New Pictures from Paradise

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New Pictures from Paradise

Von Stephan Wehowsky, 11.10.2017

Der Bildband von Thomas Struth enthält eine Pointe, die unter der Oberfläche der Bilder nahezu perfekt verborgen ist. Der Betrachter kann sie leicht übersehen.

Vor zwanzig Jahren hat Thomas Struth damit begonnen, Wälder in verschiedenen Teilen der Welt zu fotografieren. Zehn Jahre lang drang er buchstäblich in sie ein, und es entstanden Nahaufnahmen eigener Art. In dem Bildband gibt es nur zwei Panoramen.

Herausforderung

Auf den ersten Blick überzeugen die meisten Bilder mit ihrer kompositorischen Perfektion und Harmonie. Von Thomas Struth erwartet man auch nichts anderes. Schliesslich hat er sich einen ersten Platz in der Kunstwelt erobert.

Allerdings fordert er die Sehgewohnheiten der Betrachter heraus. Es gibt von ihm „Werkgruppen“, die sich ohne weiteres erschliessen. Dazu gehören zum Beispiel seine Bilder aus Museen. Hier hat er kunstvoll die Betrachter in den Ausstellungsräumen arrangiert. 2007 war Struth der erste Fotokünstler, der im Museo del Prado in Madrid ausgestellt hat. Für diese Ausstellung hat Struth Museumsbesucher im Prado fotografiert.

Bayerischer Wald 1999 © Thomas Struth / courtesy Schirmer/Mosel
Bayerischer Wald 1999 © Thomas Struth / courtesy Schirmer/Mosel


Aber es gibt andere Werkgruppen. So hat er sich weltweit mit Tendenzen der Stadtentwicklung auseinandergesetzt und daraus die Werkgruppe „Unbewusste Orte“ gebildet. Darin befinden sich Bilder, bei denen die Betrachter ganz sicher nicht sofort erkennen, warum es sich hier um fotografische Meisterleistungen handeln soll.

Diese betont nüchtern-sachliche Art der Fotografie von Thomas Struth hängt mit der „Düsseldorfer Schule“ zusammen. Geprägt wurde diese Richtung der Fotografie durch Hilla und Bernd Becher, die jahrzehntelang industrielle Bauten des Ruhrgebietes geradezu staubtrocken fotografiert haben. Aber diese Schule hatte ihre ganz besondere Wucht. Neben Thomas Struth haben auch andere Absolventen höchste Anerkennung gefunden, zum Beispiel Candida Höfer, Andreas Gurski, Axel Hütte und Thomas Ruff.

Seit 2007 fotografiert Struth Forschungslabors und Industrieanlagen. Auch hier liegt sein Fokus auf abstrakten Strukturen, und es sind diese Bilder, die ganz offensichtlich eine Ähnlichkeit mit den Strukturen aufweisen, denen Struth in den Wäldern nachgeht.

Fotograf und Betrachter

Manchmal stellt sich Schönheit scheinbar wie von allein ein, aber es ist der Blick des Fotografen, der sie gerade in unspektakulären Strukturen aufspüren muss. Wenn Schönheit evident ist, vergisst man das allzu leicht. In schwierigeren Fällen stellt sich die die Frage, ob die Betrachter dem Blick des Fotografen folgen können. Im vorliegenden Bildband kann jeder an sich selbst bemerken, wo die Grenzen seiner ästhetischen Wahrnehmung liegen.

Das klingt etwas kompliziert und frustrierend, aber dieser Band enthält einen Text, der das Ganze in Gestalt einer Anekdote witzig, pointiert und wunderbar klar darlegt. Dieser Text stammt von Nigel Pitman, dem Leiter einer Station im peruanischen Amazonasgebiet, die Thomas Struth zusammen mit seiner Assistentin Jana-Maria Hartmann, einer Patchwork-Verwandten von Struth, die ebenfalls einen lesenswerten Text zu diesem Band beigetragen hat, aufsuchte. Struth führte eine Kamera in der Grösse eines Koffers mit sich. Pitman machte ihn auf fotogene Spots aufmerksam, aber die interessierten Struth nicht.

Daintree, Australien 1998 © Thomas Struth / courtesy Schirmer/Mosel
Daintree, Australien 1998 © Thomas Struth / courtesy Schirmer/Mosel

Eines Abends lud der Stationsleiter Nigel Pitman den Fotografen Thomas Struth zu einem Vortragsabend ein. Struth zeigte Bilder, erklärte, führte aus ... Die Wissenschaftler tippten sich heimlich an die Stirn. Was hatte der Kerl bloss fotografiert? Ihre eigenen Bilder hatten klar definierbare Objekte: Pflanzen, Tiere, spannende Situationen. Aber was war auf Struths Fotos zu sehen? Ein Wissenschaftler fragte nach dem Vortrag Struths: „Was zum Teufel sollte das denn?“

Die verdeckte Pointe

Es kam eine Besucherin, die, als der Name Struth genannt wurde, begeistert erzählte, dass sie gerade in New York gewesen sei, und der Name Struths auf einem Riesentransparent, das quer über die Fassade des MoMA gespannt war, ganz gross neben dem von Michelangelo und Picasso geprangt habe. Da hörte doch alles auf.

Am Ende schildert Nigel Pitman, wie er einige Zeit später, als seine Station aus Geldmangel schon geschlossen worden war, zum wiederholten Male die Bilder Struths anschaute. Da merkte er, wie nahe sie ihm gingen.

Hierin liegt die verdeckte Pointe des ganzen Unternehmens von Thomas Struth. Der Bildband heisst: „New Pictures from Paradise“. Aber der Zugang zum Paradies ist nicht leicht zu finden. Es braucht jemanden, der diesen Zugang erkennt. Und dann braucht es jemanden, der erkennt, was der andere erkannt hat.

Thomas Struth: New Pictures from Paradise. Erweiterte Neuauflage. Englisch-Deutsche Edition. Mit Texten von Hans-Rudolf Reust, Nigel Pitman und Jana-Maria Hartmann. 96 Seiten, 36 Tafeln, München: Schirmer/Mosel Verlag, 2017.

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