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Iran

Mit dem Rücken zur Wand

1. März 2026
Reinhard Schulze
Teheran
Rauchwolken über Teheran am Sonntag (Keystone/AP/Vahid Salemi)

Iran steht nach dem Tod Ali Khameneis vor einer Zäsur, die zugleich Systemkrise und Stresstest für die ideologische Substanz der Islamischen Republik ist. Der Machtapparat versucht, nach einem gescheiterten Enthauptungsschlag die Handlungsfähigkeit des Staates zu retten – doch die Frage, ob sich eine «Dritte Revolutionsführung» noch einmal neu legitimieren kann, bleibt offen.

Der Tod Khameneis markiert nicht nur das Ende einer Ära, sondern das Ende der zweiten Revolutionsführung, die seit 1989 die Ordnung der Islamischen Republik geprägt hat. Mit der Einsetzung eines temporären Führungsrats nach Artikel 111 der Verfassung – bestehend aus Präsident Mas‘ud Pezeshkian und Justizchef Gholam-Hossein Mohseni-Eje'i und einem Kleriker aus dem Wächterrat – beginnt die Übergangsphase zur Dritten Revolutionsführung. Dieser Übergang ist formal verfassungsmässig vorgesehen, politisch aber hochgradig kontingent, weil die Nachfolge die Systemfrage zumindest implizit aufwirft: Soll die bestehende Ordnung nur verwaltet oder grundlegend umgestaltet werden. Die Ausrufung von vierzig Tagen Staatstrauer und eines siebentägigen Feiertags zu Ehren des verstorbenen Revolutionsführers ist der Versuch, das religiös-ideologische Fundament zu mobilisieren, um den Schock in rituelle Kontinuität zu übersetzen.

Gleichzeitig steht das Regime sicherheitspolitisch so bloss, wie es seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall war. Die Luftüberlegenheit der USA und Israels hat sich in präzisen Schlägen gegen Führungszentren, militärische Infrastruktur und Symbolorte der Macht materialisiert. Die Attacken zielten nicht nur auf Khameneis Amtssitz, sondern auch auf das kollektive Gehirn des Systems – Treffen der militärischen Führung, Kommunikationsknoten, Kommandostrukturen. Dass es nicht zum Zusammenbruch kam, ändert nichts daran, dass die Islamische Republik ihre Verwundbarkeit schmerzlich erfahren hat.

Versagen der politischen Führung

Die politische Elite hat diese Eskalation wesentlich selbst ermöglicht, indem sie die Verhandlungsbereitschaft und Eskalationsschwelle der USA grob falsch eingeschätzt hat. Teheran setzte darauf, Verhandlungen zum Atomprogramm in die Länge zu ziehen, bis sich bessere Bedingungen ergäben und der äussere Druck abnehme. Die Hoffnung, mit taktischer Geduld und graduellen Zugeständnissen Fakten schaffen zu können, erwies sich als Fehleinschätzung. Besonders deutlich wurde dies in der Rolle Omans: Noch am Abend des 27. Februar verkündete der omanische Aussenminister, Iran sei zu einer radikalen Begrenzung des Urananreicherungsgrads bereit – ein Signal, das auf einen letzten Versuch der Deeskalation hindeutete, während in Washington die Entscheidung zum militärischen Zugriff offenbar längst gefallen war.

Hinzu kam der Glaube an informelle Kanäle in Trumps Umfeld. Verhandler wie Witkoff und Kushner wurden in Teheran offenbar als «Good Guys» gelesen, als Ansprechpartner, über die sich eine Eskalation vermeiden und ein Kompromiss erzielen lasse. Diese Lesart wirkte rückblickend naiv: Der iranische Machtapparat hielt an einem Bild fest, in dem persönliche Kontakte, Optimismus und symbolische Zugeständnisse das strukturelle Konfliktverhältnis mit den USA überdecken könnten. Tatsächlich sah sich Iran am Ende faktisch ausmanövriert – militärisch unterlegen, diplomatisch isoliert, strategisch getäuscht.

Militärische Naivität und offene Flanken

Die militärische Seite des Scheiterns zeigt sich in der Kombination aus demonstrativer Stärke und realer Verwundbarkeit. Zwar stellte der Iran sein Arsenal an Raketen und Drohnen öffentlich zur Schau, um abschreckend zu wirken, doch blieben grundlegende Schutzmassnahmen für die politische und militärische Elite unzureichend. Khamenei befand sich nicht in einem gesicherten Bunker im Osten des Landes, sondern in seinem Büro in Teheran – aus Sicht klassischer Sicherheitslogik ein schwer verständliches Risiko. Auch andere Kader agierten ohne die für ein erwartetes Zielscheiben‑Szenario übliche Redundanz und Verteilung von Führungsstrukturen.

Statt sich um politische und gesellschaftliche Reintegration nach den Januar‑Massakern zu bemühen, setzte das Regime auf Repression und symbolische Härte. Die Wunden, die der blutige Umgang mit den Protesten geschlagen hatte, blieben offen; eine politische Öffnung oder auch nur ein glaubwürdiger Versuch der Befriedung fand nicht statt. So traf der äussere Schlag auf ein innerlich erschöpftes, moralisch delegitimiertes System. Nicht nur die militärische Abwehrbereitschaft war begrenzt, auch die gesellschaftliche Resilienz war infolge der Gewalt des Januars geschwächt.

Versuch der Bewältigung: Militärische Vergeltung

Die Antwort des Regimes auf die Angriffe folgte der Logik des «Zuschlagens überall»: Raketen- und Drohnenangriffe auf US‑Einrichtungen und israelische Ziele sollten Handlungsfähigkeit demonstrieren und Abschreckung wiederherstellen. In der Praxis blieben die Effekte begrenzt – militärisch eher symbolisch, politisch kontraproduktiv. Kollateralschäden in zivilen Einrichtungen der Golfstaaten belasteten bislang neutrale oder sogar wohlwollende Akteure; selbst die Hafenanlage im omanischen Duqm wurde getroffen, obwohl Oman zuvor als vermittelnder und Iran gegenüber wohlwollender Staat agiert hatte.

Besonders die Angriffe in den Emiraten trugen dazu bei, dass die Golfmonarchien ihre Neutralität aufgaben. Damit verlor Teheran einen seiner wichtigsten strategischen Puffer: die Möglichkeit, regionale Rivalen gegeneinander auszuspielen, sich auf indirekte Kanäle zu stützen und Sanktionen durch wirtschaftliche und diplomatische Schleichwege abzufedern. Unterstützung aus Moskau ist in dieser Lage kaum zu erwarten, da Russland durch eigene Konflikte gebunden ist und keinen offenen Konfrontationskurs der USA wegen Iran riskieren will. China hatte sein Engagement im Iran bereits zuvor heruntergefahren und vermeidet klare Parteinahme. So steht Iran aussenpolitisch nahezu isoliert da.

Versuch der Bewältigung: Politische Neuorientierung

Im Inneren bemüht sich die politische Führung, Einheit zu inszenieren, indem sie betont, man werde der Linie des «Imam» treu bleiben. Gleichzeitig mehren sich Hinweise auf mögliche Kurskorrekturen. Aussenminister Araghchi und Sicherheitschef Larijani signalisieren Bereitschaft zu pragmatischeren Lösungen, etwa bei Gesprächen über das Atomprogramm und regionale Deeskalation. Doch bisher fehlt ihnen die Machtbasis, um die ideologischen Fundamente der Islamischen Republik infrage zu stellen, geschweige denn zu verändern.

Die religiöse Ideologie bleibt die einzige stabile Konstante. Sie ist in der Ordnung der Islamischen Revolution hypostasiert, insbesondere in den Revolutionsgarden, die sich selbst als Avantgarde des Systems verstehen. Die Ernennung Ahmad Vahidis zum Oberbefehlshaber der Revolutionsgarden unterstreicht den Anspruch auf Kontinuität – nicht auf Reform. Die Garden verfolgen ein eigenes strategisches Programm: Sie denken in Kategorien des stetigen Zuschlagens, der Drohung mit der Blockade der Strasse von Hormus und der Aufrechterhaltung eines regionalen «Widerstandsbogens». Das begrenzt den Handlungsspielraum jener Kräfte, die auf eine partielle Entspannung setzen.

Das Amt als Blockade: Ideologie und Opferfanatismus

Die eigentliche Reformbarriere liegt im Amt des Revolutionsführers selbst. Dieses Amt ist auf permanente Revolution angelegt, verbunden mit messianischen Erwartungen, die im schiitischen Glauben an den verborgenen Imam al‑Mahdi verankert sind. Khomeinis Neudeutung der Schia hatte einen spezifischen Opferfanatismus hervorgebracht, der im Iran‑Irak‑Krieg zur Mobilisierung Hunderttausender genutzt wurde: Eine aktive Bussbewegung, die die historische Schuld anerkennt, 680 in Kerbela nicht Partei für Hussein ergriffen zu haben, und die durch Opferbereitschaft das Wiedererscheinen des Mahdi ermöglichen soll.

Khamenei galt als Kleriker, der sich diesem Opferfanatismus in besonderer Weise verpflichtet fühlte. Sein Verständnis des «zeugnisablegenden Sterbens» färbte seine politischen Entscheidungen. Die Anekdote eines Gesprächs mit einem Jungen kurz vor Beginn des Krieges, in dem er diesen aufforderte, ein Gelehrter zu werden und dann mit 80 oder 90 Jahren als Märtyrer zu sterben, liest sich wie ein Programm auch für sein eigenes Leben. Dass Khamenei in Teheran blieb und nicht in einen entfernten Bunker auswich, kann vor diesem Hintergrund gedeutet werden: als bewusste Akzeptanz des Martyriums als letztem religiösen Akt.

Die jüngsten Angriffe treffen diese Ideologie nicht ins Mark, sondern verschaffen ihr eher eine neue Bühne. In einer seiner letzten Ansprachen zitierte Khamenei Imam Hussein mit den Worten, jemand wie er schwöre Yazid keine Treue – übertragen auf die «korrupte Führung» in Washington. Das iranische Volk könne solchen Führern keine Loyalität schwören, so Khamenei. In der Binnenlogik des Systems erscheint der Tod des Revolutionsführers daher als Vollendung einer religiösen Mission, nicht als Niederlage. Darin liegt eine zentrale Gefahr: Ein Regime, das Niederlagen religiös verklärt, hat einen hohen Preis für rationale Deeskalation.

Die Dritte Revolutionsführung: Institution und Vakuum

Die islamische Republik ist institutionell so konzipiert, dass der Tod des Revolutionsführers die Ordnung nicht automatisch zusammenbrechen lässt. Die Nachfolgeregelung, die heute mit der Wahl eines neuen Obersten Führers beginnt, ist Ausdruck dieser institutionellen Vorsorge. Doch der Übergang ist mehr als ein technischer Akt. Seit 1979 hatte die Islamische Republik nur zwei Revolutionsführer: Khomeini, der 1989 starb, als das Land nach dem Patt des Iran‑Irak‑Kriegs wieder auf die Füsse zu kommen versuchte, und Khamenei, der als eher niedrigrangiger Kleriker zum Führer erhoben wurde und damit de facto eine Neugründung der Ordnung einleitete.

Mit Khameneis Tod endet diese zweite Gründungsphase. Die Dritte Revolutionsführung wird nicht nur über die zukünftige Machtbalance zwischen Klerus, Revolutionsgarden und gewählten Institutionen entscheiden, sondern auch darüber, ob der aktuelle Krieg verlängert, eingefroren oder beendet wird. Zahlreiche politische und militärische Kaderstellen müssen nach den Angriffen neu besetzt werden, was die Gelegenheit zu inneren Säuberungen und Loyalitätsprüfungen schafft – aber auch das Risiko rivalisierender Machtzentren erhöht.

Trump, der Krieg und die Leerstelle einer Ordnungspolitik

Auf der Gegenseite zeigt sich ein ähnliches Defizit an strategischer Ordnungspolitik. Trumps Forderung nach einer Kapitulation der Revolutionsgarden mit anschliessender Straffreiheit wirkt, als würde der Krieg primär als Strafmassnahme begriffen. Dahinter steht kein politisches Programm für den Tag danach – ein Mangel, der an die israelische Reaktion auf die Hamas‑Massaker vom 7./8. Oktober 2023 erinnert, bei der militärische Vergeltung nicht von einem klaren Konzept für eine neue politische Ordnung begleitet war.

Zwischen Washington und den inneriranischen Machtstrukturen bestehen kaum belastbare politische Verbindungen. Statt einer verankerten Transformationsstrategie dominieren Appelle an anonyme «Kräfte im Land», die Macht zu übernehmen. Die einzige reale Kontaktebene «am Boden» sind Geheimdienstnetzwerke wie die Mossad‑Agenten, die präzise über interne Treffen berichten können – etwa über das Militärtreffen am Morgen des 28. Februar in Teheran, das zu einem Ziel der ersten Angriffswelle wurde. Doch solche punktuellen Informationsvorteile ersetzen kein politisches Konzept für eine Nachkiegsordnung.

Ausblick: Reform, Restauration oder schleichender Kollaps

Der Versuch, die Staatsorganisation nach dem Schock zu retten, wird darüber entscheiden, ob sich die Islamische Republik ein drittes Mal neu begründen kann oder in eine Phase des schleichenden Kollapses eintritt. Drei Pfade zeichnen sich ab: Eine harte Restauration, in der die Revolutionsgarde die Gelegenheit nutzt, das System in Richtung einer offenen Militärdiktatur zu verschieben; eine kontrollierte Reform von oben, die begrenzte Staats- und Gesellschaftsreformen wagt, um innere Befriedung zu erreichen; oder eine Mischung aus beidem, in der kosmetische Öffnungen die tatsächliche Machtkonzentration kaschieren.

Ob die Dritte Revolutionsführung zu einer reformatorischen Modernisierung fähig ist, hängt davon ab, ob es gelingt, das amtliche Dogma der permanenten Revolution zu relativieren, ohne den ideologischen Kern völlig zu zerstören. Solange das Amt des Revolutionsführers als sakrale Instanz über allem steht, bleibt jede Reform strukturell prekär. Iran nach Khamenei ist deshalb weniger eine «Nach‑Revolutions»-Gesellschaft als eine Gesellschaft, die zwischen dem Erbe eines religiös aufgeladenen Opferprojekts und der Notwendigkeit einer säkularen, rechtsstaatlichen Normalität hin- und hergerissen ist. Ob sich aus dieser Spannung ein neuer Gesellschaftsvertrag oder nur eine neue, härtere Variante des alten Regimes ergibt oder ob die Erosion der alten Ordnung dazu führt, dass sie kollabiert, wird sich bald entscheiden.

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