielleicht sind diese Experten zu lange im Sprachbad tauchen gegangen. Anders kann ich mir diesen Humbug des "Sprachbads" als neues Wundermittel des Fremdsprachenunterrichts wirklich nicht erklären.
Eine Fremdsprache kann nur systematisch mit ihrer Grammatik und ihrem Wortschatz erlernt werden. Natürlich sind die Wege zum Meistern der Fremdsprache sehr individuell, dies möchte ich nicht bestreiten, aber eine gewisse Systematik liegt jedem Lernweg zugrunde. Sonst ist es kein Lernweg, sondern vielmehr ein wahlloses Herumirren. Leider geschieht aber genau dies im momentanen Fremdsprachenunterricht und das ist für die jungen Lernenden katastrophal.
Danke, dass Sie Herr Bossard mit Ihren Artikel öffentlich dazu Stellung beziehen. Ich bin überzeugt, dass Sie damit auf der richtigen Seite stehen.

Freundliche Grüsse, Max Grob

Verordnete Verantwortlichkeit ist Verantwortungslosigkeit. Erst als sinnvoll erkanntes Operatives schafft den Anreiz "höhere Standards" gemeinsam zu erreichen. Das Prinzipielle ist das höhere Gemeinsame.

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