„Niemand hört ihnen zu“

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„Niemand hört ihnen zu“

Von Armin Wertz, 30.05.2017

Tragische Frauenschicksale in den beiden Staaten, die sich gerne als besonders fromm sehen und die „Mutter Gottes“ besonders verehren.

Tailyn war im zweiten Monat schwanger, als Polizisten in ihr Haus in Mexiko-Stadt eindrangen, ihr das Nachthemd vom Leib rissen und sie zu Boden warfen. Sie schlugen sie, traten sie mit Füssen und begrapschten ihre Brüste vor ihren Kindern, ehe sie sie mit verbundenen Augen und ohne Haftbefehl abführten und auf eine Polizeistation brachten.

Was Tailyn dem „Guardian“ zu Protokoll gab

Dort setzten die Polizisten die Behandlung tagelang fort. Als sie dem Staatsanwalt vorgeführt wurde, erlitt sie in dessen Büro eine Fehlgeburt. Doch anstatt ihr medizinische Betreuung zukommen zu lassen, verfrachtete man sie – immer noch blutend – in ein mehrere hundert Kilometer entferntes Gefängnis. Dort erst wurde ihr mitgeteilt, sie sei angeklagt, einem Kidnapperring und dem organisierten Verbrechen anzugehören.

Tailyn, die ihre Geschichte dem britischen Guardian zu Protokoll gab, war von einem Bekannten, einem lokalen Polizisten, der ebenfalls gefoltert worden war, fälschlicherweise beschuldigt worden. 

Inzwischen, drei Jahre später, wartet die 35 Jahre alte Köchin immer noch auf einen Prozess. Sie leidet an heftigen Schmerzen im Kiefer, in den Schultern und am Rücken. Ihre Mutter kümmert sich um die 7, 10 und 17 Jahre alten, traumatisierten Kinder.

Tailyn ist nur eine von unzähligen unschuldigen Frauen, die von mexikanischen Sicherheitsbeamten verhaftet, vergewaltigt und gefoltert wurden, um mit zahlreichen Festnahmen im sogenannten Anti-Drogenkrieg beeindruckende Erfolge vorweisen zu können. Stromstösse an den Genitalien, Vergewaltigungen mit Gegenständen, Fingern, Pistolen und dem Penis, Schläge und Plastiktüten über dem Kopf bis der Erstickungstod droht, sind nur einige der brutalen Misshandlungen, denen Frauen in der Haft und bei Verhören regelmässig ausgesetzt sind.

Befragungen von Amnesty International in Mexiko

Wie Tailyn erging es auch Magdalena Saavedra, eine Kosmetikerin in San Luis Potosí. Sie wurde von der Marine ebefalls unter dem Vorwand, einem bedeutenden Drogenkartell anzugehören, verhaftet. Ihre Familie suchte wochenlang in Hospitälern und Polizeistationen, ehe sie in einer Online-Zeitung einen Hinweis fanden, sie werde der Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung, des Drogenhandels und illegalen Waffenbesitzes beschuldigt. „Als wir sie schliesslich fanden, war sie nicht mehr meine Tochter. Sie haben sie zerstört. Mit der Drohung, ihre Kinder zu vergewaltigen und umzubringen, brachten sie sie soweit, dass sie ein Geständnis unterschrieb. Sie ist immer noch im Gefängnis, und wir wissen nicht, warum“, klagte ihre Mutter. 

Von 100 Frauen, die Amnesty International befragte, waren 72 bei der Verhaftung oder in der Haft sexuell missbraucht worden. Zehn von ihnen waren zum Zeitpunkt der Verhaftung schwanger; acht erlitten anschliessend Fehlgeburten. Und ohne Ausnahme jede von ihnen wurde psychischem Druck ausgesetzt durch sexuelle Belästigungen oder mit Drohungen gegen die Familie. In der Regel sind die Opfer junge, arme und allein erziehende Mütter. Nur zwei der Befragten gestanden eine Schuld ein. Die meisten warteten bereits seit Jahren ohne adäquate medizinische Betreuung oder juristischen Beistand auf einen Prozess.

Kultur des Vertuschens

„Verbeamteten Ärzten, Verteidigern und Staatsanwälten wurden Scharen von Verhafteten vorgeführt, die zusammengeschlagen und völlig gebrochen waren, und sie scheinen das als einen normalen Vorgang bei ihrer täglichen Arbeit anzusehen“, sagte Madeleine Penman, Amnestys Vertreterin in Mexiko. „Es ist schockierend, diese Kultur des Vertuschens zu beobachten. Die Gefängnisse sind überfüllt mit unschuldigen Frauen, die gefoltert wurden. Ihre Familien sind zerstört und niemand hört ihnen zu.“

1,5 Milliarden Dollar haben die USA seit 2006, als Mexikos damaliger Präsident Felipe Calderón seinen Krieg gegen die Drogenkartelle begann und 6500 Soldaten gegen La Familia in seinen Heimatstaat Michoacán schickte, ihrem südlichen Nachbarn zur Verfügung gestellt. (Eine weitere Milliarde ist vom Kongress bereits bewilligt.) Zwei Monate später hatte Calderón schon 20‘000 Soldaten an diese Front geschickt. Bis heute hat Mexiko 54 Milliarden Dollar in seinen Kampf gegen den Drogenhandel investiert. Dazu führen amerikanische Drohnen Luftaufklärung durch und operieren Agenten der US Drug Enforcement Administration in Michoacán, Sonora oder Tamaulipas an der Seite einheimischer Sicherheitsbediensteter.

Die menschlichen Kosten sind immens. 200‘000 Menschen wurden in diesem Zeitraum (2007 bis heute) ermordet, über 28‘000 sind spurlos verschwunden und Tausende unschuldige Frauen vegetieren als angebliche Drogenkuriere oder Dealer und tatsächliches Spielzeug korrupter und sadistischer Staatsdiener in überfüllten Gefängnissen.

Fromme Mörder, Folterer, Vergewaltiger

Die Mörder und Gefängnisaufseher können Bandenmitglieder der Drogenkartelle sein, Polizisten, die ihr schmales Gehalt mit Zuwendungen aus dem Drogenmilieu aufbessern. (So etwa 2014, als Polizisten im Bundesstaat Guerrero 43 Lehramtsstudenten entführten und anschliessend Killern der Drogenbarone übergaben.) Oder es können Soldaten sein, die ebenfalls nur einen mageren Sold beziehen. Die Mordaufträge können von Drogenbossen, von Polizeioffizieren oder von Politikern, die am Drogenhandel mitverdienen, kommen. 

Und all diese Mörder, Folterer oder Vergewaltiger sind fromme Täter, die die „Jungfrau Maria“ und die „heilige Mutter Kirche“ verehren. Schliesslich leben sie im „katholischsten Land unter allen katholischen Nationen“, als das sich Mexiko rühmt.

Entführung in Manila in aller Öffentlichkeit

Ein anderes, vermutlich tragisches Frauenschicksal trug sich vor zwei Monaten auf der anderen Seite des Globus zu, auf den Philippinen, deren christliche Bewohner zu den fanatischsten unter allen Katholiken zählen, die sich zu Ostern oftmals sogar mit Nägeln ans Kreuz schlagen lassen und auf deren Computer die „Mutter Gottes“ als Bildschirmschoner über den Monitor schwebt.

Dort, auf Manilas Ninoy Aquino International Airport, erzählte ein anonym bleibender Sicherheitsangestellter einer Luftfahrtgesellschaft, er habe am 11. April gegen 12.30 Uhr in der Lobby eines Hotels im Terminal Eins Frau Dina Ali Lasloom getroffen. Lasloom habe sich davor gefürchtet, mit ihren Onkeln nach Saudi Arabien zurückzukehren. Er habe Blutergüsse an ihren Armen gesehen, die ihrer Aussage zufolge von Schlägen rührten, die ihre Onkel ihr zugefügt hätten. 

Um 17.15 Uhr seien zwei Sicherheitsangestellte und drei Männer levantinischen Aussehens in ihr Hotelzimmer gegangen, das neben der Lobby lag. Dann habe er sie schreien und um Hilfe rufen gehört. Schliesslich hätten sie die Männer herausgetragen. Sie sei mit Klebeband an Händen und Füssen gefesselt und ihr Mund mit Klebeband verschlossen gewesen. Sie habe immer noch versucht, sich zu wehren, als die Männer sie in einen Rollstuhl setzten und aus dem Hotel fuhren.

Meagan Khan aus Kanada, die sich am 10. April auf dem Flughafen Manila im Transitbereich aufhielt, bestätigte den Vorfall gegenüber Human Rights Watch: Lasloom habe sie um elf Uhr angesprochen, ob sie ihr Mobiltelefon benutzen dürfe. Sie sei eine Saudi, lebe in Kuweit und wolle nach Australien fliehen, um einer erzwungenen Heirat zu entkommen. Die Flughafenangestellten hätten jedoch ihren Pass und ihren Boardingpass für den 11.15 Uhr-Flug nach Sydney abgenommen.

Khan führte weiter aus, dass sie daraufhin Lasloom bei der Herstellung einiger kurzer Videoaufnahmen geholfen habe, die später in den sozialen Netzwerken zirkulierten. Eines der Videos zeigt Lasloom: „Sie nahmen meinen Pass und sperrten mich 13 Stunden lang ein ... Wenn meine Familie hierherkommt, werden sie mich töten.“ Einige Stunden später seien zwei Herren eingetroffen, die Lasloom als ihre Onkel beschrieb. Nach ihrem Acht-Stunden-Zwischenstopp habe sie sich von Lasloom verabschiedet und sei zu ihrem Anschlussflug gegangen, sagte Khan.  https://www.youtube.com/watch?v=cXHh7sH18Js

Was mehrere Flugpassagiere bestätigten

Ein saudischer Informant schickte Human Rights Watch Fotos, die er über einen Kontakt an Riads King Khalid International Airport erhalten hatte. Sie enthielten Angaben über Lasloom und ihre zwei Onkel als Passagiere auf Saudi Airlines Flug SV 871, der in Manila am 11. April um 19.01 Uhr abhob und um Mitternacht Ortszeit in Riad landete.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte mehrere Passagiere des Flugs, die gesehen hatten, wie eine schreiende Frau von „arabisch aussehenden Männern“ an Bord getragen wurde. In Riad habe Lasloom nicht wie die anderen Passagiere die Maschine verlassen. Ein saudischer Aktivist, der Lasloom am Flughafen abholen wollte, scheint verhaftet worden zu sein, als er sich bei Sicherheitsbeamten nach ihr erkundigen wollte.

Dutertes Staatsbesuch in Saudi-Arabien

Beamte der philippinischen Einwanderungs- und Zollbehörden bestritten, Lasloom festgehalten zu haben. Doch die Rolle der philippinischen Behörden ist sehr unklar. Gemäss der UN-Flüchtlingskonvention von 1951 und der Konvention gegen Folter, die beide von Manila ratifiziert wurden, haben die Philippinen die Pflicht, keine Person zur Rückkehr in ein Land zu zwingen, wo sie wegen ihres Geschlechts Verfolgung oder Folter oder „grausame, inhumane und  entwürdigende Behandlung oder Bestrafung“ (Abkommen gegen Folter und andere grausame, inhumane und  entwürdigende Behandlung oder Bestrafung, 1984) befürchten muss.

Laslooms Aufenthaltsort ist derzeit unbekannt. Der damalige Aufenthaltsort des philippinischen Präsidenten Rodrigo Dutarte aber war bekannt. Er begann am 10. April einen dreitägigen Staatsbesuch in Saudi-Arabien – just an jenem Montag, als Dina Ali Lasloom versuchte, nach Australien  zu fliegen.

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