Nobelpreis für Armutsbekämpfung

Bernard Imhasly's picture

Nobelpreis für Armutsbekämpfung

Von Bernard Imhasly, 15.10.2019

Es ist eine arme Ökonomie, wenn sie nicht auch eine Ökonomie für Arme ist. Mit seiner diesjährigen Auszeichnung trägt das Nobelpreis-Komitee diesem Prinzip Rechnung.

Es war vor etwa zehn Jahren, bei einem der vielen Seminare in der indischen Hauptstadt. Entwicklungsexperten tauschten sich aus, warfen mit grossen Theoriegebäuden um sich und rätselten darüber, warum sich die Armen in diesem Land nicht so verhielten, wie es die Experten verlangten.

Mit einiger Irritation erzählte ein NGO-Vertreter, dass seine Forschungsarbeit in einem Weltbank-Projekt zur Armutsbekämpfung im südlichen Rajasthan wenig messbare Fortschritte festgestellt habe. So habe sich etwa die Mangelernährung trotz der Einführung eines freien Mittagsmahls in den Schulen selbst nach zehn Jahren nicht verbessert.

In der Diskussion meldete sich ein Mann, der sich sofort als Jholawala zu erkennen gab, ein NGO-Typ also, erkennbar am grobgewobenen Kurta-Hemd und den Sandalen. Von der Schulter hing eine Jhola, die fransige Tasche aus Schafwolle. Er war offenbar eine bekannte Grösse, denn der Redner antwortete ihm, er sei dankbar für den Input von Professor Banerjee.

Ökonomische Feldforschung zur Armut

Ich merkte auf. Professor Banerjee? So sah er mitnichten aus, und noch weniger glich er einem MIT-Professor, wie mich in der Pause eine Bekannte aufklärte. Zudem kam seine Wortmeldung auch gar nicht mit einem Schwall von Fachtermini daher. Vielmehr erzählte er, in seiner Arbeit im ländlichen Indien hab er öfter festgestellt, dass in den Dorfläden nicht nur Zwiebeln und Kartoffeln gekauft würden; manchmal seien es auch Süssigkeiten, obwohl das Ernährungsprofil des Dorfs eine signifikante Mangelernährung angezeigt habe. Nicht nur dies: Auch der Fernsehkonsum war im ganzen Dorf verbreitet, obwohl sich ein armer Schlucker den Preis eines TV-Geräts buchstäblich und vielleicht für Jahre vom Mund absparen musste. 

Solche Beobachtungen hätten seine Frau Esther Duflo und ihn veranlasst, einen Randomized Control Trial (RCT) durchzuführen. Die Untersuchung habe Folgendes ergeben: Arme, die einen Fernseher besässen, zeigten ein besseres Ernährungsprofil als solche ohne TV, selbst wenn sie in allen übrigen Armutsindikatoren übereinstimmten.

Sie hätten, sagte er sinngemäss, in ihrer Arbeit für J-PAL – dem Jameel Poverty Action Lab im Massachusetts Institute of Technology – festgestellt, dass Arme ein viel komplexeres Leben führen müssen als wir. Eine arme Person denke eben nicht jeden Augenblick an ihren Kalorienhaushalt. Sie hat auch Wünsche, Träume, erlaube sich einen minimalen Luxus. All dies sei wichtig, um dem Leben etwas Positives abzugewinnen. Ein kleines Nichts an Autonomie gebe ihr, wenn nicht physische, so doch die psychische Kraft, sich im Labyrinth des Überlebens zurecht (und vielleicht daraus heraus) zu finden. «Bonbons und TV sind Placebos, aber es sind wichtige Placebos.»

Der Pharmaindustrie abgeschaut

Die Kleiderwahl Banerjees war also doch Programm. Sie signalisierte seine Überzeugung, dass die wichtigsten Einsichten zur Armutsbekämpfung bei der Beobachtung des Lebensalltags sichtbar werden. Nur so liessen sich die richtigen Hypothesen formulieren.

Dies schliesst auch die wichtige Einsicht ein, wie gut oder schlecht die Massnahmen zur Armutsbekämpfung sind. Banerjee und die 46-jährige Duflo – zuerst eine Doktorandin bei ihm, später seine Gattin – entwickelten die sogenannten Randomized Control Trials (RCT), um auf solche Fragen wissenschaftlich überprüfbare Antworten zu finden. Es war eine Versuchsanordnung, die sie der Pharmaindustrie abgeschaut hatten, wenn diese mit Placebo-Kontrollgruppen die Effektivität eines neuen Medikaments testen wollte.

Der RCT untersucht zwei Gruppen, von denen die eine in den Genuss einer Intervention zur Armutsbekämpfung gekommen ist, die andere nicht. Diese Versuche werden in zahlreichen Kontexten wiederholt und können so zeigen, welche Massnahmen fruchten und welche nicht. 

Sie können auch die Frage der Kausalität beantworten: Was ist Ursache, was die Wirkung von Interventionen? Bei einer Studie konnte Duflo zum Beispiel ermitteln, dass in Dörfern mit einer Frau als Gemeindevorsteherin die Wasserversorgung besser funktionierte. Dabei konnte auch das Gegenargument entkräftet werden, das die Kausalität umgekehrt hatte: Nur progressive Dörfer wählen Frauen, deshalb sind nicht diese, sondern das aufgeklärte Dorf für den Erfolg verantwortlich.   

Grundlagen für Armutsbekämpfung

Dieser empirische Ansatz wurde in den letzten fünfzehn Jahren sehr populär. Nicht nur an den Universitäten, auch in der Welt der Stiftungen und NGOs gibt es inzwischen viele Randomistas, die ihre Arbeit ständig solchen Kontrollen unterwerfen, um die Effektivität ihrer Interventionen zu messen. 

Es ist ein Grund, warum in der internationalen Geber-Gemeinschaft nicht mehr nur der Input – Budgets, Mitarbeiter, Betroffene – gemessen wird, sondern auch das Resultat (Outcome). Damit wird auch die Fähigkeit geschaffen, die bisherigen Ansätze zu überprüfen und zu optimieren. 

Die Auszeichnung für Esther Duflo, Abhijit Banerjee und ihren Harvard-Kollegen Michael Kremer war deshalb ein mutiger Entscheid der Nobel-Komitees – hin zu mehr praktischer Anwendbarkeit wirtschaftlicher Theorien, und dies in einem Feld, das (neben der Umwelt) die grösste globale Herausforderung bleibt.

Bereits einmal, vor vier Jahren, ging die Auszeichnung für Wirtschaft an einen Mikro-Entwicklungsökonomen, Angus Deaton. Die drei Preisträger für 2019 haben dessen Ansatz mit zahlreichen Fallstudien empirisch untermauert. Duflo und Banerjee haben aber auch ihren eigenen Ansatz vertieft, etwa im Buch «Poor Economics». Das ironische Wortspiel im Titel signalisiert Kritik wie Neuansatz: Eine Wissenschaft, die bei der Analyse und der Überwindung von weltweiter Armut versagt, ist auch eine arm(selig)e Wissenschaft.  

Überprüfbare Erfolge

Banerjee und Duflo scheuen nicht davor zurück, liebgewordene Axiome auf ihre Substanz abzuklopfen: Weckt Mikrofinanz tatsächlich brachliegendes Unternehmertalent? Fördert staatliche Gratis-Gesundheitsversorgung wirklich das Gesundheitsprofil der Armen? Und vor allem: Schaffen finanzielle Anreize wirklich zusätzliche Wertschöpfung? 

Der indische Staat etwa liefert Reis- und Weizenbauern Gratisstrom, damit sie ihren Ernteertrag steigern können. Dabei tritt bald einmal das Gegenteil ein: Billigstrom führt zu einer Übernutzung des Grundwasserspiegels, Ernteerträge gehen zurück, der Preis erhöht sich, das Ernährungsprofil verschlechtert sich, intensiveres Düngen versäuert die Böden.

Banerjee und Duflo haben in einem Pilotprojekt für die Strombehörde des Bundestaats Panjab den Anreizmechanismus umgekehrt: Statt die Bauern mit Gratisstrom zu beliefern – mit Millionenverlusten für die Strombehörde – reizt dieser die Bauern mit Geld, wenn sie weniger Wasser verbrauchen, als ihnen zusteht. 

Die ersten Erfolge lassen sich sehen: Die Bauern mit weniger Gratisstrom haben am Ende mehr Geld in der Tasche. Zudem geht der Wasserverbrauch zurück, der Strom kann für andere Zwecke rentabel verkauft werden, und, besonders interessant: der Ernteertrag steigt.

Neben viel Lob hat der RCT-Ansatz auch Kritik hervorgerufen. Gerade Angus Deaton hat moniert, dass Einsichten aus Mikro-Bereichen bei signifikant grösseren Testgruppen überprüft werden müssen, bevor die Interventionen zur Armutsbekämpfung wirklich im Grossen erfolgreich sind. Auch übergreifende Vektoren – politische Institutionen, Sozialsystem, Demografie – müssten in die Theorie eingebettet werden, denn sie beeinflussten signifikant Verhalten und Einstellungen selbst von marginalisierten Bevölkerungsgruppen.

Die Auszeichnung wurde in Indien mit Stolz kommentiert. Er gilt nicht nur Banerjee, sondern auch Esther Duflo. Die Französin habe ohnehin einen Teil ihres Lebens in Indien verbracht, und ihre Ehe mit Banerjee mache sie zu mehr als nur einer halben Inderin. 

Aufmerksam wurde vermerkt, dass sie die jüngste Preisträgerin der Schwedischen Akademie ist, wie auch erst die zweite in ihrem Fachgebiet. Bei Banerjee wurde nicht nur die Nationalität, sondern auch die subnationale Zugehörigkeit hervorgehoben: Er ist bereits der vierte Bengale, der den Nobelpreis erhält, und nach Amartya Sen der zweite Ökonom.

Ähnliche Artikel

Von Bernard Imhasly, Mumbai - 22.12.2019

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Afrika muss sich vor allem selber helfen.

Westeuropa ist darum reich, weil die Menschen dort die Länder dazu gemacht haben. Weshalb gibt es in Afrika keine Textilindustrie, keinen leichten Maschinenbau, kaum Weiterverarbeitung bei Nahrungsmitteln? Wenn die Menschen gebildet sind, die Regierung nicht korrupt ist und ein gewisser Fleiss herrscht, kann jedes Land in Afrika irgendwann in europäische Verhältnisse aufsteigen. Aber das hören viele nicht gerne. Heute ist Afrika überhaupt nicht eingebunden in die internationale Arbeitsteilung, in die Wertschöpfung. Und genau darum braucht es die jungen Afrikaner, die zu uns kommen, vor Ort.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren