Noch lange nicht out

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Noch lange nicht out

Von Franz Glinz, 24.06.2019

Chemie und Pharmaindustrie werden noch lange nicht auf das schwarze Gold verzichten können. Erdöl ist auch Dünger, Asphalt, Kaugummi.

«Der Kampf um die Weltmacht Öl.» So lautet der Titel des Buches von Anton Zischka (1904–1997), das 1934 ein Leipziger Verlag in den Handel brachte, das wohl beste Buch über die Historie des Erdöls. Der frühe Kampf ums Öl schaffte Dollar-Milliardäre, löste Kriege aus, brachte Fortschritt, Wohlstand, aber auch Elend. Er forderte Hunderttausende Tote, allein gegen 700'000 in Bolivien in den frühen Dreissigerjahren. Das Erdöl hat eine so faszinierende Geschichte wie wohl kein anderes Produkt der Welt.

«Weltmacht Öl», das gilt noch immer. Die weltpolitische Aufregung um die Attacken kürzlich auf zwei Öltanker in der Strasse von Hormuz und der Abschuss einer amerikanischen Aufklärungsdrohne im oder nahe des iranischen Luftraums mit nachfolgenden Vergeltungsdrohungen der USA bewies das einmal mehr. Denn der Preis der Ölmarkt-Referenzsorte Brent schnellte prompt um mehrere Dollar pro Barrel (=159 l) in die Höhe: auf über 65 Dollar zum vierten Sonntag im Juni, nachdem der Brent-Preis zuvor länger, mit sinkender Tendenz, um die 59/60 Dollar laviert hatte.

Verkausverbote für Benzin- und Dieselmotoren

Sorge um die Ölversorgung der westlichen Welt kam auf, denn durch die «schmale» und somit relativ leicht zu blockierende Meerenge von Hormuz werden pro Tag rund ein Viertel der weltweit verbrauchten Erdölmenge geliefert, sowie eine ähnlich grosse Menge an Flüssiggas.

Die «Weltmacht Öl» ist noch immer in der Lage, Länder in Aufregung zu versetzen, besonders wenn aus politischen Gründen ein starker Mangel des «schwarzen Goldes» befürchtet werden muss.

Das beweist, Erdöl ist noch lange nicht out, auch wenn aktuell Städte und Staaten sowie Automobilkonzerne die Elektromobilität pushen und einige Länder ein Verkaufsverbot von Autos mit Benzin- und Dieselmotor planen. Ausgerechnet im reichen Erdölstaat Norwegen möchten gewissen Politkreise das schon ab 2025 realisieren. Indien, Holland, Irland, Israel und Island haben Ähnliches für 2030 postuliert, Frankreich für 2040, diverse US-Staaten und Städte sowie Kanada für 2050.

Reinigungsmittel, Farben, Lacke

Dennoch! «Das Öl lässt sich nicht ersetzen», schrieb der deutsche Autor Gerhard Konzelmann in seinem 400-Seiten-Werk «Öl, Schicksal der Menschheit?» gut 40 Jahre nach Anton Zischkas «Der Kampf um die Weltmacht Öl».

Konzelmann präzisiert: «Denn Erdöl ist mehr als Heizöl und Benzin. Erdöl ist Dünger, Erdöl ist Asphalt, Erdöl ist Kunststoff. Mit Erdöl werden Schädlinge bekämpft, Häuser isoliert und Krankheiten geheilt.» Dass Extrakte aus Erdöl auch zur Herstellung von Reinigungsmitteln, Kaugummis, Farben, Lacken und vielen anderen Produkten, wie etwa Kosmetika und Parfums, verwendet werden, erwähnte Konzelmann nicht. Vielleicht, um die Damen mit ihren Salben, Lippenstiften und Wässerchen nicht zu erschrecken.

Dass das Öl an Bedeutung verliert und auf das Niveau von Gas und Kohle herunterkommt, ist gut. Das zeigt, dass dieser Wundersaft aus Mutter Erde immer weniger für die Stromproduktion, zum Heizen und für industrielle Wärmezwecke ver(sch)wendet wird.

«Die Steinzeit ging nicht aus Mangel an Steinen zu Ende»

So bleibt er für jene Bereiche verfügbar, die darauf noch lange nicht verzichten können: Chemie- und Pharmaindustrie, Strassenverkehr, Transport auf Land, zur See und in der Luft. Bis alle PW und Lastwagen mit Strom oder Wasserstoff fahren, Containerschiffe und Kreuzfahrtgiganten auf den Weltmeeren mit Wind, Strom oder Flüssiggas (LNG), statt mit dem dreckigen, aber billigen Schweröl (eigentlich ein Abfallprodukt aus den Ölraffinerien) betrieben werden, bis Passagierflugzeuge mit 50 bis 500 Sitzen mit Biofuel, Wasserstoff oder gar Batteriestrom fliegen, dürfte es noch lange dauern. Daran ändert auch nichts, dass Bertrand Piccard und sein Mitpilot André Borschberg mit ihrem Sonnenenergie-Einsitzer «Solar Impulse» rund um die Welt reisten – und dafür, nota bene, mehr als ein Jahr   brauchten.

Deshalb sollten wir das schwarze Gold nicht verteufeln, das uns seit der ersten Ölquelle von Titusville 1858 im US-Bundesstaat Florida  Aufschwung, Jobs, Annehmlichkeiten, Luxus und Wohlstand gebracht hat, wie das sonst nicht möglich gewesen wäre. Vielleicht wird in ferner Zukunft die Zeit des Öls endgültig enden. Aber nicht, weil es dann kein Öl mehr geben sollte. Wie sagte doch schon in den Achtzigerjahren der damals sehr populäre saudische Erdölminister Scheich Ahmed Zaki Yamani: «Das Zeitalter der Steinzeit ist nicht aus Mangel an Steinen zu Ende gegangen. Und das Ölzeitalter wird nicht erst zu Ende gehen, wenn der letzte Tropfen gefördert worden ist.»

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