Mörderisches Machtspiel

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Mörderisches Machtspiel

Von Laura Weidacher, 02.12.2014

„Otello“ von Giuseppe Verdi als unheilvolles Spiel einer Intrige, schonungslos in Szene gesetzt am Theater Basel

Der „tumbe T(h)or“ – damit ist, wenn man in der Opernterminologie redet, praktisch immer Wagners Parzival gemeint, der durch sein naives Unwissen unschuldig bleibt und daher als Retter auftreten kann und darf. Als ganz anders gearteter tumber Tor steht aber auch ein shakespear’scher Held in unser aller Erinnerung. Es ist der wegen seiner Militärerfolge von Venedig ernannte Gouverneur von Zypern, der Fremdländische, Andersartige, Dunkelgesichtige, nicht Arglistige: Otello.

Otello und Desdemona © Theater Basel
Otello und Desdemona © Theater Basel

Zeitloses Alterswerk

Als allseitig gefeierter Held fällt er in kürzester Frist beinahe kritiklos einem Mobbing-Angriff seines neidischen Untergebenen Jago zum Opfer, der Otellos schwächsten Punkt erspäht hat und ihn auf brutale Art ausnutzt: Otellos Schwächen namens Liebe und Eifersucht auf seine Frau Desdemona. Blind und unbelehrbar stürzt er dem sicheren Untergang entgegen, wird zum Mörder an einer Unschuldigen und richtet schliesslich sich selbst.

Soweit der Plot, den Giuseppe Verdi anfänglich widerstrebend, doch schliesslich - dem Drängen seines Verlegers Ricordi nachgebend - aus dem gleichnamigen Shakespeare-Stoff zu seiner wohl grössten und musikalisch kühnsten Oper geformt hat. Nur mit seiner einzigen Komödie „Falstaff“ hat Verdi sich nochmals selbst übertroffen. Diese Opern, beide nach Shakespeare-Vorlagen, sind uns als das grosse Alterswerk des Meisters aus Busseto überliefert. Zu beiden schuf der italienische Komponist und Dichter Arrigo Boito das Libretto. Sie fordern in ihrer Zeitlosigkeit jede interpretatorische Phantasie heraus, sei es von den Protagonisten oder, mehr noch, von der szenischen Umsetzung.

Bild einer hilflosen Gesellschaft

Am Theater Basel wirkt regelmässig der inzwischen als Starregisseur im In- und Ausland gefeierte spanische Regisseur Calixto Bieito als „Artist in Residence“ des Hauses. Ihm verdankte man in Basel unter anderem eine äusserst ungewöhnliche und erschütternde Umsetzung von Benjamin Brittens „War Requiem“. Mit dem aktuellen „Otello“ knüpft er daran an, und zwar in seiner wie immer ganzheitlichen Sicht einer ausgelieferten, mehr oder weniger hilflosen Gesellschaft.

Er lässt den grossen Verdi-Chor nicht einfach als Einwohner Zyperns, der Insel am südlichsten Rande Europas, agieren. Er führt sie als gestrandete, bereits in Gewahrsam genommene Flüchtlinge - Boat People vor dem Stacheldrahtzaun Europa. Dahinter steht der Gouverneur Otello, soeben siegreich heimgekehrt, praktisch unberührt von all diesem Elend, da er nur an seine Vereinigung mit Desdemona denkt. Und daher selber wehrlos gegen die Intrigen seines machtgierigen und eifersüchtigen Fähnrichs Jago wird.

Atemlosigkeit im Publikum

Jago ist die eigentliche Schlüsselfigur (Verdi wollte die Oper ursprünglich „Jago“ nennen), Sinnbild des Allzumenschlichen, sprich Neidischen und Bösen, aber auch der Verzweiflung an der Nichtigkeit allen Daseins. Davon zeugt seine grosse Arie, sein „Credo“, das zu einer der faszinierendsten Opernarien der Musikgeschichte zählt: „Ich glaube an einen grausamen Gott, der mich erschaffen hat zu seinem Ebenbild, und den ich im Ingrimm rufe...“

Verdi selbst war begeistert von der dichterischen Vorlage und schrieb an Arrigo Boito: „Wunderschön, dieses Credo; ganz gewaltig und durch und durch shakespearisch...“ Am Premierenabend folgte das Publikum geradezu atemlos der Interpretation des englischen Baritons Simon Neal, der neben seiner grossen Stimme über eine breite künstlerische Ausdruckspalette verfügt. Damit steht er dem Interpreten der Titelrolle, dem Litauer Tenor Kristian Benedikt nahe – ein mächtiges, geballtes Bollwerk von Mann, sowohl in der Liebe als auch in der Raserei der Eifersucht.

Mitreissende Desdemona

Objekt dieser Begierde, Otellos junge Frau Desdemona, wird hier von einer Sopranistin gesungen, welche in Basel schon in verschiedensten Rollen begeistert hat, die jedoch eigentlich keine typische Verdi-Belcantosängerin ist. Trotzdem hat die Russin Svetlana Ignatovitch sowohl stimmlich als auch szenisch mitreissen können, ein  unwissendes, aber ahnungsvolles Opfer von Leidenschaft und Besitzanspruch. Ignatovitch wurde nicht umsonst von der Zeitschrift „Opernwelt“ zur „Nachwuchssängerin des Jahres 2010“ gewählt.

Der Vierte im Bunde der grossen Rollen ist hier zweifellos der Chor, von Boito/Verdi ähnlich einem antiken, das Geschehen begleitenden Chor geschaffen und, wie immer in Basel, hervorragend umgesetzt. Die grosse Wirkung, welche dieser bemerkenswerte Abend beim Zuschauer hinterlässt, ist jedoch auch – last but not least – der musikalischen, mit dem Sinfonieorchester Basel alle Details sorgfältig herausarbeitenden Stabführung von Gabriel Feltz zu danken.

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