Nationalismus: Eine gefährliche Krankheit

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Nationalismus: Eine gefährliche Krankheit

Von Christoph Zollinger, 30.06.2019

Der Nationalismus ist nicht zu trennen vom Populismus. Diese Krankheiten gilt es zu bekämpften.

Unsere Demokratie lebt nicht vom Heldentum einzelner Politiker – vielmehr vom Willen zum guteidgenössischen Kompromiss.

„Das Manifest von Ventotene“

1941, also vor 78 Jahren, mitten im Zweiten Weltkrieg - als Gegner des Faschismus Gefangene auf der Insel Ventotene im Mittelmeer – schrieben Eugenio Colorni, Altiero Spinelli und Alberto Rossi dieses Manifest. Sie waren überzeugt, dass der Nationalstaat überwunden werden müsse um friedfertig zu werden. Sie plädierten deshalb für die europäische Einigung, Garant des inneren und äusseren Friedens. „Das Manifest liest sich wie ein Gegengift gegen die Niedertracht und die populistischen Irritationen unserer Tage“ (TA). Das patriotische Gefühl wird instrumentalisiert – durch die Demagogen und deren reaktionären Manipulationen, die so das Volksempfinden für sich gewinnen.

Die drei beliessen es nicht bei vagen Empfehlungen. Wenn sie von Europa sprachen, meinten sie: Es soll den Staaten jene Autonomie belassen werden, die eine plastische Gliederung und die Entwicklung eines politischen Lebens gemäss den besonderen Wesensmerkmalen der verschiedenen Völker sicherstellen würden.

Dieser visionäre Beschrieb eines europäischen Föderalismus entstand aus der Überzeugung, dass die Souveränität der Nationalstaaten als eigentliche Ursache des Zweiten Weltkriegs zu bezeichnen war. Bedenkenswert.

„Der Ruf der Horde“

Gegenwärtig ist der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa, *1936, Nobelpreisträger,  in aller Munde. In seinem neuen philosophischen Buch reflektiert er über Freiheit als Basis der Demokratie. Diese Freiheit „ist gefährdet durch den ´Ruf der Horde´, durch die Verführung ´Stammesdenkens´, das in allen Menschen niste und die Ursache von Nationalismus und Irrationalismus bilde“, so seine These (NZZ am Sonntag). Liberalismus ist eine Haltung gegenüber dem Leben und der Gesellschaft, auf Toleranz und Respekt gründend. Ebenso auf die Liebe zur Kultur und den Willen zum friedlichen Miteinander. Ein prägendes Vorbild war für Vargas Karl Popper, auf den ich weiter unten noch zurückkomme.

Unsere Zivilisation ist gefährdet durch den Populismus

Wer Gelegenheit hatte, im Mai 2019 Vargas am Schweizer Fernsehen (Sternstunde Philosophie vom 26.5.2019) zu beobachten dabei zu realisieren, wie versöhnlich und konzentriert der 83-jährige Romancier plauderte, war beeindruckt. Das Interview fand in seinem Haus in Spanien statt – der gepflegt wirkende, manchmal kurz und trocken lachende Autor sass in seiner Welt (die hauseigene Bibliothek).  Seine Welt, das ist die Literatur, das sind Bücher. Er hat deren 59 geschrieben…

Er beklagte, dass im heutigen modernen Leben die Literatur zweitrangig geworden sei. Dies als Folge von Film, Fotos, Internet, einer Kultur des Bildschirms. Ideen seien weniger wichtig als Bilder. Doch eine Gesellschaft der Lesenden ist freier und kritischer, ist Vargas überzeugt. „Ein Volk, das nicht liest, ist viel leichter zu manipulieren. Die guten Leser sind Rebellen, im politischen, im religiösen, im sexuellen Sinn" (Das Magazin).

Unmissverständlich beklagt Vargas die in Europa grassierende Welle des Populismus, denn letzterer ist nicht zu trennen vom Nationalismus. Dieser ist mit allen Mitteln zu bekämpfen, im Namen von Demokratie und Freiheit – wenn jemand die zwei Weltkriege mit Millionen von Toten erlebt hat, weiss, wovon die Rede ist. Diese wurden verursacht durch den Nationalismus, Hauptbestandteil des Populismus. Was Populismus gegenwärtig anrichte, sei furchtbar - ein gewaltiger Erinnerungsverlust.

Vargas: „Die Demokratie ist die grosse Errungenschaft unserer Zeit.“ Den damit einhergehenden Liberalismus verteidigt er vehement, nicht aber dessen Auswüchse: Der freie Markt kann keinesfalls die Lösung für alle Probleme sein. Diesbezüglich eine interessante Aussage: Links und Rechts in der Politik ist heue kaum mehr realistisch als Zuordnung, der moderne Mensch tickt anders.

„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“

Immer wieder erwähnt Vargas sein grosses Vorbild – Karl Popper (1902 – 1994), den österreichisch-britischen Philosophen, Autor des Klassikers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945). Schon damals mahnte Popper: „Wenn unsere Kultur weiter bestehen soll, wir mit der Gewohnheit brechen müssen, grossen Männern gegenüber unsere geistige Unabhängigkeit aufzugeben. Grosse Männer können grosse Fehler machen.“

Popper unterschied zwischen geschlossener und offener Gesellschaft. „Im Folgenden wird die magische, stammesgebundene oder kollekivistische Gesellschaft auch die geschlossene Gesellschaft genannt werden; die Gesellschaftsordnung aber, in der sich die Individuen persönlichen Entscheidungen gegenübersehen, nennen wir die offene Gesellschaft.“

Überall in Europa punktet der Populismus. Besorgnis erregend ist die Feststellung, dass viele „Followers“ dieses üblen Trends die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts nicht gegenwärtig haben. Wie sollten sie, geboren nach 1945? Es bleibt zu hoffen, dass ihnen solche Erfahrungen erspart bleiben.

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Kommentare

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Ob wirklich "die Souveränität der Nationalstaaten als eigentliche Ursache des Zweiten Weltkriegs zu bezeichnen war"?? Die Sache scheint mir komplexer. Der Ökonom John Maynard Keynes trat nach dem Versailler Vertrag von 1919 unter Protest aus der britischen Delegation zurück, die an dem Vertrag mitgearbeitet hatte. Keynes sagte 1919, die wirtschaftliche "Knechtung" (servitude) die Deutschland und damit Millionen von Menschen in Mitteleuropa durch den Vertrag aufgezwungen würde, würde dazu führen , dass bald der nächste Krieg folgen würde. 1939 war es soweit.

Nationale Lösungen sind nicht immer schlecht!

„Manchmal gibt es diese komische Sichtweise, dass nationale Entscheide immer von ignoranten, bösartigen Menschen getroffen würden, die nur ihre kurzfristigen Interessen im Auge hätten. Hingegen würden globale Entscheide von weisen und umsichtigen Experten getroffen, die sich nur um das Allgemeinwohl sorgen. Das ist ein fundamentaler Fehler.“ (Harvard-Ökonom Dani Rodrik in der Schweiz am Sonntag vom 11. September 2016, Seite 22)

Tausendundeinmal einverstanden mit Ihrem Kommentar Alex Schneider!

Was soll falsch sein, wenn man für seine eigene Heimat, die eigene Nation einsteht ? Ich freue mich an der Vielfältigkeit der Nationen, der Völker mit ihren Eigenheiten. Alles ist überschaubarer und man kann sich vergleichen, sich anpassen oder eben eigene Wege gehen. Ueberall Einheitsbrei? Nein danke.

Früher nannte man sie Patrioten, heute werden sie als Populisten, Rassisten, völkisch oder sogar braune und Nazis beschimpft. Warum eigentlich?

2050 Erdbevölkerung 10 Milliarden, Umweltvernichtung, Kriege um Wasser, Hunger, Flüchtlinge, Asyl. Die Weltbevölkerung wächst rasant gerade dort, wo Armut, Hunger und Wassermangel herrschen. Warum?

Diese Meschen wollen besser leben. Auf dem Smartphone können sie sehen, was sie verpassen, wenn sie in ihrer armen Heimat bleiben. Alle wollen mit Schiff nach Babylon.

Was eine Überbevölkerung bedeutet zeigen zwei Science-Fiction-Filme:
Soylent Green, in dem es nicht mehr möglich ist, die wuchernde Menschheit normal zu ernähren, und in dem Alten angeboten wird, sich einschläfern zu lassen. Man geht dorthin, legt sich in so ein Studio, sieht zur Entspannung noch ein paar schöne Bilder von Grünen Wäldern und sauberen Meeren, und dann war’s das. Die Meere sind tot, die Böden sind verseucht. Die einzige Nahrung für die hungrigen Massen Soylent Green aus Mais und Meeresalgen ist in Wirklichkeit aus den eingeschläferten Menschen hergestellt, so ähnlich wie heute Tierfutter aus Tiermehl. Die Reichen haben ihre Lebensmittel aus privaten Gewächshäusern.

Flucht ins 23. Jahrhundert, in dem eine futuristische sozialistische Gesellschaft in hochmodernen unterirdischen Städten und mit Schönheitsoperationen und solchem Kram (wie bei uns heute) lebt, aber jeder an der Hand eine Lebensuhr hat, die die verbleibende Lebenszeit anzeigt. Je nach Lebenszeitstand kann man dann auch Karriere machen. Alle finde es völlig normal, dass die, deren Maximalzeit abgelaufen ist, „ins Karussel” zu gehen, um dann einfach weg zu sein. Die finden das völlig normal, dass die Lebenszeit so irgendwo mit 40 endet, die dann ins Karussel gehen und dann einfach weg sind. Bis durch irgendwelche Umstände zwei an die Oberfläche gelangen, dort auf die Ruinen unserer Zivilisation treffen und etwas finden, was sie noch nie gesehen haben und sich nicht erklären können: Einen alten Mann.

Auch nach dieser Lektüre bleibt ungewiss, was unter Populismus nun wirklich gemeint ist. Aus dem politischen Alltag weiss ich, nur dass mit dem Populismus-Vorwurf der politische Gegner abgewertet werden soll. Im Vordergrund steht der Vorwurf von links an die "Rechtspopulisten", gefolgt vom Vorwurf von rechts an die "Linkspopulisten" und gemeinsam von links und rechts geht der Vorwurf an die "Wendehals-Populisten" in der Mitte, die gerne ihre politischen Fühler nach dem Mainstream ausrichten. All dies hatten wir schon vor Jahrzehnten, als der Populismus-Begriff noch gar nicht erfunden war!

Es gibt nicht nur rechte Populisten. Es gibt auch grüne und linke Populisten. Jeder Politiker, der etwas populäres verspricht, um gewählt zu werden, ist ein Populist. Nach jeder Vergewaltigung, nach jedem Mord und nach jedem Terroranschlag hat die AfD mehr Wähler und Mitglieder. Solange es gelingt die Asylkosten zu tarnen, solange glaubt die Bevökerung, wir helfen und es kostet scheinbar nichts. Eine Zwahsabgabe Asyl & Integration würde die AfD ins Bundeskanzleramt puschen.

Die AfD hat viele Mitglieder, die früher Mitglieder der CDU, CSU, SPD oder sogar der Linken waren. Sie werden jetzt von den Linken und der Antifa als Nazis beschimpft.
Meine Frage: Waren diese Mitglieder schon immer Nazis oder sind sie erst später Nazis wegen der teuflischen Willkommenskultur mit der Asylantenflut geworden?

Gehe einig mit Ihnen, Herr Reimann (nehm ich mal an). Man überlege: in unserer halbdirekten Demokratie wird das Stimmvolk (populus) mehrere Male pro Jahr um seine Entscheide befragt - unser System ist inhärent "populistisch"! Nun kann man eine emotional-pejorative Bedeutung des Begriffs vorziehen ("das Volk verführend, dem Volk nach dem Mund reden"), aber ich kann mit dieser Version angesichts unseres demokratisch-offenen Austragungsprozesses nicht viel anfangen und ziehe eine nüchternere Betrachtung vor, wie sie z.B. in einer SRF-Einstein-Sendung über Populismus, basierend auf einer Studie der Uni Zürich, dargestellt wurde. Ich schätze Popper sehr (mehr als Vargas) und denke, auch der Nationalismusdebatte würde mehr Nüchternheit gut tun. Emotionales Ächten anstatt überzeugenderes Argumentieren führt eher zu politischen Überraschungen.

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