Немного России в Граубюндене

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Немного России в Граубюндене

Von Annette Freitag, 04.07.2018

… oder auf Deutsch: Ein wenig Russland in Graubünden. «Origen», also «Ursprung», nennt sich ein Kulturfestival in Graubünden, das weit entfernt von jeglicher Volkstümelei Kunst auf höchstem Niveau zeigt.

Den Erfolg verdankt es nicht zuletzt seinem rührigen Initianten Giovanni Netzer.

Giovanni Netzer - rühriger Kulturvermittler mit Sinn fürs Mythische
Giovanni Netzer - rühriger Kulturvermittler mit Sinn fürs Mythische

Irgendetwas muss es da geben. Etwas, das wie ein flüchtiger Hauch vom Ostwind aus den Weiten Russlands in die archaische Berglandschaft Graubündens geweht wird und kurz hängen bleibt.  Etwas, wie der Duft eines Parfums, der Erinnerungen in uns wachruft, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie haben. Diffuse Erinnerungen an Vergangenes, Verlorenes, Vergessenes … und schon ist es wieder vorbei.  Was übrig bleibt, ist ein Hauch von Melancholie. Das, was die russische Seele ausmacht. Und das, was auch die romanischen Bündner kennen, in ihren Liedern, ihrer Geschichte und ihrem Gemüt. 

«Russland fasziniert mich seit ich klein war», sagt Giovanni Netzer in schönem, melodischem Bündnerdeutsch. «Man weiss nicht immer warum, aber Russland hat Tiefe und Schwere, und man sagt, dass es einen Bezug gibt zwischen dem romanischen Volksgut und der russischen Seele. Das liegt wahrscheinlich daran, dass beides recht melancholisch daherkommt und die Rätoromanen das gern haben.»

Schwerpunkt Russland

Russland ist in diesem Sommer das Thema der verschiedenen Produktionen, die Giovanni Netzer mit «Origen» fast flächendeckend quer durch Graubünden zeigt. Und «Origen», das ist ein «Festival Cultural», mit Tanz, Theater, Musik, gregorianischen Gesängen und Ausstellungen. Seit dreizehn Jahren gibt es «Origen» und es ist einer der wichtigsten Kulturanlässe in Graubünden. Zentrum der verschiedenen Aktivitäten ist Riom, wo Giovanni Netzer die alte Burg restauriert und einen Theatersaal eingebaut hat.

Gregorianische Gesänge - Origen-Chor in der Kirche Mistail in Alvaschein
Gregorianische Gesänge - Origen-Chor in der Kirche Mistail in Alvaschein

Statt in Riom sitzen wir nun aber in Winterthur in der prächtigen Villa Rychenberg, die einst von der Familie Reinhart bewohnt wurde. Das Holztäfer, die dunkelgemusterte Seidentapete, das alte Mobiliar und der Blick in den weitläufigen Park wirken fast (aber nur fast!) wie das Vorzimmer des Zaren in St. Petersburg zu jener Zeit, auf die sich die Veranstaltungen von «Origen» beziehen. Winterthur und Zürich besucht Giovanni Netzer mit ein paar Veranstaltungen als Reverenz an Gönner und Sponsoren, die «Origen» seit Jahren unterstützen. «Über 40 Prozent unseres Publikums kommen aus Zürich», erklärt Netzer, «und in Graubünden haben wir auch noch einen grossen Anteil von ‘Zweitheimischen’, wie man neuerdings sagt … Zürich ist für uns der wichtigste Partner.»

Viersprachiges Theater

Derb, heiter und geistreich: «Maestro e Margherita» quer durchs Bündnerland
Derb, heiter und geistreich: «Maestro e Margherita» quer durchs Bündnerland

Winterthur und Zürich sind folglich Gastspielorte für Origens «Commedia», die Theatertruppe im Stil der alten Commedia dell’arte. Dieses Jahr mit «Maestro e Margherita», einer Adaption von Michail Bulgakows berühmtem Roman. Gespielt wird gleichzeitig auf Deutsch, Italienisch, Französisch und natürlich Romanisch, je nach der Muttersprache des Schauspielers. Ein System, das Netzer schon in früheren Produktionen erfolgreich angewendet hat. «Die ‘Commedia’ geht ganz locker mit der sprachlichen Situation um, die wir haben. Viele Gemeinden sind zwei- oder dreisprachig, und wir haben nun eine Form gefunden, in der man mehrsprachig erzählen kann, ohne alles zu wiederholen. Die Mehrsprachigkeit ist eine Realität, die man bei uns antrifft und die älter ist als jede Multikulti-Diskussion. Und mit den Farben, die eine Sprache hat, Charaktere zu definieren, das ist grossartig. Die Einheimischen verstehen natürlich alles, und die meisten Schweizer ja irgendwie auch …»

So verzauberte die kleine Truppe ihr Publikum in Zürich an diesem traumhaft schönen Sommerabend auf einem Schulhof mitten in der Stadt, umgeben von grossen alten Bäumen und Weinreben, mit Blick über die Dächer der Altstadt bis hin zu den Türmen des Grossmünsters. Dazu der Gesang der Amsel und Schwalbenschwärme vor der untergehenden Sonne. Vor dieser Kulisse bieten die vier Darsteller ein Spektakel zur Bulgakow-Satire: locker, leicht und heiter, dennoch mit Tiefgang und einigem akrobatischem Können, das sie sich bei Dimitri erworben haben.

Emigration und Austausch

Russland also diesen Sommer. «Wir haben in den letzten Jahren über Bündner Emigranten recherchiert», sagt Netzer, «da haben wir entdeckt, dass unerwartet viele Bündner in der Zeit von 1850 bis zum Ersten Weltkrieg nach Russland ausgewandert sind und in Russland auf unterschiedlichste Art Kariere gemacht haben. Das hat mich sehr interessiert, weil es zeigt, wie Leute, die emigriert sind, weil sie nichts zu verlieren hatten, an einem anderen Ort sehr wohl reüssiert haben und sich spezialisieren konnten. Vor allem natürlich im Zuckerbäcker-Gewerbe.

Auf der anderen Seite gab es die Gegenbewegung mit dem aufkommenden Tourismus. Vor allem aus St. Petersburg reisten viele Russen ins Engadin in die Ferien. Sie übernachteten dann im Posthotel «Löwen» in Mulegns. Wenn man dort heute noch in den Gästebüchern blättert, bekommt man einen Eindruck über Europa vor dem Ersten Weltkrieg. Diese Dimension von Austausch geht in der Wahrnehmung von Graubünden völlig unter. Stattdessen steht das Bündnerland für Kühe und Maiensäss und Alpenchic in der schlimmsten Ausformulierung …!»

Eine der spannendsten Personen, die aus Russland nach Graubünden gekommen sind, ist der legendäre Tänzer Vaslav Nijinsky. «Als der Choreograph John Neumeier Nijinsky in Hamburg zum Thema eines neuen Balletts gemacht hat, haben wir zusammen im Suvretta-Hotel in St. Moritz geforscht. Das Suvretta war ein schwieriger Ort für Nijinsky, der dort gelebt und gelitten hat. Es war sehr spannend, diesen Spuren nachzugehen und auch den Saal noch zu sehen, in dem Nijinsky getanzt hatte. Kurz nach unserem Besuch wurde er abgerissen. Im Bühnenbild des Nijinsky-Balletts in Hamburg existiert er aber weiter.»

Nijinsky hatte auch die Uraufführung von Strawinskys «Sacre du printemps» getanzt. Darauf geht nun auch Netzer mit «Origen» wieder zurück. Die japanische Choreographin Yuka Oishi choreographiert «Sacre du Printemps» neu und zwar nur mit einem einzigen Tänzer, dem Russen Sergei Polunin. Für andere Produktionen kommen weitere russische Tänzer vom berühmten Mariinski-Theater aus St. Petersburg, aus Helsinki, Wien oder Den Haag … «Es gibt ein Netz von internationalen Kompanien, die sich in Riom treffen.

Die Zusammenarbeit von Yuka Oishi und Sergei Polunin zum Beispiel startet in Riom im Garten der Villa Carisch». Das sind auch für die Künstler ganz neue und fremde Verhältnisse. «Ja, aber diese Künstler schätzen die Arbeit in Riom und in Graubünden. Es sind Künstler, die auf der Suche sind nach neuen Formen, nach experimentellen Geschichten, nach neuen Räumen. Ganz besonders jene, die von grossen Bühnen kommen. Für einen Mariinsky-Tänzer war unsere 10x10m-Bühne erst mal ein Schock, weil er nicht springen konnte. Auch die Nähe zum Publikum ist eine neue Erfahrung, an die sie sich gewöhnen müssen. Aber das Publikum so nah zu erleben, ist auch spannend.»

Der Rote Turm

Der Rote Turm - ein Raum für Kultur in archaischer Landschaft
Der Rote Turm - ein Raum für Kultur in archaischer Landschaft

Einen ganz neuen Blickwinkel und eine ungewohnte Spielstätte hat Giovanni Netzer vor einem Jahr mit dem Roten Turm auf dem Julierpass geschaffen. Die Sitzreihen sind nicht horizontal verteilt, sondern vertikal in die Höhe. Und die Bühne hebt oder senkt sich, je nachdem. Der Turm ist rot und steht unübersehbar und trutzig auf dem Julierpass. Schön sieht er aus in dieser rauen, kahlen Landschaft – und drinnen wird getanzt, gesungen, gespielt … «Wir haben immer versucht, Themen und Geschichten neu zu verstehen. Wir haben uns nie Überlegungen gemacht, wer unser Zielpublikum sein könnte, wir haben keinen Fünfjahresplan aufgestellt. Aber das Thema, der Inhalt, war uns von Anfang an wichtig und daraus hat sich die Entwicklung ergeben.»

Auch in Riom selbst konnte Giovanni Netzer expandieren, als die Villa Carisch frei wurde. «Wir brauchten einen Ort, wo das Festival zuhause sein kann. Riom ist ein Bauerndorf mit 200 Einwohnern, die Hälfte der Häuser sind Scheunen und die Existenzgrundlage durch die Landwirtschaft ist so mit etwa anderthalb Bauern nicht mehr gegeben … Da muss man sich schon fragen, ob Kultur an so einem Ort längerfristig eine Daseinsberechtigung hat. Und was gibt es für Arbeitsplätze, die aus dem Kulturbetrieb entstehen könnten. Es geht um eine Gesamtentwicklung. Also wie geht man mit dem Bau-Bestand um, was kann man beitragen zum Erhalt und zum Weiterentwickeln von räumlichen Ressourcen, welche Werkstätten können wir an unser Kostüm-Atelier angliedern, damit die Leute im Dorf auch integriert werden. Das sind spannende Aufgaben…!» Als Belohnung sozusagen gibt es nun den Wakkerpreis. Mitte August darf in Riom tüchtig gefeiert werden. Mit Publikum und diversen Vorstellungen natürlich.

Inspiration Altes Testament

Bei der Vielzahl von Veranstaltungen fragt man sich: Woher nimmt Netzer die Ideen? Wo inspiriert er sich? Netzer lacht … das Problem ist ein anderes: «Je älter ich werde, desto mehr habe ich manchmal das Gefühl, ich schaffe es nicht, all das auf die Bühne zu bringen, was ich im Kopf habe!» Dann kommt er aber doch noch auf das zu sprechen, was ihn seit jeher inspiriert und geleitet hat. «Ich bin stark sozialisiert im Alten Testament. Ich habe ja Theologie studiert und auf diesem Weg bin ich unterwegs. Da finde ich meine Geschichten, meine Mythen … das drückt immer wieder durch. Und ich habe auch das Gefühl, dass das in der archaischen Landschaft, in der wir hier sind, seine natürliche Entsprechung hat. In den letzten Jahren sind Fragen um das Emigrantentum hinzugekommen, ums Reisen. Aber auch Lebensfragen: Woher kommen wir, wohin gehen wir. Dass wir unseren Turm auf dem Julierpass gebaut haben, hängt auch zusammen mit dem Innehalten zwischen dem, was man hinter sich lässt, und dem Neuen, auf das man zugeht. Da steht man auf dem Julier und sieht, wie Flüsse in verschiedene Meere fliessen, und man weiss, dass Menschen schon jahrtausendelang hier vorübergezogen sind, das sind Eindrücke, die relativieren so vieles.»

Bleibt denn bei alldem überhaupt noch Zeit für anderes? «Nein. Wenn ich versuche, Ferien zu machen – was mir schon lange nicht mehr gelungen ist – dann arbeitet der Kopf trotzdem weiter. Aber ich empfinde es als grosses Privileg, machen zu dürfen, was mir am Herzen liegt. Und ich finde es auch richtig, dass man dafür hart arbeiten muss.»

Unglücklich wirkt er jedenfalls nicht. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion von Bündner Charme und persönlichem Charisma hält er die Fäden von «Origen» in der Hand und ist gut vernetzt, der Giovanni Netzer.

Bis 18. August gibt es eine Vielzahl von Veranstaltungen zum Thema «Russland» quer durch Graubünden.

http://www.origen.ch/Spielplan-Sommer.1124.0.html

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Kommentare

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Das ist sicher ein ganz tolles Festival für Kunstliebhaber. Und "dass es einen Bezug gibt, zwischen dem romanischen Volksgut und der russischen Seele" ist sicher auch der russisch-schweizerischen Geschichte in Form des Generals Suworow und seiner 21'000 Mann starken Armee geschuldet, die im Zweiten Koalitionskrieg (1798/99–1801/02) vom Süden her am 24. September 1799 den Gotthardpass von den Franzosen eroberten und anschliessend über die Schöllenenschlucht nach Altdorf und über den Kinzigpass ins Muotatal zogen.
Nach dem Sieg dieses Generals Alexander Wassiljewitsch Suworow-Rymnikski über die französische Armee unter General André Masséna in der Schlacht im Muotatal am 1. Oktober 1799, gelangte Suworow über den Pragelpass nach Glarus, von wo aus sich die russische Armee über den Panixerpass ins Bündnerland absetzte und dann über den St. Luzisteig Richtung Österreich marschierte, wo die Stärke noch ca. 15'000 Mann betragen haben soll. Ein paar von den fehlenden 6000 Leuten haben schlussendlich sicher auch im Bündnerland eine neue Heimat gefunden und stellen bis heute genetisch einen Bezug zu Russland her. Mit dem Suworow-Denkmal in der Schöllenenschlucht wurde zudem zu Ehren der gefallenen Soldaten am 13. Oktober 1893 dem russische Staat ein 563 m² grosse Areal zu Eigentum geschenkt.

Hi! Im Überschrift leider bisschen falsch dekleniert, es heißt "Немного России в Граубюндене".

Danke für den tollen Beitrag und viel Erfolg!

Im allgemeinen schreiben nur solche Leute Memoiren, die entweder kein Gedächtnis haben oder die nie etwas Gedenkswertes taten. Doch zweifellos erklärt das ausreichend ihre Beliebtheit. Denn das Publikum fühlt sich am wohlsten, wenn eine Mittelmäßigkeit zu ihm redet.

Oscar Wilde, 1854–1900
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