Ökotourismus dank Wirtschaftshilfe

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Ökotourismus dank Wirtschaftshilfe

Von Christina Omlin, 12.02.2014

Noch fehlt Tunesien auf der Alternativ- und Ökotourismus-Landkarte. Der Strukturwandel im Tourismus verläuft schleppend. Die Transitionshilfe aus dem Westen soll Schub geben.

Tunesien ist vor allem für seine Strände, das helle Licht und das warme Klima bekannt. Entlang der Küste von der Hauptstadt Tunis im Norden bis hinunter nach Djerba nahe der libyschen Grenze gibt es zahlreiche touristische Zonen, die von Badetouristen besucht werden. Als eines der wenigen Länder der arabischen Umwälzungen ist Tunesien abgesehen von wenigen Anschlägen und vielen Demonstrationen einigermassen stabil geblieben. Doch der Massentourismus mag keine Risiken. Die Folge ist eine zunehmende touristische Krise in Tunesien. Der Einbruch der Übernachtungen um 15 % im Jahr 2013 im Vergleich zu 2010 hat mehrere Dutzend Hotelbetriebe dazu gezwungen, aufzugeben oder neue Felder zu suchen. Einige der laufenden Betriebe sind wegen steigender Kosten massiv verschuldet.

Tourismus-Krise nicht nur Folge der Revolution

Eine Möglichkeit, die Situation zu verbessern ist, das Angebot zu verbreiten: zum Beispiel mit Öko- und Alternativtourismus, der auf Nachhaltigkeit abzielt und lokale Landwirtschaft, Kleingewerbe und Kunsthandwerk fördert. Auch für Individualtourismus, der in unberührter Natur Wüsten-Trekking und Klettertouren anbietet, hätte Tunesien nicht nur in den südlichen Wüstengebieten einiges zu bieten.

Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Tunesiens und trägt trotz seines Einbruchs noch immer ca. 6,5% zum jährlichen BIP bei. Der Sektor stellt über 400'000 Arbeitsplätze. Das Potenzial des nachhaltigen Tourismus wird in Tunesien zwar erkannt, sehr viel Eigeninitiative hat die tunesische Tourismusbranche aber noch nicht entwickelt. Seit den 90er Jahren haben die tunesischen Hotels an der Küste nicht mehr viel in Erneuerungen investiert, sondern sich zu sehr auf den Lorbeeren des Badetourismus ausgeruht. Heute wird Tunesien deshalb eher als Billigdestination wahrgenommen, mit Alles-Inklusive-Angeboten, deren Preise von den internationalen Reiseagenturen diktiert werden.

Erste Anfänge des Ökotourismus

Eine Strategie zur Diversifizierung des touristischen Angebots hat es zwar einmal gegeben aber sie wurde nie konsequent umgesetzt. Das spüren die Hotelbetreiber heute. La Presse, eine französischsprachige Tagezeitung in Tunesien, drosch im Kommentar „tourisme de misère“ im Sommer 2013 regelrecht auf die Branche ein: „Der tunesische Tourismus ist höchstens noch mittelmässig. Die Tourismus-Akteure selber haben Tunesien deklassiert.“ Dazu kommen die politische Krise und die Probleme mit der Sicherheit, die sich seit Sommer 2013 gehäuft haben.

Noch zu wenige Reisagenturen, Hoteliers und Einzelunternehmer haben das Feld jedoch bisher für sich konsequent erschlossen. Es fehlt in der Krise an finanziellen Mitteln für die nötigen Investitionen. Das tunesische Tourismus-Ministerium, das nationale Tourismusbüro (ONTT Office National du Tourisme Tunisien) und die tunesische Tourismusgewerkschaft (FTH Fédération Tunisienne de l’Hotellerie) stehen eigentlich hinter der Diversifizierungs-Strategie der Branche. Tunesien hat mit “l’Ecolabel Tunisien“ auch ein eigenes Ökolabel entwickelt. Es garantiert unter anderem, dass die Träger des Labels Wasser- und Energiebedarf optimieren und alternative Energiequellen bevorzugen.

Probleme mit der Umsetzung

Dass bisher trotzdem nur wenig geschah, liegt nicht nur an den Nachwehen der Revolution. In Tunesien ist bereits die vierte Übergangsregierung in drei Jahren am Ruder, und Ende Januar ist mit Amel Karboul eben wieder eine neue Tourismusministerin eingesetzt worden. Dazu kommt, dass die Ziele zwar formuliert sind, dass sie aber nicht umgesetzt werden. Behörden fehlt teilweise Management-Knowhow.

Schon unter dem Ben-Ali Regime wurde der Strukturwandel im Tourismus verpasst und nur auf Massentourismus gesetzt. Das hat sich seit der Revolution noch nicht entscheidend verbessert, auch wenn seither zusätzliche zivile Vereinigungen entstanden sind, die sich ehrenamtlich um nachhaltigen Tourismus kümmern wie die „Association du Tourisme Alternatif en Tunisie“. Mit Amel Karboul sitzt jetzt eine Change-Management-Beraterin am Steuer der wichtigsten Behörde, da könnte also mehr in Bewegung kommen. Allerdings ist sie nur bis zu den nächsten Wahlen als Tourismusministerin eingesetzt. Sie hat aber schon erklärt, dass ökologischer und Kultur-Tourismus ihre besondere Aufmerksamkeit habe.

Unterstützung von Entwicklungsorganisationen

Zunehmend erhalten Alternativ- und Ökotourismus–Projekte auch Unterstützung von westlichen Regierungs-Programmen und internationalen Organisationen, die seit der Revolution 2011 in Tunesien ihre Übergangs- und Wirtschaftshilfe verstärkt haben. Das Potenzial haben die internationalen Berater schnell erkannt und in Studien belegt. Ökotourismus soll helfen, gleich mehrere Probleme auf einen Schlag zu lösen: die Arbeitslosenquote senken und Jobs schaffen, mehr Devisen ins Land bringen über zahlungskräftigere Kundschaft und die Natur-Reservate und das reiche Kulturerbe erhalten helfen.

Entwicklungs-Organisationen stellen vor allem Gelder für grundlegende strukturelle Verbesserungen bereit. Sie verhelfen zum Beispiel Natur- und Nationalparks zu einem ökologischen Park-Management, sie bilden Berater im Umweltmanagement aus, zeigen mit Pilotprojekten die Vorteile der ökologische Bauweise auf die Energieeffizienz.

Ökotourismus als Arbeitsplatzbeschaffung?

Verschiedene Entwicklungs-Projekte mit ganz unterschiedlichen Ansätzen sind aufgegleist oder bereits gestartet. Die Donatoren sprechen sich zwar untereinander ab, eine Koordination der Projekte durch das tunesische Tourismusministerium scheint aber bis heute noch zu fehlen. Die Einzelinitiativen werden meist effizient umgesetzt, würden sie sich in eine Gesamtstrategie einreihen, wäre ihre Wirkung aber nachhaltiger.

Ein paar Beispiele: Bis 2018 investiert die Weltbank 9 Millionen Dollar in die Entwicklung des Tourismus in den drei Nationalparks Dghoume , Bouhedma, Jbil. Damit sollen in Gemeinden im Landesinneren 160 Stellen geschaffen werden, die vom Ökotourismus leben können: Angestellte im Eco-Shop und Eco-Museum, Anbieter lokaler Landwirtschaftsprodukte, Touristenführer, Biodiversitäts-Berater, etc. sollen davon profitieren. Das Hauptaugenmerk liegt auf den benachteiligten Regionen in den Gouvernoraten Tozeur, Gafsa, Kebili, Sidi Bou Zid.

Ökoresort als Modell

Die EU unterstützt neben anderen Projekten das Green Hill Resort, ein Pilotprojekt für Ökotourismus im Nordwesten Tunesiens. Hauptziel ist es aufzuzeigen, wie ein ökologisches Energiekonzept für ein Touristenresort funktionieren könnte. Erneuerbare Energiequellen sollen 95% des Energiebedarfs mittels Wärmepumpen, Solarenergie und Photovoltaik decken. Das Projekt ist vor allem aus ökologischer Sicht interessant, weil hier Bauweisen auf die klimatischen Bedingungen dieser Mittelmeerregion angepasst werden (dämmende Materialien, Vegetation, die Ausrichtung der Bauten). Aus ökonomischer Sicht ist es noch viel zu teuer. Einzelne Massnahmen sind nach frühestens neun Jahren amortisiert. Das zeigt: ein langer Atem ist gefragt, auch für Investoren. Sie zu gewinnen braucht viel Überzeugungsarbeit.

Frankreich schliesslich setzt auf das europäische Tourismus-Ökolabel „ShMILE2“ und will die professionellen Kompetenzen im Tourismusbereich stärken und für die tunesischen Hotellerie den Zugang zum Ökolabel aufgleisen. „ShMILE2“ soll in der gesamten Mittelmeerregion den nachhaltigen Tourismus ausbauen helfen. Tunesien aber hat selber ein Ökolabel. Auf welches sollen die tunesischen Tourismus-Anbieter setzen?

Zwei Projekte mit Unterstützung der Schweiz

Auch die Schweizer Transitions-Projekte in Tunesien ziehen in diesem Bereich mit und verfolgen dabei gleichzeitig ihr Ziel bei der Unterstützung von Nachhaltigkeitsprojekten insgesamt präsenter zu werden. Zwei Projekte sind im Moment in der Umsetzungsphase. Einerseits unterstützt das SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) das „Projet de Production Propre Tunisien“ (PPPT). Ziel ist die Stärkung des grünen Knowhows durch die Ausbildung von Umweltberatern am CITET (Centre International des Technologies de l’Environnement de Tunis). Sie beraten neben zahlreichen Industriebetrieben auch Hotels um sie umweltfreundlicher zu machen und sie für die Zertifizierung eines Ökolabel vorzubereiten, sagt Alban Bitz, er ist der technische Hauptberater. Das zweite Projekt, auch vom SECO unterstützt, wird im Mai 2014 lanciert und hat zum Ziel nachhaltigen Tourismus zu fördern und eine Organisationsstruktur (ODM) für Destination Management auf zu bauen. Es wird von einer internationalen Konsulentenfirma in enger Zusammenarbeit mit dem Schweizer Regionalbüro der A-IZA in Médenine, welches unter der Leitung von Irène Kränzlin steht, umgesetzt.

Projekt für umweltfreundliche Produktion in Tunesien

Vom „Projet de Production Propre Tunisien“ (PPPT) können 60 Unternehmen profitieren, darunter sind Grossfirmen wie Tanneries Mégissieries du Maghreb TMM, der grösste Lederproduzent in Afrika, mehrere Textilunternehmen aber auch mittelständische Familienbetriebe wie das Hotel Menara in Hammamet. Von 2010 – 2014 hat das SECO dafür 2.5 Millionen Euro eingesetzt. Die Projektumsetzung liegt bei der UNIDO (UN-Organisation für industrielle Entwicklung) und der Genfer Beratungsfirma SOFIES, die Lösungen für industrielle Ökosysteme anbietet.

Schweizer Unterstützung in Tunesien

Die Abteilung Internationale Entwicklungszusammenarbeit (A-IZA) der Schweizerischen Botschaft in Tunesien ist verantwortlich für die Steuerung und Umsetzung des Programms, das dem Land beim demokratischen Wandel Unterstützung bietet. Das Schweizer Engagement setzt auf drei Schlüsselbereiche: Menschenrechte und demokratische Transition, wirtschaftliche Entwicklung und Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Migration und Schutz. Mehrere Ämter setzen Projekte in Tunesien um: Bundesamt für Migration BFM, Politische Direktion / Abteilung Menschliche Sicherheit PD/ASM, Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA. Die A-IZA sorgt für die Koordination und Kohärenz des Programms. Der Bundesrat hat im März 2011 beschlossen, die Aktivitäten in Tunesien mittelfristig zu verstärken. Im Jahr 2013 wurden dafür insgesamt rund 22 Millionen Franken eingesetzt, 2012 waren es 16 Millionen, 2011 11 Millionen. Als einziges europäisches Land betreibt die A-IZA Regionalbüros in Médenine und Kasserine in den benachteiligten Teilen des Landes.

Der zweite Teil erscheint am 18. Februar 2014 im Journal21.

Kommentare

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wird es so schnell keinen geben, auch nicht für Ägypten.
Mit dem Tourismus aus nicht-islamischen Ländern werden religiöse Probleme nicht zu umgehen sein. Hier prallen ganz unterschiedliche Kulturkreise aufeinander.
Nicht dass das die Bevölkerung stört oder je gestört hätte (wenn der Europäer es übertreibt), nur mit der stärkeren Islamisierung gehen die Urlauber lebensgefährliche Risiken ein.
Da hilft dann auch kein Öko-Hotel und keine Öko-Seife aus "eigenem Anbau".

So einen riesen Blödsinn wie dieses Kommentar hab ich schon lange nicht mehr gelesen!

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